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E-Book

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

B. Tindergarten

Erlebnisse aus drei Jahren Online-Dating
3. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7460-4609-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erlebnisse aus drei Jahren Online-Dating

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-7460-4609-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Denn eine Dating-App das erste Mal zu öffnen, glich im Prinzip dem Betreten einer Primark-Filiale: Man hatte das Gefühl, dass theoretisch alles möglich war, man alles haben konnte. Man hegte die stille Hoffnung, DAS Teil in spitzenmäßiger Qualität zu einem unschlagbaren Preis zu finden, mit einem nur unterschwellig vorhandenen schlechten Gewissen wegen der Herkunft des guten Stücks und der leisen Befürchtung, dass es womöglich doch keine Anschaffung fürs Leben sein könnte. Schonungslos offen, selbst- und gesellschaftskritisch. So beschreibt Anna B. ihr literarisches Debüt, in dem sie den fragwürdigen Trend des Online-Datings anhand ihrer eigenen Erfahrungen und Erlebnisse beleuchtet und ihre durch ihn geprägte Entwicklung mit der nötigen Portion Humor reflektiert.

26 Jahre alt, in Süddeutschland geboren und aufgewachsen, modebegeisterte Absolventin eines dualen juristischen Studiums. Durch Schreiben in ihrer Freizeit hat Anna B. für sich einen Weg gefunden, ihre Gedanken über Dating- und Partnerschaftsverhalten in der heutigen Zeit zu ordnen und ihre eigenen dahingehenden Erlebnisse zu verarbeiten.
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I DAS PROFIL


An das Ende einer Beziehung sollte sich idealerweise eine Phase der Selbstfindung anschließen. Ein Zeitraum, der zum Trauern, Austoben und Nachholen genutzt wird. Diese Aufzählung erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch gibt sie eine Reihenfolge vor. Ein Dreier mit zwei Männern, verheulte Prosecco-Orgien während eines Nicholas-Sparks-Films oder ein Urlaub auf Malle mit den Kumpels. Alles, was guttut und über den Trennungsschmerz hinweghilft, ist erlaubt, solange danach dann wirklich ein neuer Lebensabschnitt beginnen kann, weil man sich darüber klar wurde, wer man ist, was man möchte oder eben was man auf gar keinen Fall (mehr) möchte.

Man hat die Vergangenheit verarbeitet, sich seine Gedanken darüber gemacht, welche Wünsche man für den nächsten Lebensabschnitt hegt und schmiedet Zukunftspläne.

Dass sich auf Online-Dating-Portalen, deren eigentlicher Sinn es sein soll, den passenden Partner für eben genau diese Zukunftspläne zu finden, Menschen herumtreiben, die entweder noch mitten in dieser Selbstfindungsphase stecken oder sie noch gar nicht begonnen haben, ist ein offenes Geheimnis.

Dabei spielt es im Endeffekt keine Rolle, ob dieser Schritt deshalb aussteht, weil die letzte Beziehung (noch) gar nicht beendet ist oder deshalb weil die Trennung noch zu frisch ist. Denn eines ist in jedem Fall sicher: Diese Menschen sind die potenziellen Partner, auf die man dort zu treffen hofft, wenn man als mustergültiges Beispiel eines Nutzers die oben beschriebene Phase tatsächlich erfolgreich abgeschlossen hat und nun voll viel zu hoher Erwartungen das erste Mal die sagenumwobene App mit der Flamme öffnet.

Ich war es nämlich tatsächlich, so ein mustergültiges Beispiel. Meine letzte Beziehung war anderthalb Jahre her. Die Prosecco-Orgien hatte ich ebenso hinter mir wie den obligatorischen Mallorcaurlaub; ich hatte mich viel mit mir selbst beschäftigt, hatte es genossen, mir an Weihnachten keine Gedanken über ein Geschenk für die Schwiegermutter in spe machen zu müssen, hatte nur getan, worauf ich Lust hatte. Meine Freitagabende hatte ich nicht mehr gezwungenermaßen auf US-Car-Treffen, sondern mit meinen Mädels verbracht und es war eine Erleichterung gewesen, einmal ungestört ganze Tage lang fürs Examen lernen zu können, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich im Zeitalter des Internets noch auf Gesetzestexte in Buchform zurückgriff.

