Bahr | Das Konzert (Komödie) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 94 Seiten

Bahr Das Konzert (Komödie)

Bereicherte Ausgabe.
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-467-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

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E-Book, Deutsch, 94 Seiten

ISBN: 978-80-7583-467-6
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hermann Bahr's Komödie 'Das Konzert' bietet einen faszinierenden Einblick in das angespannte gesellschaftliche Gefüge des frühen 20. Jahrhunderts. Die Handlung dreht sich um die turbulenten Vorbereitungen zu einem Konzert, das eine Vielzahl von egoistischen Charakteren zusammenführt und Konflikte um Macht und Anerkennung entfacht. Bahrs Schreibstil zeichnet sich durch scharfsinnige Dialoge und sarkastischen Humor aus, der die Abgründe der menschlichen Natur bloßlegt. Als führender Vertreter des Wiener Fin de Siècle bringt Bahr in 'Das Konzert' Themen wie Eifersucht, Eitelkeit und gesellschaftliche Hierarchien auf humorvolle und kritische Weise zur Sprache.

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Zweiter Akt

Das große Zimmer in der Hütte links. Als Bauernstube hergerichtet. In Zirbelholz.

Ganz vorne links eine kleine Tür zum zweiten Zimmer der Hütte. In der mittleren Wand eine Tür zum Gang und zur Küche. Rechts Fenster.

In der Ecke links von der mittleren Tür großer alter Kachelofen. Rechts von der mittleren Tür, an der Wand, ein sehr breites, altes schwarzes Sofa. In der Mitte des Zimmers ein viereckiger Tisch mit vier Bauernstühlen; darüber eine altmodische Hängelampe. An der linken Wand, zwischen Ofen und Tür, eine Kredenz. In den Fenstern Blumenstöcke. Überall als Schmuck alte bemalte Teller, Krüge, Kaffeeschalen. Am Fenster ein Nähtischchen mit einem gepolsterten Stuhl.

POLLINGER [starker Vierziger; die sehr dichten, kurz geschorenen Haare an den Schläfen schon stark grau, kurzer, dicker, ergrauender Schnurrbart, sonst rasiert; ein breites, sehr rotes Gesicht mit zornigen Augen und starken Knochen; gedrungen, stämmig, nicht eben groß; ein typisches Beispiel des bäurischen Zechers und Schlemmers, der in die Jahre kommt und es sich nicht merken lassen will, aber von der Furcht vor einem Schlaganfall geplagt wird; Joppe, Lederhose, Wollstrümpfe, dicke Filzschuhe; liegt auf dem Sofa, ein dickes Tuch um die Knie gewickelt, fest schlafend, schnarchend; vor dem Sofa, auf der Erde, sein Stock].

FRAU POLLINGER [an die Vierzig; groß, stattlich, breit, eine handfeste, riegelsame, mundfertige Person, die sich nichts dreinreden läßt; noch draußen, rufend]: Ja, Pollinger! Hörst denn nöt? Pollinger! [Tritt durch die mittlere Tür ein, die sie zuwirft.]

POLLINGER [erwacht, setzt sich halb auf, zuckt sogleich schmerzlich zusammen und fährt mit der Hand ans Knie]: Himmelherrgottsakra!

FRAU POLLINGER [verächtlich]: Ja, da liegt er natürlich wieder und schlaft!

POLLINGER [sich sein Knie reibend; zornig]: Wennst schon weißt, daß ich schlaf, so laß mich! [Jammernd] Himmelherrgottsakra! Einen kranken Menschen laßt man! [Will sich wieder legen.]

FRAU POLLINGER: Horch, Pollinger! Mach dich auf! Der Herr kommt!

POLLINGER [die Decke abwerfend, aufspringend, vor Freude ganz verwandelt]: Jöi, jöi! Der Herr? Is's wahr? Is's denn wahr? [Bückt sich, um seinen Stock aufzuheben, spürt wieder die Schmerzen im Knie.] Himmelsakra! [Zornig, zu seiner Frau] Kannst mir nicht den Stecken aufheben, wannst schon siehst?

