E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Reihe: beTHRILLED
Baldacci Die Wahrheit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8341-5
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
Reihe: beTHRILLED
ISBN: 978-3-7517-8341-5
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rufus Harms sitzt bereits seit 25 Jahren im Militärgefängnis von Fort Jackson für ein schreckliches Verbrechen - dem Mord an einem kleinen Mädchen. Er selbst konnte sich lange Zeit an nichts erinnern. Bis er eines Tages einen Brief erhält, aus dem zweifelsfrei hervorgeht, dass in Wahrheit andere für das Vergehen verantwortlich sind.
Rufus setzt alles daran, Gerechtigkeit zu finden. Aber die wahren Täter sitzen in der einzigen Institution, die ihm dazu verhelfen könnte. Und die Drahtzieher wissen bereits, dass Rufus die Wahrheit kennt. Und nichts ist gefährlicher als die Wahrheit ...
Ein packender Roman über Schuld und Gerechtigkeit von Bestsellerautor David Baldacci.
eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
David Baldacci, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, eher er 1996 mit(verfilmt als) seinen ersten Weltbesteller veröffentlichte. Mit jedem seiner bisherigen Romane war er auf der Bestsellerliste der vertreten und international gleichermaßen erfolgreich. Seine Bücher wurden in vierzig Sprachen übersetzt und erschienen in mehr als achtzig Ländern. Die Gesamtauflage seiner Romane liegt bei über 110 Millionen Exemplaren. Damit zählt er zu den Top-Autoren des Thriller-Genres. David Baldacci lebt mit seiner Familie in Virginia, nahe Washington, D.C.
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Prolog
In diesem Gefängnis bestehen die Türen aus zolldickem Stahl. Fabrikneu kamen sie hierher, glänzend und glatt; nun aber sind sie von Dellen übersät. Menschliche Gesichter, Knie, Ellbogen, Zähne und Rückstände von Blut haben auf den grauen Oberflächen ihre Spuren hinterlassen. Knasthieroglyphen: Schmerz, Furcht, Tod – dies alles ist unauslöschlich auf diesen Türen verzeichnet, zumindest so lange, bis eine neue Metallplatte geliefert wird und alles von vorne beginnt.
In Augenhöhe sind viereckige Klappen in die Türen eingelassen. Die Wächter öffnen sie auf ihrem Rundgang und richten das grelle Licht von Taschenlampen auf das menschliche Vieh im Innern. Unvermittelt hämmern sie mit ihren Schlagstöcken gegen das Metall: Geräusche, die wie Gewehrschüsse klingen. Die Altgedienten sind daran gewöhnt; sie starren mit hintergründigem Trotz zu Boden oder blicken ins Leere – die Leere, die sie umgibt; die Leere ihres Lebens. Nicht, dass hier jemand Notiz davon nähme oder dass es jemandem etwas bedeuten würde. Die Neuen, die ›Rotärsche‹, verkrampfen sich noch ängstlich, wenn der Knall der Stockschläge ertönt oder das Licht aufflammt; einige machen sich in ihre Drillichhose und sehen zu, wie der Urin über ihre schwarzen Schuhe rinnt. Doch nach einiger Zeit kommen auch die Neuen darüber hinweg, und dann hämmern auch sie mit der Faust gegen die verdammte Tür, kämpfen die Bitterkeit und die Schuljungentränen nieder, die in ihnen aufsteigen. Wenn sie überleben wollen.
Nachts ist es in den Gefängniszellen so dunkel wie in einer Höhle, bis auf ein paar seltsame Schemen hier und da in der Finsternis. In dieser Nacht entlädt sich ein Gewitter über der Gegend. Wann immer Blitze vom Himmel zucken, peitschen sie grelles Licht durch die kleinen Plexiglasfenster in die Zellen hinein. Das Wabenmuster des Maschendrahts, der straff vor dieses Glas gespannt ist, wird bei jedem Blitz an die gegenüberliegende Zellenwand geworfen.
Jedes Mal wenn Licht in die Zelle zuckt, wird das Gesicht des Mannes aus dem Dunkel gerissen, als hätte es unvermittelt eine Wasseroberfläche durchbrochen. Anders als die anderen Häftlinge ist er allein in seiner Zelle, allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Die anderen Gefangenen fürchten ihn, sogar die Wächter, obwohl sie bewaffnet sind; denn er ist ein Mann von beeindruckender Gestalt. Wenn er an den anderen Knastbrüdern – kaum weniger harten und gewalttätigen Männern – vorübergeht, wenden diese rasch den Blick ab.
