E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Balle Über die Berechnung des Rauminhalts IV
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7518-1041-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-7518-1041-8
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Zahl derer, die im 18. November feststecken, wird immer größer. Tara Selter wohnt mit einer Handvoll Zeitgefangener in einer Villa in Bremen, doch beinahe täglich klopfen neue Menschen an die Tür. Langsam wird klar, dass es weltweit viel mehr Personen gibt, die nicht am 19. aufwachen, als zunächst angenommen. Weitere Gruppen bestehen in Osnabrück, aber auch in Lüttich, Lugano und Lyon. Die regelmäßigen Treffen der Bremer Runde werden genutzt, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, in der sich alle über ihre außergewöhnliche Lage austauschen können. Denn hat es Sinn, in einer Zeit, die keine Jahre und Jahreszeiten kennt, von Wochen und Monaten zu sprechen? Und wie sollten sie sich selbst nennen, wie die anderen? Loopers und noopers, tracers und erasers? Doch mit dem steten Zustrom von Neuankömmlingen werden die Diskussionen um linguistische Spitzfindigkeiten bald verdrängt durch ethische Fragen, die die Bewohner und ihre zahlreichen Besucher umtreiben: Gilt es, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, um tägliche Tragödien in der Welt zu verhindern, oder sich den Risiken des eigenen Älterwerdens zu widmen? Es ist nicht nur die Verletzbarkeit von Tara und ihren Freunden, die Sorgen bereitet, sondern auch die Gefahr, die von ihnen ausgeht – denn im Gegensatz zum Handeln der anderen, deren Tag stets von Neuem beginnt, bleibt das ihre nicht ohne Folgen.
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#1892
Es ist schwer zu entscheiden, wo etwas endet und wo etwas anfängt. Oder jemand. Wo ein Mensch anfängt oder aufhört. Wo der nächste beginnt. Man glaubt, es erkennen zu können: die Körper, und zwischen den Körpern Luft. Fünf Menschen an einer Einfahrt, die sich geöffnet hat. Sie hatten an der Gegensprechanlage unseres schmiedeeisernen Tors geklingelt, und jetzt warteten sie. Sie standen ein wenig zerstreut, aber es war eine Gruppe.
Sie müssen das Gleiche wie wir gesehen haben, als wir aus dem Haus kamen: so etwas wie eine Menschenschar. Vier Personen mit Luft zwischen sich auf dem Weg zur Einfahrt, und jetzt sind wir neun Leute in einem Haus. Neun Leute, die sich an der Einfahrt trafen und sich noch daran erinnern, dass sie sich an der Einfahrt getroffen haben. Dass wir zu ihnen hinuntergingen oder beinahe liefen und dass sie dort standen, zögernd, falls man es zögern nennen kann, wenn bereits geklingelt wurde: Anton Janas in einem grauen Wollmantel mit mittelgroßen Knöpfen, Rosalie Torpa, die am liebsten Rosi genannt werden möchte – mit der Betonung auf der zweiten Silbe –, Sonia Mirbek, die auf den Klingelknopf gedrückt hatte und dann wieder ein wenig zurückgetreten war, zu Peter Hass-Teilo hin, der einige Schritte von der Einfahrt entfernt stand und seine Hand auf Sonias Schulter legte, als das Tor sich langsam öffnete.
Es öffnete sich, weil Ralf auf den Knopf der Gegensprechanlage gedrückt hatte, als der beharrliche Lärm einsetzte. Wir waren damit beschäftigt, im Eingang Pappkartons mit Proviant zu stapeln, als es klingelte. Ralf, der der Tür am nächsten stand, fuhr zusammen, aber dann machte er sie auf, trat auf die Treppe und spähte zum Tor hinunter. Erst konnte er nur zwei, drei Gestalten und ein bisschen von einem Auto sehen. Er konnte nicht erkennen, wie viele sie waren, aber er sah, dass da Leute standen, also drückte er auf den Knopf und wir eilten zur Einfahrt. Erst Ralf, dann Henry und schließlich Olga und ich. Es dauerte nicht lange, bis wir erfuhren, dass die Neuankömmlinge nach einem gewissen Ralf suchten und dass sie im achtzehnten November gefangen waren. Wir baten sie herein, und kurz darauf waren wir alle im Haus versammelt. Das Auto manövrierten wir durchs Tor auf unser Grundstück. Peter saß am Steuer, und Ralf lotste ihn vor die alte Garage. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, an welcher Stelle Marlice Maurer in der Gruppe stand. Es muss irgendwo im Hintergrund gewesen sein, weil ich sie gar nicht richtig bemerkt hatte, ehe wir am Haus anlangten. Da war das Einfahrtstor längst wieder geschlossen und das Auto vor der Garage geparkt, die Leute zwängten sich an all den Pappkartons vorbei, die im Entree aufgestapelt waren, und ziemlich bald redeten wir über Haferflocken, denn genau das war ja in den Kartons: Haferflocken und gesalzene Kräcker mit Oregano.
