Austen Gefühl und Vernunft
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402272-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402272-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jane Austen wurde 1775 in Steventon (Hampshire) geboren. Mit sieben Geschwistern wuchs sie im Pfarrhaus von Steventon auf, zu Hause unterrichtet von ihrem Vater, der ihre literarischen Neigungen förderte. Sie blieb unverheiratet und teilte ihr zurückgezogenes Leben mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Cassandra bis zu ihrem frühen Tod im Jahre 1817 in Winchester. Mit Romanen wie ?Stolz und Vorurteil? oder ?Verstand und Gefühl?, die feine Gesellschaftssatire mit der Geschichte vom romantischen Schicksal unverwechselbarer Heldinnen paaren, zählt sie heute zu den einflussreichsten und meist gelesenen Autorinnen der englischen Literaturgeschichte.
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Erstes Buch
1. Kapitel
Die Dashwoods waren seit langem in Sussex ansässig. Ihr Besitz war groß, und sie wohnten mitten darin auf Norland Park, wo sie schon seit vielen Generationen ein respektables Leben führten, wohlangesehen unter all ihren Nachbarn. Der letzte Gutsherr war ein unverheirateter Mann gewesen, der uralt geworden war und über viele Jahre seines Lebens seine Schwester zur Gefährtin und Haushälterin gehabt hatte. Deren Tod allerdings, zehn Jahre vor seinem eigenen, hatte in dem Haushalt zu großen Veränderungen geführt, denn als Ausgleich für den Verlust hatte er seinem Neffen, Mr Henry Dashwood, dem rechtmäßigen Erben des Besitzes, dem er ihn auch zu hinterlassen gedachte, angeboten, bei ihm zu wohnen, und ihn mit seiner Familie bei sich aufgenommen. In der Gesellschaft seines Neffen mit Frau und Kindern verbrachte der alte Herr behaglich seine Tage und schloss sie alle in sein Herz. Mr und Mrs Henry Dashwood lasen ihm jeden Wunsch von den Lippen ab, nicht aus Eigennutz, sondern aus echter Warmherzigkeit; er genoss alle Aufmerksamkeit, die ein Mann seines Alters sich wünschen konnte, und die Fröhlichkeit der Kinder war die Freude seiner alten Tage.
Aus einer früheren Ehe hatte Mr Henry Dashwood einen Sohn, von seiner jetzigen Frau drei Töchter. Der Sohn, ein ruhiger, verlässlicher junger Mann, war aus dem Erbe seiner Mutter wohlversorgt; es war beträchtlich, und die Hälfte davon war ihm mit seiner Volljährigkeit zugefallen. Bald darauf hatte er geheiratet und seinen Wohlstand damit noch weiter gemehrt. Für ihn war also das Erbe des Gutes Norland von nicht so großer Bedeutung wie für seine Schwestern, denn deren Vermögen, jenseits dessen, was ihnen durch den Vater in Aussicht stand, würde nicht groß ausfallen. Die Mutter besaß nichts, und ihr Vater verfügte selbst nur über siebentausend Pfund, denn die zweite Hälfte des Vermögens seiner ersten Frau war ebenfalls dem Sohn vermacht, und ihm standen lediglich auf Lebenszeit die Einkünfte daraus zu.