Sein Name ist Rufus Harms, und hier, im Militärgefängnis von Fort Jackson, hat er den Ruf eines Zerstörers: Wer sich mit ihm anlegt, den zermalmt er. Nie macht er den ersten Schritt, aber stets den letzten. Fünfundzwanzig Jahre hinter Gittern haben einen schrecklichen Tribut von ihm gefordert. Wie die Altersringe im Holz eines Baumes bilden die Spuren von Narben auf seiner Haut und die schlecht verheilten Knochenbrüche eine Chronik der Jahre, die er hier verbracht hat. Doch viel schlimmer noch wurde das weiche Gewebe seines Hirns in Beeinträchtigung gezogen, jener Teil, in dem die Menschlichkeit wohnt: Erinnerungen, Gedanken, Liebe, Hass – alles besudelt, alles gegen ihn selbst gerichtet. Vor allem die Erinnerungen: ein kleiner Tumor aus Eisen im Hinterkopf, der gegen das Rückgrat drückt.
In seiner massigen Gestalt schlummert gewaltige Kraft. Man kann es an den langen, muskulösen Armen erkennen, den breiten, kompakten Schultern. Selbst seine Leibesfülle lässt außergewöhnliche Stärke erahnen. Und dennoch ist er wie eine unterhöhlte Eiche, deren herausgerissene Wurzeln keinen Grund finden; ein Baum, im Wachstum gekappt, dessen Äste, zum Teil schon tot oder im Absterben begriffen, auch durch Beschneiden nicht mehr zu retten sind. Er ist ein lebendes Paradox: ein sanfter Mann, der andere Menschen respektiert und treu an seinen Gott glaubt; zugleich aber trägt er unwiderruflich das Stigma eines grausamen Mörders. Deshalb wird er von den Wächtern und den anderen Gefangenen in Ruhe gelassen. Mehr wollte er auch gar nicht. Bis zu diesem Tag, als sein Bruder ihm etwas brachte. Einen Topf voller Gold am Ende des Regenbogens, ein Aufbranden der Hoffnung. Einen Weg, der hinausführt aus diesem Ort.
Ein weiterer Blitz reißt Harms’ Augen aus der Finsternis. Sie sind dunkelrot verfärbt, als wären sie blutunterlaufen – bis man die Tränen auf seinem dunklen, massigen Gesicht bemerkt. Als das Licht des Blitzes erlischt, glättet er das Blatt, darum bemüht, kein Geräusch zu machen, das eine Einladung an die Wächter wäre, in seiner Zelle herumzuschnüffeln. Die Beleuchtung im Gefängnis wurde bereits vor Stunden gelöscht; daran kann auch er nichts ändern. Wie schon seit einem Vierteljahrhundert wird für ihn die Dunkelheit erst mit der fahlen Helle des heraufdämmernden Morgens enden. Doch für Harms spielt es keine Rolle, ob seine Zelle hell oder dunkel ist. Er hat den Brief bereits gelesen, hat jedes Wort in sich aufgenommen. Jede Silbe schneidet wie die scharfe, kurze Klinge eines Springmessers. Am oberen Rand des Blattes befindet sich in Fettdruck das Emblem der Armee der Vereinigten Staaten. Er kennt es gut, sehr gut. Seit fast dreißig Jahren ist die Army sein Arbeitgeber, sein Wächter.
Und nun verlangt sie Informationen von Rufus Harms, einem gescheiterten, vergessenen Soldaten aus der Vietnam-Ära. Detaillierte Informationen. Informationen, die er nicht geben kann. Auch ohne Licht findet sein Finger das Ziel und berührt jene Stelle auf dem Blatt, die Erinnerungsfetzen an die Oberfläche bringt – Bruchstücke, die in seinem Innern treiben, seit er hier einsitzt, all die Jahre, als ein lähmender, nie enden wollender Albtraum. Doch das Kernstück seiner Erinnerungen schien niemals greifbar zu sein. Bis jetzt. Bis er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte. Er hatte den Kopf so tief auf das Papier gesenkt, als wollte er mit Gewalt die verborgene Bedeutung der maschinengeschriebenen Kringel enthüllen, das größte Geheimnis seines irdischen Daseins lösen. An diesem Abend haben die verzerrten Bruchstücke und Fetzen sich mit einem Mal zu einer deutlichen Erinnerung zusammengefügt, zur Wahrheit. Endlich.
