E-Book, Deutsch, 137 Seiten
Ball FLAMETTI - Vom Dandysmus der Armen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-085-2
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Persönliche Erfahrungen des deutschen Schriftstellers und Mitgründers der Züricher Dada-Bewegung im Varietéwelt
E-Book, Deutsch, 137 Seiten
ISBN: 978-80-7583-085-2
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hugo Balls Buch 'FLAMETTI - Vom Dandysmus der Armen' ist ein bahnbrechendes Werk, das in ihrer literarischen Stilistik und ihrem Kontext heraussticht. Es handelt sich um einen experimentellen Roman, der die Geschichte des exzentrischen Künstlers Flametti und seiner Theatertruppe erzählt. Ball schreitet mutig voran, indem er traditionelle Erzählstrukturen aufbricht und sich auf surrealistische Elemente konzentriert. Dies spiegelt seinen avantgardistischen Ansatz wider und hebt ihn als eine bedeutende Figur der Dada-Bewegung hervor. Sein Werk fordert den Leser heraus, neue literarische Grenzen zu erforschen und über das Konzept des Dandysmus nachzudenken.
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II
»Siehst du die Anarchisten«, sagte Jenny, als alle gegangen waren, »siehst du sie jetzt? Brauchst nur mal ein paar Tage kein Geschäft zu haben – gleich werden sie üppig. Nur in Verlegenheit braucht man zu kommen – schon laufen sie fort. Forellen müßt ich ihnen vorsetzen, das Kilo für acht Franken. Dann solltest du sehen! Diese Häsli – ach du mein Gottchen, wie sie hier ankam! Aus Gnade und Barmherzigkeit hat man sie aufgenommen. Das ist der Dank. Ausgehungert waren sie, daß Gott erbarm. Jetzt sind sie auf einmal vornehm. – Was machen wir nur, Max? Du wirst sehen, sie laufen uns fort!«
Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen. »Ah was!« sagte er unwirsch und kramte verärgert in seiner Tischschublade.
Die Tür ging auf, und herein kam Fräulein Theres, lendenlahm und verdrießlich. Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders. In der matt herunterhängenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen und blies mit spitzem Munde den Rauch von sich. Unaufgefordert nahm sie Platz, knetete schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich schnaufend auf dem Stuhl. »Frau«, sagte sie, »wird gebügelt?« »Jawohl, Theres, mach' die Eisen heiß.« Und Theres erhob sich mühsam und troßte ab, um die Eisen heiß zu machen.
Und Fräulein Rosa legte den Bügelteppich auf den Tisch und holte den Wäschekorb aus dem Bretterverschlag, um die Wäsche einzuspritzen.
Flametti aber hatte beim Abschließen der Schieblade einen Schaden am Schloß gefunden, zückte den Hausschlüssel und hämmerte damit am Schlüsselloch.
Es klopfte. Die Türe ging auf, und herein trat Fräulein Lena, vormals Pianistin bei Flametti.
»Grüatzi!« sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen herein.
»Tag, Lena!« nickte Jenny, »komm nur herein!«
»Wenns erlaubt ist!« sagte Lena.
»Tag, Lena!« bekräftigte Flametti, ohne aufzusehen; so versunken war er in seine Reparatur.
»Bügelt ihr?« fragte Lena.
»Ja, wir bügeln«, wischte Jenny sich die Schweißhände an den Busen.
Theres brachte das Bügeleisen, und Lena nahm ihren Stuhl.
»Schöne Sachen hört man!« rückte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht.
»Um Gotteswillen, Lena, was gibt es denn?«
»Ja, ja«, seufzte Lena.
»Was denn, Lena? Sprich doch!«
Und zu Rosa: »Geh mal raus in die Küche! Ich ruf' dich dann!«
Flametti hämmerte angelegentlich und beflissen am Schlüsselloch.