Ich hatte getrauert, dabei sogar erheblich abgenommen, und sämtliche sexuellen Fantasien ausgelebt, die sich in der letzten Partnerschaft nicht hatten verwirklichen lassen, wobei ich zugeben musste, dass sich im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei feststellen ließ, ob meine Gewichtsabnahme auf das viele Heulen oder den vielen Sex zurückzuführen war. Wenn mich jemand darauf ansprach und als Antwort „Ich habe eine Trennung hinter mir“ zu hören bekam, stimmte das jedenfalls.

Doch wie das bei einem mustergültigen Trennungsphasenverarbeitungsbeispiel so ist, irgendwann kam er, der Tag, an dem ich sonntagmorgens nicht mehr gerne alleine aufstand, an dem die Vorstellung von Schwiegermuttergeschenken ihren Schrecken verloren hatte und an dem ich anfing, die Vergangenheit ein Stück weit zu verklären.

Vergessen waren die überall verstreuten Sportsocken, das nächtliche Schnarchen und der unvermeidbare Kaffeetausch bei Starbucks, weil der, den ich für mich bestellt hatte – oh Wunder – natürlich viel besser schmeckte. Was übrigblieb, waren die Zärtlichkeiten, die Vertrautheit und die von Sacre Coeur aus beobachteten Sonnenuntergänge.

Ich fing an, mich wieder nach einem Partner an meiner Seite zu sehnen. Nach jemandem, der sich kümmerte, wenn es mir schlecht ging, dessen Interesse das an meinen Körperöffnungen überstieg und der nicht nur samstagnachts betrunken anrief. Ein mir bekannter, seine Freundin offenkundig betrügender DJ gab einmal zu, dass er vor allem dann eine Freundin brauche, wenn es Winter sei und der erste Schnee falle. Außerdem habe er gerne jemanden, der sich um ihn kümmere, wenn er krank sei. Zur Wiesn und in der fünften Jahreszeit, da sei er lieber Single.

Tja. Das Oktoberfest war eine Weile vorbei, ein langer, kalter Winter inklusive Grippewelle stand bevor und ein Karnevalsjeck war ich trotz rheinländischer Wurzeln väterlicherseits noch nie gewesen. Die Zweifelhaftigkeit seiner Aussage einmal dahingestellt, ein Fünkchen Wahrheit steckte vielleicht auch für mich darin.

Ich war jung, – wie man mir oft sagte – attraktiv und sehr gepflegt, da ich alles, was mein Äußeres betraf, auch beziehungsunabhängig für mich selbst tat. Ich hatte mein Diplom seit kurzem in der Tasche, einen Job in einer neuen Stadt angetreten, war fürs Erste übergangsweise in eine zentrumsnahe WG gezogen und voller Energie. Ich war stolz auf meine Familie, die bedingungslos hinter mir stand, und meinen Freundeskreis, der im Wesentlichen sogar noch derselbe wie in der fünften Klasse war. Ich hatte Yoga für mich entdeckt, unternahm Wochenendreisen, hatte ein Faible für Kosmetik und war modebegeistert.

Was mein Glück jetzt perfekt machen sollte, war wieder ein Mann an meiner Seite. Ich gehörte also nicht einmal zu den Singles, die sich jemanden wünschen, der sie glücklich macht, sondern zu denen, die gelernt hatten, dass ein Partner sie nur glücklich machen sollte.

Kurzum: Man hätte meinen sollen, dass meine Auswahl groß genug war. Dass ein Fingerschnipsen mir einen neuen Freund hätte bescheren können.

