E-Book, Deutsch, 392 Seiten
Babendererde Sommer der blauen Wünsche
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-401-80940-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebesroman in den schottischen Highlands
E-Book, Deutsch, 392 Seiten
ISBN: 978-3-401-80940-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Antje Babendererde, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und arbeitete nach dem Abi als Hortnerin, Arbeitstherapeutin und Töpferin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Seit vielen Jahren gilt ihr besonderes Interesse der Kultur, Geschichte und heutigen Situation der Indigenen in Nordamerika, ihre einfühlsamen Romane zu diesem Thema für Erwachsene wie für Jugendliche werden von der Kritik hoch gelobt. In weiteren Romanen entführt Antje Babendererde ihre Leser*innen in ihre thüringische Heimat sowie in die schottischen Highlands, an die sie auf ihren Reisen ihr Herz verloren hat. www.antje-babendererde.de
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1
»Bald sind wir da«, sagt Gran Silke, »das ist schon der Kyle of Durness. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer.«
Eingelullt vom Geschaukel des alten Skoda, muss ich weggenickt sein. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von vierzig km/h lenkt meine Oma ihr Auto über eine einspurige Straße, die sich als grau schimmerndes Band durch eine kahle Heidelandschaft zieht. Es nieselt und graue Wolkenschleier verhüllen die Kuppen braungrüner Hügel, die wie die Flanken eines schlafenden Fabeltieres den Kyle, einen gewundenen Meeresarm, säumen.
Offenbar kann man im Nordwesten der Grafschaft Sutherland außer Schafezählen nicht viel anderes machen. Gran wohnt in einer kleinen Künstlerkolonie am Rand der schottischen Küstengemeinde Caladale. Zweihundert Menschen leben im Dorf, zwanzig in der Kolonie, die für eine Weile auch mein Zuhause sein wird.
Viel weiß ich nicht über die Mutter meines Vaters, nur dass sie als Lehrerin arbeitet, ursprünglich aus Marburg stammt und mit Malcolm Mackenzie, einem schottischen Brückenkonstrukteur, durchgebrannt ist, der zwanzig Jahre älter war als sie.
»Gran und Grandpa sind nicht mehr deine Großeltern, weil dein Dad nicht mehr dein Dad ist«, hatte Ma mit energischer Bestimmtheit zu mir gesagt, nachdem mein Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.
Gran hat sich in den vergangenen zehn Jahren, in denen Ma sie aus unserem Leben verbannt hat, kaum verändert. Zwar überwiegt nun das Grau in ihrem dicken, einst schwarzen Haar und mir sind auch die feinen Falten um ihre bernsteinfarbenen Augen nicht entgangen. Aber als meine Oma auf dem Flughafen von Inverness vor mir stand, habe ich sie sofort wiedererkannt.
Während die düsterkahle Landschaft an uns vorüberzieht und pausenlos Nieselregen niedergeht, befallen mich Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war hierherzukommen.
»Im Flieger hat jemand gesagt, das normale Wetter endet da, wo Schottland beginnt.«
Gran lacht. »Stimmt. Hier wechselt das Wetter von einem Moment auf den anderen.«
Wie die Stimmungen meiner Mutter, geht es mir durch den Kopf. Doch während dem schottischen Wetter mit nichts beizukommen ist, versucht man in einer geschlossenen Klinik in Berlin, die wogenden Gefühlszustände meiner Ma mit Psychopharmaka zu bekämpfen. Und ich komme mir vor wie eine Verräterin, weil ich es war, die den Notarzt gerufen hat.
»Carlin?«
»Hm.«
»Ich weiß, du machst dir Sorgen um deine Mutter, aber in der Klinik ist sie in den besten Händen. Du hast ihr das Leben gerettet, Schätzchen. Susanne braucht jetzt professionelle Hilfe.«
Schätzchen? Gran meint es gut mit mir, aber sie weiß nicht, was ich getan habe. Niemand weiß das, außer Ma. Wenn die Depression ihre dunklen Flügel hebt und sie es begreift, wird sie mich auf ewig dafür hassen.
