Bakic / Baki? | Leckermäulchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Bakic / Baki? Leckermäulchen

Erzählungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95732-620-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-95732-620-1
Verlag: Verbrecher Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In elf Erzählungen schreibt Asja Baki? über verschiedene mehr oder weniger dystopische Welten. So begegnet uns eine Künstliche Intelligenz, die auf sexuelle Befriedigung von Frauen spezialisiert ist und darüber hinwegtrösten soll, dass es keine Männer mehr gibt. Auf einer Jugendfreizeit wird Menstruation zum Splatter-Element einer Horrorgeschichte. Genderfluidität, Klimawandel, Zeitreisen, Unterwelten, Außerirdische - der Einfallsreichtum der Autorin ist grenzenlos wie ihre Liebe zu sämtlichen Spielarten des Absurden. Wie bereits in »Mars« setzt Asja Baki? in ihren Erzählungen Frauen in den Mittelpunkt, die um ihr Leben kämpfen, die eigene Bedeutung in der Welt suchen oder schonungslos ihre Begierden ausleben. Aus einer stets feministischen und gesellschaftskritischen Perspektive vermischt Asja Baki? in ihren Texten Genres wie Weird Fiction, Speculative Fiction, Horror oder Erotik und nimmt die Leser*innen in die Vergangenheit, die Zukunft oder in eine Parallelwelt mit.

ASJA BAKI?, geboren 1982, ist eine bosnischkroatische Autorin und Kulturkritikerin. Sie hat bisher einen Gedichtband mit dem Titel »Es kann ein Kaktus sein, solange er sticht« (2009) sowie zwei Kurzgeschichtensammlungen, »Mars« (kroat. Original 2015) und »Leckermäulchen« (kroat. Original 2020), veröffentlicht. Ihr viertes Buch »Komm, ich sitze auf deinem Gesicht« (2020) ist eine Sammlung von Essays über Popkultur. Baki? wurde als eine der New Voices from Europe 2017 von Literary Europe Live ausgewählt. Sie lebt in Zagreb.
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Autoren/Hrsg.


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Der Männergraben


1.

Das Telefon klingelte hartnäckig. Der Anruf erreichte mich in einer Lebensphase, die ich fortwährend im Liegen verbrachte. Seit einer Woche verließ ich nicht das Haus, lag stets in gleichen Kleidern, im Bett wie außerhalb, zumeist mit einer Decke über dem Kopf im Halbdunkel und dachte an nichts. Ich wartete darauf, dass das Leben vorüberging.

Mein Mann versuchte, mich mit wenig überzeugenden Einladungen zu animieren, zu Konzerten oder ins Kino zu gehen. Doch mir war nicht nach Geselligkeit. In sieben Tagen putzte ich mir nur wenige Male die Zähne, das Gesicht wusch ich gar nicht. Dann und wann tat ich so, als läse ich etwas, doch ich blickte nur durch die Buchstaben hindurch, durch das Papier, selbst durch meinen Mann, der mir den Rücken zuwandte, wenn er am Tisch saß.

Als das Telefon klingelte, waren wir überrascht, da es Sonntag spät am Abend war. Normalerweise rief uns um diese Zeit niemand an. Mit Mühe erhob ich mich aus dem Bett.

»Guten Abend«, hörte ich eine weibliche Stimme. »Verzeihen Sie, dass ich so spät anrufe, aber ich würde Ihnen gerne ein Grundstück abkaufen. Die Parzelle Männergraben. Es ist ein recht steiler Hang mit einem Brunnen darauf und einigen Akazien. Ich würde es sofort und cash bezahlen.«

Die Frau hatte sich weder vorgestellt, noch nachgefragt, ob sie richtig verbunden war.

»Männergraben? Wo soll das sein?«, fragte ich.

»Ich bin sicher, dass Sie es wissen«, sagte sie.

»Ich glaube, Sie haben sich verwählt.«

»Nein, das habe ich nicht«, antwortete sie. »Ich werde Sie in einer Woche noch einmal anrufen, zur selben Zeit. Auf Wiederhören.«

Mir wurde schwindelig. Mein Mann sah mich fragend an, er hatte nichts verstanden.

