E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Bambaren Das weiße Segel
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-492-95748-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wohin der Wind des Glücks dich trägt
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-492-95748-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sergio Bambaren, geboren 1960 in Peru, gelang mit »Der träumende Delphin« auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Er gab seinen Ingenieurberuf auf und widmete sich fortan ganz dem Schreiben und seiner Leidenschaft für das Meer. Nach längerem Aufenthalt in Sydney lebt er heute wieder in Peru sowie auf den Kanarischen Inseln und engagiert sich unter anderem für das Non-Profit-Unternehmen Delphis.
Weitere Infos & Material
In Neuseeland, dem wunderschönen Land, in dem ich geboren bin, liegt Auckland, die Hauptstadt dieses smaragdgrünen Inselreichs, das man oft auch »das Land der langen Wolke« nennt. Dort erstreckt sich, umgeben von üppigen, sanft gewellten Hügeln, eine der majestätischsten Buchten der Welt, die Bay von Auckland, wo die einlaufenden Segelboote wispernd Geschichten aus fernen Landen erzählen und andere auslaufen, auf der Suche nach magischen Welten …
An diesem Morgen ging ich wie immer aus dem Haus und versuchte, nicht an den Stapel Papierkram zu denken, der mich mit Sicherheit im Eingangskorb auf meinem Schreibtisch erwartete. Die ganze Nacht hindurch hatte es geschüttet, und an diesem triefnassen Montagmorgen schien der Verkehr noch dichter als sonst zu sein. Nach fast einer Stunde Fahrt kam ich endlich vor dem Büro an und wappnete mich innerlich gegen eine weitere, restlos öde Arbeitswoche.
Ich blickte zu dem düsteren Gebäude auf, das bedrohlich über mir zu lauern schien. Um meine Lücke auf der gegenüberliegenden Seite der Parketage zu erreichen, mußte ich erst um Kisten und Säulen herumkurven. Mein Platz war der schlechteste. Neben Farbeimern und Pinseln hatte ich mich in eine Ecke zu quetschen. Und das ausgerechnet mir, der ich seit mehreren Jahren als Finanzberater meiner Firma fungierte und dem Unternehmen zu den niedrigsten Kosten den höchsten Profit einfuhr. Ich öffnete die Wagentür und stolperte sofort über ein Brett, das jemand achtlos auf dem Boden liegengelassen hatte. Gott, wie ich meinen Job haßte!
Und trotzdem kann der Mensch sich an alles gewöhnen, wenn man ihm nur genug Zeit läßt, den wahren Kern seines Wesens zu vergessen. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte ich geglaubt, alles sei möglich. Eines Tages würde ich die Welt erobern. Und jetzt saß ich hier und tat etwas, das nichts mit dem Träumer zu tun hatte, der ich in Wirklichkeit war. Oder war das schon unwiderruflich passé? Mußte man, wenn man erwachsen wurde und der Realität ins Auge sah, zwangsläufig die Träume vergessen, die man als Kind gehegt hatte?
Ich überquerte den Parkplatz, ging zur Treppe und schickte mich an, zur Firma hinaufzusteigen. Der Weg über die enge Wendeltreppe, deren düstere Stufen nur alle drei Meter von einer Glühbirne notdürftig erhellt wurden, trug auch nicht gerade dazu bei, meine langsam einsetzenden Kopfschmerzen zu lindern. Ich erreichte mein Büro, öffnete die Tür und trat ein.
Wie ich mir schon gedacht hatte, starrte mir ein riesiger Stapel Papierkram entgegen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und nahm mir sämtliche Briefe vor, die am Freitag noch mit der Spätpost oder am Wochenende per Kurier gekommen waren. Aus irgendeinem, allen Naturgesetzen widersprechenden Grund wurde der Stapel immer höher, je mehr ich mich bemühte, den Eingangskorb abzuarbeiten. Aber so ging es ja wohl allen vielbeschäftigten Menschen wie mir.
Mein Büro lag im achtzehnten Stock eines Hochhauses, mit Aussicht auf die Bucht von Auckland. Ich hatte von Anfang an gefunden, daß dieser Blick Segen und Fluch zugleich darstellte. Das Meer hat mich seit jeher fasziniert, und ich hätte den ganzen Tag lang dieses phantastische Panorama betrachten können. Aber gerade deswegen war mir manchmal, als verbrächte ich meine Tage in einem goldenen Käfig. Ich sah nur zu, wie die Schönheit an mir vorbeizog, ohne sie richtig zu genießen, wirklich in mich aufzunehmen oder ein Teil davon zu sein. Das Reisen war schon immer meine Leidenschaft gewesen, und früher war ich viel in Neuseeland und Australien herumgekommen. Aber in letzter Zeit hatte mein Job mich ziemlich mit Beschlag belegt. Ich hatte Überstunden gemacht und nicht einmal die Zeit gefunden, am Wochenende aus Auckland hinauszukommen, da meine Frau meist samstags und sonntags Dienst hatte. Schließlich war nichts Schlimmes daran, hart zu arbeiten. Doch zugleich hatte ich irgendwie das Gefühl, kostbare Lebenszeit zu vergeuden, mit der ich eigentlich etwas Besseres hätte anfangen müssen.
An einer der Wände meines Büros, die in einem sanften, pastelligen Beigeton gehalten war, hing eine alte Weltkarte. Sie war einfach und schmucklos gestaltet, aber sie erinnerte mich an all die fernen Länder, von denen ich wußte, daß sie auf mich warteten. Ich hatte Reisemagazine studiert und fasziniert die entsprechenden Fernsehsendungen verfolgt. Doch aus den verschiedensten Gründen war aus meinen Plänen nie etwas geworden.
