E-Book, Deutsch, Band 8, 288 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
Bach Heidelberger Hexentanz
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-100-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Badische Krimi
E-Book, Deutsch, Band 8, 288 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
ISBN: 978-3-98707-100-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren und wuchs nahe der holländischen Grenze auf. 1997 zog die promovierte Psychologin nach Heidelberg, wo sie seit 2006 als Schriftstellerin tätig ist. Neben Kriminalromanen schreibt sie Kurzgeschichten, mit denen sie u.a. den Walter-Kempowski-Literaturpreis gewann. www.marlene-bach.de
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1
Heute glaube ich, der Himmel wollte mich warnen. Vielleicht war es auch meine Tante Flo, die mir aus dem Jenseits eine Botschaft schickte: Da draußen lauert das Böse. Wenn du jetzt hinausgehst, kannst du ihm nicht mehr entkommen. Ich hätte das tun sollen, was Menschen tun, wenn der Wind den Hahn von der Kirchturmspitze weht und abgebrochene Äste Autodächer zertrümmern. Ich hätte zu Hause bleiben sollen. Aber ich verstand die Nachricht nicht.
Die ganze Nacht über hatte der Sturm mich wachgehalten. Ein wütender Drache, der seinen zerstörerischen Atem in die Stadt hineinspie und damit endgültig den schwülheißen Sommer vertrieb. Die alten Holzläden an der Pension hatten geklappert, als würde die nächste Böe sie abreißen, und der Regen war mit einer solchen Wucht auf das Dachfenster über meinem Bett geprasselt, dass ich glaubte, wir müssten alle ertrinken. Hugo, Emilio, unsere Pensionsgäste und die ganze Mäuseschar, die in unserem Keller lebte. Doch es war nicht nur der Sturm, der mich wachhielt. Es war vor allem der Kummer, der wieder einmal dafür sorgte, dass ich nachts grübelte, statt zu schlafen.
Erst am späteren Vormittag ließ der Regen endlich nach. Die zwei Gäste, die zurzeit bei uns wohnten, waren auf ihren Zimmern verschwunden, die Küche war aufgeräumt, also zog ich meine Jacke über und ging aus dem Haus. Es war auf jeden Fall besser, als mich wieder in meine Dachkammer zu verkriechen, selbst bei diesem Wetter.
Im Eingang vor der Haustür lag noch die Zeitung vom Morgen. Oder, besser gesagt, der Rest davon. Der Wind hatte sie auseinandergezerrt und einen Teil davon auf die Gasse geweht. Eine Seite hatte er in die Höhe gewirbelt, sodass sie an der regenfeuchten Haustür kleben geblieben war wie ein Steckbrief. »Brutaler Raubmord – Leiche am Königstuhl gefunden«, stand dort. Daneben war das wächsern bleiche Gesicht eines Mannes abgebildet. Es war nicht zu übersehen, aber ich schenkte dem Toten keine Beachtung, ich war viel zu sehr in Gedanken.
Der Kummer, der mich aus dem Haus trieb, hatte einen Namen: Emilio. An ihn dachte ich, als ich mich in die Augustinergasse treiben ließ. An seine braunen Augen und das kleine Grübchen, das an seinem Kinn auftauchte, wenn er lachte. An den flüchtigen Kuss, den er mir gestern Abend auf die Wange gedrückt und der für ihn wahrscheinlich nichts bedeutet hatte. Denn Emilio liebte meinen Chef Hugo, der mein bester Freund war. Und Hugo liebte Emilio. Genauso wie ich. Mit jeder Faser meines vierunddreißigjährigen Herzens. Die Tatsache, dass Emilio in der Vergangenheit auch einmal eine Freundin gehabt hatte, machte die Sache nicht einfacher. Ganz im Gegenteil, sie war der Quell all meiner Hoffnung.
