E-Book, Deutsch, Band 4, 272 Seiten
Reihe: Marie Moser
Bach Kurpfalzblues
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-019-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 4, 272 Seiten
Reihe: Marie Moser
ISBN: 978-3-86358-019-3
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren und wuchs nahe der holländischen Grenze auf. Sie ist promovierte Psychologin und heute im klinischen Bereich tätig. Seit 1997 lebt sie in Heidelberg. Im Emons Verlag erschienen ihre Kriminalromane Elenas Schweigen', 'Kurpfälzer Intrige' und 'Ab in die Hölle'.
Autoren/Hrsg.
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Tödliche Träume
Eine leichte Brise, so sanft auf der Haut, als würde jemand zärtlich darüber streichen. Hohe Palmen, gebeugt vom Wind, mit Kokosnüssen zwischen den grünen Blättern. Feiner weißer Sand. Türkisblaues Meer. Wellen, die ans seichte Ufer plätschern.
Und ganz am Ende, da, wo Strand und Himmel sich berühren, ein kleines Haus, weiß angestrichen, mit Tischen und Stühlen davor und gelben Sonnenschirmen, die in den blauen Himmel leuchten. An der Hauswand ein Schild, auf dem in großen Lettern »Leas Restaurant« zu lesen ist.
Die Tür des Hauses öffnet sich, eine junge Frau tritt heraus, barfuß, schlank, mit langem weizenblondem Haar, ein buntes Tuch um den schönen Körper geschlungen. Einen kurzen Moment hält sie ihr Gesicht in die Sonne, dann schaut sie hinaus auf das Meer.
Auf den Wellen tanzt ein winziger Punkt. Er kommt näher und näher, wird größer und größer, verwandelt sich in die Silhouette eines jungen Mannes. Muskulös und braun gebrannt balanciert er auf einem Surfbrett über das Wasser, die dunkel gelockten Haare flattern im Wind.
Er lässt sich von den Wellen bis an den Strand tragen, das Surfbrett gleitet noch ein paar Meter über den Sand, dann steigt er ab, geht langsam auf das kleine weiße Haus zu, den Blick auf die junge Frau gerichtet. Er bleibt vor ihr stehen, legt seine Hände um ihre Hüften und zieht sie an sich.
»Hallo, Lea«, flüstert er.
Und aus war es. Vorbei.
Ihr Traum endete immer an der gleichen Stelle, zerplatzte wie eine Seifenblase, die riesig und schillernd schön durch die Luft waberte, um dann am Kühlschrank anzustoßen und nichts als ein paar nasse Spritzer auf dem Boden zu hinterlassen.
Lea griff nach ihrer Sporthose und schaute unter das Bett. Irgendwo mussten ihre Joggingschuhe doch sein.
Vielleicht hieß er Tom. Max wäre auch nicht schlecht. Aber wer wusste schon, ob die in Australien ähnliche Namen hatten wie hier. Vielleicht hießen die Jungs da ganz anders. Egal. Auch für den hässlichsten Namen ließ sich irgendeine gute Abkürzung finden. Das sah man ja an Cloe.
Sie sollte Cloe fragen, ob sie darauf bestand, dass ihr Name mit auf dem Schild stand. »Leas & Cloes Restaurant«. Ging auch noch. Aber »Leas Restaurant« klang einfach schöner, und man konnte es sich besser merken. Cloe würde das schon verstehen.
Sie musste sich beeilen. Nicht mehr lange, und es würde dunkel werden. Sie hasste diese dämlichen Arbeitszeiten, hasste es, in dieses Korsett gezwängt zu sein.
Morgens rein in die Apotheke, abends raus aus der Apotheke. Ein Kunde nach dem anderen, hier tat was weh, da tat was weh, ständig das Gejammer, und wenn einer mal nicht jammerte, dann wurde man garantiert angehustet oder angeniest.
Unter dem Bett waren die Schuhe nicht. Auch nicht in dem winzig kleinen Flur. Aber unter dem Küchentisch wurde sie endlich fündig.
