Balzac | Die Königstreuen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 390 Seiten

Balzac Die Königstreuen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0595-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0595-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Honoré Balzacs historischer Roman handelt im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts, als im Department Vendée die französische Revolution ausbrach.

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Siebentes Kapitel



Am nächsten Morgen nach dem Ausmarsch befanden sich Hulot und seine beiden Freunde zu frühester Stunde auf der Straße von Alençon nach Mortagne, etwa eine Meile von der erstgenannten Stadt entfernt, auf dem Teil des Weges, der längs der von der Sarthe bewässerten Weiden hinführt.

Die malerischen Bilder dieser Wiesen entrollen sich zur Linken. Die rechte Seite dagegen bildet, von dichten Wäldern begleitet, die an den großen Wald von Menil-Broust anschließen, eine dunkelschattierte Gegenstellung – wenn es erlaubt ist, diesen Ausdruck der Malerei zu entlehnen – zu dem köstlichen Anblick des Flusses. Der Wegrand ist zu beiden Seiten durch Gräben ausgehöhlt, deren immer wieder auf die Felder ausgeworfene Erde dort hohe, von dornigem Ginster gekrönte Böschungen hingestellt hat. Diese Staude, die sich in dichten Büscheln ausbreitet, liefert während des Winters ein treffliches Futter für Pferde und Rindvieh. Solange sie jedoch nicht geerntet war, versteckten sich die Chouans hinter ihrem dichten Gesträuch. Die Ginsterböschungen, die dem Reisenden die Nähe der Bretagne anzeigen, machten somit diesen Teil des Weges ebenso gefährlich, wie er schön ist. Die Gefahren, denen man auf der Strecke von Mortagne nach Alençon und von Alençon nach Mayenne begegnen mußte, waren der Grund für den Aufbruch Hulots; und hier entschlüpfte ihm endlich der geheime Grund seines Zorns.

Der Kommandant schritt gerade neben einer alten, von Postpferden gezogenen Kalesche her, die seine müden Soldaten langsam fahren ließen. In der Ferne sah man gleich schwarzen Punkten mehrere Kompagnien von Blauen nach der Garnison Mortagne zu verschwinden. Sie hatten diesem Wagen das Geleit bis an die Grenzen ihrer Etappe gegeben, wo Hulot sie in diesem Dienst ablöste, den seine Soldaten eine »patriotische Schinderei« nannten. Eine der beiden Kompagnien des alten Republikaners hielt sich ein paar Schritt hinter, die andere vor dem Fuhrwerk. Hulot marschierte mit Merle und Gérard halbwegs zwischen der Vorhut und dem Wagen und sagte plötzlich zu ihnen: »Donnerwetter! glauben Sie denn, daß uns der Kriegsminister nur darum von Mayenne abberuft, daß wir die beiden Unterröcke begleiten, die in dem alten Bagagewagen da sitzen?«

»Aber Herr Kommandant,« erwiderte Gérard, »als wir soeben bei den Bürgerinnen Stellung nahmen, grüßten Sie sie doch sehr höflich!«

»Ha! das ist ja die Schande. Empfehlen uns diese Pariser Stutzer nicht die größte Rücksichtnahme auf ihre verdammten Weiber! Daß man gute, tapfere Patrioten entehrt, indem man sie einer Schürze folgen heißt! Ich, ich gehe meinen geraden Weg und mag auch bei andern keinen krummen leiden. Als ich sah, wie Danton Mätressen hatte, wie Barras Mätressen hatte, sagte ich zu ihnen:,Bürger, als die Republik euch ersucht hat, ihr vorzustehen, geschah das nicht, damit die Vergnügungen des alten Regime fortgesetzt würden. Ihr erwidert mir, daß die Frauen...? Oh, man braucht Frauen, das ist in der Ordnung. Gute Kerle müssen auch Frauen haben, gute Frauen.' Aber genug der Worte! Wozu wäre es gut gewesen, die Mißstände der alten Zeit wegzufegen, wenn die Patrioten wieder geradeso anfangen wollten? Seht euch den Ersten Konsul an, das ist ein Mann. Keine Frauen. Immer bei seiner Sache. Ich möchte meinen Bart verwetten, daß er von dem dummen Gewerbe nichts ahnt, zu dem wir uns hier hergeben müssen.«

»Meiner Treu, Kommandant,« antwortete Merle lachend, »ich habe die Nasenspitze der jungen Dame da drin im Wagen erhascht, und ich gestehe, ein jeder könnte, wie ich, das Gelüste verspüren, um diese gelbe Kutsche zu streichen und mit den reisenden Damen ein kleines Gespräch anzuknüpfen, ohne Schaden an seiner Ehre zu nehmen.«

»Nimm dich in acht, Merle,« sagte Gerard. »Sie werden von einem Bürger begleitet, der gewitzigt genug aussieht, um dir eine Schlinge zu legen.«

»Wer? Dieser Incroyable mit den kleinen Äuglein, die beständig von einer Wegseite zur anderen gehen, als fürchte er Chouans; dieser Stutzer, von dem man kaum die Beine sieht und der sich in dem Augenblick, wo die seines Gauls durch den Wagen verdeckt werden, ausnimmt wie eine Ente, die den Kopf aus einer Pastete herausstreckt! Wenn dieser Schöps mich hindern sollte, seine niedliche Grasmücke zu karessieren ...«

»Ente, Grasmücke! Oh, mein armer Merle, du ergehst dich ja fürchterlich in Geflügel! Aber traue der Ente nicht! Ihre grünen Augen kommen mir so falsch vor wie die einer Schlange und so schlau wie die einer Frau, die ihrem Gatten verzeiht. Ich mißtraue den Chouans weniger als diesen Advokaten, deren Gesichter wie Limonadenkaraffen aussehen.«