Marlice kam als Letzte ins Haus, weil sie sich noch hatte bücken müssen, um ihre Schnürsenkel zu binden, aber dann quetschte sie sich auch in den Eingang, wo sie einen Moment stehen blieb, die Treppe zum ersten Stock betrachtete und einen Blick in die Zimmer warf. Sie trat die Schuhe auf der Fußmatte ab und kam herein, aber bereits wenige Minuten später, als sie das Parkett im größten Salon sah, das Muster und die verschiedenen Holzarten, bestand sie darauf, die Schuhe auszuziehen. Typisch für die Häuser der Zeit, sagte sie etwas später, als wir im Salon standen, auf Strümpfen, da auch ich meine Schuhe ausgezogen hatte, sicher aus Höflichkeit dem Parkett gegenüber, aber leider konnte sie nicht viel mehr über jene Zeit sagen, weil jetzt die anderen hereinströmten und um eine Führung baten. Die Größe des Hauses hat sie, glaube ich, alle überrascht, obwohl sie es von außen gesehen hatten, und vielleicht waren auch wir überrascht von der plötzlichen Unruhe im Haus: ein Wirrwarr von Menschen, Schuhen, die auf der Matte abgetreten, Jacken und Schals, die im Eingang auf die Haken gehängt wurden, von Stimmen und Sätzen in der Luft, Fragen zum Haus und wie viele wir seien und wie lange wir hier schon wohnten. Einer möchte wissen, wo das Badezimmer ist, ein anderer stolpert gerade über ein Paar Schuhe oder einen Karton, ein dritter schiebt zwei Kartons beiseite und gibt einen Kommentar über das Haus ab, und plötzlich weiß man nicht, wessen Schuhe da stehen oder von wem der Satz kam, der einem im Ohr summt.
Wir führten sie durch die Räume, und uns war schon klar: Sie waren drauf und dran, bei uns einzuziehen. Schwierig, sich etwas anderes vorzustellen, als dass sie sich hier einquartieren würden. Platz ist ja genug, und jetzt sind sie in die Stadt gefahren, denn gestern Abend war es spät geworden, wir hatten bis weit in die Nacht geredet und es nicht mehr geschafft, ihre Sachen zu holen. Wir waren zu müde gewesen oder hatten zu viel Wein getrunken, um uns noch ins Auto zu setzen.
Als die Neuankömmlinge das Erdgeschoss und die oberen Zimmer besichtigt hatten, hatte Olga Tee gekocht und Kräcker aus den Kartons geholt, und wir gingen in das Kaminzimmer. Den Keller konnten sie sich später noch ansehen, sagte sie, während wir uns auf den alten Sofas und Sesseln niederließen, ein wenig dichter als üblich, denn wir waren es gewohnt, uns auf den Möbeln breitzumachen, die Beine hochzulegen und uns in Decken zu wickeln, weil es etwas kühl werden konnte, wenn der Kamin nicht brannte.
Jetzt machte Ralf Feuer. Zwischen uns schwebten Namen und Erklärungen. Ein Wirrwarr aus Sätzen, Gebärden und Geschichten, Sonia und Peter auf dem einen Sofa zusammen mit Ralf, Olga auf einem Kissen vorm Kamin, wo sie von Zeit zu Zeit ein Holzscheit oder zwei auf die Glut warf. Zuweilen beugte sie sich vor und blies hinein, wenn die neuen Scheite nicht so richtig Feuer fangen wollten.
