E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Awe Der Lufthändler
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9743-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
SF-Erzählungen
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-7565-9743-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael J. Awe wurde 1973 in Münster geboren und lebt heute mit seiner Frau in Bonn. Privat taucht er gerne in vergangene oder zukünftige Welten ein, was sich auch in seinem Schreiben widerspiegelt, das sich von historischen Stoffen über Fantastik bis hin zur Science-Fiction erstreckt. Sein erster Roman, »Der Neiding«, erschien 2019. Mit »Shackletons Kinder« legte er 2024 seinen zweiten Roman vor.
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Der Lufthändler
Milan erwachte und blinzelte benommen.
Sein Herz schlug gegen die Rippen, der Mund schnappte nach Luft. Ein Druck lastete auf Schläfen und Brust, hielt seinen mageren Körper wie in einer festen Faust. Mechanisch rollte sich Milan aus dem Bett. Seine schmalen Hände fuhren zu dem Tank mit der Maske, die Finger zerrten an dem Ventil noch immer ungeschickt vom Schlaf und pressten die halbtransparente Kunststoffschale auf Nase und Mund.
Der Segen des Sauerstoffs durchströmte seine Zellen. Milan atmete konzentriert weiter, bis sich sein Herzschlag beruhigt hatte.
Das war knapp, dachte er.
Noch zitternd erhob er sich und nahm das Multiple neben dem Bett auf. Die Sauerstoffzufuhr für sein Apartment war um Mitternacht unterbrochen worden. Der CO2-Gehalt in der Raumluft lag bei 3,9 Prozent, der Sauerstoffwert unter der zweiten Stufe. Milan kniff die Augen zusammen und versuchte die Benommenheit, die wie eine Wolke in seinem Schädel saß, zu durchdringen. Dann war seine Wohnwabe vom späten Abend an gerade mal drei Stunden mit Sauerstoff versorgt gewesen. Der Kohlendioxidüberschuss in der Luft war immer das erste Problem, sobald kein künstlicher Sauerstoff mehr zugeführt wurde. Aber warum war die Versorgung beendet worden? Er wechselte zu seinem Kontostand. Eine Abbuchung von 450 Credits für die Mietnebenkosten, die Milan gestern nicht gesehen hatte. Dadurch hatte sein Konto keine Deckung mehr für die Zahlung der Raumluft besessen, und die Versorgung war zeitgleich mit einer elektronischen Benachrichtigung eingestellt worden.
»So etwas Dummes!«, murmelte er.
Milan streifte sich das Gerät um das dünne Handgelenk. Der Raum war so klein, dass er kaum genügend Platz für das Bett und die schmale Küchenzeile bot, aber er kam nach einem langen Arbeitstag auch nur zum Schlafen her. Hinter den dicken Fensterscheiben waren die ersten Sonnenstrahlen zu sehen, die auf die gegenüberliegende Hochhauswabe fielen. In der Kühleinheit befanden sich ein Block Soja vom Vortag, den er sich in den Mund steckte, und eine Lauchzwiebel. Das Wasser aus dem Hahn war lauwarm, aber er wusste, dass Laufenlassen es nicht besser machen würde. Er riss sich ein Stück von der Lauchzwiebel ab und kaute darauf rum, während er einen Becher mit Wasser füllte und mit kleinen Schlucken austrank. Milan stieg in die Sandalen und rollte den Wagen mit den vier Sauerstofftanks aus der Nische hinter der Küchenzeile hervor. Der eine Tank war schon fast leer. Bis zum Abend musste er einen weiteren Tank verkauft haben, sonst würden die Credits für den Sauerstoff seines Apartments nicht reichen.
Er schlüpfte in das Geschirr für den mobilen Sauerstofftornister, der sich in mehreren Segmenten an seinen Rücken schmiegte, prüfte den Füllstand und setzte die Atemmaske auf. Noch immer ein wenig benommen schob er den Wagen zur Tür. Obwohl die Versuchung groß war, atmete Milan nur flach und langsam. Wenn ich die Credits habe, dachte er, werde ich mir einige tiefe Züge gönnen. Sein schmales Gesicht mit den feinen Falten verzog sich zu einem Lächeln.
Die hermetisch verschlossene Tür öffnete sich mit einem leisen Zischen. Im kahlen Flur war niemand unterwegs, während er sein Wägelchen zu den Aufzügen schob.
Hoffentlich funktionieren sie, dachte er.
Der Weg aus dem 23. Stock war weit, wenn man die Sauerstofftanks auf den Schultern nach unten tragen musste. Diesen Monat hatte er es schon dreimal gemacht, und dabei so viel Sauerstoff verbraucht, dass er zwei Tage lang hatte sparen müssen.
Diesmal hatte er Glück.
Am Fuß des Megatowers achtete er darauf, seinen Rollwagen durch die schattigen Zonen zu schieben. Das Meer erstreckte sich bleischwer vor ihm, aber kein Lufthauch brachte Erleichterung. In den planktonfreien Fluten lag nichts Lebensspendendes mehr.
Auf der Promenade warteten bereits die ersten Händler. Milan grüßte einige der Männer und Frauen mit einem Nicken, als er an ihren Ständen vorbeifuhr. Man nannte ihn hier nur den Lufthändler. Das war nicht unbedingt freundlich gemeint. Man brauchte ihn, sicher, aber man mochte den Handel mit dem lebensnotwendigen Stoff nicht.