Der alte Herr starb; sein Testament wurde verlesen und bescherte, wie es zu sein pflegt, ebenso viel Verdruss wie Freude. Er war weder so ungerecht noch so undankbar gewesen, dass er seinem Neffen den Besitz vorenthalten hätte; aber er vermachte ihn ihm unter Bedingungen, die ihn zugleich wieder um den halben Nutzen der Erbschaft brachten. Mr Dashwood hatte auf das Erbe eher um seiner Frau und seiner Töchter willen als um seinet- und seines Sohnes willen gehofft – doch an den Sohn und an dessen Sohn, einen Jungen von gerade einmal vier Jahren, ging das Vermächtnis, und das in einer Form, die es ihm nicht gestattete, diejenigen, die ihm am meisten am Herzen lagen und die seiner Unterstützung am meisten bedurften, zu versorgen, indem er den Besitz belieh oder dessen wertvolle Wälder verkaufte. Alles war so eingerichtet, dass es nur diesem Jungen zugute kam, der bei gelegentlichen Besuchen mit Vater und Mutter auf Norland so sehr die Zuneigung seines Großonkels gewonnen hatte – mit Attraktionen, die bei Kindern von zwei oder drei Jahren keineswegs ungewöhnlich sind: närrischer Rede, Starrköpfigkeit, kleinen Streichen und einer großen Menge Lärm –, dass diese mehr wogen als all die Aufmerksamkeiten, die er über Jahre hinweg von seiner Nichte und deren Töchtern erfahren hatte. Aber er wollte nicht herzlos sein, und als Zeichen seiner Zuneigung zu den drei Mädchen hinterließ er jeder von ihnen eintausend Pfund.
Anfangs war Mr Dashwood tief enttäuscht; aber er war ein Mann von heiterem, zuversichtlichem Wesen, und er konnte damit rechnen, dass er noch viele Jahre zu leben hatte und von dem, was der ohnehin schon einträgliche Besitz, der sich zudem ohne großen Aufwand besser bewirtschaften ließ, einbrachte, ein gutes Stück beiseitelegen konnte, wenn er nur sparsam lebte. Doch das Glück, das sich so spät eingestellt hatte, sollte ihm nur ein Jahr lang beschieden sein. Um so weniges überlebte er seinen Onkel, und zehntausend Pfund, die jüngsten Erbschaften mit eingeschlossen, waren alles, was für Witwe und Töchter blieb.
Man schickte nach seinem Sohn, sofort als man sah, dass er nicht mehr lange zu leben hatte, und diesem befahl Mr Dashwood mit aller Kraft und Dringlichkeit, derer er in seiner Krankheit noch fähig war, das Wohl seiner Stiefmutter und seiner Schwestern an.
Anders als die übrige Familie war Mr John Dashwood kein Mann starker Gefühle, doch eine solche Ermahnung zu solch einer Zeit verfehlte ihre Wirkung nicht, und er versprach, alles, was in seinen Kräften stehe, zu tun, damit ihnen ein angenehmes Leben möglich werde. Die Zusicherung nahm seinem Vater die Last von der Seele, und Mr John Dashwood hatte nun Muße, sich zu überlegen, wie viel wohl vernünftigerweise in seinen Kräften stand.
Er war kein übelgesinnter junger Mann, es sei denn, man wollte ein reichlich kaltes Herz und ein reichlich selbstsüchtiges Wesen als übelgesinnt ansehen, und hatte alles in allem einen durchaus guten Ruf, denn er war stets anständig in alltäglichen Dingen. Hätte er eine liebenswertere Frau geheiratet, so hätte man wohl einen noch respektableren Menschen aus ihm machen können; womöglich wäre er sogar selbst liebenswert geworden, denn er war sehr jung, als er die Ehe einging, und sehr verliebt in seine Frau. Doch Mrs John Dashwood war das Zerrbild ihres Mannes – kaltherziger als er und selbstsüchtiger als er.
Als er seinem Vater das Versprechen gab, nahm er sich vor, den Wohlstand seiner Schwestern um ein Geschenk von je eintausend Pfund zu mehren. Dazu fühlte er sich in der Lage. Die Aussicht auf viertausend Pfund im Jahr zusätzlich zu seinem gegenwärtigen Einkommen, dazu noch die zweite Hälfte des mütterlichen Vermögens, das wärmte ihm das Herz, und er fand, dass er sich Großzügigkeit leisten konnte. – Ja, er würde ihnen dreitausend geben: das war vornehm, das war stattlich! Es reichte für ein Leben ohne alle Sorgen. Dreitausend Pfund! Eine so beträchtliche Summe konnte er erübrigen, und sie würde ihm kaum fehlen. – Den ganzen Tag lang dachte er darüber nach, und noch viele weitere Tage, und er bereute es nicht.