Ich saß neben Olga auf dem Boden, bis ich mich zu Henry auf das andere Sofa setzte, weil es mir vorm Kamin zu warm geworden war. Die anderen saßen rundum in den Sesseln, jedenfalls die meiste Zeit, denn Rosi und Marlice hielt es nicht immer auf ihrem Platz, sie stellten sich in die Türöffnung, wo es etwas kühler war, oder gingen mit, wenn ein Hausbewohner den Raum verließ – um noch Kräcker zu besorgen, Tee zu kochen oder Wein aus dem Keller zu holen –, aber das waren nur kurze Unterbrechungen, und bald waren wir wieder alle im Salon, wo immer mehr Schnipsel unserer gemeinsamen Geschichte aufgedeckt wurden. Ein Raum voller Bewegung: Die Zeit lief in unseren Berichten davon, Ströme des achtzehnten Novembers, wir hasteten durch die Tage, und unversehens war es Abend, und wir saßen da, neun Menschen mit Stimmen und Sätzen, mit all dem, was geschehen war, allen Anfängen, die wir allein erlebt hatten, und unseren Begegnungen.
Zu Beginn waren wir zwei Gruppen: wir und unsere Gäste, oder die Neuen und die Bewohner des Hauses, aber von einem bestimmten Zeitpunkt an, ich weiß nicht, wann genau, hörten die Hinzugekommenen auf, unsere Gäste zu sein, und wurden zu neuen Hausbewohnern. Vielleicht schon nach zwei, drei Stunden. Jedenfalls empfanden wir sie, als wir spät in der Nacht Matratzen und Decken und Federbetten holten, nicht mehr als Gäste. Oder ich glaube, wir wurden daran erinnert, dass wir selber Gäste waren, dass die Matratzen und Sofas, die wir ihnen zum Übernachten anboten, die Matratzen und Sofas des Hauses waren und eigentlich nicht uns gehörten. Vielleicht verhält es sich ja so: Wir sind Gäste, und wenn wir Gäste bekommen, wird klar, dass alles nur geliehen ist, dass wir auf geliehenen Sofas und Sesseln gesessen haben – mit Armen und Beinen, die unsere waren und die Körpern gehörten, die unsere waren, und mit all den Worten und Sätzen und all den Bewegungen, die man nie so richtig sein Eigen nennen kann, das war eindeutig, weil wir nicht umhin konnten, von den anderen Gesten und Bewegungen zu leihen. Oder Sätze.
Es war nicht schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Die Körper auf den Sofas und Sesseln. Die Gesichter, die zu den Körpern gehören. Die Stimmen, die zu den Gesichtern gehören. Mal hört man dem einen, mal dem andern zu, und immer wenn man seinen Blick nach einer der Stimmen richtet, gehört sie zu einem Gesicht und einem Körper mit einer Hand im Nacken oder einer bestimmten Art, sich auf die Sofalehne zu stützen. Aber dann bemerkt man, dass man selbst eine Hand im Nacken hat oder dass man sich auf genau die gleiche Art und Weise auf die Lehne stützt, und dann kommt eine andere, die was erzählt, und ein anderer, der sich eine Bewegung borgt. Ein Bein wird gebeugt und aufs Sofa gezogen, zwei Hände flattern in der Luft, um etwas zu erklären, und etwas später flattern zwei andere Hände, und ein anderes Bein wird auf einen Sessel gezogen. Es ist warm im Zimmer, und jemand schnappt einen Satz auf und verwendet ihn wieder, denn auch wenn man die Stimmen rasch kennenlernt und mit Gesichtern und Körpern verbindet, treiben die Bewegungen durch den Raum, Sätze werden weitergegeben, und Bewegungen ziehen durch Spiegelungen und Wiederholungen vorbei, manchmal nur durch das Zucken einer Augenbraue oder eine lauschende Geste, die unauffällig von einem Gesicht zum andern geht. Einer steht auf und räumt Tassen oder Gläser weg, und sofort tut ein anderer das Gleiche, und so verbrachten wir den ganzen Abend, ein Mosaik, eine Verflechtung, so viele Bewegungen und all die Hände und Arme und Beine, die borgen und mimen und spiegeln und austauschen. Einer gähnt und dann ein Zweiter und Dritter, denn alle sind müde, aber das bedeutet nichts. Eine Geschichte wird in den Raum gesandt und dann eine andere, die an die erste erinnert, denn es gibt immer einen, der ein Erlebnis daran anknüpfen kann: Die Erzählung des einen ruft eine Geschichte bei einem anderen hervor, und mit...