Als würde es mir besser gehen, dachte Milan, während er den Wagen durch die schon stechende Sonne schob. Auf dem Markt war alles eine Ware, für das jemand bereit war, Geld zu zahlen. Und auf Essen konnte man einige Wochen verzichten, aber nicht auf Sauerstoff.
Ich bin spät dran, dachte Milan missmutig. Alle Schattenplätze sind bereits weg.
Er stellte sich an den Rand der Promenade, sodass er das Meer im Rücken hatte, und klappte den improvisierten Sonnenschutz des Rollwagens aus, ein altes Segel, das er zwischen einem Metallgestell montiert hatte. Als die Plane über seinem Kopf aufgespannt war, lief ihm schon der Schweiß in Bahnen über den schmalen Körper.
Auf dem Weg hatte Milan einen weiteren Lufthändler gesehen. Der Tag versprach ein schlechtes Geschäft zu werden. Unruhig kontrollierte Milan die Sauerstofftanks. Während er die vorderen Ventile in Augenschein nahm, fragte er sich, ob er am Abend genügend Credits zusammenhaben würde, um die zweite Nacht ohne Sauerstoffzufuhr abzuwenden. Er könnte sich etwas Sauerstoff von seinen Verkaufsvorräten abzwacken, eine Weile die Maske aufsetzen und gucken, damit bis zum Morgen durchzukommen. Aber es wäre ihm am liebsten, wenn er sich einige Tage keine Gedanken um die Sauerstoffversorgung seines Apartments machen müsste. Außerdem war es angenehm, sich zu Bett zu begeben, ohne befürchten zu müssen, unsanft von akuter Luftnot aus dem Schlaf gerissen zu werden. Oder gar nicht mehr aufzuwachen.
Milan verschloss den Sauerstoffbehälter auf seinem Rücken und zog die Atemmaske unters Kinn. Die Luft war dünn, aber für eine kurze Zeit würde es gehen.
Der erste Kunde kam erst nach zwei Stunden. Ein recht dicker Mann, dessen volles Gesicht gerötet war. Milan drehte den Hahn auf, nachdem der Käufer seinen Atemschlauch an einem der vorderen Auslassventile geschraubt hatte, und ließ den Sauerstoff in den Tank des Mannes strömen.
»100 Credits«, sagte Milan.
Der Kunde gab den Wert in sein Mobile ein, im nächsten Augenblick wurde die Zahlung auf Milans Gerät bestätigt. Der Mann setzte sich die Maske auf und watschelte langsam weiter.
Noch sieben Kunden, dachte Milan.
Er benötigte mindestens 800 Credits, um den Zahlungsrückstand begleichen zu können. Er hatte zwar bereits 1450 Credits für die acht Tanks angezahlt, die er kommenden Monat verkaufen wollte, und könnte das Geld im Notfall auch wieder zurückbekommen, aber diese Anzahlung sicherte seinen Lebensunterhalt. Konnte er keine Ware mehr einkaufen, war alles vorbei.
Umso höher die Sonne stieg, umso weniger Menschen waren auf der Promenade. Ein Großteil des Handels fand in den frühen Morgenstunden oder am Abend statt, wenn die Temperaturen unter die 40-Grad-Marke fielen. Gegenüber stand die alte Sille mit ihren Sonnenschirmen und Baseballkappen, kleinen Ventilatoren und T-Shirts. Auch sie hatte erst einen Kunden gehabt. Serhat nebenan hatte mehr Glück. Von den gefüllten Fladenbroten waren schon etliche an die Kundschaft gegangen. Er würde von ihnen allen vermutlich am ehesten gehen. Manchmal war es noch vor Mittag, dass er seinen ganzen Vorrat verkauft hatte, den Wagen zuklappte und sich auf den Heimweg machte.
Vielleicht sollte ich es auch einmal mit Essen versuchen, überlegte Milan. Aber er kannte nur das Geschäft mit dem Sauerstoff und schätzte es immer noch als eine krisensichere Sache ein. Doch an Tagen wie diesen konnten einem schon Zweifel kommen.
Milan war so in Gedanken, dass er den Mann gar nicht wahrgenommen hatte, der neben seinem Stand stehengeblieben war. Der bärtige Typ hielt ihm ein Küchenmesser vor das Gesicht.
»Sauerstoff«, presste er hervor.
Der Mann sah schlecht aus, ging es Milan durch den Kopf, war aber auch zu allem bereit.
Milan musterte die lange Klinge. Ein Zeichen der Entschlossenheit und der Verzweiflung. Die Arithmetik des Überlebens. Es war nicht so, dass sie ohne Maske sofort tot umfielen. Sie lebten nicht im Vakuum. Sauerstoff war vorhanden, doch in so geringer Menge, dass es auf Dauer nicht ausreichte.
Der Mann bewegte die Klinge drohend vor Milan hin und her.
Die Blicke des Lufthändlers glitten über die umstehenden Händler. Bemerkte jemand, was hier los war? Oder vermied man es, sich einzumischen? Milan wusste die Antwort und seufzte leise.
Mit einem Nicken wies er auf den linken Tank. Der Mann schraubte seinen Schlauch auf das außen angebrachte Gewinde, ohne die Waffe...