»Männergraben?«, sagte er. »Wir sollten das prüfen.«

Natürlich stellte sich heraus, wie ich es vermutet hatte, dass weder mein Mann noch ich ein Grundstück dieses Namens besaßen. Wir erkundigten uns eingehender. Nichts. Es verging ein Monat und mehr, das Telefon klingelte nicht. Ich hatte den anonymen Anruf schon beinahe vergessen, als man uns plötzlich aus dem Katasteramt anrief, um uns darüber zu informieren, dass ein Fehler passiert sei und dass ein Verwandter meines Mannes ihm die Parzelle Männergraben in Bilogora vererbt habe.

»Welcher Verwandte?«, fragte er.

Man nannte ihm einen Namen, den er noch nie gehört hatte.

»Godek? Niemand in meiner Familie trägt diesen Nachnamen.«

Papieren zufolge gehörte ihm das Grundstück, obwohl es nie ein Nachlassverfahren gegeben hatte. Zusammen mit den Dokumenten, die er nachträglich unterschreiben musste, wurde ihm ein kleines Foto ausgehändigt, das auf Karton aufgeklebt war. Auf der Rückseite hatte jemand mit winzigen Buchstaben notiert: Blick auf das Haus von I. Godek, Bilogora. Er bekam auch ein kleines Notizbuch mit abgenutztem, grünem Einband, das seinem angeblichen Verwandten, dem Forstingenieur Ivo Godek, gehört haben soll.

Zwei Tage später rief die unbekannte Frau wieder an.

»Sind Sie bereit, den Männergraben zu verkaufen?«

Das Haus, das auf dem Foto zu sehen war, erwähnte sie nicht. Es schien, als wüsste sie nichts davon.

»Wir müssen uns das noch überlegen«, sagte ich. »Wir haben das Grundstück noch nicht einmal gesehen.«

Ich fand es merkwürdig, dass sie vor uns von dem Männergraben wusste, wollte jedoch mir nichts davon anmerken lassen. Ich überlegte, dass sie vielleicht im Katasteramt oder am Gericht arbeitete und Einblick in die Grundbücher oder andere Dokumente hatte.

»Wenn Sie es besichtigen wollen«, sagte die Frau, »gehen Sie Ende Oktober hin. Da fällt das Licht am schönsten.«

»Fällt worauf?«, fragte ich.

Die Frau hatte jedoch den Hörer bereits aufgelegt.

»Mit diesem Stück Land stimmt was nicht«, beklagte ich mich bei meinem Mann.

Er stimmte mir zu. Es sah so aus, als bereite uns dieses Grundstück nur Probleme. Dennoch interessierte es mich, wie der Männergraben aussah und wie das Foto zwischen die Dokumente geraten war.

Auf dem Foto konnte man ein Bauernhaus sehen, es lag versteckt hinter einem Holzzaun und einer zur Hälfte abgetragenen Scheune. Über Bilogora haben sich im Hintergrund schwarze Wolken zusammengezogen. Woher das Licht stammte, konnte man nicht erkennen. Die Straße war mit Schlamm bedeckt. Die Bäume trugen keine Blätter. Ich betrachtete dieses Bild lange. Es war zwar klar, dass es im Herbst aufgenommen worden sein musste, aber ich konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es Oktober war. Ich wollte das besagte auf den Männergraben fallende Licht auf dem Foto des Bauernhauses ausmachen.

Da der Anruf offensichtlich nicht zufällig erfolgt war, konnten auch die Orte nicht in zufälliger Verbindung zu uns stehen. Ich recherchierte den Familiennamen Godek, er stammte aus Polen und bedeutete Versöhnung wie auch Ruhm. Das Desinteresse meines Mannes überraschte mich. Es war, als würde ihn dieses Grundstück überhaupt nichts angehen. Als ich ihm sagte, dass ich mir die Parzelle gerne anschauen würde, bevor wir sie verkauften, wollte er mich nicht begleiten.

»Bald ist Oktober«, sagte ich beleidigt. »Interessiert dich etwa der Männergraben überhaupt nicht?«

»Er wird mich interessieren, wenn wir das Geld haben.«

An das Geld dachte ich gar nicht. Tagelang konnte ich nicht einschlafen. Ich fragte mich, wie dieses Stück Land in der Realität aussah: Wie sehen die Bäume aus? Wie sieht der Brunnen aus? Den ganzen September über lag ich im Bett, kurz vor Ohnmacht.

Ende Oktober setzte ich mich endlich ins Auto und fuhr los. In der Nähe des Männergrabens gab es einige Häuser, die größtenteils verlassen aussahen, aber es gelang mir, eine Person zu finden, die mir die gesuchte Parzelle zeigen konnte.