Zwei Minuten später lief Lea die Treppe hinunter, die blonden Haare zum Zopf gebunden, der hin und her wippte.
Im Hausflur war das Licht kaputt, wieder einmal. Trotzdem konnte sie im Halbdunkel den weißen Umschlag sehen, der aus ihrem Briefkasten herausschaute. Bestimmt wieder irgendeine blöde Reklame.
Sie zog den Brief hervor. Es stand keine Adresse darauf.
Das Papier, das sie in dem Umschlag fand, war sorgfältig gefaltet. Lea strich es glatt und überflog die gedruckten Zeilen:
Schönste der Schönen, die mein Herz betört,
befruchtet von der Schlange, die dein Schreien nicht hört.
Der Einsamkeit Klaue, todbringend die Pein,
der Bräutigam kann länger nicht ohne dich sein.
Nun erlischt der Sonne wärmender Strahl,
erlöst werd’ ich endlich von grausamer Qual.
Es ist an der Zeit, die Nebel steigen,
komm, Gottesbraut, komm, zum Hochzeitsreigen.
Wenn das Reklame war, dann war sie auf jeden Fall voll daneben. Gottesbraut. So ein Schwachsinn.
Den Brief noch in der Hand, riss Lea die Haustür auf und trat hinaus in die frische Abendluft. Endlich war es abgekühlt. Der Sommer war entsetzlich drückend und schwül gewesen. In den engen Gassen der Altstadt hatten die Mauern die Hitze gespeichert wie in einem Backofen, sodass sie nachts manchmal glaubte, in ihrem kleinen Zimmer ersticken zu müssen.
Aber das war ihr letzter Sommer in einem Backofen. Ganz bestimmt.
Sie zerriss den seltsamen Brief und warf ihn in die Mülltonne. Dann lief sie über das Kopfsteinpflaster in Richtung Alte Brücke. Es dämmerte schon, aber sie musste raus, sie brauchte das Laufen, um den Kopf frei zu bekommen.
Sie konnte arbeiten, Menschen etwas verkaufen und trotzdem die ganze Zeit an etwas anderes denken. Die dunklen Wolken machten sich einfach in ihrem Kopf breit, egal was sie gerade tat. Nur beim Laufen, da lösten sie sich langsam auf.
Bald würde alles besser werden. Die Wolken würden verschwinden, ewiger Sonnenschein – wenn sie erst einmal weg war von hier. Weg aus dieser verdammten Stadt, weg aus dieser ganzen verdammten Gegend.
Wenn sie irgendwo erzählte, dass sie in Heidelberg lebte, kamen immer die gleichen Kommentare. Wie schön! Da war ich auch schon mal. So romantisch.
Bla, bla, bla. Sie konnte es nicht mehr hören.
Wenn man als Tourist kam, im Sonnenschein auf dem Marktplatz saß und Pizza und Eis in sich reinstopfte, dann war es vielleicht eine schöne Stadt. Für sie nicht.
Zu viele schlechte Erinnerungen. Zu viele Nächte, die sie in ihrer stickigen kleinen Wohnung unter dem Dach wach gelegen hatte.
Mit gleichmäßigen Schritten lief Lea über die Brücke, die Stufen hinunter, und bog auf den schmalen Pfad, der am Ufer des Neckars entlangführte.
Sie würde es schaffen, wegzugehen. Sie wusste, dass sie es schaffen würde. Man musste nur an seine Träume glauben. Australien. Das weiße Haus am Strand. Leas Restaurant.
Sie rannte über den gepflasterten Weg, an der hohen Sandsteinmauer entlang, unter dem Vorsprung, den die darüberliegende Straße bildete. Über sich konnte sie die Autos hören, die dort entlangfuhren. Aber sonst war es heute still hier.
