Bach | Endstation Heidelberg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6, 256 Seiten

Reihe: Marie Moser

Bach Endstation Heidelberg


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96041-080-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 6, 256 Seiten

Reihe: Marie Moser

ISBN: 978-3-96041-080-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



An einem rabenschwarzen Tag verliert Mila Böckle nicht nur ihren Job, sondern ihren Freund gleich mit dazu. In Heidelberg soll sie für eine Weile die Pension einer Bekannten übernehmen - und sich wieder neu verlieben. Doch dann fällt ihr am Bahnhof eine tote Frau vor die Füße. Wie es der Teufel will, gelangt deren Handtasche in Milas Besitz. Und schon steckt Mila mitten in der mörderischen Jagd nach dem Geheimnis der Toten.

Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren. Seit 1997 lebt sie mit ihrem Mann in Heidelberg und ist heute als Psychologin im klinischen Bereich tätig. Nach ihrem Umzug in die Kurpfalz begann die begeisterte Krimileserin, selbst Romane zu schreiben. 2011 erhielt sie den Walter-Kempowski-Literaturpreis.
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1

Die Schrift auf dem Grabstein war kaum noch zu erkennen. Die Sonne hatte die Farbe ausbleichen lassen und der Regen die Buchstaben ausgewaschen, als wäre es an der Zeit, dass dieser Name endlich von der Erde verschwände. Von der Seite näherte sich eine kleine Gruppe von Menschen, allen voran ein Mann im hellen Trenchcoat, der einen blauen Regenschirm in die Höhe hielt.

»Wenn Sie mir nun bitte hierher folgen würden.«

Er wartete, bis auch die Letzten sich am Grab versammelt hatten und endlich still waren. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um besser hören zu können, was er sagte.

»…ein besonders tragischer Fall… Sie wurde in den Jahren bis zu ihrem Tod durchgängig ausgezeichnet als die weltbeste…«

Mehr konnte ich nicht verstehen. Ein Arm reckte sich in die Höhe.

»Und weshalb ist sie so jung gestorben?«, fragte ein Mädchen.

Die Antwort ging in einem ungläubigen Raunen unter.

»Wir gehen jetzt hier weiter. Hier entlang, bitte!«

Sobald sie wieder verschwunden waren, trat ich an den Rand des Grabes. Dort also lag jemand, der etwas besser konnte als jeder andere auf dieser Welt. Eine Berühmtheit. Ich beugte mich nach vorn, um lesen zu können, was auf dem glänzenden schwarzen Marmor stand. Dabei berührte mein Fuß den Rand des Grabes, ganz kurz nur, doch schon gab die Erde unter meinen Füßen nach. Sie sackte einfach weg. Ich wollte zurücktreten, aber es war zu spät. Ich rutschte in das riesige Loch, das sich vor mir auftat, versuchte verzweifelt, mich am Rand festzuklammern, aber die weiche Erde zerkrümelte unter meinen Händen und riss mich mit hinab in die Tiefe. Im Fallen konnte ich die Inschrift auf dem Grabstein sehen: »Hier ruht Mila Böckle, die weltbeste Versagerin«. Ich schrie, rutschte immer tiefer und tiefer in das dunkle Loch hinein, schrie lauter und lauter.

Als ich aufwachte, presste ein eisernes Band meine Brust zusammen. Ich setzte mich auf die Bettkante und versuchte, tief durchzuatmen. Zum Glück fühlte sich der Holzboden unter meinen Füßen kühl und fest an.

Seit Wochen war es der gleiche Traum, der mich quälte, und nur mein Schrei, von dem ich jedes Mal wach wurde, bewahrte mich davor, Nacht für Nacht am Boden irgendeines Abgrundes zu zerschellen. Ich stürzte nicht immer in mein Grab, manchmal war es auch ein Kerker ohne Boden im Heidelberger Schloss, in den mich ein Zwerg mit roter Säufernase lockte. Oder ich stand auf einem halb verfallenen Turm, und die Mauer brach unter mir weg. Ich war zur Absturzspezialistin geworden, zumindest nachts. Und seitdem klar war, dass ich nach Heidelberg gehen sollte, fiel ich besonders gern in Kurpfälzer Abgründe.

