Ballhorn | Der Kugelmann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Reihe: WEEERD

Ballhorn Der Kugelmann

Eine urbane Legende
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-942006-87-3
Verlag: Verlag der Ideen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine urbane Legende

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Reihe: WEEERD

ISBN: 978-3-942006-87-3
Verlag: Verlag der Ideen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin. Eine Gruppe junger Freigeister will mehr als nur knallharte Champagnerfeten - das echte Leben. Authentisch und frei wollen sie sein. Aber geht das in einer Gesellschaft wie dieser? Anschläge sind bei den Falschen modern! Die Machtverteilung auf der Welt verschiebt sich, Umweltschutz wird als zweitrangig erklärt und die Gerechtigkeit endgültig verabschiedet! Man muss selbst etwas tun! Die Leute darauf aufmerksam machen, was wirklich läuft! Ist das richtige Leben im falschen System überhaupt möglich? Die Stadt zuplakatieren, den Reichstag fluten, ganz Berlin den Kopf verdrehen - Vollgas jetzt! Der Funke springt über und in vielen Köpfen beginnt eine Revolution ...

Karl Ballhorn verbrachte seine ersten Jahre in einem Häuschen in New Mexico. Seine Jugend verbrachte er in einem bayrischen Dorf und lebt und arbeitet seit 2003 mit Frau und Kind in Berlin. Mit seinen Texten möchte er unterhalten, aber auch gesellschaftliche Missstände aufzeigen. Er schreibt Kurzgeschichten, Liedtexte, Gedichte und arbeitet momentan an seinem zweiten Roman Der Kugelmann ist sein erster Roman.
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Der Vortrag


Musikdownload:

www.weeerd.be/zeug

1_Der-Kugelmann_Werden-Wege-neu-gelegen-werden_Kannibalen-Ochse

»Keine meiner Leinen war reiner als mein Schein,

kleiner als das Meine fließt Wasser abwärts,

groß und stark, werden diese derben Dinge zu beklemmenden Zwickmühlen, wegen Gewittern,

werden die Schulen der Nacht gefährdet von Wahnsinn,

werde keine Erde neu errichten ohne fortwährende Fortpflanzung voran,

deshalb regiert der Schwung von Dingen,

diejenigen, die mit Sinnen sind und

eine Leine brauchen, ohne einen Führer dran.

Deswegen werden Wege neu gelegen werden,

werden Wege neu gelegen werden!

Deswegen werden Wege neu gelegen werden,

werden Wege neu gelegen werden?«

Wie ein Leuchtturm bei Nebel auf hoher See ertönte der Kannibalen-Ochse und performte dieses dadaistische Werk der Sprechgesangskunst. Jako und Paule befanden sich im Schleier des Rausches und während einer Druckbetankung an der Bar. Keiner war rechtens über Kannibals Anwesenheit informiert, als ein bizarres Instrumental ertönte und ein paar Takte später Mr. Ochse zu rappen anfing. Die Bude war brechend voll und dennoch war er nicht zu überhören. Die Herde drehte sich zu ihm. Er schritt zur Bar, während ihm königlich Platz geschaffen wurde. Zeitgleich rappte er und klappte den Schirm seiner Basecap mit der rechten Hand im Takt nach oben und unten. Mit der linken Hand dirigierte er seinen »Gesang« betonend vehement. Mit einem seitwärts gehenden Moonwalk glitt er zum Tresen. Genau dort stoppte er den Vortrag.

»Rum mit einem Schuss Cola, bitte!«

Jako strahlte über Kannibalen-Ochses Erscheinung. Gerade als er MC Ochse herbeiwinken wollte, unterdrückte Paule dies, indem er Jakos Hand mit seiner Linken im Bewegungsfluss stoppte. Mit der rechten Hand wischte er pantomimisch einen Tisch. Das Ganze unterstrich er, indem er die Augen schloss und die Unterlippe vorschob. Das hieß so viel wie: »Bitte nicht!« Jako verstand und verlegte ein Wiedersehen mit dem Kannibalen-Ochsen ein weiteres Mal auf später. Soweit das in dieser Umgebung ging, schien Paule gerade etwas Ruhe zu benötigen, aber Herr Kannibale versprach alles andere als Ruhe.

