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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
Die großen & kleinen Abenteuer der Wanderweiber
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-8416-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 244 Seiten
ISBN: 978-3-7504-8416-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vor einigen Jahren lernten sich die Autorinnen auf den unterschiedlichsten Wanderveranstaltungen kennen. Sei es beim Mammutmarsch, bei einer der Wanderungen der Wandergruppen EarnYourBacon, Wanderkonzepte oder Never Stop Berlin. Das Wandern verbindet die unterschiedlichen Frauen bis heute und Freundschaften entstanden. Hier berichten sie nun von ihren Erlebnissen: Den großen und den kleinen Abenteuern, allein gegangen oder mit der Freundin, dem Partner, einem Familienmitglied. So unterschiedlich die Berichte auch sein mögen, die Liebe zur Natur und die Freude am Wandern verbindet sie alle. Lernt man in einem Beitrag vieles über die Landschaft und Kultur des bereisten Landes kennen, so sind es in einem anderen Beitrag die Begegnungen mit den Menschen die zählen. Es wurden wichtige Entscheidungen getroffen, der eigene Mut wurde vielfach unter Beweis gestellt oder ein Lebenstraum ging in Erfüllung. Es handelt sich hierbei um ein Non-Profit-Projekt. Jegliche erzielten Einnahmen gehen zu Gunsten Plan International an verschiedene Frauenprojekte.
Autoren/Hrsg.
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Rechts, links. Rechts, links. Bin stolz auf euch, ihr tapferen Füße. So ganz ohne Nahrung, als Treibstoff nur Basentee, fest in die Wanderschuhe geschnürt, schreitet ihr auf dem nassen und festen Sand voran wie gehorsame kleine Roboter, monoton und zuverlässig. Der Wind ist verständnisvoll, schiebt heimlich von hinten, weil er es gut mit uns meint. Meer, Sand und Himmel spielen , und dies sind die ersten Meter meiner diesjährigen Fastenwanderwoche.
Ein geliebtes, unverzichtbares Ritual ist sie geworden, diese Woche im Februar, wenn die schlechten Gewohnheiten der dunklen Herbst- und Winterzeit sich in Rettungsring, Depression und Gliederschmerz verwandelt haben und ein Startschuss nottut in ein Frühjahr voller Energie und Lebensfreude.
Nun habe ich mit Vorbereitung bereits drei Fastentage hinter mir, und erfreulicherweise ist diesmal der Mann mit dem Hammer fortgeblieben. Dieser stellt sich mir sonst meist am dritten Fastentag vor und will sich erst zum Ende der Fastenwoche wieder empfehlen; eine üble Mischung aus Entzug der gewohnten Genussgifte (nicht zu unterschätzen: Koffeinentzug!) und der Umstellung des Organismus auf die anderen Stoffwechselabläufe (mal googeln: Autophagie), Kopfschmerzen, Krankheitsgefühl, dazu lähmende Schwäche und ein unstillbares Schlafbedürfnis – am Schlafen dennoch gehindert durch nervöse Unruhe und Gedankenmüll, den die Zellreinigung auch im Hirn mit aufwirbelt. Ich kenne das schon, und dennoch.