Wir drei betrieben gemeinsam die kleine Pension »Chez Rosel« in der Heidelberger Altstadt und lebten auch zusammen dort. Alles hätte so gut laufen können, aber seit einigen Wochen fuhr ich jeden Tag Achterbahn. Ein liebes Wort von Emilio, eine zufällige Berührung, und ich war die glücklichste Frau auf Erden. Dann wieder hatte ich ein schlechtes Gewissen Hugo gegenüber, dass ich so für seinen Freund empfand. Und nachts, allein in meiner Dachkammer, fühlte ich mich wie der einsamste Mensch auf der Welt. Flo, meine Tante, die mich großgezogen hatte, war vor einigen Monaten gestorben. Mein altes Zuhause in Ülske gab es nicht mehr, weil es Flo nicht mehr gab. Und nun hatte ich Angst, auch mein neues Zuhause zu verlieren, denn wenn ich in der Pension blieb, würde ich auf Dauer an Emilios und Hugos Glück zugrunde gehen.
Wäre ich nicht so mit meiner Misere beschäftigt gewesen, vielleicht hätte ich die verstörte Frau früher bemerkt. Doch ich nahm sie erst wahr, als sie direkt auf mich zukam, mit einer Verzweiflung auf dem blassen Gesicht, als wäre sie die letzte Passagierin auf der untergehenden »Titanic«.
»Kennen Sie sich hier aus?«, fragte sie.
Der Wind hatte ihre halblangen roten Haare zerzaust, und auf ihren Wangen schimmerten hektische Flecken. Die Ärmel ihrer hellblauen Regenjacke reichten fast bis über ihre Hände. Vielleicht wirkte sie deshalb so verloren.
»Ich muss etwas über die Hexen hier wissen. Ich meine, über einen Ort …« Ihr Blick irrte umher. »Der Turm da im Hof ist doch der Hexenturm, nicht wahr?«
Sie deutete in Richtung des hohen Gittertors, durch das man in den Innenhof der »Neuen Universität« gelangte. Darin gab es nicht nur eine große Rasenfläche mit kniehohen Steinen drumherum, wo man im Sommer die Nase in die Sonne halten konnte, sondern auch einen hohen Turm aus rotem Sandstein, an den sich rechts und links die Gebäude der Universität anschlossen.
»Ja, genau, das ist der Hexenturm.«
»Ich suche etwas.« Die Unbekannte strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Aber es ist da nicht. Ich habe überall nachgeschaut. Vielleicht bin ich hier falsch.« Sie zog ein zerknittertes Papier aus ihrer Jackentasche. »Hier, da muss ich hin: ›Roter Sandstein, von des Kurfürsten Gnaden. Fünfzig Meter hoch, genug Platz für Riesen. Suche dort, wo eine der bösen Frauen, die den Schwarzen Tod über Heidelberg brachten, verlor, was niemand gern verliert.‹«
Sie hielt das Blatt mit beiden Händen fest, damit der Wind es ihr nicht entriss.
»Der Schwarze Tod, das ist die Pest. Da bin ich mir ziemlich sicher«, sagte sie. »Dann ist mit der bösen Frau bestimmt eine Hexe gemeint. Die hat man früher für die Pest verantwortlich gemacht. Der Turm da drin ist aus rotem Sandstein. Und es ist der Hexenturm. Dann muss das doch hier sein!«
Ich stülpte die Kapuze meines Anoraks über. Lange, lockige Haare waren nichts für dieses Wetter, sie entwickelten im Wind ein Eigenleben wie Seetang im Meer.
»Ich glaube nicht, dass der Turm hier für die Hexen gedacht war. Soviel ich weiß, war das einmal ein Gefängnis. Der Turm heißt nur Hexenturm, aber da waren keine drin.«
Seit ich wegen meiner Unwissenheit über den Faulen Pelz einmal fast gestorben wäre, hatte ich fleißig dazugelernt und jede Menge Reiseführer studiert. Inzwischen wusste ich so viel über Heidelberg, dass ich sogar ab und zu kleine Führungen für unsere Pensionsgäste anbot. Der Turm war einmal Teil der Stadtmauer gewesen, aber davon, dass dort angebliche Hexen ermordet worden waren, hatte ich nirgends etwas gelesen. Wahrscheinlich hatte es auch in Heidelberg solche Gräueltaten gegeben, aber ich hatte keine Ahnung, wo.
