Banks Blicke windwärts
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16378-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-16378-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der idiranische Krieg treibt seinem Höhepunkt entgegen: Als Rache für die Niederlagen, die ihnen die KULTUR beigebracht hat, planen die Chelgrianer einen Anschlag auf das Masaq‘-Orbital, ein künstliches Gebilde von drei Millionen Kilometern Durchmesser, bewohnt von fünfzig Milliarden Menschen. Zwar wird das Orbital von einer KI geleitet, die Jahrhunderte lang an Raumschlachten teilgenommen hat – doch wie soll sie einen Gegner erkennen, der eine unsichtbare Waffe in sich trägt?
Iain Banks wurde 1954 in Schottland geboren. Nach einem Englischstudium schlug er sich mit etlichen Gelegenheitsjobs durch, bis ihn sein 1984 veröffentlichter Roman Die Wespenfabrik als neue aufregende literarische Stimme bekannt machte. In den folgenden Jahren schrieb er zahllose weitere erfolgreiche Romane, darunter Bedenke Phlebas, Exzession und Der Algebraist. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der britischen Gegenwartsliteratur. Am 9. Juni 2013 starb Iain Banks im Alter von 59 Jahren.
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Prolog
Um die Zeit, da wir beide wussten, ich würde ihn verlassen müssen, war es schwer zu unterscheiden, welche Lichtzuckungen Blitze waren und welche von den Energiewaffen der Unsichtbaren stammten.
Eine gewaltige Explosion aus blau-weißem Licht erhellte den Himmel, machte aus der Unterseite der gezackten Wolken eine auf dem Kopf stehende Landschaft, durchbrach den Regenschleier und enthüllte die Verwüstung um uns herum: das Gerippe eines fernen Gebäudes, dessen Inneres bei einer früheren Katastrophe ausgehöhlt worden war, die ineinander verhakten Überreste von Schienen in der Nähe des Kraterrands, die zerbrochenen Versorgungsrohre und eingestürzten Tunnel, die der Krater freigelegt hatte, sowie den gewaltigen Körper des Landzerstörerwracks, das halb untergetaucht in dem schmutzigen Wasserteich am Grund des Loches lag. Als der Lichtblitz erstarb, hinterließ er nur eine Erinnerung im Auge und das matte Flackern des Feuers im Innern des Zerstörerwracks.
Quilan umklammerte meine Hand noch fester. »Du musst dich unbedingt in Sicherheit bringen. Und zwar sofort, Worosei.« Ein weiterer, kleinerer Blitz beleuchtete sein Gesicht und den ölschaumigen Dreck um seinen Leib, wo dieser unter der Kriegsmaschine eingesunken war.
Ich rief mit viel Aufhebens die Meldungen ab, die mein Helm mir anzeigte. Der Flieger des Schiffs war auf dem Heimweg, allein. Das Display verriet mir, dass er von keinem größeren Gefährt begleitet wurde; das Ausbleiben jeglicher Meldung auf dem allgemeinen Kanal bedeutete nichts Gutes. Es war kein Schwerlifter, keine Rettung in Aussicht. Ich schaltete aufs Nahbereichsbild um. Auch von dort gab es keine bessere Meldung. Die wirren, pulsierenden Schaltbilder besagten, dass die Darstellung auf großer Unsicherheit beruhte (an sich schon ein schlechtes Zeichen), aber es sah ganz so aus, als befänden wir uns genau in der Angriffslinie der vorrückenden Unsichtbaren und würden bald überrannt werden. Vielleicht in zehn Minuten. Oder in fünfzehn. Oder in fünf. Unbestimmt. Trotzdem versuchte ich zu lächeln, so gut ich konnte, und bemühte mich um einen möglichst gelassenen Ton.
»Ich kann mich erst dann in Sicherheit bringen, wenn der Flieger hier ankommt«, erklärte ich ruhig. »Das Gleiche gilt für dich.« Ich verlagerte mein Gewicht an dem schlammbedeckten Hang und versuchte, einen besseren Halt zu finden. Mehrmaliges Knallen erschütterte die Luft. Ich beugte mich über Quilans ungeschützten Kopf. Ich hörte, wie Schutt auf den Hang gegenüber polterte und etwas ins Wasser platschte. Ich blickte zu dem Teich in der Talsohle des Kraters, wo die Wellen gegen die meißelförmige Frontpanzerung des Landzerstörers schlugen und wieder zurückfielen. Wenigstens stieg das Wasser anscheinend nicht weiter.
»Worosei«, sagte er. »Ich glaube, ich komme hier nicht mehr raus. Das Ding, das auf mir drauf liegt, ist zu schwer. Bitte, sieh das ein! Ich versuche nicht, heldenhaft zu sein, und das solltest du auch nicht. Hau jetzt einfach ab. Verschwinde.«
»Es ist noch Zeit genug«, entgegnete ich. »Wir schaffen es. Du darfst nicht immer so ungeduldig sein.« Wieder pulsierte Licht über uns und hob jeden einzelnen Regentropfen in der Dunkelheit hervor.
»Und du darfst nicht …«
Was immer er auch hatte sagen wollen, seine Worte wurden von einer weiteren ohrenbetäubenden Kanonade übertönt, der mehrere heftige Erschütterungen folgten; der Krach rollte über uns hinweg, als ob die Luft zerrissen würde.