Die Karte hatte ich in Mr. Blakes Buchladen auf der anderen Straßenseite gekauft, einem alten Geschäft direkt gegenüber dem Gebäude, in dem ich arbeitete. Ich liebte es, die alten Bücher zu durchstöbern, die mir aus den Regalen seines kleinen, aber gut sortierten Ladens entgegenblickten. Dann und wann entdeckte ich einen Band, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Den kaufte ich dann und nahm ihn mit nach Hause, um in den einsamen Momenten, die ich so sehr genoß, darin zu schmökern, während ich auf dem Balkon meiner Wohnung saß und zusah, wie die Sonne im tiefblauen Ozean versank.
Nachdem ich letzte Hand an einen Vertrag gelegt hatte, beschloß ich, Blakes Buchladen aufzusuchen. Doch auf dem Weg nach draußen lief ich dem neuen Chef vor die Füße. Gleich begann er, mich abzukanzeln: was mir einfalle, so früh zu gehen? Wir hatten schon wieder eine hitzige Auseinandersetzung. Der Mann war vor zehn Tagen angetreten und hatte seither eine so überhebliche Art an den Tag gelegt, daß ich ihm manchmal am liebsten eine geschmiert hätte. Aber schließlich waren wir hier im Büro, von dem meine finanzielle Zukunft abhing. Ich biß die Zähne zusammen, drehte mich gehorsam um und ging an meinen Schreibtisch zurück, um die letzte halbe Stunde abzusitzen.
In dem Moment, als meine Uhr acht zeigte, stürzte ich aus der Tür und die Treppe hinunter. Ich überquerte die Straße und betrat Mr. Blakes Buchladen. Wie üblich begann ich, die alten Regale zu durchstöbern, und versuchte, einen interessanten Titel zu entdecken.
Ein kleines Buch auf dem untersten Brett zog meine Aufmerksamkeit auf sich: »Tanz zu deiner eigenen Musik. Besinnliche Texte moderner und klassischer Autoren«. Ich schlug den Band auf. Er enthielt kurze Texte von verschiedenen Schriftstellern. Ich begann einen zu lesen, der von Henry David Thoreau stammte:
Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg,
noch dazu bei so waghalsigen Unternehmungen?
Wenn ein Mensch nicht Schritt hält
mit seinen Mitmenschen,
dann kommt das vielleicht …
»… vielleicht daher, daß er einen anderen Rhythmus hört. Soll er doch nach der Musik marschieren, die er vernimmt, einerlei, in welchem Takt und woher sie kommt. Eine gute Wahl, Mr. Thompson. Thoreau hat immer wieder so schön darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, sein Schicksal selbst zu wählen.«
Ich starrte den kleinen Mann mit dem langen grauen Bart an, der mich durch die dicken Gläser seiner alten Brille ansah. Sein abgetragener hellbrauner Anzug zeigte die Zeichen der Zeit. Er wandte sich um und begann, ein paar Bücher in einem der Stapel abzustauben, an denen »Sonderangebot« stand.
Mr. Blake arbeitete in diesem Buchladen, solange ich denken konnte. Zwar hatte das Alter seine Sehkraft stark geschwächt, aber sein Gedächtnis funktionierte so ausgezeichnet wie eh und je. Er schaute zu der Glastür, die seinen kleinen Laden von der Außenwelt abschloß. »Schlagen Sie Seite neunzehn auf, Mr. Thompson«, riet er mir. »Dort finden Sie eine weitere große Wahrheit aus der Feder unseres Freundes Thoreau.«
Ich tat, wie mir geheißen. Auf Seite neunzehn stand ein kurzer Text:
Ich bin in den Wald gezogen,
weil mir daran lag, bewußt zu leben,
es nur mit den wesentlichen Tatsachen
des Daseins zu tun zu haben.
Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könne,
was es zu lernen gibt,
um nicht, wenn es ans Sterben ging,
die Entdeckung machen zu müssen,
nicht gelebt zu haben.
Blake sah mich an. »Können Sie sich vorstellen, daß man Henry David Thoreau zu Lebzeiten für seine Ansichten nicht immer geschätzt hat? Erst nach seinem Tod begannen die Menschen, das Format des Mannes zu erkennen, der die Gesellschaft und alles, was er besaß, verließ und für mehr als zwei Jahre in die Wildnis zog, um zu erforschen, was im Leben wirklich wichtig ist. Aber geht das nicht immer so?«
»Wie meinen Sie das?« fragte ich zurück.
»Stellen wir nicht beinahe immer die Toten über die Lebenden? Es fällt so viel leichter, jemanden zur Legende zu erheben, von dem wir nur gehört, den wir aber nie persönlich kennengelernt haben. Vielleicht verwandeln wir solche Personen ja in Helden, weil wir ihre menschliche Dimension nicht wahrnehmen und nicht erkennen, daß sie Menschen waren wie Sie und ich.«
Ich lächelte. »Es ist immer wieder ein Vergnügen, Ihnen zuzuhören, Mr. Blake. Sie glauben gar nicht, wie angenehm es ist, nach einem langen, öden Tag im Büro in Ihren Buchladen zu kommen und einfach alles zu vergessen.«
»Nun, das freut mich zu hören. Vielen Dank, Mr. Thompson.«
»Ich glaube, ich nehme den Band«, erklärte ich. Ich reichte ihn Mr. Blake und ging in Richtung Ausgang, wo über einem Stapel staubiger Bücher eine alte Registrierkasse thronte.
»Ich mache Ihnen einen Sonderpreis dafür, Mr. Thompson. Er wird Ihnen bestimmt Freude bereiten.«
»Ja, dann bedanke ich mich, Mr. Blake!«...