Eingeläutet wird eine Fastenzeit ganz unvermeidlich von einer - nun ja, diese Informationen gehören dazu - Darmreinigung, die man meist mit Glauber- oder Passagesalz vornimmt, welches wie eine Art Rohrreiniger mit kurzem, heftigen Getöse die Menschenkanalisation sauberputzt, so dass der Körper keine Energie mehr verschwenden muss auf lästiges Verdauen oder Ausscheiden. Es gibt der Methoden viele, ein Irrigator oder Rizinus leisten ergänzende Dienste, da hat jede und jeder andere Vorlieben. Fasten hat mehr mit dem Kopf zu tun, als der Unkundige vielleicht glaubt - leer und hohl zu sein fühlt sich per se erfrischend und unerhört gesund an, und jeder neue Liter Tee erscheint einem wie der Klarspülgang der Waschmaschine. Viele Fastenfreaks berichten, dass die allgemeine Übersättigung (Essen, Trinken, Konsumieren, Medien, Freizeitstress) ein tiefes Bedürfnis nach dieser Leere erzeugt, eine Sehnsucht, sich zu reinigen von all dem unverdaulichen Restmüll, der sich ablagert übers Jahr, nicht nur in Darm und Blutgefäßen, sondern auch in der Seele. Einmal wieder richtig Hunger haben. So ist es auch nur konsequent, dass in unserem Fastenhaus die Zimmer keinen Fernseher haben, immerhin WLAN, das haben sie sich dann doch nicht getraut, vermutlich würden sie sonst keine Gäste ins Haus bekommen. Karg und spartanisch ist mein Zimmer eingerichtet, aber aus Erfahrung weiß ich, dass nur vier Dinge wichtig sind: Klo, Dusche, Bett und Heizkörper. Vielleicht noch die Leselampe.
Diesmal also ohne Hammermann. Weil jedes Mal alles anders ist. Am Tag nach der Ankunft früh jedoch merke ich, wie tief mein Kreislauf in den Keller gefallen ist, ich kann kaum mein Buch halten, und schon der Gang ins Bad fällt mir auf den Gummiknien schwer.
Aber wenn das alles war? Ein bisschen Wechselduschen und eine Viertelstunde Frühsport später geht es schon besser, und dann gibt es die Morgenmahlzeit, einen frisch gepressten
köstlichen Saft, der hier mit einem Teelöffel schweigend eingenommen wird. So ein Teelöffel ist übrigens ganz schön klein. Jeden Morgen eine andere frisch gepresste Sorte: Gurke/Ananas, Melone/Apfel, Rote Bete/Apfel und was es derlei Köstliches mehr gibt; man lernt jedes Mal aufs Neue, mit diesen Basics sehr glücklich zu sein.
Unsere Gastgeberin Carla stellt uns sodann sich, die Insel und unsere erste Tour vor, unterhaltsam und witzig, Kunststück, sie hat sicher gerade gut gefrühstückt. 12 Kilometer stehen täglich auf dem Programm, es erscheint der routinierten Wandersfrau als Witz, aber unter Fastenbedingungen misst jeder Kilometer doppelt.
Wir marschieren durch die braunen winterlichen Dünen und steigen eine lange Treppe hinab auf den herrlichen weißen Strand. Ich kann gar nicht so tief einatmen, wie meine Lunge nach der herben Seeluft lechzt.
Die Sonne zwinkert kurz durch die Hochnebelschleier, der Sand ist fest und feucht, der Rückenwind macht das Ganze angenehm leicht. Gegen die Geräuschkulisse habe ich mich mit Kopfhörern gewappnet, so dringen die Gespräche der anderen nicht in mein Ohr. Es fällt mir schwer wegzuhören, wenn sich die Mitwanderer über Krankheiten in der Familie, Jobprobleme oder ihre Kinder unterhalten, es strengt mich wahnsinnig an. Ich will eine Leere in meinem Kopf erzeugen, die der in meinem Bauch entspricht. Während ich einen Fuß vor den anderen setze, versuche ich auch die letzten Reste von Gedankenfetzen noch vom Wind und den Wellen wegspülen zu lassen, den Rest erledigen Mark Knopfler und Lyambiko, die Doobies und Kate Bush. Ich genieße das Gefühl, meinen alltagsgeschundenen Körper zu verwöhnen mit dem Essentiellsten, das ich ihm bieten kann: Wind, Meeresbrandung, klares Wasser, Salz in der Luft und das Knirschen der Muscheln unter meinen braven Füßen, die sich wie ferngesteuert einen vor den anderen setzen. Interessant: Eine Fastenwandergenossin berichtet, dass sie beim Fasten "endlich mal zum Nachdenken" komme, bei mir ist es genau umgekehrt. Mein Kopf holt sich seine Erholung, seine Entgiftung, wenn man so will, durch komplette Grübelverweigerung. Und wenn auch viele berichten, die Fastenzeit würde Denkanstöße geben, würde Wege öffnen zu ganz neuen Lebensentscheidungen und Neubewertungen, so ist bei mir das Gegenteil der Fall. Eine Pause für die ewige Denkfabrik, die oft nur für die Halde produziert.
