Bachmann | Die Gärten der Medusa | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Bachmann Die Gärten der Medusa

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-03855-010-5
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-03855-010-5
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Schiff legt ab, ein grosser Dampfer. Er hat Gärten an Bord. Schrebergärten, Parks, Landschaftsgärten und tiefgrüne Wälder. Und ein paar Passagiere: die Menschen, die jene Oasen geschaffen haben, oder andere, die sich gern in ihnen umtun. Man sieht sie beim Ablegen an der Reling stehen, lebende Menschen und verschollene, bekannte und erfundene. Unter ihnen Teo Wild, Anthropologe. Auf der Suche nach den Gärten: jenen der Erinnerung, den frühen der Kindheit, den Gärten der Liebe und den Gärten des Denkens, die er gern mit anderen teilt. Dieter Bachmanns weit gespannte Komposition erzählt aus den verschiedensten Gegenden die Welt von gestern und heute und zugleich von der Conditio humana zwischen Eden und Apokalypse. Zwischen Umweltzerstörung und Naturschutzgebiet: Heiter, zornig, gelassen, erbost, weise - und immer mit einem Schuss voltairescher Melancholie. Der Mensch im Garten: Nie ist er sich näher.

Dieter Bachmann, geboren 1940 in Basel, 1988-1998 Chefredaktor der Zeitschrift "du", Autor der Romane "Rab", "Der kürzere Atem" und "Grimsels Zeit". Publizist und Herausgeber zahlreicher Sachbücher. Im Limmat Verlag erschienen zuletzt der Fotoband "Aufbruch in die Gegenwart. Die Schweiz in Fotografien 1840-1960" sowie der erzählende Essay "Unter Tieren".
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Anna.
Die Natur des
Philosophen


Jardin du Luxembourg


Wild saß in seiner Bar, Rue Vavin, Rue Bréa, wo es von Bistros wimmelt. Mehr würde er nicht preisgeben.

Hieß es «Vavin», sein Bistro? In dem Wild nie etwas essen würde und auch nie jemanden essen sah, obwohl es eine Küche gab und ein draußen angeschlagenes Menu. War wahrscheinlich nie zu den Essenszeiten dort. Saß und sitzt immer wieder, nämlich jedes Mal, wenn er nach Paris kommt, an einem der einfachen Holztische, so etwas gibt es tatsächlich noch im schicken, schnellen Sixième, saß auf seinem Wirtshausstuhl, der aufkreischte, als er ihn über den Fliesenboden zu sich heranzog, und der mürrisch knarrte, als er sich setzte, Blick auf die eindunkelnde Straße hinaus.

Abenddämmerung und Regen auf den Trottoirs. Heimkehrer eilten draußen vorbei, die Hand am hochgeschlagenen Mantelkragen und den Blick zu Boden gerichtet, als suchten sie dort eine Spur zu ihrer Wohnung. Manche mit einem Brot unter dem Arm, arme Seelen in dunklen Mänteln, gebückt unter dem Regen und gebeugt von der täglichen Plackerei. Paris ist nur für Touristen und Berufsflaneure, für Fremde und für ausländische Philosophen ein Vergnügen.

Hinter dem hohen Tresen aus Holz, vor dem ein paar Barhocker stehen, döste der junge Mann über einer Zeitung, der immer hier war, fast immer. Er sah ein wenig wie Anthony Perkins aus, nur blond, kleiner und eben doch ganz anders. Aber er hatte das Lächeln von Perkins, ein beständiges Lächeln, das nicht verriet, woher es kam und wem es galt. Manchmal vertrat ihn der Koch, ein asiatisches Gesicht, das rötlich glänzte wie eine abgeriebene Speckseite. Vielleicht war der Koch auch der Patron und der Junge sein Springer und Zudiener, seine Aushilfe. Wenn er in der Küche war oder anderswo. Was weiß man über die Wege derer, mit denen man nur als Gast im Restaurant vertraut ist, was tat Pascal, wenn er nicht im «Eichhörnli» war?

Ein Paar, waren es Vater und Sohn, saß an einem der Tische im schmaleren Teil des Raums, der zur Küchenschwingtür führte. Es war hier nichts los, so wie niemals viel los ist hier, eine wahre Oase. Und mitten in Wilds Quartier! Das er allerdings mit Abertausenden von Touristen und Quartierliebhabern teilen musste. Den Billigfliegern und TGV-Passanten. Die alle von Paris keine Ahnung hatten und auch keine haben wollten.

