Avallone | Bilder meiner besten Freundin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Avallone Bilder meiner besten Freundin

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-455-01195-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-455-01195-1
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der große italienische Roman über eine unvergessliche Freundschaft Elisa und Beatrice begegnen sich in einer Sommernacht am Strand. Sie werden beste Freundinnen und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein: Eli lebt versunken in einer Welt von Büchern, während Bea es genießt, sich öffentlich zu inszenieren und tägliche neue Bilder von sich ins Internet zu stellen. Sie wird zum Star, der davon träumt, über die sozialen Netzwerke mit tausenden von Bildern von Italien aus die Welt zu erobern. Bis sie eines Tages spurlos verschwindet und Eli vor der Frage steht, wer ihre Freundin, die jeder auf der Welt zu kennen glaubt, wirklich ist. Der Bestseller aus Italien erzählt die turbulente Geschichte einer Freundschaft im Zeitalter der sozialen Medien.

Silvia Avallone, geboren 1984 in Biella, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Ihr vielfach ausgezeichneter Debütroman »Ein Sommer aus Stahl« (2010) wurde zum internationalen Bestseller. Silvia Avallone schreibt für den »Corriere della Sera«, »Sette« und »La Lettura«. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bologna.
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Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Widmung
Motto
Die Tagebücher
Teil Eins Bevor alle sie kannten
Teil Zwei Unglück und Wahrnehmung
Teil Drei Lektionen der Leere
Zitierte Texte
Über Silvia Avallone
Impressum


Teil Eins Bevor alle sie kannten


(2000)

1 Der Jeansdiebstahl


Wenn diese Geschichte einen Anfang haben muss, und sie muss zwangsläufig einen haben, dann will ich mit dem Jeansdiebstahl beginnen.

Es ist nicht so wichtig, dass er nicht mit dem chronologischen Beginn der Ereignisse zusammenfällt und dass wir uns an dem Nachmittag bereits kannten. Wir zwei sind dort bei der Flucht auf einem Motorroller geboren worden.

Allerdings muss ich vorher noch etwas Wichtiges klären. Das fällt mir schwer und macht mich nervös, aber es wäre nicht richtig, so zu tun, als wäre die Beatrice, um die es geht, irgendeine Beatrice. Der Leser würde ganz ruhig beginnen, und dann, sobald er entdeckt, dass es sich um dich handelt, zusammenzucken und rufen: »Aber das ist ja ?!« Und er würde sich auf den Arm genommen fühlen. Daher kann ich leider nicht verschweigen, was aus dem jungen Mädchen meiner Tagebücher geworden ist: eine öffentliche Persönlichkeit, eine von den allgegenwärtigen. Ich würde sogar sagen, es gibt niemanden auf der Welt, der allgegenwärtiger ist als du.

*

Die Person, von der ich spreche, ist in der Tat Beatrice Rossetti.

Ja, .

Aber bevor alle auf dem gesamten Planeten sie kennenlernten und man zu jeder Tages- und Nachtzeit wusste, wo sie war und welche Kleidung sie trug, war Beatrice ein normales Mädchen, war sie meine Freundin.

Die beste, um genau zu sein, die einzige, die ich hatte. Auch wenn sich das niemand vorstellen kann, und ich habe stets darauf geachtet, es für mich zu behalten.

Ich spreche von einer Zeit, die lange zurückliegt, als die Welt noch nicht von ihren Fotos überschwemmt war und ihr Nachname bei seiner bloßen Erwähnung endlose Diskussionen, erbitterte Auseinandersetzungen auslöste. Die Erdpole, die Ozeane, die Landmassen erbebten nicht, sobald sie einen augenzwinkernden Blick, ein Kostüm, ein romantisches Abendessen in Begleitung eines hübschen jungen Mannes oben auf dem Burj Khalifa veröffentlichte. Denn für die überwältigende Mehrheit von uns existierte das Internet gar nicht.

Ich habe niemals die Kontrolle über das Geheimnis verloren, das ich über unsere Freundschaft gebreitet habe. Und wenn ich es heute lüfte, dann nur, um mit mir ins Reine zu kommen. Das Geständnis beginnt und endet im Übrigen hier in diesem privaten Raum mit verschlossener Tür, der für mich immer schon das Schreiben ist.

