E-Book, Deutsch, 207 Seiten
Banerjee Der kleine Hochzeitsladen am Meer - oder: Die Herzleserin
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-565-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 207 Seiten
ISBN: 978-3-96655-565-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anjali Banerjee wurde in Indien geboren und ist in Kanada und Kalifornien aufgewachsen. Sie studierte in Berkeley und lebt heute mit ihrem Mann und fünf verrückten Katzen in der Nähe von Seattle, wo sie als Autorin und Journalistin arbeitet. Die Website der Autorin: anjalibanerjee.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Anjali Banerjee ihre Romane: »Der kleine Stoffladen des Glücks« »Der kleine Hochzeitsladen am Meer« »Der kleine Inselladen der Träume - Die Frauen von Shelter Island, Band 1« »Der kleine Buchladen am Meer - Die Frauen von Shelter Island, Band 2« Die »Shelter Island«-Reihe ist auch im Sammelband »Der weite Himmel über Fairport« erhältlich.
Weitere Infos & Material
Eins
Ich habe eine Indien-Allergie.
Während der Hochzeit meiner Schwester Durga schniefe und schnaube ich nur. Es ist die Luftverschmutzung in Kalkutta, die mir die Tränen in die Augen treibt, nicht etwa die Tatsache, dass Durga eine bengalische Ausgabe von Johnny Depp heiratet, während ich als ihre älteste Schwester mit neunundzwanzig noch ledig bin.
Der Schweiß durchweicht meine choli-Bluse und den leuchtend türkisfarbenen Sari, bis ich mich fühle wie eine riesige Blaubeere. Eingezwängt zwischen Dutzenden von Verwandten, stehe ich in einem Hof in Alipore im Süden der Stadt. Das Haus, eine zweistöckige Villa im britischen Kolonialstil, gehört Tante Kiki. Die etwa einhundert Gäste haben sich mächtig in Schale geworfen. Die Frauen tragen Saris, die Männer traditionelle dhoti punjabis, also langärmelige Seidenhemden mit weiten Hosen. Einige wenige Junggesellen drücken sich in schlechtsitzenden Anzügen herum. Ihr Haar ist zurückgegelt, die Mobiltelefone scheinen am Ohr festgewachsen. Ich weiche ihren Blicken aus, denn ich habe keine Lust auf ein Gespräch mit einem dieser Fatzkes.
Eine bengalisch-brahmanische Hochzeit dauert oft mehrere Tage. Doch Durga wird nach dem Brahmo-Samaj-Ritus getraut, einer fortschrittlichen, eher weltlich ausgerichteten Form des Hinduismus, die das Kastenwesen, Kinderehen und die Anbetung von Götterstatuen ablehnt. Meinen Urgroßeltern danke ich dafür, dass sie zum Brahmo-Samaj übergetreten sind. Sonst müsste ich mich jetzt gähnend durch Tausende von Ritualen quälen.
Der Duft von Kokosnussöl und Sandelholz liegt in der Luft. Durch die Menschenmenge kann ich einen Blick auf meine Eltern erhaschen, die in der Nähe der Bühne sitzen. Auf der Bühne selbst tauscht das glückliche Paar Girlanden aus, während ein Priester Gebete auf Sanskrit murmelt. Der Bräutigam ist mit einem cremefarbenen punjabi-Hemd und einem mit Gold durchwirkten dhoti bekleidet. Durga ist eine Traumbraut in ihrem roten Hochzeitssari, den roten und weißen Armbändern und dem schweren Goldring durch die Nase. Ihre Finger und Zehen sind mit alta-roter Farbe bemalt. Schwarzer Kajalstift umrandet ihre Augen, so dass sie an die große Hindugöttin Durga erinnert, nach der sie benannt ist. Schüchtern betrachtet sie ihre Füße und spielt die scheue Jungfrau.
Meine Tante Kiki, die neben mir steht, hat graues Haar und schiefe gelbe Zähne. Nun versetzt sie mir lächelnd einen Rippenstoß. »Na, Lina, du bist dann wohl als Nächste dran, stimmt’s? Eine große bengalische Hochzeit?« Als sie mir zuzwinkert, frage ich mich mit einem Anflug von Grauen, was sie wohl im Schilde führt.