Ich schlucke gegen die Enge an, die meine Kehle zuschnürt. Noch bin ich mir nicht sicher, ob ich außerhalb der Welt meiner Mutter überhaupt existiere. Doch bei Gran werde ich weit weg von allem sein, was mein Leben bisher ausgemacht hat. Von einer Plattenbauwohnung in Berlin-Marzahn in den wilden Norden Schottlands an einem Tag. Tada!
»Du hast alles richtig gemacht, Carlin.« Gran tätschelt mein Knie.
Ich weiß, denke ich. Trotzdem sitzt das dämliche Schuldgefühl in meiner Brust wie ein kleines Tier, das mir seine spitzen Zähne ins Herz gräbt.
Wir erreichen Caladale, ein verschlafenes Nest, das aus einer losen Ansammlung von kleinen Häusern entlang der Straße besteht. Im Zentrum – links der Pub mit ein paar Fremdenzimmern darüber, rechts eine Tanke – stoßen wir auf die eigentliche Ortsstraße und den SPAR-Laden, der laut Gran tagsüber das gesellschaftliche Zentrum des Dorfes ist, so wie der Pub am Abend. Die Straßenschilder sind zweisprachig. Die gälischen Namen – A-Màireach, Clachan-ciúird Bhaile na Cille, Diurnais, Uam Smudha – sind unaussprechlich wie geheimnisvolle Zauberformeln.
»Sprechen denn die Leute hier überhaupt noch Gälisch?«, frage ich Gran.
»Oh ja, einige schon. Viele Eltern legen wieder Wert darauf, dass es an der Schule Gälischunterricht gibt.«
Auf den Schildern, die nach rechts weisen, lese ich Durness, Campingplatz, Smoo Cave, Loch Eriboll und Wick. Nach links geht es zur Künstlerkolonie Little Caladale, zur Caladale Bay, zum Friedhof und zum Golfplatz. Gran setzt den Blinker und biegt nach links.
»Hinter dem Golfplatz ist Schluss«, sagt sie. »Schroffe Klippen und dann nur noch Meer bis Island.«
Caladale ist der Arsch der Welt, aber das wusste ich, bevor ich Gran angerufen habe.
Wir passieren eine alte, weiß getünchte Kirche mit einem großen Holztor, das weit offen steht. Drinnen aufgebockt das helle Gerippe eines Bootes. Hinter dem zweckentfremdeten Gotteshaus säumen Trockensteinmauern die schmaler werdende Straße. Zottelige Schafe mit schwarzen Gesichtern und gescheckten Beinen stehen auf regennassen Wiesen. Drei Ponys mit zerzausten Mähnen heben neugierig ihre Köpfe über die Mauer.
Am Ende des Dorfes macht die Straße eine Linkskurve, bevor sie leicht nach unten abfällt. Gran bremst und bleibt stehen. Links vor uns liegt Little Caladale, eine großflächig verteilte Ansammlung von flachen Steinbaracken mit überdimensionalen Betonquadern auf den Dächern, die zwischen Bäumen und Sträuchern hervorragen. Rechter Hand blicke ich einen grünen Hügel hinab auf eine lang gezogene, sandige Bucht mit einem schmucklosen, alten Bau, der herrschaftlich über dem Strand thront.
Plötzlich ein Riss in den Wolken. Sonnenlicht flutet die von Trockenmauern und Schafen gemusterten Hügel, die unter Nebelschwaden geheimnisvoll glitzern. Die Wände des großen Hauses erstrahlen hell. Ein breiter Regenbogen in Rot, Orange, Gelb, Grün, Indigo und Violett spannt sich über der leuchtend türkisfarbenen See mit den weißen Schaumkronen.
»Caladale heißt dich willkommen«, bemerkt Gran lächelnd.
Wow. Auf einmal bin ich hellwach, mein Herz schlägt schneller und fast meine ich, den Salzduft des Meeres riechen zu können.