Sie schwiegen. Jako sinnierte über Kannibalen-Ochses Text. »Keine meiner Leinen war reiner als mein Schein – kleiner als das Meine fließt Wasser abwärts«, muss wohl so was heißen wie dass das Leben, der »Schein« oder das Leuchten der Seele, wie eine Leine, wie ein Faden verläuft und mindestens solchen Naturgesetzen unterliegt wie dass das Wasser immer abwärts fließt und man sich daraus die Frage stellen könnte: Kann man genau deswegen im Leben etwas ändern, »deswegen werden Wege neu gelegen werden!«, oder genau deswegen ist alles vorherbestimmt, »werden Wege neu gelegen werden?«.

Jako fragte Paule: »Glaubst du, dass der Text davon handelt, ob man überhaupt etwas ändern kann?« Paule schaute durch Jako hindurch und nickte dies bestätigend ab. Dann sagte er leicht lallend:

»Ich glaube sogar, dass er meinte, Verrückte, oder sagen wir Entrückte, deren Sinne geschärft sind und im Wahnsinn nicht untergehen und die keinen Führer brauchen, sind diejenigen, die in der Lage sein könnten, auf der Welt etwas zu verändern.« Jako nickte anerkennend. Sie schwiegen, bis Paule gestand:

»Ich fliege übrigens übermorgen mit Jasmin nach Portugal.« »Hey, davon weiß ich ja gar nichts. Warum?«

Blöde Frage, Paule suchte eine Antwort, »wegen der Freiheit«?

Jako nickte. Sie schwiegen.

Im Nebenzimmer hörten sie, wie sich der Kannibalen-Ochse emotionsgeladen mit einer Gruppe Männer austauschte. Einer von ihnen hatte allem Anschein nach irgendein Heft verloren.

Die Gruppe schrie etwas von:

»Wer befiehlt die Wahrheit? Wer hat das Judenheft? Wer hat es versteckt? Es fehlt und ist am Ende gar fehlerhaft! Wer oder was hat sich gegen wen oder was verschworen?« Im Zwiespalt der Sache.

Einige Takte später stießen Jako und Paule auf drei Frauen. Die drei meinten, sie arbeiteten alle im selben Nachtklub und kämen aus Irland. Genauer: Dublin. Jako mochte Dublin nicht, er verband damit unschöne Tage aus seiner Zeit als Weltenvagabund.

Auf Anhieb hatten sie mit den drei Frauen Spaß. Paule wollte wissen, was sie unter Nachtklub verstanden, bekam aber keine vernünftige Antwort. Sie mochten Dublin auch nicht. Berlin sei viel cooler. Paule hatte eine andere Vorstellung von Irinnen. Kurze Zeit später zog eine Paule zu sich herunter, legte ihre Hand um seine Schulter und wisperte:

»Psst, darling, we are from New Jersey, the States. To be honest. But at least we all have irish roots. Where are you from?« »I am from here.« Und deutete auf den Fußboden. Sie schaute sich die Stelle an, auf die er zeigte. Paule sah auch mal nach. Beide hoben zeitgleich die Köpfe und grinsten sich an. »Hi, I am Enia«, und fletschte die Zähne.

Paule richtete sich auf, stemmte das Bier in die Hüfte und wollte auch Gebiss zeigen. »Hi, I am Paule.« Das sah wohl lustig aus. Enia, die Amerikanerin irischer Abstammung, begann laut zu lachen und keifte:

»Damn, I love you German guys!«

»Me, too!«, gab Jako zu verstehen und schüttelte sich verliebt. Paule richtete seine bierfreie Hand auf Jako und meinte: »And what about Italian boys?« Stimmt, Jako hat etwas Südländisches. Dunkle Haare, etwas dunklere Haut und überhaupt, gerade heute, eine laute Art.

»Yeah, we love Italian boys!«

Jako strahlte und schrie: »And I love Irish girls!« »Die drei Girls« betrachteten sich gegenseitig, um dann laut schallend zu lachen.

