Babendererde | Libellensommer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Babendererde Libellensommer


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80026-4
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-401-80026-4
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An einer Tankstelle am Highway begegnet Jodie dem jungen Indianer Jay zum ersten Mal. Ein paar Tage später ist sie mit ihm auf einer Reise, die ihr Leben verändern wird. Die beiden erleben einen Sommer voller Liebe und Magie inmitten der kanadischen Wildnis - und bald steht Jodie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.

Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und arbeitete nach dem Abi als Hortnerin, Arbeitstherapeutin und Töpferin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Seit vielen Jahren gilt ihr besonderes Interesse der Kultur, Geschichte und heutigen Situation der Indigenen in Nordamerika, ihre einfühlsamen Romane zu diesem Thema für Erwachsene wie für Jugendliche werden von der Kritik hoch gelobt. In weiteren Romanen entführt Antje Babendererde ihre Leser*innen in ihre thüringische Heimat sowie in die schottischen Highlands, an die sie auf ihren Reisen ihr Herz verloren hat. www.antje-babendererde.de
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1.

Eigentlich hatte ich nichts gegen Indianer. Bis zu dem Tag, an dem mein Vater entlassen wurde. Die Indianer waren schuld daran, dass die Pappfabrik schließen musste. Und das alles nur wegen ein paar blöden Bäumen. Als ob es nicht genug davon geben würde.

Mit den Indianern fing alles an. Doch damals ahnte ich noch nicht, was mir bevorstand. Ein großes Abenteuer. Vielleicht ein bisschen zu groß für mich. Heute frage ich mich, wie viel wir von unserem Leben beeinflussen können und was vorherbestimmt ist. Eines weiß ich jedoch sicher: Es geschehen immer wieder Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat. Und dann bleibt einem nichts anderes übrig, als einen Weg zu finden, um damit fertig zu werden.

Klar, es war eine schwierige Zeit für unsere Familie. Aber mit ziemlicher Sicherheit waren wir nicht die Einzigen auf diesem Planeten, die es schwer hatten. Andere Familien hielten in schlimmen Zeiten fest zusammen, unsere schien immer mehr auseinanderzufallen. Es tat weh, das mit ansehen zu müssen, ohne etwas dagegen tun zu können.

Auch an diesem Abend drang das Geschrei aus dem Wohnzimmer durch den Flur bis in mein Zimmer. Meine Eltern stritten mal wieder. Ich wickelte mir das Kissen um den Kopf und presste die Arme auf meine Ohren. Aber es nützte nichts. Ich hörte es trotzdem.

Die Knie an die Brust gezogen, rollte ich mich in meinem Bett ganz klein zusammen. Wie ein Baby im Bauch seiner Mutter.

Manchmal wünschte ich mich dahin zurück. Natürlich erinnere ich mich nicht daran, wie es dort war; ich glaube, das kann niemand. Aber warm und sicher war es bestimmt, und ich weiß, dass meine Eltern damals noch nicht so viel stritten.

Das begann erst vor ein paar Monaten. Jahrelang hatte mein Vater in einer großen Pappfabrik gearbeitet und dort gut verdient. Aber dann wehrte sich auf einmal irgendein kleines Indianervolk gegen die Abholzung der Wälder, auf die es angeblich Anspruch hatte. Die Indianer nahmen sich einen Anwalt, und plötzlich waren die Zeitungen voll von Boykottaufrufen gegen den kanadischen Papierkonzern Papermill, der das Holz aus ihren Wäldern holte und an Dads Pappfabrik lieferte.

Es passierte, womit zunächst keiner gerechnet hatte: Der Boykott funktionierte. Viele Leute waren empört über die Ungerechtigkeit gegenüber den Ureinwohnern. Sie kauften nicht mehr bei den Fastfood-Ketten, die Produkte aus Dads Fabrik verwendeten. Die Firma musste schließen.

Nach der Schließung der Pappfabrik waren in Thunder Bay mit einem Schlag hundert Männer und Frauen auf Arbeitssuche, und nur einige wenige von ihnen hatten Glück und bekamen einen Job.

Mein Dad hatte kein Glück. In der Fabrik hatte er komplizierte Maschinen bedient, er war ein hoch qualifizierter Facharbeiter, für den es nun keine Verwendung mehr gab. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf dem Sozialamt zu melden.

Jemand zerrte an meinem Kissen. Ich spürte eine warme Hand auf meinem Arm und nahm unwillig das Kissen vom Kopf.

»Jodie, ich kann nicht schlafen bei diesem Krach.« Es war Nicci. Meine fünf Jahre jüngere Schwester hockte neben mir und sah mich mit müden Augen an. »Kann ich mit in dein Bett kommen? Ich hab Angst, wenn sie so laut sind.«

Ich seufzte leise. Schließlich hob ich die Bettdecke hoch, rutschte ein Stück zur Seite und ließ Nicci darunterschlüpfen. Sie kuschelte sich an mich, ich nahm sie in die Arme.

»Wovon soll ich die Familie ernähren, wenn du alles versäufst?«, hörte ich meine Mutter schreien. Inzwischen waren unsere Eltern nicht mehr im Wohnzimmer, sondern auf dem Flur. Es kam mir so vor, als würden sie direkt neben meinem Bett stehen.

