E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Ball Dadaistische Werke
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0608-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-8496-0608-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieser Band enthält die folgenden Werke des Mitbegründer des Dadaismus: Flammetti Die Nase des Michelangelo Tenderenda der Phantast Dadaistische Gedichte
Autoren/Hrsg.
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IV
Am siebzehnten fand die Premiere statt. Schon am frühen Morgen herrschte im Hause Flametti beträchtliche Aufregung. Es war noch nicht sieben Uhr früh, als sich die Frauen aus dem Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht, für diesen Ehrentag Flametti-Feuerscheins Stiefel putzen zu dürfen.
Fräulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der Häuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domäne gemacht. Kaum regte sich in der Frühe das erste Gurren und Flattern der Turteltauben, so sprang sie schon aus dem Bett, hin zum Gemach der Hauptfrau, vor dessen Türe die Knöpfelschuhe der Frau und die Zugstiefel Flamettis in trunken übernächtiger Kameradschaft beisammenstanden, nahm die Häuptlingsstiefel weg, ließ die Hauptfraustiefel stehen und rannte in die Küche nach dem Putzzeug, um den beiden anderen Favoritinnen zuvorzukommen. Heute aber hatte sie sich verrechnet. Denn während sie in fliegendem Negligé zu der Schlafzimmertür rannte, rutschte auch Fräulein Rosa über die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Küche, um Bürste und Putzzeug an sich zu nehmen. Güssy aber, die im Nu, zurückbleibend, die Chancen des kommenden Streits berechnet hatte, langte sich ihre Beinkleider und zog sich an, fieberhaft. Ihr Temperament war stiller, phlegmatischer, heiß. Aber soviel wußte sie: Angekleidet würde sie bei einem Streit vor ihren im Hemd stehenden Rivalinnen im Vorteil sein.
Der Streit ließ nicht auf sich warten. Unter der Türe zwischen Eßzimmer und Küche begegneten sich Traute und Rosa. Die eine mit den Stiefeln, die andere mit Bürste und Crème. Güssy knöpfte sich gerade die Spangenschuhe zu.
»Gib die Stiefel her!« rief Rosa, »sie gehen dich nichts an! Ich bin länger im Hause als ihr!« Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht nicht nehmen lassen, auf das sie früher gerne verzichtete.
Aber Traute dachte nicht dran, die Stiefel aus der Hand zu geben.
»Hast du sie gestern gewichst? Hast du sie vorgestern gewichst? Verstehst du überhaupt was davon? Fütter' deine Tauben!«
Güssy lachte. Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen Auseinandersetzungen.
»Gib sie her!« rief sie entrüstet und klopfte der Traute die Wichsbürste auf die Nase.
Güssy kam näher aus dem Lattenverschlag, lachend. Die Stiefel fielen zu Boden. Die Wichsbürste ebenfalls. Die Crème rollte unter den Schrank. Traute und Rosa kriegten sich bei den Haaren.
In diesem Moment aber klopfte es und herein trat: Frau Schnepfe aus Basel. Sie war mit dem Frühzug herübergefahren, um ihre Visite zu machen, ihre ›Affären‹ zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen.
»Guten Morgen!« sagte sie freundlich und stand unter der Türe. »Bin ich hier recht bei Flametti?«
»Ah, die Frau Schnepfe!« rief Rosa freundlich überrascht und ließ ihre Partnerin los. »Ja, ja, natürlich sind Sie hier recht! Setzen Sie sich, Frau Schnepfe!« und lachte sich tot.
Güssy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich. Traute war in den Verschlag geflüchtet. Auch Rosa, kichernd hinter dem Spalt der Lattentüre, beeilte sich, einen Rock anzuziehen.
Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der Künstlerinnen. Musternd sah sie sich im Eßzimmer um. Hier also wohnte Flametti! »Er schläft noch«, entschuldigte Rosa und kam, die Druckknöpfe schließend, wieder zum Vorschein. Dann vorstellend: »Das ist Fräulein Güssy. Das ist Fräulein Traute!« Die rieb sich mit dem Handtuchzipfel die Schuhcrème aus dem Gesicht. »Noch ein bißchen früh. Er steht immer erst auf gegen elf. Heute steht er wohl früher auf, weil wir heut' abend die ›Indianer‹ haben. Aber ich darf ihn nicht wecken.« »Gut, gut!« sagte Frau Schnepfe und stand auf, den Schirm in der Hand. »Ich komme später vorbei. Grüßen Sie ihn! Die Frau Schnepfe war da.«
»Es ist recht«, verbeugte sich Rosa graziös, ihres stellvertretenden Amtes bewußt. »Ich werd' es bestellen. Adieu, Frau Schnepfe!«
»Adieu!« dehnte Frau Schnepfe und ging, nicht ohne im Vorbeigehen einen Blick auch in die rußige Küche geworfen zu haben, wo inzwischen Fräulein Theres hantierte, verdrießlich und Stumpen rauchend.