»Das Nuttenkarussell«, so nannten Jako und Paule diese Bar früher, bewies konkreten Namensbezug. Auch als Karussell. Die Theke war gebogen, bildete einen Halbkreis. Man kam dadurch schneller mit dem Nachbarn ins Gespräch, der Verschleiß des Personals war allerdings sehr hoch. Es war einfach verdammt anstrengend, dort zu arbeiten. Für mich eine weitere öde Schenke. Wenigstens als legales Indoor-Raucherzentrum zu verbuchen. Als angehender Nichtraucher wiederum egal. Paule wäre an diesem Abend lieber woandershin gegangen, Jako wollte aber unbedingt Karussell fahren.

Enia beschäftigte sich weiterhin hauptsächlich mit Paule. Sie bewegte sich viel. Immer wieder kniff sie ihn, zog ihn zu sich heran oder stieß ihm mit dem Ellenbogen in die Seite. Paule wurde heiter bis redselig. Neben dem Reden benutzte er seine bekannte Zeichensprache, die er hochprozentiger und somit weiblicher einsetzte als der Mann an sich. Abwinken, herbeiführen, Fischernetz einholen und mit dem dicken Zeigefinger Löcher in die Theke hauen. »Gay« war das nicht. Paule hatte starke große Hände und dieses Handwerkliche, geerbt vom Vater. Gut, es gibt schwule Handwerker und kann man Handwerkertum erben? Er selber hat nie viel gezimmert, gebohrt und gehämmert. Er war zwar seit sieben Jahren Hausmeister, doch nach eigenem Bekunden öffnete er dort lediglich Türen und vermaß Kühlschränke. Er bückte sich und streckte sich. Die beiden gaben ein stimmiges Bild ab. Enia war die Fülligste von den dreien, hatte »Holz vor der Hütte« und zeigte dies auch wie eine Verkäuferin mit tragbarem Bauchladen. Immer wieder zog sie den großen, gelegentlich wie ein Riesenbaby wirkenden Paule zu sich herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr, dabei dirigierte sie seinen Blick so, dass Paule sich ein genaues Bild von ihrem Sortiment machen musste. Ihre hellbraune Kurzhaarfrisur mit langem Scheitel, der ihr ab und an ins Gesicht fiel, und ihre schnellen Bewegungen ließen sie jung und frisch wirken.

Jako war immer noch mit der ihm am nächsten stehenden Dame beschäftigt. Die Dritte im Bunde verschwand hier und da, tauchte irgendwann wieder auf und man hatte nicht den Eindruck, als fände sie es zu »blöde«, dass ihre beiden Freundinnen sich mit Jako und Paule beschäftigten. Im Gegenteil, man konnte fast meinen, sie freue sich für sie. Eines musste man Jako lassen: Dieser Typ hatte Anziehungskraft, im Speziellen auf Frauen. Seine Augen oder sein ganzer Ausdruck verführten dazu, mehr von ihm erfahren zu müssen. Beim schelmischen Blick wollten sie in ihn hinein, um zu erfahren, was er ausheckte. Beim Pathosblick wollten sie in ihn hinein, um zu erfahren, welch Schmerz ihn denn beseelte. Zusätzlich dazu kam, in einem nicht unerheblichen Maß, sein Aussehen: schmale Hüften, breites Kreuz, sportlich gebaut und eine relativ große Statur. Diese Erscheinung wurde stilvoll leger unterstrichen von einer gut sitzenden schwarzen, festen Stoffhose einer mittlerweile bekannten amerikanischen Arbeiterbekleidungsfirma,...


Karl Ballhorn verbrachte seine ersten Jahre in einem Häuschen in New Mexico. Seine Jugend verbrachte er in einem bayrischen Dorf und lebt und arbeitet seit 2003 mit Frau und Kind in Berlin. Mit seinen Texten möchte er unterhalten, aber auch gesellschaftliche Missstände aufzeigen. Er schreibt Kurzgeschichten, Liedtexte, Gedichte und arbeitet momentan an seinem zweiten Roman Der Kugelmann ist sein erster Roman.



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