»Pah!« rief Merle lustig, »mit der Erlaubnis des Kommandanten wage ich mich dran! Diese Frau hat Augen wie Sterne! Um die zu sehen, kann man alles aufs Spiel setzen.«

»Es hat ihn!« sagte Gerard zu dem Kommandeur. »Er fängt an, Dummheiten zu schwatzen.«

Hulot schnitt seine Grimasse, zuckte die Achseln und erwiderte: »Ich würde ihm raten, an der Suppe zu riechen, bevor er sie ißt!«

»Der gute Merle!« nahm Gerard wieder das Wort, während er aus der Langsamkeit, mit der sein Freund sich vorwärts bewegte, schloß, daß er sich allmählich von dem Wagen einholen lassen wollte. »Wie fröhlich er ist! Er ist der einzige Mensch, der beim Tode eines Kameraden lachen könnte, ohne daß man ihn für gefühllos hielte.«

»So ist der rechte französische Soldat,« sagte Hulot mit ernstem Ton.

»Oh! da befestigt er seine Achselstücke auf der Schulter, damit man auch ja sieht, daß er Hauptmann ist«, rief Gerard lachend aus. »Als ob der Rang dabei etwas ausmachte!«

Die Kalesche, um die der Offizier schwenkte, enthielt in der Tat zwei Frauen, deren eine die Dienerin der andern zu sein schien.

»Diese Weiber«, bemerkte Hulot, »treten immer zu zweien auf.«

Ein kleines, trockenes, mageres Männchen tänzelte auf seinem Pferde bald vor, bald hinter dem Wagen her, aber obwohl er die beiden bevorzugten Reisenden zu begleiten schien, hatte ihn noch niemand ein Wort mit ihnen wechseln sehen. Dieses Schweigen, gleich, ob es nun Achtung oder Verachtung ausdrückte, das wunderliche Aussehen des Fuhrwerks, das einem Gauklerwagen glich, das zahlreiche Gepäck und die Schachteln der Dame, die der Kommandant eine »Prinzessin« nannte, all das, bis zu dem Anputz ihres dienstbeflissenen Kavaliers, hatte Hulots Galle noch mehr gereizt.

Das Kostüm des Unbekannten gab ein genaues Bild der Mode ab, die zu jener Zeit die Veranlassung zu den Karikaturen der Incroyables bildete. Man stelle sieh einen Menschen vor, der in einem Anzug steckte, dessen Vorderschöße so kurz waren, daß die Weste fünf oder sechs Daumen breit darunter hervorsah, während die hinteren durch ihre Länge einem Schwalbenschwanz glichen. Ein ungeheures Halstuch beschrieb so zahlreiche Windungen um seinen Hals, daß der kleine Kopf, der aus diesem Labyrinth von Musselin hervorkam, den gastronomischen Vergleich des Hauptmanns Merle fast rechtfertigte.

Der Unbekannte trug ein enganschließendes Beinkleid und Suwarowstiefel. Eine riesige weiß und blaue Kamee diente ihm als Busennadel. Zwei Uhrketten kamen nebeneinander aus seinem Gürtel heraus. Seine Haare, die in Korkzieherlocken zu beiden Seiten des Gesichtes herabhingen, bedeckten fast seine ganze Stirn. Endlich stiegen, als letzte Verschönerung, sein Hemdkragen und der des Rockes so hoch an, daß der Kopf wie ein Bukett in einer Papiermanschette zu stecken schien. Wenn man sich zu diesen schreienden Bestandteilen, die sich gegenseitig nicht vertrugen und keinen Einklang ergaben, den drolligen Farbengegensatz der gelben Hose, der roten Weste und des zimtfarbenen Fracks hinzudenkt, so erhält man ein treues Bild dessen, was bei den Stutzern des Konsulats feinster Ton war. Dieses unsinnige Kostüm schien erfunden, der Anmut als Prüfstein zu dienen und zu beweisen, daß es nichts gibt, was zu lächerlich wäre, um von der Mode geheiligt zu werden.

Der Reiter schien dreißig Jahr alt zu sein. Trotz des Aufputzes, der allenfalls einem Quacksalber angestanden hätte, verriet indes seine Haltung eine gewisse Eleganz des Benehmens, an der man einen Vertreter der alten guten Gesellschaft erkannte, der durch seine Fähigkeiten dazu berufen war, die neue zu regieren. Als der Hauptmann in der Nähe der Kalesche angelangt war, schien der Stutzer sein Vorhaben zu erraten und tat ihm die Ehre an, den Schritt seines Pferdes zu verlangsamen.

Merle, der ihm einen sardonischen Blick zugeworfen, begegnete einem jener undurchdringlichen Gesichter, die durch die Wechselfälle der Revolution daran gewöhnt waren, alle seelischen Bewegungen zu verbergen.

Im selben Augenblick, in dem die hinaufgebogene Krempe des alten Dreispitzes und das Achselstück des Hauptmanns von den Damen bemerkt wurden, fragte ihn eine Stimme von engelhafter Sanftheit:

»Herr Offizier, würden Sie die Güte haben, uns zu sagen, an welchem Punkt der Straße wir uns befinden?«

Es liegt ein unbeschreiblicher Reiz in der Frage, die eine unbekannte Reisende stellt. In solchem Falle scheint das geringste Wort ein ganzes Abenteuer einzuschließen. Wenn aber die Frau, indem sie sich auf ihre Schwäche und eine gewisse Sachunkenntnis...



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