Es würde mir nie einfallen, es herumzuerzählen oder damit zu prahlen. Und wer würde mir schon glauben? Wenn ich es beispielsweise auch nur meinen Kollegen gegenüber erwähnen würde: »Ich kenne die Rossetti, wir waren zusammen in der Schule«, weiß ich schon, dass sie mich mit bohrenden Fragen bestürmen würden. Und für sie wäre abgemacht, dass es zwischen uns nur ein paar Ciao und ein paar zufällige Blicke gegeben hatte; nicht auszudenken, dass eine wie und eine wie Freundinnen werden könnten.

Sie würden pikante, besser noch peinliche Details aus mir herauslocken und ihre Göttlichkeit durch Fangfragen auf Sünde reduzieren: »Sag mal, hat sie sich operieren lassen?« – »Wem hat sie sich hingegeben, um zu werden?«

Aber sie würden die falsche Person fragen, denn ich kannte nicht »die Rossetti«; ich , wer Beatrice ist. Die Auslassungen in den Biographien, die Fragen, denen sie in den Interviews ausgewichen ist, die Lücken und Verluste, von denen sich nirgends eine Spur findet, ich habe sie bewahrt. Zusammen mit unseren Augenblicken kindlichen und himmelschreienden Glücks, die niemanden interessieren, die mir aber heute noch Gänsehaut verursachen.

Nach ihr habe ich andere Freundschaften gesucht, aber ohne mich zu engagieren. In meinem Inneren wusste ich, dass diese Magie aus Geheimnissen und Schlupfwinkeln, in denen wir uns verstecken konnten, zwischen mir, Elisa Cerruti, der vollkommen Unbekannten, und Beatrice Rossetti, der unvorstellbar Berühmten, nur in der neunten Klasse entstehen konnte. Und was kann es für mich, die ich sie verloren habe, schon ändern, wenn alle da draußen sie idealisieren, beweihräuchern, kreuzigen, hassen und so oder so zu kennen glauben?

Sie wissen gar nichts von ihr, denke ich.

Denn sie war beste Freundin in unverdächtigen Zeiten. Und ich habe die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen alle fünf Tagebücher aus dem Gymnasium und das aus dem ersten Universitätsjahr gelesen. Und dann habe ich lange den Schreibtisch vor dem Fenster betrachtet und den Computer, den ich bis heute nur für die Arbeit benutzt habe. Ich bin dagestanden und habe ihn ängstlich angestarrt. Denn als junges Mädchen war ich überzeugt, dass ich gut schreiben könnte, und glaubte, ich würde tatsächlich Schriftstellerin werden. Doch ich habe mein Ziel nicht erreicht. Während Beatrice geworden ist.

Allerdings spüre ich, dass die Bea, die niemand kennt, darauf drängt, zum Vorschein zu kommen. Ich habe diese Leere so lange in mir getragen, dass es mir egal ist, ob ich ihr gewachsen bin oder nicht. Ich will nichts beweisen. Nur erzählen. Zugeben, dass ich das alles immer noch empfinde: Enttäuschung, Wut, Sehnsucht. Und ich weiß nicht, ob das zu sagen Kapitulation oder Befreiung ist; ich werde es am Ende herausfinden.

Was ich mir jetzt zurückerobern will, ist der Anfang.

*

Also, der Jeansdiebstahl.

Am 11. November 2000 – so steht es im Tagebuch der neunten Klasse –, ein bedrückender Samstag, an dem der Regen gegen die Fensterscheibe schlug und es mich wie alle Gleichaltrigen unausweichlich dazu drängte, rauszugehen, mich zu vergnügen und einen Haufen Freunde zu haben, saß ich deprimiert und untätig in meinem Zimmer. Auch Beatrice war damals, so absurd das heute klingen mag, nicht sehr beliebt. Sie hatte vermutlich sogar noch weniger Freunde als ich, als sie mich gegen halb drei, nach dem Essen, über das Festnetz anrief.

Und ich war tatsächlich der letzte Strohhalm. Ich lebte seit wenig mehr als vier Monaten in jener Stadt, und ich hatte mich nicht nur nicht integriert, ich hatte mich auch nicht damit abgefunden; ich wollte nur noch sterben.