Gran lässt ihren Skoda die letzten hundert Meter bis zur Einfahrt der Künstlerkolonie rollen und erzählt, dass man in den Fünfzigerjahren hier eine militärische Frühwarnstation gebaut, die Gebäude jedoch nie genutzt hat. »Niemand hat sich dafür interessiert, sie waren den Herbststürmen überlassen. Mitte der Sechzigerjahre hat dann ein bunt zusammengewürfelter Haufen Aussteiger aus aller Welt die Militärgebäude und ein Stück vom umliegenden Land gekauft und zu einem kreativen Ort umgebaut.«
Gleich am Eingang empfängt uns ein hellblau gestrichenes Gebäude mit großen Fenstern und einer Terrasse mit Tischen und Stühlen, die von gelben Ginsterbüschen umgeben ist. Choco Factory prangt in Großbuchstaben über dem Eingang.
»Hier gibt es die besten Pralinen und die göttlichste heiße Schokolade im Umkreis von zweihundert Kilometern«, verspricht Gran mit einem Augenzwinkern. »Und wir wohnen gleich da drüben.«
Vor uns liegt eine kleine Rasenfläche. Drum herum stehen hinter Bäumen, Sträuchern und blühenden Stauden die ehemaligen Militärgebäude, die mit bunten Anstrichen versehen sind und Wohnungen, Läden und Werkstätten beherbergen. Fünfzehn Häuser, hat Gran gesagt, und zwanzig derzeitige Bewohner.
»Wie hat es dich ausgerechnet hierher verschlagen?«, will ich von ihr wissen.
Ursprünglich hatten meine Großeltern in Inverness gelebt und ich kann mich noch vage an unsere Besuche in ihrem kleinen Haus mit dem handtuchgroßen Garten erinnern. Als ich sieben war, stellte mein Vater fest, dass seine Familie ihm ein Klotz am Bein ist, und er machte sich aus dem Staub, um seine Karriere voranzutreiben. Seither hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm und auch nicht zu meinen Großeltern in Schottland. Ich wusste nicht mal, dass mein Großvater Malcolm gestorben war.
Als ich Gran vor einer Woche anrief und sie es mir erzählte, fürchtete ich, dass sie nichts mehr von mir wissen will. Doch als ich meiner Großmutter den Schlamassel schilderte, in dem ich steckte, schlug sie mir, ohne zu zögern, vor, eine Weile bei ihr zu wohnen. Sie hat mir ein Flugticket von Berlin nach Inverness gekauft und mich am Flughafen abgeholt.
»Malcolms Familie stammt aus Caladale.« Gran lenkt den Wagen nach rechts vorbei an einen kleinen Parkplatz, auf dem zwei Autos stehen. »In den letzten Jahren haben wir uns jeden Sommer in Caladale eine Ferienwohnung gemietet. Es war unsere schönste Zeit, obwohl dein Grandpa schon so krank war. Nach seinem Tod habe ich unser Haus in Inverness verkauft und bin in die Künstlerkolonie gezogen. Das ist jetzt sieben Jahre her und ich habe noch keinen einzigen Tag davon bereut.«
Gran parkt vor einem rot getünchten, L-förmigen Gebäude mit zwei weißen Eingangstüren und einer weißen Bank davor. Wir steigen aus und sie deutet auf den vorstehenden Gebäudeteil mit blühenden Blumen in Terrakottakübeln neben der Tür und einem kleinen Schaufenster, in dem gerahmte Grafiken hängen. »Mein Atelier und der Laden.«
Meine Oma unterrichtet Kunst und Englisch an der Grundschule in Durness, dem Nachbardorf von Caladale. Den kleinen Laden, in dem sie ihre Druckgrafiken und Kunstpostkarten verkauft, betreibt sie nur nebenbei.
»Ich werde dir alles zeigen«, sagt sie, »aber bringen wir erst mal die Einkäufe ins Haus.« Gran hat die weite Fahrt nach Inverness genutzt, um Lebensmittel einzukaufen und ein paar Dinge zu besorgen, die sie hier nirgendwo bekommt. Denn die Grafschaft Sutherland ist eine...