Sie kannte die Geräusche am Fluss, sie kam fast jeden Abend hierher. Manchmal rauschte das Wasser des Neckars in hohem Tempo vorbei, ein andermal gluckerte und gluckste es, mal schien es fast zu flüstern. Leise, als ob die Wassergeister etwas erzählen wollten.
Aber heute schwieg der Fluss. Seine Oberfläche war ganz glatt und dunkel. Fast sah es aus, als habe er aufgehört zu fließen.
Lea lief, weiter und weiter. Konzentrierte sich auf ihren Atem. Einatmen, ausatmen, Schritt für Schritt, so lange, bis sie den Schweiß an ihren Schläfen spüren konnte.
Inzwischen waren auch die letzten Spaziergänger verschwunden. Niemand war mehr zu sehen. Nur die Bäume am Ufer streckten wie riesige gebeugte Gestalten ihre knorrigen Arme über den Fluss.
Ein Geräusch. Lea schaute sich um, blickte suchend in das Dämmerlicht. Aber schon war es wieder still.
Obwohl sie schwitzte, spürte sie die Kälte, die an ihren Beinen hochkroch, über ihre Schenkel, ihr Gesäß, bis hin zum Rücken. Kälte, die vom Wasser kam.
Lea drehte um. Es war genug für heute. Sie musste noch Vokabeln lernen.
Erstaunlicherweise kam sie gut mit. Dabei war sie in der Schule so eine Niete in Englisch gewesen. Restaurant, das hieß auf Englisch das Gleiche wie auf Deutsch. Aber wenn es nur Kleinigkeiten zu essen gab, wie nannte man das? Snackbar?
Erst im letzten Moment sah Lea den großen Ast, der quer über dem Weg lag. Fast wäre sie darüber gestolpert.
Aber es lag noch etwas auf dem Boden, schimmerte hell. Eine Geldbörse. Daneben einige Münzen und ein Zwanzigeuroschein. Hatte das schon da gelegen, als sie hergelaufen war? War sie so in Gedanken gewesen, dass sie es nicht bemerkt hatte?
Lea bückte sich. Es war nicht nur ein Geldschein. Verstreut über dem Weg lag eine ganze Reihe von Scheinen und Münzen, fast so, als habe jemand nach einem Bankraub seine Beute verloren.
Sie spähte den Weg entlang. Niemand war zu sehen. Dann fing sie an, aufzusammeln, was sie im schwachen Licht entdecken konnte. Münze für Münze, Schein für Schein steckte sie in ihre Hosentasche, folgte der Spur des Geldes, bis sie direkt am Ufer stand.
Hinter ihr ein Geräusch. Ein Fuß, der aufgesetzt wurde, ein Schritt, leise, voller Vorsicht. Und doch laut genug, dass Lea ihn hören konnte.
Sie stand da wie erstarrt, den Blick auf die Lichter am anderen Ufer gerichtet. Traute sich kaum zu atmen.
Bestimmt hatte da eben noch nichts gelegen. Kein Ast und auch kein Geld.
Wie konnte sie nur so dumm sein.
Langsam drehte sie sich um.
Der Schlag traf Lea mit voller Wucht.
Sie fiel zur Seite, sackte zusammen, ein Stoß, und sie stürzte in den dunklen Fluss hinein. Hände legten sich auf ihre Schultern und drückten sie unerbittlich nach unten. Eiskalt strömte das Wasser in ihre Lunge und holte sie für einen kurzen Moment ins Bewusstsein zurück. Voller Panik schnappte sie nach Luft.
Vergeblich.
Bilder stiegen in ihrem Kopf hoch wie die Luftblasen zur Oberfläche des Flusses.
Die kleine Lea im weißen Kleid unter dem Kirschbaum, eine Puppe auf dem Arm, ein Käfer auf einem Blatt, grüngolden schillernd. Der Vater, am Esstisch, eine halb volle Flasche auf der karierten Tischdecke. Die Mutter, die den Kopf zur Zimmertür hereinsteckt. Was machst du, Lea? Träumst du wieder?
*
Es gab so einiges, was...