»Also hört zu«, strich Lena ihren Rock zu den Füßen, »sie machen euch aus, wo sie können. Sie erzählen, daß es rutschab geht: ihr zahlt keine Gagen mehr; es gibt nichts zu essen. Ihr bekommt keine Geschäfte mehr. Grad hab' ich den Bollacker getroffen. Mit dem hat's doch die Häsli. Von einem Türken haben sie erzählt und von Opium. Ich weiß ja nicht, was ihr da habt. Aber sie sagten, es sei ihnen zu brenzlich und sie sähen sich nach einem anderen Engagement um.«
»Was haben sie erzählt?« duckte sich Jenny. »So eine Gemeinheit! So eine Niedertracht! Hörst du, Max, was sie ausstreuen? Wie sie sich rächen? Ihren Gadsch hat sie instruiert, daß er herumgeht und uns das Geschäft verdirbt! So eine Infamie! – Weißt du was, Max? Die wollen selbst anfangen. Die laufen uns fort. – Wir, keine Geschäfte mehr! Lena, man läuft sich die Füße wund, daß wir spielen! An der Haustür fängt man uns ab! Wir brauchten nur rübergehen zum ›Krokodil‹! – Du kennst doch das ›Krokodil‹! Eins A, dreihundert Franken Draufgeld! Aber wir wollen nicht, weil wir neu einstudieren. Weißt du: der Braten war bißchen angebrannt. Das hat diese Alte so verbiestert, daß sie jetzt überall ausschreit, sie hätte zu hungern bei uns. Du kennst doch unsere Kost! Warst drei Jahre bei uns. Hast du dich je zu beklagen gehabt? Ist dir je etwas abgegangen?«
Lena schüttelte den Kopf. Nein, sie hatte sich nie zu beklagen gehabt, noch war ihr je etwas abgegangen.
Max hämmerte gewaltsam mit seinem Hausschlüssel am Schiebladenschloß.
»Na, gut' Nacht!« rief Jenny, »ich sollte der Direktor sein! Ich würde sie anders zwiebeln! Hier die Gage, soundsoviel Abzug und den Schuh an den Hintern! Treppe hinunter.«
»Ja ja, ich hör' schon!« fuhr Flametti jetzt auf. »Ich hör' schon. Bin doch nicht schwerhörig! Dummes Geschwätz!«
Jenny war überrascht. Fräulein Lena ebenfalls. Er hatte doch gar nicht zugehört! Er hatte doch an dem Schloß laboriert!
Flametti stand auf, sehr rasch, krempelte seine Hemdärmel herunter, knöpfte das Halsbördchen zu und ging in die Küche, um sich die Hände zu waschen. Er kam zurück, nahm Joppe und Hut und ging.
»Da hast du es!« klagte Jenny, »da geht er. Ach Lena, ich bin ganz verzweifelt! So macht er es immer. Seit er die Geschichte hat mit dem Türken, ist er wie verdreht. Kaum den Löffel aus dem Mund – fort ist er. Alles mögliche hab' ich versucht. Er hört mich nicht einmal an. Wir gehen zu Grund. Ich seh's ja. Was soll ich nur machen?«
»Tja«, meinte Lena, »was ist da zu machen?«
Flametti war dieser ›Summs‹ zuwider. Gewiß, er liebte seine Frau. Sie war ein wenig furchtsam von Gemüt und leicht zu Übertreibungen geneigt, wie alle furchtsamen und aufgeregten Gemüter. Aber sie meinte es gut, war keine böse Natur und er hätte ihr gerne ein wenig Gehör schenken dürfen. Doch er schätzte es nicht, seine innersten Geschäfts- und Familiengeheimnisse coram publico verhandelt zu sehen.
Gewiß, das Geschäft ging schlecht. Schlechte Zeiten und keine Schlager.
Gewiß, ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt, sich standesgemäß zu nähren, zu kleiden und zu Triumphen geführt zu werden.
Obendrein: eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu zahlen – der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die Quittung präsentiert – und von der Fischerei konnte man das nicht bestreiten. Das wußte Flametti selbst.
Aber Schlager fallen nicht vom Himmel. Er hatte schon seine Pläne. Man brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei zuzuziehen.
Gar diese Lena: Ein schönes Stück Malheur! Die mußte dann gerade noch kommen! Grausliches Weib! Keine galante Erinnerung aus seiner Direktorenzeit war Flametti unangenehmer als diese. Ein Vampir. Nicht von der Spur wich sie, wenn sie einmal Blut geleckt hatte.