Dann kam Engel, um acht.
»Schläft er noch?«
»Ja, er schläft noch.«
»Wo hast du das Plakat?«
»Hier«, sagte Rosa und holte das schöne Plakat des Herrn Lemmerle aus der Ecke beim Spiegelschrank, blieb bei Herrn Engel stehen und lachte ihn an.
Auch die beiden andern kamen näher und lachten.
Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden.
»Das ist ein Plakat! Was?« sah er sich nach den Weibern um, als hätte er das Plakat selbst gemacht.
Rosa lachte. Güssy kicherte verschämt. Sie kannten doch Flametti! Und wenn man das Bild ansah, wo er so feierlich aussah, als Indianer, – wie sollte man da nicht lachen!
Aber Traute lachte nicht. Sie fand es dumm, da zu lachen. Was gab es da zu lachen? Gar nichts gab es zu lachen.
Sie ärgerte sich über diese Gänse. Diese Rosa, die Trulle, was die schon davon verstand! Das ist doch nur für die Reklame!
Er hat ein Geschäft, der Flametti. Das ist das Indianerspielen. Das macht ihm Spaß. Und wenn er ein Plakat machen läßt, ist's schade, daß es nur ein Brustbild ist; daß nicht auch die Beine drauf sind mit den Fransenhosen, und die Stiefel. Und man muß froh sein, wenn man ihm die Stiefel putzen darf, damit er sich freut. Und wenn er manchmal ›verruckt‹ wird und toll zuschlägt, dann ist das auch nicht so schlimm! Weiber brauchen das, sonst werden sie frech. Man sieht's ja. Und wenn er einen anfaßt, dann ist's, als ob einem Hören und Sehen vergeht und man möchte am liebsten zurückschlagen, weil er sich gar nicht geniert und sich nichts draus macht. Das ist schon ein Aas, dieser Flametti.
Und sie sagte es ganz laut, ein wenig schmollend und sehr verliebt: »Das ist schon ein Aas, dieser Flametti!«
Rosa krähte vor Übermut und sah die unglücklich im Fensterwinkel sitzende Traute förderlich an. Die hatte es mächtig! Güssy aber, still und heiß, hatte ein Geschäker mit dem Engel angebahnt. Sie hatten ihre Hände zum Tric-Trac ineinandergesteckt und Güssy, lang wie sie war, versuchte, den schmächtigen Ausbrecherkönig unterzukriegen.
Rosa hielt, versunken, das Plakat vor sich hin.
Und Traute kam näher und warf dem »tapfren Häuptling Feuerschein« singend einen Handkuß zu, indem sie Theater machte aus ihrer Verliebtheit.
Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum.
»Laß los, Güssy!« meinte Engel ernsthaft, »hab' keine Zeit. Muß weiter. Das Plakat aushängen.«
»Frau Schnepfe war da!« rief Rosa.
»Aus Basel?«
»Ja, aus Basel!«
»Fein wird's heut' abend: ›Die Letzten von dem Stamm der Delawaren‹«, sang Traute mit übertriebenen Gesten, die ihr im Ernstfall gewiß nicht so leicht gefallen wären.
»Ja, Frau Schnepfe war da«, quittierte Engel, »und das ist auch eine Neuigkeit: daß die Häsli nicht singen wollen. Herr Häsli will den Schackerl nicht machen. Weil's ihm nicht paßt.«
»Ach, der!« maulte Rosa gegen Engel, »was der nicht alles weiß!« Und sie intonierte:
›Schackerl, Schackerl, trau di net!‹,
was sie auf der Probe gehört hatte, und kopierte dabei Frau Häslis neckische Vortragsart.
Überhaupt: die Weiber waren außer Rand und Band, schon so früh am Morgen, und Engel warnte:
»Wenn ihr mal nicht andre Augen macht, eh' es Abend wird!«
Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den beiden Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen...