Nach der Schule hatte ich wie üblich schweigend mit meinem Vater zu Mittag gegessen, dann hatte ich mich in mein Zimmer verkrochen, mir die Stöpsel des Walkmans in die Ohren gesteckt und an der Liste von Adjektiven – »einsam«, »rötlich«, »betagt« – für die Platane in der Mitte des Hinterhofs weitergearbeitet. Schließlich hatte ich die Lust dran verloren, nach Wörtern zu suchen, und das Tagebuch auf den Boden geworfen. Ich saß im Schneidersitz auf dem Bett, fertig mit der Welt, als Papa klopfte. Ich reagierte natürlich nicht. Ich schaltete die Musik aus. Er wartete. Klopfte erneut, und ich reagierte wieder nicht. Das war eine Art Wettstreit, wer sturer war. Bis er die Tür öffnete und mit Sicherheitsabstand hereinschaute. »Da ist eine Mitschülerin von dir am Telefon, sie heißt Beatrice.«

Mir blieb fast das Herz stehen.

»Na los, sie wartet auf dich«, drängte er, da ich mich nicht rührte.

Es war deutlich zu sehen, dass er sich freute; er glaubte, ich würde endlich anfangen, Freundschaften zu schließen, aber er irrte sich. Vor diesem Anruf waren Beatrice und ich alles andere als Freundinnen gewesen. Sie hatte mir zuerst etwas vorgemacht, und dann hatte sie mich nur noch ignoriert. In der Schule hatte sie so getan, als sähe sie mich nicht. Schlimmer als diejenigen, die sich über mich lustig machten: absolute Gleichgültigkeit.

»Gehst du mit mir in die Stadt?«, fragte sie, als ich den Hörer am Ohr hatte.

»Wann?«

»In einer halben bis einer Stunde?«

Mit ihr vor allen über den Corso Italia zu gehen, das hätte mir schon gefallen. Sei auf der Hut, ermahnte ich mich und umklammerte den Hörer fester. Überleg mal: Du würdest sie nur blamieren. Das muss zwangsläufig eine Falle sein. Und außerdem, entschuldige bitte: Woher nimmt sie das Recht, dich so anzumachen? Ich war wütend. Aber auch, gegen meinen Willen, gerührt.

»Und was machen wir in der Stadt?« Ich fühlte vor.

»Das kann ich dir am Telefon nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Weil es ein Geheimnis ist.«

»Sag es mir, oder ich komm nicht.«

»Nein, sonst machst du nicht mit …«

Ich schwieg, wartete in Ruhe ab. Sie zögerte, doch schließlich gab sie nach und flüsterte: »Ich will eine Jeans klauen. Ich weiß auch schon, welche.«

Ich hörte auf zu atmen.

»Alleine schaff ich es nicht, ich brauche jemanden, der Schmiere steht«, gab sie zu. »Und ich sag dir was: Das ist nicht irgendeine Jeans … Sie kostet vierhunderttausend Lire!«, rief sie leise. Ich stellte mir vor, wie sie die Hand vor den Mund hielt, um bei sich zu Hause nicht gehört zu werden. »Wenn du mitkommst, klau ich auch für dich ein Paar. Versprochen.«

Papa steckte den Kopf durch die Tür der Küche, wo er den Tisch abräumte, und warf einen Blick in den Flur, wo ich steif vor dem Telefontischchen stand. Er hätte wer weiß was dafür gegeben, dass ich ausging und mich in der Stadt eingewöhnte, die ich als feindselig empfand. Dabei hatte ich nur einen Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, in das Leben davor zurückzukehren und ihn nie mehr zu sehen.

Ich hasste ihn, obwohl er mir nichts getan hatte. Aber das war gerade das Problem, das Nichts. Die nackten Wände des für meine Ankunft frisch geweißelten Zimmers. Das leere Bett, in dem ich jede Nacht die Augen aufriss und...


Avallone, Silvia
Silvia Avallone, geboren 1984 in Biella, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Ihr vielfach ausgezeichneter Debütroman »Ein Sommer aus Stahl« (2010) wurde zum internationalen Bestseller. Silvia Avallone schreibt für den »Corriere della Sera«, »Sette« und »La Lettura«. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bologna.

Silvia Avallone, geboren 1984 in Biella, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Ihr vielfach ausgezeichneter Debütroman »Ein Sommer aus Stahl« (2010) wurde zum internationalen Bestseller. Silvia Avallone schreibt für den »Corriere della Sera«, »Sette« und »La Lettura«. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Bologna.



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