Gegenüber in der modernen Café-Brasserie hatte Wild, Jahre war es her, eine frühere Freundin getroffen. Eine Verflossene nannte man das. Sie hatte ihm das Dreieck gezeigt, dieses intime Plätzchen, an dem sich zwei Straßen verzweigten, die beide hinaufführten zum Boulevard de Montparnasse, zwei Straßenfinger gespreizt wie ein Victoryzeichen.

Was hatten sie gesprochen, damals, als sie sich nach vielen Jahren wiedergesehen hatten? Wild erinnert sich an einen Teller mit Salat und Foie gras. Deswegen ist er später ein paar Mal dort drüben wieder eingekehrt, um eine Erinnerung aufzufrischen bei Foie gras auf Knacksalat, oder um auf dem nächtlichen Nachhauseweg zu seinem Hotel noch ein Bier zu trinken, im Sommer, unter den Markisen. Die Pariser Nachtwärme, mit ein bisschen Geknatter und Abgas gewürzt.

Anna.

Anna Fröhlich aus Wattwil im Toggenburg, sechshundertundzehn Meter über dem Meer. Achttausend Einwohner, kaum Fremde, damals, in den Sechzigerjahren. Gewerbe und Textilindustrie. Rundherum Landwirtschaft, Kühe und Käse.

Annas Vater war Geschäftsführer in einer lokalen Weberei. Ein Herr Direktor, passend der Rössli-Stumpen in seinem Genießergesicht. Seidenstoffe, Halstücher, Taschentücher, feinste, auf Hochalemannisch «Poschettli» genannt, auf Flachdeutsch «Einstecktuch».

Geschäftsbeziehungen in die Kantonshauptstadt St. Gallen hinüber, mit dem bei jungen Dichtern so beliebten Voralpenexpress über das appenzellische Herisau eine halbe Stunde; St. Gallen, knapp achtzigtausend Einwohner, 675 Meter über dem Meer, Winter bis in den April. Schnellzug nach Zürich, Stiftsbibliothek, Handelshochschule.

Und natürlich auch hier die Textilindustrie. Damals noch mit Exportmöglichkeiten nach Afrika. Nigerias Frauen, sie und gewiss nicht die blassen Schweizerinnen, trugen die grellen Farben, Goldgeglitzer, Schreigelb und unverschämtes Rosarot, Farbexplosionen unter der Äquatorialsonne, die Ware aus Ostschweiz und Vorarlberg. Heute kommen die gleichen Tücher aus Indien.

Wie merkwürdig, dass Anna ihrem Vater in gewisser Weise gefolgt war, beziehungsweise dem ins Unterland und weiter in die Welt hinaus mäandernden Weg der kostbareren St. Galler Stoffe: Indem sie in Zürich die Modeklasse an der Kunstgewerbeschule besuchte und später nach Paris ging, vom Seidenglanz der Ville Lumière angezogen, dem Nabel der Haute Couture, des Prêt-à-porter. Und neuerdings Umschlagplatz für die Ware, die Europa im Fernen Osten konfektionieren lässt.

Anna. Nebst obstinatem Ostschweizer Dialekt und schönen Sommersprossen war noch etwas von dem Gebirge an ihr, dem schroffen, das hinter ihrem Herkommen aufragte und es beschützte, den Zacken, die über den Alpweiden in den Himmelsrand stießen. Also etwas Kräftiges, etwas Unternehmungslustiges. Ihr raues Lachen.

Er hatte Anna seither nicht mehr gesehen. Einmal hatte er ihr noch geschrieben. Er war dann oft in Paris, ohne dass er sich noch einmal gemeldet hätte. Er erinnerte sich an ihre Straße, hatte immer noch ihre Telefonnummer in seinem Büchlein. Sie war auch im Telefonverzeichnis. Nur das Ö in ihrem Namen hatte sich in ein O-E verwandelt. Froehlich. Und schon war alles Helvetische getilgt.

Sie lebte schon lange in Paris, sie war dorthin gezogen, als Bert noch am Leben war. Eine kurze, heftige Liebesgeschichte, bevor Wild Helen kennenlernte.