Nach einer Weile steigen wir wieder hinauf in die puscheligen Dünen, denn unser Ziel ist ein kleines Städtchen im Inselinneren. Wir suchen und finden die ehemalige Bahntrasse des Inselbähnchens, das schon vor langer Zeit den Betrieb einstellte, was man heute bitterlich bereut. Ich liebe es, auf alten Bahntrassen zu wandern oder zu radeln, mich in die Vergangenheit zurückzubeamen, in der das Bähnchen noch fuhr, mit einem Schaffner, der Fahrkarten aus Pappe mit einer Zange lochte. Den Ort streifen wir nur flüchtig, denn wir nehmen Kurs auf eine hippe Kaffeerösterei, was ein bisschen gemein ist, wenn man keinen Kaffee trinken darf. Wir jedoch freuen uns dort über einen Orangen-Ingwer-Tee, der mit frischem Saft aufgegossen ist und köstlich schmeckt, zumal wir ihn in der Sonne in Strandkörben genießen können.
So gestärkt und von der ersten Sonne leicht rotnasig machen wir uns auf den Rückweg; die Poser unter uns gehen noch den Deichweg, der in weitem Bogen um ein Hafenbecken herumführt, mir fehlt jedoch dazu die Kraft, und so schleiche ich mit den anderen Weicheiern die Abkürzung. Die letzten Meter unserer kleinen Wanderung fallen mir sehr schwer, nicht weil mir die Füße oder Beine schmerzen würden, die sind längere Märsche gewohnt. Aber die Umstellungsprozesse in meinem Körper drehen dem Bewegungsapparat den Saft ab, was sich in einer allgemeinen Schwäche äußert. Als wir im Fastenhaus ankommen, falle ich völlig erschöpft ins Bett, kann gerade noch den obligaten Leberwickel machen, und sinke dann mit der heißen Wärmflasche auf dem Bauch in einen tiefen Schlaf, der fast bis zur Abendmahlzeit reicht.
Abend - „Mahlzeit". Diese findet Punkt 18.00 Uhr im Seminarraum statt (Speisesaal heißt der nicht, aus Gründen) und besteht aus Wasser, in dem zuvor Gemüse gekocht, dann aber hastig entfernt worden ist. Natürlich gibt es hier keine feste Mahlzeit, und die Fastenbrühe dient einerseits der moralischen Unterstützung (die Illusion einer Suppe) und andererseits der Zufuhr von Mineralien, ohne die der fastende Körper tatsächlich auch nicht auskommt. Entwürdigend, mit welcher Gier zivilisierte Menschen nach einem Millimeter Petersilie angeln, in der Hoffnung, es sei „was zum Beißen". Alle kämpfen am Grund des Suppentopfes um „das Dicke", die leicht eingetrübte Bodenflüssigkeit mit eingebildeten Feststoffen, von denen man Sättigung erhofft. Zu Beginn der Fastenwoche hat man tatsächlich noch manchmal Hunger, die Fastenleiter erheben dann den Zeigefinger und mahnen, Hunger sei ein Zeichen für noch nicht ausreichend erfolgte Reinigung, und es bildet sich eine kleine zerknirschte Schlange am Glaubersalz-Behälter. Man schenkt sich darauf gleich noch einen Kräutertee nach, drei bis vier Liter dürfen und sollen es sein.
Morgens der Blick in den Spiegel, nicht sehr erfreulich. Von Aufblühen nach drei Tagen kann bei mir keine Rede sein. Graue, fahle Haut, tiefe Mundfalten und Augenringe, die ich sonst nie habe, wo bleibt der Fasteneffekt?
Tag vier der freiwillig eingegangenen Quälerei, erstes Stellen der Sinnfrage.
Die gestrige Strecke war vergleichsweise easy,...




