E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Bach So weit das Land, so frei das Herz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98707-167-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-98707-167-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren und wuchs nahe der holländischen Grenze auf. 1997 zog die promovierte Psychologin nach Heidelberg, wo sie seit 2006 als Schriftstellerin tätig ist. Neben Kriminalromanen schreibt sie Kurzgeschichten, mit denen sie u.a. den Walter-Kempowski-Literaturpreis gewann. www.marlene-bach.de
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1
Die Liebe ihres Lebens hatte dunkle Schatten unter den Augen und sah so herablassend in die Runde, dass Franca am liebsten aufgestanden und gegangen wäre. Es gab eine Zeit, da hatte sie seine Küsse auf ihrer Haut genossen und sich nach seinen Berührungen gesehnt. Sie hatte ihn so sehr geliebt, dass sie ihm bis ans Ende der Welt gefolgt wäre. Wenn er sich denn von seiner Frau getrennt hätte.
Was für ein Glück, dass er es nicht getan hatte.
Das Opfer für die heutige Dienstbesprechung war schon gefunden, eine der neuen Kolleginnen. Hemingway war nüchtern, so wie immer, wenn er in der Klinik auftauchte. Aber seinen Spitznamen hatte er nicht bekommen, weil er ein begnadeter Schriftsteller gewesen wäre. Es war allgemein bekannt, dass der Herr Oberarzt jeden Abend in einer anderen Kneipe versackte, genauso wie seine Vorliebe für Whiskey.
Lena, die Kollegin, die erst seit zwei Monaten in der Klinik arbeitete, lief schon rot an. Franca wusste aus ihrer eigenen Anfängerzeit nur zu gut, wie es sich anfühlte, vor dem Kollegium berichten zu müssen, unsicher, gestresst, mit dem Gefühl, dass der Arztkittel noch eine Nummer zu groß war.
»Wenn Sie etwas lauter sprechen würden, könnten wir Sie auch hören«, ätzte Hemingway.
»Wir haben im –«
»Wie bitte?«, rief er und legte demonstrativ die Hand hinter das Ohr.
»Wir haben im CT einen kreisförmigen Herd in –«
»Bitte, was?« Hemingway reckte den Kopf nach vorn, die Hand immer noch hinter dem Ohr.
»Ich sagte, wir ha–«
»Ach, Sie haben wirklich etwas gesagt? Ich war mir nicht sicher. Ich dachte, draußen auf dem Gang hätte jemand etwas geflüstert.«
Franca sah, wie Lenas Augen anfingen zu glänzen. Wenn sie jetzt weinen würde, war das ihr Ende, dann würde Hemingway sie auf jeden Fall niedermachen.
»Es ist ein Zeichen des Respekts, so laut zu sprechen, dass andere hören können, was man sagt«, fuhr er sie an. »Wollen Sie mit diesem Piepsstimmchen einem Patienten mitteilen, wie er seine Medikamente einzunehmen hat? Glauben Sie wirklich, ein Achtzigjähriger würde irgendetwas von dem mitbekommen, was Sie sagen?«
»Ich … Ich werde mich bemühen …«
»Bemühen ist nicht nötig. Machen Sie einfach den Mund auf, wenn Sie reden. Das würde schon völlig reichen!«
Alle schauten betroffen nach unten. Niemand sagte etwas.
Wäre Franca nicht so müde gewesen, wäre es vielleicht nicht passiert. Aber die Energie, die sie gebraucht hätte, um den Mund zu halten, hatte sie nicht mehr. Zu viele Überstunden, zu viele Dienste. Wochen und Monate, in denen sie über ihre Kräfte hinaus gearbeitet hatte. Alles für die Klinik. Und damit auch für diesen Tyrannen, der andere schikanierte, wann immer er konnte. Wie hatte sie sich in einem Menschen nur so irren können? Die Wörter bahnten sich ihren Weg und entwichen ihr, unzensiert wie ein Seufzer.
