E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Bach / Simonsen ICD-11 Persönlichkeitsstörungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-456-76366-8
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein klinischer Leitfaden
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-456-76366-8
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„ICD-11 Persönlichkeitsstörungen – Ein klinischer Leitfaden“ vermittelt die Grundlagen der neuen dimensionalen Diagnostik. Statt einer starren kategorialen Einteilung stehen Schweregrade der Funktionsbeeinträchtigung und die Beschreibung übergeordneter Persönlichkeitsmerkmale im Fokus. Diese Veränderungen verlangen ein Umdenken sowie gezielte Aus- und Weiterbildung. Der Leitfaden unterstützt Sie dabei:
- Einstieg mit einem kompakten „Crashkurs“ zur klinischen Einschätzung von Persönlichkeitsfunktionen und -eigenschaften, um die Hintergründe des neuen Klassifikationskonzepts zu verstehen.
- Detaillierte Darstellung der Fähigkeiten und Ausprägungen der Persönlichkeitsfunktionen als Basis für die Beurteilung des Schweregrads.
- Übersicht über die fünf Merkmalsbereiche, die den Stil und die Ausprägung der Persönlichkeitsschwierigkeiten beschreiben.
Das Buch richtet sich an Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut*innen, Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzt*innen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinische Psychologinnen sowie Psychologische Berater*innen.
Zielgruppe
Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut*innen, Fachärzte*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzte*innen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinische Psycholog*innen, Psychologische Berater*innen.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
|13|1 Hintergrund
Mit der Einführung der ICD-11, der 11. Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), (WHO, 2023) hat es einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise gegeben, wie wir Persönlichkeitsstörungen verstehen und diagnostizieren. In diesem Einführungskapitel werden die wichtigsten Änderungen und die ihnen zugrundeliegenden klinischen und wissenschaftlichen Begründungen beschreiben.
1.1 Zweck dieses Buches
Die ICD-11-Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen enthält bedeutende Änderungen, die eine grundlegende Umschulung der Fachleute und eine Umstrukturierung der klinischen Praxis im Allgemeinen erfordern. Um diesen anspruchsvollen Prozess zu unterstützen, haben wir ein Buch geschrieben, von dem wir hoffen, dass es für Kliniker und Klinikerinnen nützlich sein wird. Wir empfehlen den Lesern und Leserinnen, das Buch als Leitfaden zu verwenden, in dem bei Bedarf nachgeschlagen werden kann und der nicht unbedingt von Anfang bis Ende gelesen werden sollte. Klinisch Tätige können z.?B. zunächst den Abschnitt „Ein Schnellkurs zur klinischen Anwendung von Persönlichkeitsfunktionen und -merkmalen“ in Kapitel 2 lesen, um die klinischen Gründe für die neue Klassifikation zu verstehen. Anschließend kann es von Vorteil sein, sich in Kapitel 3 mit den verschiedenen Fähigkeiten und Ausprägungen der Persönlichkeitsfunktionen vertraut zu machen, die die Grundlage für die entscheidende Bewertung und Beschreibung des Schweregrads in Kapitel 4 bilden. Darüber hinaus kann Kapitel 5 genutzt werden, um sich einen Überblick über die fünf Merkmalsbereiche zu ver|14|schaffen, die das Persönlichkeitsmuster und die Ausprägung der Persönlichkeitsstörung von Patienten und Patientinnen beschreiben. Bei der Erwägung von Behandlungsoptionen kann es hilfreich sein, Kapitel 6 zu Rate zu ziehen, in dem spezifische Vorschläge für jeden Schweregrad sowie für verschiedene Kombinationen von Merkmalsbereichen beschrieben werden. Im Anhang des Buches haben wir Extras aufgenommen, die für den Einstieg in die neue Klassifikation zwar nützlich (nice to know), aber nicht unbedingt notwendig (need to know) sind.