Bis Harms diesen Brief von der Army gelesen hatte, besaß er nur zwei klare Erinnerungen an jene Nacht vor fünfundzwanzig Jahren: das kleine Mädchen und den Regen. Es war ein schreckliches Unwetter gewesen, beinahe so schlimm wie in dieser Nacht. Die Gesichtszüge des Mädchens waren fein geschnitten, die Nase eine bloße Knospe aus Haut und Knorpeln. Weder Sonne noch Alter noch Sorgen hatten Schatten in das Licht auf ihrem Antlitz geworfen; ihre durchdringenden Augen waren blau und unschuldig und noch ohne die Tiefe menschlicher Erfahrungen, allein die hoffnungsvolle Erwartung eines langen Lebens, das noch vor ihr lag, war darin zu lesen. Ihre Haut war weiß wie Zucker und makellos – bis auf die hässlichen roten Druckstellen an ihrem Hals, so zart und verletzlich wie eine Blume. Diese Druckstellen stammten von den Händen des Soldaten Rufus Harms, denselben Händen, die nun krampfhaft den Brief umklammerten, während sein taumelnder Geist wieder in eine gefährliche Nähe zu diesem Bild geriet.
Immer wenn Harms an das tote Mädchen dachte, weinte er, musste er weinen. Er konnte nicht anders. Doch er weinte stumm, und das aus gutem Grund. Die Wächter und Sträflinge waren Geier, Haie. Aus einer Million Kilometer Entfernung rochen sie Blut, Schwäche, eine Angriffsmöglichkeit. Sie erkannten sie am Zucken der Augen, an den geweiteten Poren der Haut, sogar am Geruch des Schweißes. Hier im Gefängnis waren alle Sinne geschärft. Hier bedeuteten Kraft und Schnelligkeit, Härte und Brutalität das Leben. Oder den Untergang.
Harms kniete neben dem Mädchen, als die Militärpolizisten es fanden. Ihr dünnes Kleid klebte an ihrer winzigen Gestalt, die tief im durchnässten Boden lag, als hätte man sie aus großer Höhe fallen lassen, in ihr eigenes flaches Grab, das sie mit ihrem Körper gebildet hatte. Einmal hatte Harms zu den Militärpolizisten aufgeblickt, doch sein Verstand hatte lediglich einen Wirrwarr dunkler Silhouetten registriert. Nie im Leben hatte er eine solche Wut verspürt, selbst dann noch, als Übelkeit ihn packte, als die Welt sich vor seinen Augen drehte und als Puls, Atmung und Blutdruck ins Bodenlose fielen. Er hielt seinen Kopf mit beiden Händen umklammert, als wollte er verhindern, dass ihm das Hirn die Schädelknochen sprengte und durch Kopfhaut und Haar in die regennasse Luft explodierte.
Als er wieder auf das tote Mädchen hinunterschaute und den Blick dann auf die beiden zuckenden Hände richtete, die ihrem jungen Leben ein Ende bereitet hatten, war der Zorn so plötzlich aus Harms gewichen, als hätte jemand in seinem Inneren einen Stöpsel gezogen. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht; er konnte sich nicht rühren, konnte nur dort hocken, nass und zitternd, die Knie tief im Schlamm versunken, und auf das tote Mädchen starren. Ein riesiger schwarzer Gorilla in einem grünen Kampfanzug, der sich über ein kleines, hellhäutiges Opfer beugte – so beschrieb es später ein fassungsloser Zeuge.
Erst am nächsten Tag erfuhr Harms den Namen des kleinen Mädchens: Ruth Ann Mosley, zehn Jahre alt, aus Columbia, South Carolina. Ruth und ihre Familie hatten den Bruder des Mädchens besucht, der auf dem Stützpunkt stationiert war. An diesem Abend hatte Harms Ruth Ann Mosley nur als Leiche gesehen, als totes Fleisch – klein, ja winzig im Vergleich zu der gewaltigen Masse seines eins fünfundneunzig großen, zweihundertsiebzig Pfund schweren Körpers. Das verschwommene Bild des Gewehrkolbens, den ihm einer der Militärpolizisten an den Schädel schmetterte, war der letzte mentale Splitter, den Harms sich von dieser Nacht bewahrte. Der...