»Du versoffenes Wrack.«
Alle Köpfe drehten sich zu ihr. Hatte sie das wirklich laut gesagt? Doch das Entsetzen hing in der Luft, als hätte sie gerade die nächste Pandemie verkündet. Die Blicke wanderten zwischen Hemingway und ihr hin und her. Die Kollegen warteten darauf, dass der Wolf sich auf sie stürzte und in Stücke riss.
Franca aber konnte in Hemingways Augen sehen, wie sehr sie ihn getroffen hatte. Damit hatte er nicht gerechnet, vor allem nicht von ihr.
»Frau Sallner, möchten Sie Ihren Kommentar noch einmal wiederholen? Anscheinend sind auch Sie der Flüsterfraktion beigetreten.«
Das »versoffene Wrack« tat so, als hätte er sie nicht verstanden. Er ließ ihr ein Mauseloch, aus dem sie entkommen konnte.
»Nun, da Frau Sallner nicht nur der Flüsterfraktion beigetreten, sondern gleich ganz verstummt ist, fahren wir fort. Also, wiederholen Sie den Befund«, forderte Hemingway die Kollegin auf. »Und zwar so laut, dass alle davon etwas mitbekommen.«
Nachdem sich die Runde aufgelöst hatte, ging Franca auf ihre Station und begann, den üblichen Berg abzuarbeiten: Visite, Berichte, Telefonate. In der ersten Stunde wartete sie noch darauf, dass Hemingway sie rufen ließ und ihr mitteilte, dass er für ihre Entlassung sorgen würde. Nichts geschah. Sollte sie zu ihm gehen und sich entschuldigen? Aber wofür? Weil sie die Wahrheit gesagt hatte?
Einige der Kollegen schauten vorbei, manche bewundernd, manche voller Sorge, was nun mit ihr geschehen würde. Franca war auch nur ein Rad im Klinikbetrieb, aber ein wichtiges, weil sie immer ein offenes Ohr hatte und da war, wenn jemand gebraucht wurde. Die meisten Mitarbeiter hätten liebend gern auf Hemingway verzichtet, aber sicher nicht auf Franca. Doch es geschah nichts, und Franca versuchte, die Gedanken an den Eklat beiseitezuschieben.
Wie üblich hastete sie durch den Tag. Die Zeiger der kleinen Uhr auf ihrem Schreibtisch rückten unerbittlich vorwärts, während in ihrem Kopf hin- und herraste, was noch zu erledigen war, so rasch wie der Schnellzug zwischen Beijing und Schanghai. Die Arbeit passte einfach nicht in die wenigen Stunden hinein.
Aber das war es nicht allein. In den letzten Wochen schien ihr alles mühsamer geworden zu sein. Sie brauchte immer länger, selbst für Dinge, die längst Routine waren, und wenn sie innehielt, fiel die Müdigkeit über sie her, als hätte sie nur auf den Moment gelauert, in dem Franca endlich einmal zur Ruhe kam. Dann musste sie gegen den Drang ankämpfen, einfach den Kopf auf den Schreibtisch zu legen und die Augen zu schließen. Deshalb trank sie Kaffee, so viel und so schwarz, dass er bitter schmeckte und ihr Herz raste.
Franca sah das Display ihres Handys aufleuchten, das auf dem Tisch lag. Eine Nachricht von Deniz. Doch bevor sie sie lesen konnte, klopfte es an der Tür. Pfleger Max bat sie, nach einer Patientin zu sehen.
Als Franca am Abend einen Bericht diktierte und dabei zum dritten Mal den Faden verlor, gab sie auf. Sie fuhr den Computer runter und zog ihren Mantel an. Wie üblich war sie eine der Letzten.
Im Flur stand die Tür zu Hemingways Büro offen. Franca musste dort lang, um zum Aufzug zu kommen. Sie hätte einfach vorbeigehen können, den Blick geradeaus gerichtet. Aber sie schaute hinein, sie konnte nicht anders. Er saß hinter seinem Schreibtisch und hatte wohl ihre Schritte auf dem Gang gehört, denn er hob den Kopf. Sein Gesicht war aschfahl, um seinen Mund lag ein verächtlicher Zug.