FRAU POLLINGER [hebt ihm den Stock auf und sieht ihn verächtlich an]: Gut schaust aus! Scham dich!

POLLINGER: Die Gicht ist keine Schand.

FRAU POLLINGER: Aber 's Saufen! Wann man's nöt mehr vertragt.

POLLINGER [an seinem Stock humpelnd; vergnügt]: Der Herr kommt! Der Herr kommt!

FRAU POLLINGER [die nicht so erfreut scheint; ihn noch einmal verächtlich musternd]: Der Herr erhalt sich besser. Den reißt's noch nicht. [Geht zur Kredenz und nimmt Geschirr heraus.]

POLLINGER: Wann kommt er denn schon? Jessas, der Herr! Neugierig bin ich, was er sich wieder ausg'sucht hat! War mir ja schon ganz bang um ihn! [Nachrechnend] Denn das muß gut seine anderthalb Jahr her sein! Weißt, damals mit der Gräfin!

FRAU POLLINGER [ihn ungeduldig antreibend]: No, mach weiter, mach! Was stehst denn? Was wartst denn?

POLLINGER [erschreckt]: Ja, glaubst denn, daß er heut noch kommt?

FRAU POLLINGER [ein Brett mit Gläsern und Schalen auf den Tisch stellend]: Gleich müssens da sein!

POLLINGER [aufgeregt]: Jessas! Bring mir die Schuh.

FRAU POLLINGER: Der Postmeister hat aus der Klamm heraufg'schickt, dem hat er telegraphiert, grad is der Bub kommen. Also tumml' dich! [Brummend] Weißt ja, wie er is! Da soll all's fliegen!

POLLINGER [zornig]: Ja, was is denn das? Statt, daß du springst vor Freud, daß der Herr kommt –

FRAU POLLINGER [mit dem Brett beschäftigt; trocken]: Spring nur du!

POLLINGER [zornig, mit dem Stock fuchtelnd]: Ja, hast denn du ka Freud?

FRAU POLLINGER [brummend]: Der Herr könnt' auch schon einmal gscheit werdn.

POLLINGER [breit, stolz]: Na! Da kennst unsern Herrn schlecht! Der wird noch lang nicht gscheit, der bleibt jung!

FRAU POLLINGER [mit einem verächtlichen Blick auf ihn]: Bis's ihn auch nächstens einmal umdrehn wird, wie dich. Ihr zwei!

POLLINGER: Ja freust dich denn du nöt? Hast denn du schon ganz vergessen? Wo wären denn wir ohne ihn? Ich könnt' heut noch die Bierfassln aus der Klamm kutschieren und du könnt'st in der Kuchel stehn!

FRAU POLLINGER [ärgerlich]: Und wo steh' i denn jetzt? Vielleicht nicht in der Kuchel? [Geht zur Tür links und öffnet sie, in das Zimmer sehend.]

POLLINGER [humpelt ihr nach; polternd]: Aber in meiner Kuchel! In meiner Kuchel stehst! Das is ein Unterschied! Und hast einen Mann!

FRAU POLLINGER [hat sich überzeugt, daß im andern Zimmer alles in Ordnung ist und schließt die Tür wieder]: Und der Mann hat die Gicht.

POLLINGER [sich ärgernd]: Das vergeht wieder!

FRAU POLLINGER: Und dann gehst du wieder ins Wildern und ins Saufen und da kommt's wieder! Und ich soll aber dann noch stolz sein, daß ich einen Mann hab'! Wo denn? I merk' nix.

POLLINGER: Immer wirfst mir das vor! Das is nicht schön. Der Mensch wird halt ruhiger.

FRAU POLLINGER [wieder mit dem Geschirr beschäftigt]: Im Wirtshaus aber nicht! Und beim Wildern auch nicht! Da stellst noch deinen Mann, was?