Durch das geöffnete Fenster zog die frische Morgenluft herein. So weit ich schauen konnte, hingen grauschwarze Wolken über dem flachen Land. Und in Ülske kann man verdammt weit schauen, da gibt es keine Berge, nicht einmal einen Hügel. Der Sommer war drückend und schwül gewesen und hatte sich anscheinend so verausgabt, dass kein Sonnenstrahl mehr übrig war. Seit Tagen hingen die grauen Wolken am Himmel. Ein Grau, das in meinen Kopf gekrochen war und sich über all meine Gedanken gelegt hatte– und über meine Seele gleich mit dazu.

Das sah nicht nach einem Tag aus, für den es sich lohnte aufzustehen. Besser, ich ging wieder ins Bett und hoffte, dass der Traum nicht wiederkam. Eine Stunde schlafen bedeutete immerhin auch, eine Stunde nicht zu grübeln. Ein guter Deal. Selbst auf die Gefahr hin, noch einmal in einen Abgrund zu stürzen. Aber ich hatte mich kaum hingelegt, da stand der Alptraum persönlich auf dem Bettvorleger.

»Mila. Zeit, aufzustehen! Der Zug wartet nicht!«

Der Wecker zeigte kurz vor acht. Normalerweise saß Tante Flo um diese Zeit schon vor dem Fernseher, versunken in irgendeinen Thriller oder Schmachtfetzen. Erstaunlich, dass sie es geschafft hatte, bis in den ersten Stock zu kommen.

»Heute geht es endlich los!« Tante Flo strahlte über das ganze runzlige Gesicht. »Auf ins Abenteuer! Raus aus den Federn!«

Eigentlich hieß sie nicht Flo, sondern Florentine, aber in Ülske nannten sie alle Flo, weil sie so klein und dünn war, dass ein langer Name einfach nicht passen wollte. Die Haare standen wirr von ihrem Kopf ab. Sie sah aus wie ein zerrupftes Huhn, auch wenn der knallgelbe Bademantel, den sie trug, eher an einen Kanarienvogel erinnerte.

Ich zog die Bettdecke höher, sodass Tom, der kleine getigerte Kater, der an meinen Füßen geschlafen hatte, aufschreckte und vom Bett sprang.

»Gleich«, murmelte ich.

Wenn er nun heute kam, ausgerechnet heute? Und wir waren gerade ins Auto gestiegen, um zum Bahnhof zu fahren? Jens würde vor verschlossener Tür stehen und das vielleicht als Wink des Schicksals deuten.

Es war bestimmt ein Fehler, früher abzureisen. Aber Tante Flo hatte in den letzten Tagen alles darangesetzt, mich davon zu überzeugen, dass es viel besser wäre, bereits heute nach Heidelberg zu fahren. Dann könnte ich mich am Wochenende schon einmal in aller Ruhe in der Stadt umsehen.

Ich wusste, worum es eigentlich ging. Sie wollte mich endlich los sein. Und ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Mit zweiundsiebzig hatte man nicht unbedingt Lust, sich jeden Tag das verweinte Gesicht seiner Nichte anzuschauen. Eine, die mit Anfang dreißig wieder Single und arbeitslos war und bei ihrer einzigen noch lebenden Verwandten unterkriechen musste, weil sie sich keine eigene Wohnung mehr leisten konnte. Was hatte man von so einer Nichte noch zu erwarten? Außer, dass sie irgendwann auf dem heimischen Sofa verenden würde?

»Ich habe es mir überlegt«, sagte ich und drehte mich zur Wand. »Ich fahre erst morgen. Ich habe noch etwas Wichtiges zu erledigen.«

Ein Ruck, und meine Bettdecke war weg.

»Die Kanalratte kommt nicht mehr. Hörst du! Weder heute noch morgen noch übermorgen. Du wartest jetzt seit drei Monaten. Es reicht.«

Manchmal war sie mir unheimlich. Vielleicht konnte sie doch in meinen Kopf sehen.

»Es wird dir in Heidelberg gefallen. Da gibt es zauberhafte kleine Lokale. Und um diese Jahreszeit soll es dort besonders schön sein. In der Heidel kann man sogar baden.«

»Du musst es ja wissen. So oft, wie du schon in Heidelberg warst.«

Tante Flo war noch nie in Heidelberg gewesen. Alles, was sie über diese Stadt wusste, hatte sie von ihrer Freundin Rosel.