Sie sollte sich doch entschuldigen. Was sie getan hatte, war unmöglich, egal wie er sich aufgeführt hatte. Sie musste sich ja nicht so verhalten wie er.
»Das heute Morgen«, begann sie, »es –«
Aber er ließ sie nicht ausreden.
»Noch ein Mal, nur noch ein Mal etwas in der Art«, unterbrach er sie mit heiserer Stimme, »und ich mache dich fertig.«
Da drehte sie sich wortlos um und ging.
Die große Liebe. Was für ein Irrtum.
Hemingways Drohung fuhr mit ihr nach Hause. Was konnte er ihr anhaben? Sie bloßstellen, weil sie Fehler machte? Im Moment wäre sie ein leichtes Opfer für ihn. Er würde bestimmt etwas finden, das er gegen sie verwenden konnte. Oder sie würde wieder einmal den Mund nicht halten können. Ungerechtigkeit hatte sie schon immer rebellisch werden lassen. Aber jetzt war Freitagabend, und sie hatte am Wochenende ausnahmsweise einmal keinen Dienst. Vor ihr lagen ganze zwei Tage ohne Hemingway. Hoffentlich Zeit genug, um sich so weit zu erholen, dass sie ihn am Montag wieder ertragen konnte.
Die Suche nach einem Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung wurde wie jeden Abend zum Desaster. Es dauerte ewig, bis sie endlich das Auto abgestellt hatte und auf das Haus zuging, in dem sie schon seit ihrem Studium wohnte. Sie lebte gern in Heidelberg, in dem hohen alten Haus mit der üppigen Verzierung an der Fassade, auch wenn ihre Wohnung im fünften Stock lag.
Die Holzstufen ächzten unter ihren Füßen, als wüssten sie, wie anstrengend ihr Tag gewesen war. Ihre Beine waren bleischwer und mindestens so müde wie ihr Kopf, und die Treppe schraubte sich schier endlos in die Höhe. Ab dem zweiten Stock flimmerte es vor Francas Augen. Im vierten blieb sie stehen und lehnte sich an die Wand, holte kurz Luft, bis sie wieder etwas sehen konnte. Sie war am Ende. Fertig. Wollte nicht mehr denken, nicht mehr reden, sondern nur noch ins Bett und diesen Tag vergessen. Doch als sie ihre Wohnungstür aufzog, sah sie Deniz’ Jacke an der Garderobe hängen. Seine geliebte alte Lederjacke, die an den Ärmeln schon abgestoßen war.
Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Deniz hatte seine eigene Wohnung, aber oft kam er nach seiner Arbeit bei der Kripo zu ihr. Er lag schlafend auf dem Sofa, dabei ragten seine Füße über die Seitenlehne hinaus. Ein eins neunzig großer Mann passte nicht auf dieses Sofa, aber Franca hatte es gekauft, lange bevor sie ihn kennengelernt hatte. Noch zusammen mit Sophie, ein Grund, warum sie sich nicht davon trennen konnte.
Vor der Couch standen Deniz’ Schuhe. Keine Turnschuhe, wie er sie sonst immer trug, sondern seine schwarzen Lederschuhe. Größe 48. Kleine U-Boote. Wenn Deniz solche Schuhe anhatte, war etwas Besonderes los in seinem Leben. Irgendeine Feierlichkeit, ein hochoffizieller Termin oder die Beerdigung einer Tante. Hatte sie etwas nicht mitbekommen?
Franca ließ ihn schlafen und ging in die Küche, um zu sehen, was noch im Kühlschrank war. Auch hier brannte Licht, und es roch verführerisch nach gebratenen Zwiebeln und Speck. Auf dem Herd standen mehrere Töpfe, und der Tisch unter dem Dachfenster war gedeckt. Zwei Teller, Besteck, sogar Servietten. Neben einem der Teller lag eine kleine Schachtel.
Ihr Herz begann so heftig zu schlagen, dass sie es bis in den Hals hinein spüren konnte. Was für...