POLLINGER [wird wehmütig]: Mirl, Mirl, Mirl! Wann du wüßtest, wie mir manchmal is! [Kläglich] Mir is gar nicht mehr ums Wildern und ums Saufen! Glaub mir! Aber was willst denn tun? Da kommen die Freunderln und da heißt's: No, gehst nöt mit? Ja, da is es schwer! Soll ich jetzt auf einmal sagen: Na, gehts nur allein? Daß es dann gleich heißt: Schau, schau, der Pollinger mag nöt mehr, den hat's auch schon fest beim Kragen, der wird alt! Möchtst, daß es das von mir heißt? Das kommt mir doch hart an! Wo ich immer g'wohnt war, daß ich überall der Ärgste war! Und jetzt auf einmal –! Und schau, wann man sich einmal gewissermaßen einen Namen gemacht hat –

FRAU POLLINGER [schimpfend]: Ja, beim Saufen und beim Wildern! Ein schöner Name!

POLLINGER [philosophisch]: Ein Name is ein Name. Wo, bleibt sich gleich. Man entbehrt's halt doch nicht gern. Und wann ich denk', daß ich jetzt auf einmal auch schon einer von den Alten sein soll! Ich hab' doch noch Zeit! Wieviel bin ich denn älter als der Herr?

FRAU POLLINGER: Der wird's schon auch noch einmal büßen. Is mir gar nicht bang!

POLLINGER: Na! Denn weißt, Mirl, in der Stadt haben's bessere Dokter, das is es! Ja, wann ich ein' ordentlichen Dokter hätt'! [Sich das Knie reibend.] Es laßt ja manchmal wieder nach und wann's nachlaßt, sollst sehn, daß dann alles wieder geht!

FRAU POLLINGER [ungläubig]: No, ich bin neugierig. [Indem sie mit dem Brett zur mittleren Tür geht] Jetzt mach' aber schon endlich!

POLLINGER [jammernd]: Bring mir meine Schuh!

FRAU POLLINGER [wütend]: Hol dir's selber! Wost schon siehst, daß ich alle Händ' voll hab'! [Durch die mittlere Tür ab, die sie heftig zuschlägt.]

POLLINGER [zornig]: Himmelherrgottsakra! Verfluchte Weiberleut'! Wann's glauben, daß man alt wird, da wär' man dann der Niemand mehr! [Richtet sich zornig auf.] Na, na! Nur nöt alt werden! Und man darf ihm nur nöt nachgeben, dem Altwerden! Nur nix dergleichen tun, sonst hat's einen gleich! Wann man sich aber nöt umschaut nach ihm, dann traut sich's nicht und is wieder stad, für eine Weil'. Na, nur nix dergleichen tun! [Versucht, fest aufzutreten und stampft; da er die Schmerzen im Knie wieder fühlt, zornig] Au, Himmelherrgottsakra! [Man hört draußen Stimmen, die der Frau Pollinger und die Heinks, durcheinander lachend und rufend.] Jessas, der Herr is schon da! [Stürzt zur mittleren Tür.]

HEINK [noch unsichtbar, draußen]: Bitte nur gradaus! Da geht's in den Palast hinein! [Er öffnet die mittlere Tür und läßt Delfine eintreten.]

DELFINE [siebzehn Jahre; mittelgroß, sehr schlank; ein noch ganz kindliches Gesicht, das mit dem kleinen stumpfen Näschen und den weit aufgerissenen Augen etwas neugierig und ratlos Verwundertes hat, was mit ihren Allüren einer großen Dame nicht ganz stimmt; kurzes, mattgrünes Lodenkleid mit kleinem Steirerhut; sie ist vom Gehen erhitzt, von der Luft erregt, von Erwartung erhellt und sieht neugierig über das Zimmer hin; in die Hände klatschend]: Oh, das ist...



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