»Du hast zugesagt, dich um die Pension zu kümmern, also wirst du es auch tun! Es gibt jetzt kein Zurück mehr.«

»Wir sollten mal warten, was die im Krankenhaus sagen. Vielleicht braucht Rosel gar kein neues Hüftgelenk.«

»Da gibt es nichts abzuwarten. Rosel bekommt eine neue Hüfte, und hinterher geht sie in Kur. Du hast versprochen, dass du ihre Pension solange übernimmst, also wirst du dich an dein Wort halten.«

»Aber Rosel hat doch gesagt, im Moment wären gar keine Gäste da!«

»Das ändert nichts. Zusage ist Zusage.«

Eine Pension zu leiten, davon verstand ich ungefähr so viel wie vom Orgelbau oder vom Sockenstricken. Ich sollte dafür von Rosel sechshundert Euro im Monat bekommen, was in meiner Situation ein verdammt gutes Angebot war. Aber eigentlich hatte ich mich nur aus einem Grund darauf eingelassen: Tante Flo sollte endlich aufhören, deshalb unablässig auf mich einzureden.

»Die Ausflugsschiffe fahren noch, hat Rosel gesagt. Und auf dem Schloss gibt es Theateraufführungen. Da sitzt man im Schlosshof und trinkt Sekt. Rosel hat erzählt, sie hätte dabei einmal einen sehr netten jungen Mann kennengelernt, der sei extra aus Amerika angereist…«

Ich hörte nicht mehr hin. Den Rest kannte ich schon. Tante Flos Loblied auf Heidelberg: Romantik, wo man nur hinschaut, und so viele ledige, gut aussehende Männer, dass man an jeder Straßenecke über sie stolpert.

»Am besten machst du gleich eine Stadtführung mit. Es wird sich bestimmt ein netter junger Mann finden, der dir mal ein bisschen was zeigt.« Sie hängte das Federbett über die Stuhllehne. »Du weißt doch, was Lilo Pulver…«

»Ja, ja.« Ich zog die geblümte Überdecke hoch, die am Fußende lag.

»Die hat auch eine Stadtführung gemacht«, fuhr Tante Flo unbeirrt fort. »Und der Stadtführer war sogar ein Doktor. Da haben sie viele Doktoren in der Stadt. Lilo Pulver hatte damals auch Kummer…«

»Ja, ich weiß.«

Ich kannte die Geschichte des Films inzwischen auswendig: Eine junge Amerikanerin reist nach Heidelberg, um ihren abtrünnigen Verlobten zur Raison zu bringen, trifft auf einen charmanten Stadtführer, der natürlich gar keiner ist, und am Ende fallen sich alle verliebt in die Arme. »Heidelberger Romanze«, ein Herzschmerz-Streifen aus den fünfziger Jahren mit Lilo Pulver.

Tante Flo hatte ihn in der letzten Woche mindestens viermal angeschaut und mir außerdem bei jedem Frühstück, Mittag- und Abendessen davon erzählt, wenn sie mir nicht gerade von Sascha Hehn, dem neuen Traumschiffkapitän, vorschwärmte.

»Die Pulver hat da auch einen Mann gefunden, dann wirst du in Heidelberg ganz bestimmt auch jemand Nettes kennenlernen.«

»Das war nur im Film so. Gespielt, verstehst du! Lilo Pulver hat da nicht den Mann fürs Leben gefunden. Vielleicht solltest du mal noch etwas anderes tun, als dir jeden Tag von morgens bis abends irgendwelche Schnulzen anzusehen.«

Wobei das nicht stimmte. Tante Flo sah sich nicht nur Schnulzen an, sondern alles querbeet. Sophia Loren auf dem Hausboot, schweigende Lämmer, Kommissar Rex bei der Arbeit. Seit dem Tod ihrer Zwillingsschwester Alma, mit der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, war Tante Flo...


Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren. Seit 1997 lebt sie mit ihrem Mann in Heidelberg und ist heute als Psychologin im klinischen Bereich tätig. Nach ihrem Umzug in die Kurpfalz begann die begeisterte Krimileserin, selbst Romane zu schreiben. 2011 erhielt sie den Walter-Kempowski-Literaturpreis.



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