»Hör endlich auf mit deinen verdammten Vorwürfen, Maggie«, sagte mein Vater, »ich halte das bald nicht mehr aus. Es ist nicht meine Schuld, dass ich den Job verloren habe, und ich kann auch nichts dafür, dass ich keinen neuen finde.«

Dad schrie nicht, trotzdem konnte ich jedes seiner Worte ganz deutlich hören. Er war angetrunken, aber ich begriff, wie unglücklich es ihn machte, dass alles so gekommen war.

»Nein«, rief meine Mutter aufgebracht, »das ist nicht deine Schuld. Aber du musst nicht das bisschen Geld, das wir zum Leben haben, auch noch in die Kneipe tragen. Du bist schließlich verantwortlich für uns.«

Ich lauschte angstvoll auf ihre Stimmen und fragte mich, wann es bei uns zu Hause so laut geworden war.

Am Anfang war es noch nicht so schlimm gewesen. Dad kümmerte sich um den Haushalt, kaufte ein und machte mit Nicci Hausaufgaben. Meine Mom hatte einen Job im Big Thunder, einem Fastfood-Restaurant bekommen, aber sie hasste es, den ganzen Tag in der nach ranzigem Fett stinkenden Küche zu stehen oder ungeduldige Menschen zu bedienen. Wenn sie am Abend geschafft nach Hause kam, war ihre Laune dementsprechend mies.

Nach einiger Zeit hatte mein Vater Moms Nörgeleien satt. Er verschwand abends immer öfter in der Kneipe, wo er sich mit ein paar ehemaligen Arbeitskollegen traf, die arbeitslos waren wie er. Wenn er dann spät nach Hause kam, hatte er eine Alkoholfahne, und meine Mutter fing jedes Mal Streit an, wenn sie noch wach war.

Manchmal gingen dabei Dinge zu Bruch. Das war Mom. Sie konnte furchtbar sein, wenn sie wütend war. Und in letzter Zeit war sie fast nur noch wütend.

»Ich erkenne dich nicht wieder, George.« Die Stimme schrillte durch unsere winzige Sozialwohnung, in die wir vor zwei Monaten gezogen waren.

»Ich dich auch nicht, Maggie«, erwiderte Dad. »Bestimmt sind die Mädchen wach geworden von deinem Geschrei. Was müssen sie denken, wenn sie uns ständig streiten hören?«

»Was kümmern dich die Mädchen, du machst dir doch sonst auch keine Gedanken darum, wie es ihnen geht.«

Das war ein harter Vorwurf, und vor allem stimmte er nicht. Normalerweise war es meine Mutter, die wenig davon mitbekam, was mir oder Nicci wichtig war. Dad machte sich sehr wohl Gedanken, wie es uns ging. Er nörgelte nicht oder kritisierte an mir herum, weil ich zu dick war. Ich konnte gut mit ihm reden. Viel besser als mit meiner Mutter, die immer gleich schrecklich aufbrausend war, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.

Dad hatte meistens Verständnis, auch wenn ihm eine Sache mal nicht passte. Er war geduldiger als Mom, und ich liebte seinen Humor. Der war allerdings in den letzten Wochen kaum noch zum Vorschein gekommen. Die meiste Zeit lief er mit traurigen Augen herum, etwas, das einem auf Dauer Angst machen konnte.

Plötzlich schlug die Wohnungstür zu, und für einen Augenblick war es furchtbar still. Kurze Zeit später hörte ich meine Mutter weinen und merkte, dass auch Niccis Körper von kleinen Schluchzern geschüttelt wurde.

»Schschsch«, flüsterte ich, »nicht weinen. Es wird alles gut werden, glaub mir. Dad findet bald einen neuen Job, dann können wir wieder ein Haus mieten und Cookie zurückholen.«

Cookie war unser kleiner Mischlingshund, den wir zu Bekannten hatten geben müssen, als wir aus unserem Haus in den Block mit den Sozialwohnungen gezogen waren. Ich vermisste Cookie, aber Nicci vermisste ihn noch mehr. Die beiden waren unzertrennlich gewesen. Seit sie den Hund nicht mehr hatte, war sie noch quengliger geworden.

Langsam beruhigte Nicci sich und hörte auf zu schluchzen. Ich weiß nicht, ob meine kleine Schwester mir glaubte. Wo ich doch selbst nicht so recht an das glauben konnte, was ich gesagt hatte. Schon bald hörte ich sie gleichmäßig atmen. Sie war eingeschlafen.

Vorsichtig, um meine Schwester nicht zu wecken, stand ich auf und legte mich in ihr Bett. Wir beide teilten uns ein winziges Zimmer von vier mal vier Metern, was eine ziemliche Katastrophe war. Überall lagen Niccis Sachen herum, und für meine war kein Platz mehr.

Ich zog die Bettdecke über den Kopf und versuchte, die Gedanken daran, wie es weitergehen sollte, für ein paar Stunden von mir zu schieben. Ich schaltete um auf träumen. Darin war ich Meisterin, und das nicht nur in der Nacht. Tagträume waren meine Spezialität. Aber nachts, wenn alles dunkel und still war (wenn es denn still war), ließ es sich am besten träumen.

Es passierte automatisch, ohne dass ich es wollte. Wenn es mir schlecht ging, waren es meine Träume, die mir halfen. Die Welt in meinem Kopf war um so vieles aufregender als das, was in meinem wirklichen Leben passierte. Und so viel tröstlicher. Ich war die Heldin schillernder Abenteuer in verschiedenen Zeitepochen und auf anderen Erdteilen. Natürlich hatte ich auch einen Helden. Er hieß Tim, hatte braune Locken und blaue Augen. Und Muskeln, klar. Er...



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