»Da sind wir«, sagte der Bauer. »Ihr Stück fängt an diesem Zaun hier an und reicht bis auf die andere Seite, bis dorthin, wo das Feld abgemäht ist. Der verwilderte Teil – das ist der Männergraben.«

Das Grundstück war nicht klein, obwohl es so wirkte, da es eingezwängt aussah. Das Land rund herum war kultiviert, nur der Männergraben lag verwahrlost da.

»Wenn Sie etwas brauchen, rufen Sie mich an«, sagte der Mann.

Bevor er sich entfernen konnte, fragte ich ihn: »Und Godeks Haus?«

»Welches Haus?«, fragte der Bauer verwundert.

Ich zeigte ihm das Bild.

»Hier hat es nie irgendwelche Godeks oder irgendwelche Häuser gegeben«, antwortete er.

Als der Bauer fortgegangen war, betrat ich das Grundstück, gebeugt, als würde ich an meinem Schreibtisch sitzen und nicht in der Natur sein. Mein Rücken schmerzte, und ich wünschte mir, so schnell wie möglich zurück in meinem Bett zu sein. Der Schmerz wurde immer stärker, je tiefer ich zwischen die Akazien und die Sträucher geriet, unerträglicher.

In der Mitte des Männergrabens befand sich eine kleine Lichtung. Bis ich sie erreicht hatte, waren meine Arme zerkratzt. Ich schaute mich um und suchte nach einem Platz, an dem ich mich erholen konnte. Der Brunnen war nirgendwo zu sehen. Ich wollte meinen Mann anrufen, aber ich hatte kein Netz. Schließlich zog ich die Jacke aus, warf sie auf die Erde, setzte mich darauf und lehnte den Rücken an eine Akazie.

Fast hätte ich vergessen, das Notizbuch des Ingenieurs Godek mitzunehmen. Mein Mann hatte es zusammen mit den anderen Papieren in meiner Schreibtischschublade verstaut. Vor meiner Abfahrt hatte ich es mir gar nicht genau angeschaut.

Der Schmerz in meiner Halswirbelsäule wurde so stark, als läge ein Teil des Grundstücks auf meinen Rücken. Aus der Innentasche meiner Jacke zog ich ungeduldig das Notizbuch hervor. Die erste Hälfte war leer. Im zweiten Teil erklärte Godek in winzigen, schlecht lesbaren Buchstaben zu zwei verschiedenen Zeiten irgendein altes Gesetz. Auf diese Einträge folgte sein »Kassenbuch«. Die Einnahmen auf der einen, die Ausgaben auf der anderen Seite. Ich versuchte diese Notizen zu entziffern. Die Begriffe: Sektionschef, Finanzministerium, Arbeiten, Kosten für die Austragung, Grundstücksmessungen erfasste ich gleich, aber dann geriet ich an einen Satzteil, der mich vollkommen verwirrte: Das kann man nach Artikel 86 des Seelengesetzes (…). Ich dachte, dass Ingenieur Godek hier bestimmt einen Fehler gemacht hatte, wahrscheinlich sollte es hier Forstgesetz heißen. Doch da stand wirklich Seelengesetz. Je länger ich dieses Wort betrachtete, desto klarer wurde mir, dass es sich um keinen Fehler handeln konnte. Godek hatte das richtige Wort verwendet.

Im Kassenbuch waren verschiedene Ausgaben und Schuldner notiert, aber ich hatte keine Zeit, mich näher damit zu beschäftigen. Es war eine Liste von Summen, die mir nicht viel sagte. Mit Mühe erhob ich mich. Vor meiner Rückkehr wollte ich noch eine Runde über das Grundstück laufen und versuchen, den Brunnen zu finden. Sobald ich mich von der Akazie entfernt hatte und wieder zwischen den Sträuchern war, spürte ich ein lautes Summen in den Ohren. Das Summen hörte nicht auf, auch nicht, als ich im Auto saß. Ich nahm es mit nach Zagreb.

Mein Mann saß am Küchentisch und rieb sich nervös die Augen. Als er mich anschaute, war eines seiner Augen blutunterlaufen.

»Quält dich schon wieder die Allergie?«, fragte ich.

Die Tropfen, die er benutzte, halfen nicht. Schließlich streckten wir uns beide auf dem Bett aus. Ich wusste nicht, wie ich das Gespräch über den...



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