Kaum war der Vater unter der Erde, traf Mrs John Dashwood ein, ohne dass sie ihre Schwiegermutter von ihrer Absicht in Kenntnis gesetzt hätte, mit Kind und Dienerschaft. Niemand konnte bestreiten, dass sie ein Recht dazu hatte; nun, wo der Vater tot war, gehörte das Haus ihrem Mann; doch umso taktloser erschien ihr Benehmen, und für eine Frau in Mrs Dashwoods Lage wäre ein solches Betragen eine Zumutung gewesen, selbst wenn ihre Gefühle nur durchschnittlicher Natur gewesen wären; für sie hingegen, mit ihrem so unerschütterlichen Sinn für Ehre, ihrer so romantischen Großzügigkeit, konnte ein Verstoß von solchen Ausmaßen, ganz gleich wer ihn beging und wer darunter zu leiden hatte, nur Grund für einen grenzenlosen Abscheu sein. Mrs John Dashwood war in der Familie ihres Mannes nie gut angesehen gewesen; doch bisher hatte sie keine Gelegenheit gehabt, ihnen zu zeigen, wie wenig Sinn für das Wohl anderer sie an den Tag legen konnte, wenn die Umstände es geboten.
So sehr litt Mrs Dashwood unter dieser Taktlosigkeit, so tief verachtete sie ihre Schwiegertochter dafür, dass sie nach deren Eintreffen das Haus ein für allemal verlassen hätte, hätte nicht die Fürsprache ihrer ältesten Tochter sie bewogen, über die Verhältnismäßigkeit eines solchen Schrittes nachzudenken, und aus Liebe zu allen drei Mädchen war sie dann doch geblieben und hatte um ihretwillen den Bruch mit deren Bruder vermieden.
Elinor, diese älteste Tochter, die mit ihrem Rat so großen Einfluss hatte, war von scharfem Verstand und nüchternem Urteil, beides Dinge, die sie schon mit neunzehn zur Ratgeberin ihrer Mutter befähigten und mit denen sie zum Wohle aller stets dem unbedachten Sinn von Mrs Dashwood entgegentrat, der ungezähmt zu mancher Voreiligkeit geführt hätte. Sie war ein grundguter Mensch, empfindsam von Natur, mit starken Gefühlen; aber sie wusste diese Gefühle zu beherrschen: eine Kunst, die ihre Mutter erst noch erlernen musste und von der die eine ihrer beiden Schwestern bereits geschworen hatte, dass sie diese niemals erlernen werde.
Marianne war in vielem nicht minder begabt als Elinor. Sie war aufmerksam und klug, doch ungestüm in allem; ihr Kummer, ihre Freuden kannten kein Maß. Sie war großzügig, liebenswert, anziehend; nur vorsichtig war sie nicht. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrer Mutter war verblüffend.
Elinor sah mit Sorge die Übermacht des Gefühls bei ihrer Schwester, doch Mrs Dashwood schätzte sie und bestärkte sie darin noch. Nun trieben sich die beiden gegenseitig in ihrem Kummer an. Den Schmerz, der sie zunächst überwältigt hatte, durchlebten sie mit Genuss noch einmal, sehnten sich nach ihm, ja inszenierten ihn immer wieder neu. Sie gaben sich ganz ihrem Leid hin, fanden Gram in jedem Gedanken, in dem er sich finden ließ, und waren überzeugt, dass keine Zukunft, wie immer sie aussehen mochte, sie je trösten konnte. Auch Elinor war tief betrübt, aber sie konnte kämpfen, sie gab nicht auf. Sie konnte sich mit ihrem Bruder beraten, die Schwägerin begrüßen, als diese eintraf, und so aufmerksam sein, wie der Anstand es gebot; und sie konnte versuchen, ihre Mutter zu ähnlicher Anstrengung anzuhalten, ihr Mut zu ähnlicher Zähigkeit machen.
Margaret, die dritte Schwester, war ein freundliches, gutmütiges Mädchen; doch Marianne hatte sie bereits mit ihrer romantischen Art angesteckt, ohne dass sie deren Verstand gehabt hätte, und mit dreizehn war...