Leichter gesagt als getan, wenn man in einer Studentenstadt lebte, gleichaltrig mit den dauerfeiernden Studenten jedoch einen Vollzeitjob mit den unumgänglichen Arbeitszeiten des öffentlichen Dienstes hatte. Wenn die Kollegen alle gefühlt hundertjährig oder verheiratet waren. Wenn die Geschichte von der Supermarktkasse oder Käsetheke sich als fieses Märchen herausstellte. Wenn die meisten der Freunde vergeben waren und man am Wochenende daher öfter übrigblieb. Wenn einem beim Überqueren der Straße Autos hinterherhupten, sich aber nie jemand traute, einen ernsthaft anzusprechen.

Kein Grund zum Verzagen aber in einem Zeitalter, in dem Smartphones unsere treuen Begleiter voll elektronischer Hilfsmittel geworden sind. Neben Apps fürs Eierkochen und fürs Routenplanen gab es ja zum Glück auch welche, die dem Nutzer mit roter Flamme oder buntem Herzchen bebildert versprachen, mit ihnen den Partner fürs Leben finden zu können.

Ich beschloss, es zuerst mit der roten Flamme zu versuchen.

Man gab das Geschlecht, das Wunschalter und einen Kilometerradius vor, innerhalb dem gesucht werden sollte, und legte sich ein Profil mit sorgsam ausgewähltem Fotorepertoire an.

Da ich es mir angewöhnt hatte, öfter Fotos von meinen Outfits zu machen und auch sonst bestrebt war, mein Gesicht und mein Leben so oft wie möglich fotografisch festzuhalten, war es für mich nicht weiter schwierig, passende Profilbilder zu finden. Zwei vom Gesicht, zwei vom Körper (bewusst die Post-Trennungs-Figur betonend), eines, aus dem man schließen konnte, dass ich ein Familienmensch war, eines, aus dem man schließen konnte, dass ich Freunde hatte, und eines, auf dem ich mich einfach besonders gut getroffen fand.

Dazu schrieb man optional noch ein paar Zeilen über sich selbst. Etwa die Körpergröße, was man sich im Besonderen wünschte oder eine gewollt tiefsinnige Lebensweisheit.

Ich beließ es bei der Option.

Die Erkenntnis, dass sich nicht jeder Nutzer bei der Fotoauswahl so große Mühe gab und ich dort viel zu oft Größenangaben unter 180 cm, Wünsche wie „Unrasiert brauchst du gar nicht erst zum DVD-Abend kommen“ oder Weisheiten à la „Nach mir die Ginflut“ lesen würde, stand mir noch bevor.

Denn eine Dating-App das erste Mal zu öffnen, glich im Prinzip dem Betreten einer Primark-Filiale: Man hatte das Gefühl, dass theoretisch alles möglich war, man alles haben konnte. Man hegte die stille Hoffnung, Teil in spitzenmäßiger Qualität zu einem unschlagbaren Preis zu finden, mit einem nur unterschwellig vorhandenen schlechten Gewissen wegen der Herkunft des guten Stücks und der leisen Befürchtung, dass es womöglich doch keine Anschaffung fürs Leben sein könnte.

Was dann folgte, war stundenlanges Wischen über das Smartphone-Display.

Das Profil eines potenziellen Traumprinzen wurde angezeigt. Er gefiel: Wisch nach rechts. Er gefiel nicht: Wisch nach links. Hatte ich nach rechts gewischt und der Glückliche, dem mein Profil im Gegenzug angezeigt wurde, auch, bekamen wir beide mit einem Glückwunsch angezeigt, dass wir ein „Match“ hatten und nun über das Privileg verfügten, uns Nachrichten schreiben zu dürfen. Yay!

Was musste aber auf dem Profil eines Mannes zu sehen sein, damit es bei einer dreiundzwanzigjährigen Akademikerin ohne Tattoos aus einem Bilderbuchvorort mit einer Bilderbuchkindheit, die sich zu jung für die „Singles mit Niveau“ fühlte, zu einem Wischen nach rechts führte?

Der springende Punkt...



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