Tüchtig war sie, als Pianistin. Russisch sprach sie auch, von Lodz her. Aber ein Mundwerk hatte sie wie ein Schwert. Eine böse Zunge. Und das nun verstand Flametti nicht, wie Jenny sich mit ihr einlassen konnte.
Man soll ihn in Ruhe lassen. Er wird es schon machen. –
Die Hände in beide Hosentaschen gesteckt, so daß der Rockschoß weit hinten abstand, den breitkrämpigen Filzhut tief in die Stirne gerückt, froh, seinem häuslichen Glück entronnen zu sein, schickte Flametti sich an, einen Gang zu unternehmen durch sein Revier.
Dieses Revier nannte sich »Fuchsweide« und war der Konzert- und Vergnügungsrayon aller lebenslustig-abseitigen Kreise der Stadt. Treffpunkt der großen Welt, Schlupfwinkel einiger unsicherer Elemente, zugegeben. Aber alles in allem ein Monaco und Monte Carlo im kleinen.
Flametti fühlte sich frei wie ein Fürst. Aller Hader fiel von ihm ab. Aller Kleinmut verließ ihn. Hier kannte er jeden Weg, jeden Steg; jede Kneipe, jede Latrine. Hier war der Felsen, hier mußte gesprungen werden. Hier fielen die Würfel, hier war man zu Hause.
Vorbei am Alteisengeschäft des Herrn Ruppel und an der ›Drachenburg‹; vorbei an der Fischhandlung ›Teut‹ mit ihren Riesenaquarien voll stumpfsinniger Hechte und Karpfen, vorbei an ›Hähnleins Kleiderbazar‹ und ›Lichtlis Frisiersalon‹; vorbei am ›Olivenbaum‹ und an der ›Tulpenblüte‹, schwenkte Flametti in die Hauptverkehrsader der Fuchsweide, die bucklige Quellenstraße ein.
Er verlangsamte seine Schritte und klimperte, überlegend, mit dem Geld in der Tasche. Er schnupperte in der Luft, die nach Kaffee roch, und zündete sich eine Zigarette an.
Hier war der Korso! Hier war der Betrieb! Es weitete sich seine Brust und er atmete auf. Kein Gesicht, das er nicht kannte. Kein Laden, mit dessen Inhaber er nicht schon Tausch und Geschäfte hatte.
Auf dem ›Mönchsplatz‹ saßen die Katzen und putzten sich in der Sonne. Es war eine Unmenge Katzen, graue, schwarze und rote. Aber es war Platz genug für sie da. Nachts sangen sie hoch auf den Dächern.
Auf dem ›Mönchsplatz‹ lärmten die Kinder. Sie putzten einander die Nasen, banden einander die Hosen zu, säuberten sich die Köpfe. Aber um jeden Kopf legte die Sonne eine kleine Gloriole.
Über den ›Mönchsplatz‹ sprang Fräulein Frieda, die Kellnerin, daß die Röcke flogen.
»Servus Flametti!« rief sie. Es war eine Lust zu leben.
Die Niedermeyers hatten Umzug heute. Auf ein Rollwägelchen hatten sie ihre Sachen gepackt; auch den Kanarienvogel. Der Mann schob. Die Frau half drücken. Die Kinder halfen auch drücken und der kleine Peter hob die Sachen auf, die vom Wagen herunterfielen.
»Wo wohnt ihr jetzt?« rief Flametti.
Und Herr Niedermeyer rief; »Kuttelgasse 33, V.!«
»Angenehmer Flohbiß!« rief Flametti zurück. Er war ein großer Mann und konnte sich's leisten.
Die Hände in den Hosentaschen, breitspurig und schwer, den Schritt wuchtig aufs Pflaster gesetzt, ging er hinüber zur Postfiliale.
»Eine Fünferkarte!«
Der Beamte händigte ihm die Karte aus und Flametti schrieb an Herrn Fritz Schnepfe, Vartietélokal, Basel:
»Werter Freund!
...