Es dämmert ihm endlich, im «Vavin» mit seinem geheimnisvoll lächelnden Barmann; ist der vielleicht schwul? Wild kann Schwule von Heteros oft nicht auf Anhieb unterscheiden, wie das andere können. Es dämmert ihm, nicht zum ersten Mal, dass Anna damals seinetwegen, nämlich aus enttäuschter Liebe, nach Frankreich gegangen war. Natürlich, damit kann er sich sofort entschuldigen, auch ihres Berufes wegen.

Was ist Schuld? Wo beginnt sie?

Einmal, Jahre vor diesem letzten Treffen, hatte er noch einmal bei ihr übernachtet. Er erinnert sich, zwischen Bastille und Nation, eine unauffällige Quartierstraße, an der Ecke vorn war ein kleiner Markt, wohl Place d’Aligre. Er hatte sie wiedergefunden, sie hatte es allein geschafft, hier, in der fremden Stadt, Fuß zu fassen, er konnte sich ihr ganz anders nähern. Es war keine Gefahr der Vereinnahmung mehr dabei. Er war stolz auf sie. Der Stolz war eigentlich eine Erleichterung. Es war gegangen ohne ihn, nein, er hatte sie nicht ruiniert.

Obwohl, es war etwas offengeblieben. Sie hatten sich nie ausgesprochen und taten es auch diesmal in Paris nicht. Früh am Morgen verließ er ihre Wohnung. Sie schrieb ihm einen kleinen Brief in ihrer runden Jungmädchenschrift, nannte ihn einen tollen Kerl, eine Art Liebeserklärung im Abstand so vieler Jahre zu ihrer ersten Begegnung. Sie meinte etwas an Wild, was nichts mit dieser Nacht zu tun hatte.

Sie war jünger als er gewesen, Wild auch erst am Anfang seines Studiums. Anna war Schülerin in der berühmten Modeklasse der städtischen Kunstgewerbeschule. Ein Versprechen auf Zukunft wie es damals alle waren. Sie konnte nähen, kochen, sie lachte. Wenn sie lachte, tauchte ihre Stimme ab und kam mit einem tiefen, aus unbekannten Gegenden stammenden Lachen herauf. Sie roch frisch, wie nach hellen Früchten. Zitronenschalen. Oder gelben Pflaumen.

Sie lebte allein in einer Dachwohnung in der Altstadt. Wie hatte sie die gefunden? Sie war praktisch in allem, und genauso hatte sie auch ihn aufgegabelt, unter den Arm genommen. Sie konnte lieben, sie wusste, wie man das anfing. Hatte ihn ohne Umschweife und Papperlapapp hineingenommen in ihr Leben, möglicherweise hatte das grad eine leere Stelle gehabt. Ach ja, Wild erinnerte sich, sie hatte damals einen Freund, den sie einen Holzbock nannte, den wollte sie loswerden. Wild allerdings wäre damals, so durchsichtig, wie er sich fühlte, gern ein Holzbock gewesen.

Er hat ihn nie zu Gesicht bekommen, den Anderen, dafür wurde er bald einmal ihren Eltern in der Provinzhauptstadt vorgeführt. Er erinnert sich an den Namen des Vaters, Otto. Diesen Namen gab es sonst eigentlich nicht mehr. Die Tochter nannte den Vater beim Vornamen, «Otti».

Wilds Eltern, er war noch in ihrer Nähe, hätten eine dauerhafte Verbindung mit Anna begrüßt: Ein hübsches, tüchtiges Schweizer Mädchen, lustig, mit guten Manieren.

Wild hatte sich für sie, das heißt für eine solche Gelegenheit aufgespart. Das glaubte er ernsthaft. Er spielte mit den Mädchen, die sich auf ihn einließen, und spürte, wie er sich ihnen verweigerte. In Wild war ein kleinerer Wild, der war so kostbar, dass er ihn schützen musste. Dieses Gefühl hatte er übrigens schon in den ersten Schuljahren gehabt. Seine ersten körperlichen Begegnungen hatten eine erstaunliche Flüchtigkeit. Als würde man nach einer Berührung zurückzucken müssen.

Mit Anna war das ganz anders. Wild stand in der Anlage vor der Kunstgewerbeschule und wartete ungeduldig auf sie. Dort, in jener Zeitferne, unter Platanen, beim Brunnen. Es war sein Privileg, dass er auf sie warten durfte, Wild war auserwählt. Er wartete auf jemand, die anderen gingen bloß vorbei. Ihnen allen fehlte der Andere, auf den man warten durfte. Und jemand kam, Sie, zur verabredeten Zeit oder...



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