»Ich weiß nicht so recht, Tante, ich bin einfach noch nicht so weit.« Mit Männern hatte ich bis jetzt nichts als Ärger, aber sie versteht das nicht.
»Oh Vishnu! Nathu ist nun schon seit zwei Jahren tot, und du bist noch immer nicht bereit?«
»In Kalifornien gibt es keine interessanten Junggesellen.«
Sie tätschelt mir die Wange. »Du bist jetzt fast dreißig. Solltest du nicht lieber aufhören, so wählerisch zu sein?«
»Ich bin nicht wählerisch, sondern habe eben Geschmack.«
»Bhalo. Gut.« In typisch indischer Manier wiegt sie den Kopf hin und her. »Wir werden heute Abend einen Ehemann für dich finden. Da bin ich ganz sicher.«
Mir wird ganz flau im Magen. Was soll das heißen: Da bin ich ganz sicher? Welche Geheimnisse verbergen sich in den Falten ihres Saris? Genau genommen ist die Tante meine Großtante, die älteste Tante meines Vaters. Ihre jüngste Schwester, die Mutter meines Vaters, starb kurz vor meiner Geburt. Da Tante Kiki die älteste Verwandte ist, haben ihre Entscheidungen die Tragweite eines königlichen Befehls.
»Was, wenn ich keinen Inder heiraten will?«, gebe ich zurück.
»Was hast du gegen Inder? Nathu war doch aus dem Pandschab, oder?«
»Nathu ist in Amerika aufgewachsen und wusste, dass man seinen Müll selbst runterbringen und sein Bett alleine machen muss. Er war nicht wie die traditionellen indischen Männer, die ihrer Frau die ganze Hausarbeit aufhalsen.«
»Vielleicht könnte es dir nicht schaden, ein wenig traditioneller zu werden.« Die Tante presst die Lippen zusammen und zieht die Wangen ein.
Heute Abend stecke ich bis zu meinem Push-up-BH in der Tradition, würde ich am liebsten antworten, beiße aber die Zähne zusammen und lächle. Ich spreche nur ein paar Brocken Bengalisch und bin keine praktizierende Hindu. Was würde ein konservativer Bengale von mir halten? Vermutlich würde er mich als beschädigte, von amerikanischer Dekadenz verdorbene Ware einstufen.
Ich schaue mich auf dem Hof um, bis ich meine andere Schwester Kali entdecke, und winke ihr wie wild zu. Bitte, rette mich vor der Tante.
Grinsend eilt Kali zu mir hinüber. »Sieht Durga nicht hinreißend aus?«
»Wunderschön«, bestätige ich.
»Wenn ich endlich meinen Traummann kennenlerne, wünsche ich mir eine richtige desi-Hochzeit. Indisch, bis ins Letzte.« Frei übersetzt bedeutet desi auf Hindu »aus meinem Land«.
Kali hat einen Fimmel, was ihre Heimat angeht, steht aber auch auf den geheimnisvollen Austin Powers. Sie ist jung und erblüht wie eine Lotosblume. Nicht, dass ich ein hässliches Entchen wäre, aber ich würde es nie wagen, mich so zu kleiden wie sie. Heute trägt sie eine ausgesprochen tief ausgeschnittene und enganliegende choli-Bluse. An ihr sieht sogar ein Sari aus wie ein Negligé, während ich mich bei solchen Familienzusammenkünften lieber bedeckt halte.
»Hast du hier irgendwo einen praktizierenden Katholiken entdeckt?«, raune ich ihr ins Ohr.