1.2 Kurze Einführung in die Konzeptualisierung der Persönlichkeitsstörung nach ICD-11
| ICD-10 | ICD-11 |
| Kategorien F60.0 Paranoid F60.1 Schizoid F60.2 Dissozial F60.3 Emotional instabil (Borderline) F60.4 Histrionisch F60.5 Zwanghaft (anankastisch) F60.6 Ängstlich (vermeidend) F60.7 Abhängig (asthenisch) F60.8 Sonstige spezifische F60.9 Nicht näher bezeichnet F61.0 Kombinierte und andere Persönlichkeitsstörungen Z73.1 Akzentuierte Persönlichkeitszüge (subdiagnostisch) | Persönlichkeitsstörung 6D10.Z Schweregrad nicht näher bezeichnet Schweregrad QE50.7 Persönlichkeitsproblematik 6D10.0 Leichtgradige Persönlichkeitsstörung 6D10.1 Mittelgradige Persönlichkeitsstörung 6D10.2 Schwergradige Persönlichkeitsstörung Zusatzkodes– Persönlichkeitsmerkmale und -muster 6D11.0 Negative Affektivität 6D11.1 Distanziertheit 6D11.2 Dissozialität 6D11.3 Enthemmung 6D11.4 Anankasmus 6D11.5 Borderline-Muster |
In der ICD-11 werden Persönlichkeitsstörungen auf der Grundlage dessen beschrieben und diagnostiziert, was es eigentlich bedeutet, eine Person zu sein, und insbesondere, was es bedeutet, eine Persönlichkeitsstörung im Allgemeinen zu haben (Bender, 2018; Sharp & Wall, 2021; Tyrer et al., 2019). Kurz gesagt, erfordert die ICD-11, Persönlichkeitsproblematiken und Persönlichkeitsstörungen auf der Grundlage einer allgemeinen Dysfunktion hinsichtlich Aspekten des Selbst und des zwischenmenschlichen Bereichs zu diagnostizieren, zusammen mit emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Manifestationen sowie unter Einbeziehung der generellen psychosozialen Funktionsweise und des vorhandenen Leidensdrucks. Sobald diese allgemeinen Aspekte der Persönlichkeitsfunktion und -manifestationen bei Patienten und Patientinnen festgestellt werden, kann die Diagnose weiter nach Schweregrad (leichtgradig, mittelgradig, schwergradig) oder einem subdiagnostischen Vorliegen von Persönlichkeitsstörungen klassifiziert werden. Dies kann durch die Angabe einer oder mehrerer der wichtigsten Merkmalsdomänen (Negative Affektivität, Distanziertheit, Dissozialität, Enthemmung und Anankasmus) ergänzt werden, um die individuelle Ausprägung der Diagnose zu unterstreichen. Schließlich besteht auch die Möglichkeit, einen weiteren Kode für ein Borderline-Muster auszuwählen, wenn dies einen echten Unterschied für den Verlauf des Patienten oder der Patientin bedeuten kann. Wie aus Tabelle 1-1 hervorgeht, wird im Allgemeinen nur die erste Gruppe von ICD-11-Kodes, d.?h. bis einschließlich Schweregrad, als eigentliche Diagnose verwendet, während die Merkmalsbereiche und das Borderline-Muster nur als informative Zusatzkodes verwendet werden (WHO, 2021). Mit ICD-10 haben sich viele Kliniker und Klinikerinnen daran gewöhnt, mit bis zu zehn verschiedenen Typen von Persönlichkeitsstörungen arbeiten zu müssen, die in der Praxis vom Schweregrad her völlig gleich sind. Es ist bekannt, dass auf einzelne Patienten und Patientinnen mit einer Persönlichkeitsstörung meist mehrere Typen gleichzeitig zutreffen. Mit der ICD-11 hat sich der Schwerpunkt stattdessen auf Kategorien des Gesamtschweregrads verlagert, während der Stil oder die Typologie anhand von Merkmalsdomänen beschrieben werden kann (siehe Beispiele in Anhang B). Für eine konkretere Einführung verweisen wir auf den Abschnitt „Schnellkurs zur klinischen Anwendung von Persönlichkeitsfunktionen und -merkmalen“ in Kapitel 2.
1.3 Ausarbeitung einer neuen Klassifikation
Die jetzt offizielle ICD-11-Klassifikation der Persönlichkeitsstörung wurde in einem langwierigen und schwierigen Prozess unter der Leitung einer von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) eingesetzten internationalen Arbeitsgruppe erstellt. Die Arbeitsgruppe war breit aufgestellt, um eine vielfältige Expertise und geografische Vertretung zu gewährleisten (Tyrer, 2005; Tyrer et al., 2019; Tyrer, Crawford & Mulder, 2011). Zur ursprünglichen Arbeitsgruppe gehörten Peter Tyrer (Psychiater) aus England, Mike Crawford (Psychiater) aus England, Roger Mulder (Psychiater) aus Neuseeland, Roger Blash|16|field (Psychologe) aus den USA, Alireza Farnam (Psychiater) aus dem Iran, Andrea Fossati (Psychologe) aus Italien, Michaela Swales (Psychologin) aus Wales, Dusica Lecic-Tosevski (Psychiaterin) aus Serbien, David Ndetei (Psychiater) aus Kenia, Nestor Koldobsky (Psychiater) aus Argentinien und Lee Anna Clark (Psychologin) aus den USA.
Seit ihrer Einführung vor 30 Jahren hat die ICD-10 („Blaues Buch“) ausdrücklich die wissenschaftlichen und anwendungsbezogenen Probleme bei der Klassifizierung von Persönlichkeitsstörungen anerkannt und auf die Notwendigkeit einer neuen Klassifizierung hingewiesen: „… ein neuer Ansatz zur Beschreibung von ...