»Der Turm ist bestimmt auch nicht fünfzig Meter hoch«, wandte ich ein.
Vielleicht waren es zwanzig, dreißig Meter, aber keine fünfzig.
»Gibt es denn in der Stadt einen Turm, der so hoch ist?«
»Auf jeden Fall gibt es höhere als den Hexenturm. Zum Beispiel den an der Jesuitenkirche. Oder oben am Schloss, da sind mehrere Türme. Aber wie hoch die genau sind, kann ich Ihnen nicht sagen. Tut mir leid.«
»Ja, schon gut.« Die rothaarige Unbekannte steckte den Zettel wieder ein, den Kopf leicht gesenkt. Dabei wirkte sie so enttäuscht, dass es mir leidtat, ihr nicht weiterhelfen zu können.
Ob das eine neue Idee des Heidelberger Stadtmarketings zur Touristenunterhaltung war? Aber irrte man deshalb kreidebleich bei diesem Wetter in der Stadt herum? Wie auch immer, für enttäuschte Menschen war ich im Moment die falsche Ansprechpartnerin, ich hatte genug mit mir zu tun.
»Dann viel Glück!«, wünschte ich und ging weiter.
Hätten meine Finger in der Jackentasche nicht das Bonbon berührt, das dort geduldig darauf wartete, gegessen zu werden, wäre es mir wahrscheinlich nicht mehr eingefallen. Emilio liebte diese Bonbonsorte genauso wie ich. Ich überlegte, noch zum Zuckerladen zu gehen, um ihm eine Tüte davon mitzubringen. Der Heidelberger Zuckerladen mit dem Zahnarztstuhl im Schaufenster. Bonbons. Zahnarzt. Zähne. Dann erinnerte ich mich: an die Geschichte von der Hexe, die ihre Zähne in Heidelberg verloren hatte. Ich hatte sie in einem der Reiseführer gelesen. Wie konnte ich das nur vergessen? Aber das kam davon, wenn man nachts kaum schlief.
Ich drehte mich um und kehrte zurück, doch die Fremde war verschwunden. Ich fand sie im Hof der Universität, wo sie an der Mauer des Turms entlanglief, offenbar immer noch suchend.
»Hallo!«, rief ich. »Mir ist da etwas eingefallen!«
Sie sah hoch, dann kam sie mit schnellen Schritten auf mich zu.
»Vielleicht sind es die Zähne! Das, was niemand gern verliert. Oben am Schloss gibt es einen Turm mit einem Türklopfer. Einem großen eisernen Ring. Angeblich hat sich daran einmal eine Hexe die Zähne ausgebissen, weil der Kurfürst versprochen hatte, dass der alles von ihm erbt, der den Ring durchbeißen kann. Es sollen die Spuren von den Hexenzähnen daran zu sehen sein. Wenn man’s denn glauben will. Auf jeden Fall heißt er Hexenring.«
»Ein Turm, eine Hexe und etwas, das niemand gern verliert. Zähne. Das würde passen.« Die hübsche Fremde schaute zurück zum Hexenturm. »Dann ist das der falsche Turm.«
Ich hatte gedacht, sie würde sich über meinen Einfall freuen, aber sie schaute nur hektisch auf ihre Uhr.
»Ich muss zu diesem Hexenring! Wie komme ich von hier aus dorthin?«
»Mit der Bergbahn. Oder zu Fuß, das geht wahrscheinlich genauso schnell. Sie können den Stufenweg nehmen, dann kommen Sie gleich oben in der Nähe des Turms raus.«
»Zeigen Sie mir, wo dieser Weg ist? Ich kenne mich nicht so gut aus, ich wohne noch nicht lange in Heidelberg. Bitte, es ist wirklich sehr, sehr wichtig für mich!«
Ihre Augen waren so hellblau wie ihre Regenjacke. Sie glänzten, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Der Stufenweg hoch zum Schloss war eigentlich nicht zu verpassen, aber zurück zur Pension musste ich sowieso in dieselbe Richtung.
»Am besten, wir gehen...