»Wenn du willst, kann ich ja mal auf die Pirsch gehen.« Sie wirft mir einen verschwörerischen Blick zu. »Ich habe heute jemanden kennengelernt. Er heißt Dev und hat das gewisse Etwas. Ich glaube, ich habe mich verliebt.«
»Kali fällt es nicht schwer, Junggesellen zu treffen«, mischt sich die Tante ein. »Nur Lina ist unser Sorgenkind. Obwohl sie in Kalifornien als Heiratsvermittlerin arbeitet, findet sie einfach keinen passenden Ehemann.«
»Vielleicht liegt es daran, dass ich keinen suche.«
»Wir warten alle darauf, dass dir der Richtige in die Arme läuft«, meint Kali. »Du weißt doch, wie es funktioniert. Schließlich hast du auch Durga mit ihrer besseren Hälfte verkuppelt.«
»Das ist etwas anderes. Es ist viel einfacher, andere Leute zusammenzubringen.« Meine Spezialität besteht darin, in Amerika geborenen Inderinnen zu ihrem Traumprinzen zu verhelfen. Ich verfüge nämlich über die ans Unheimliche grenzende Fähigkeit anhand von silbrigen Fäden zu erkennen, ob potenzielle Partner zusammenpassen. Doch seit Nathu habe ich keinen Faden zwischen mir und einem Mann gesehen, und ich rechne auch heute Abend nicht damit.
»Gründe eine Familie, dann musst du nicht mehr ständig in der Gegend herumlaufen und dich kaputtarbeiten«, sagt die Tante. »Warum beharrst du so darauf, ledig zu bleiben?«
»Ich beharre nicht darauf, ich bin beschäftigt. Außerdem arbeite ich gerne.« Ich seufzte entnervt auf. Schließlich bespricht sie mit Kali, wie sie zusammen der armen älteren Schwester Lina helfen können.
Ich bin ein hoffnungsloser Fall und eine Enttäuschung für meine Familie. Warum also kehre ich immer wieder nach Indien zurück? Vielleicht ist es der Hauch des Exotischen, denke ich, während ein Dienstbote rings um den Hof Fackeln anzündet. Möglicherweise liegt es am feuchtwarmen Sommerklima an der Bucht von Bengalen. Es könnte auch sein, dass meine innere Prinzessin auf einen Märchenprinzen wartet, der durch die Abgaswolken herangeprescht kommt und mich entführt.
Die Tante zeigt in die Dunkelheit. »Schau mal, da drüben, Lina. Bist du bei deinem letzten Besuch in Kalkutta Nikhil Ghose vorgestellt worden?«
»Wem?«
Einer der Anzugträger erscheint aus dem Nichts und drückt fest meine Hand. »Lina Ray? Es ist mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite.« So höflich wie möglich entziehe ich ihm meine Hand und blicke in das hoffnungsvolle Gesicht eines Typen, der mich an die Comedy-Figur Pee-wee Herman auf Steroiden erinnert.
Eine dicke Frau in goldenem Sari wälzt sich mit ihren wabbelnden Rettungsringen auf uns zu. In Indien gelten Fettwülste am Bauch nämlich noch als sexy. »Nikhil, mein Sohn, wo steckst du denn?«, ruft sie.
Die Tante packt mich am Ellbogen. »Das ist meine gebildete Großnichte Lina. Lina, Nikhil Ghose.«
Ich erstarre. Staub brennt mir in den Augen.
»Sehr erfreut, sehr erfreut.« Missis Ghose wiegt den Kopf hin und her.
»Lina spielt klassisches Klavier und kocht ausgezeichnet«, fährt die Tante fort. »Sie ist für kurze Zeit aus Amerika zu Besuch. Sie müssen uns unbedingt zum Tee beehren.«
Verdattert starre ich die Tante an. Kocht ausgezeichnet? Ich schaffe es gerade, Milch über meine Frühstücksflocken zu schütten, doch die indische Küche wird für mich immer ein Mysterium bleiben. Und Klavierspielen? Das ist eine Verschwörung. Sicher hat die Tante sich mit Ma abgesprochen, und jetzt versuchen die beiden verzweifelt, eine Hochzeit für mich zu arrangieren. Niemals werde ich Peewee heiraten! Lieber ertränke ich mich im Ganges.
Seine Mutter mustert mich von Kopf bis Fuß und verzieht dann abfällig die Lippen. »Ein bisschen mager, finden Sie nicht? Und dann hat sie auch noch die ganze Zeit in Amerika gelebt? In Amerika werden unsere Mädchen dünn und wild.«
»Ich wurde schließlich nicht von Wölfen großgezogen«, wende...