»Ziemlich laut heute Nacht«, bemerkte ich, während ich mich wieder über ihn beugte. In meinen Ohren war ein Klingeln. Weitere Lichtblitze zuckten auf, und aus der Nähe sah ich den Schmerz in seinen Augen. »Sogar das Wetter ist gegen uns, Quilan. Dieser schreckliche Donner!«
»Das war kein Donner.«
»O doch! Da! Jetzt blitzt es wieder«, sagte ich, während ich mich tiefer über ihn beugte.
»Geh jetzt! Schnell, Worosei!«, flüsterte er. »Du benimmst dich töricht.«
»Ich …«, setzte ich an. Da rutschte mir das Gewehr von der Schulter, und der Schaft traf ihn an der Stirn. »Autsch!«, rief er.
»Tut mir Leid.« Ich warf mir die Waffe wieder über die Schulter.
»In bin schuld, weil ich meinen Helm verloren habe.«
»Aber immerhin« – ich schlug auf ein Stück Raupenkette über uns – »hast du einen Landzerstörer gewonnen.«
Er wollte lachen, doch dann zuckte er zusammen. Er zwang sich zu einem Grinsen und legte eine Hand auf die Oberfläche eines der Antriebsräder des Fahrzeugs. »Komisch«, sagte er. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob es einer von ihnen oder einer von uns ist.«
»Ehrlich gesagt, ich auch nicht«, erklärte ich. Ich blickte zu der zerbrochenen Karkasse hinauf. Anscheinend breitete sich das Feuer im Innern aus; dünne blaue und gelbe Flammen zeigten sich in dem Loch, wo der Hauptgefechtsturm gewesen war.
Auf dieser Seite waren die Raupenketten des angeschlagenen Landzerstörer, der halb trudelnd, halb rutschend in den Krater gestürzt war, noch an ihrem Platz. Auf der anderen Seite lag die weggerissene Raupenkette flach am Kraterhang, ein schrittbreiter Streifen flachen Metalls, der wie eine baufällige Rolltreppe beinahe bis an den ausgefransten Rand des Loches hinaufreichte. Vor uns ragten riesige Antriebsräder aus dem Rumpf der Kriegsmaschine heraus; die mit dicken Scharnieren verbundenen Glieder des oberen Laufs der Raupenkette ruhten darauf. Quilan war unter dem unteren Raupenband gefangen, in den Schlamm gedrückt, sodass nur der obere Teil seines Torsos frei war.
Unsere Kameraden waren tot. Nur noch Quilan und ich waren übrig, sowie der Pilot des Leichtfliegers, der auf dem Rückweg war, um uns zu holen. Das Schiff, das sich nur ein paar hundert Kilometer über uns befand, konnte nicht helfen.
Ich hatte versucht, Quilan herauszuziehen, ohne auf sein unterdrücktes Stöhnen zu achten, aber er steckte fest. Ich hatte die AG-Einheit meines Anzugs bei dem Versuch, das Kettenstück, das ihn gefangen hielt, zu bewegen, ausgebrannt, und ich verfluchte unsere angeblich so wundervollen Projektilwaffen der x-ten Generation; sie waren bestens geeignet, um unseresgleichen zu töten und Schutzanzüge zu durchdringen, aber überaus ungeeignet, um durch dickes Metall zu schneiden.
In der Nähe knisterte etwas sehr laut; Funken flogen aus dem Feuer in der Gefechtsturmöffnung, stoben in alle Richtungen und vergingen im Regen. Ich spürte die Detonationen an der Erschütterung des Bodens, übertragen durch den Körper des Maschinenwracks.
»Die Munition explodiert«, stellte Quilan mit angespannter Stimme fest. »Höchste Zeit, dass du verschwindest.«
»Nein. Ich glaube, als der Gefechtsturm gesprengt wurde – auf welche Weise auch immer –, ist auch die ganze Munition mit in die Luft gegangen.«
»Das glaube ich nicht. Sie könnte immer noch explodieren. Hau endlich ab!«
»Nein. Ich fühle mich hier wohl.«
»Wie bitte?«
»Ich fühle mich hier wohl.«
»Jetzt bist du völlig übergeschnappt.«
»Ich bin überhaupt nicht übergeschnappt. Warum willst du mich unbedingt loshaben?«
»Warum sollte ich nicht? Du bist eine Vollidiotin.«
»Nenn mich nicht Idiotin, ja? Du bist streitsüchtig.«
»Ich bin überhaupt nicht streitsüchtig. Ich versuche nur, dich zur Vernunft zu bringen.«
»Ich bin bei Vernunft.«
»Den Eindruck habe ich ganz und gar nicht. Es ist übrigens deine Pflicht, dein eigenes Leben zu retten.«
»Und deine Pflicht ist es, nicht zu verzweifeln.«
»Nicht zu verzweifeln? Meine Kameradin und Gefährtin benimmt sich wie eine Schwachsinnige, und ich habe …« Quilan riss die Augen weit auf. »Da oben!«, zischte er und deutete hinter mich.
»Was denn?« Ich drehte mich blitzschnell um, brachte das Gewehr in Anschlag – und erstarrte.
Der Kämpfer der Unsichtbaren war am Rand des Kraters und spähte herunter zum Wrack des Landzerstörers. Er hatte so etwas wie einen Helm auf, doch das Gebilde bedeckte seine Augen nicht und war wahrscheinlich wenig sinnvoll. Ich blickte durch den Regen nach oben. Er wurde vom Feuerschein aus dem brennenden Landzerstörer beleuchtet; wir waren vermutlich weitgehend im Dunkeln. Der Kämpfer hielt das Gewehr in einer Hand, nicht in beiden. Ich verhielt mich sehr still.
Er hielt sich etwas vor die Augen und spähte prüfend um sich. Dann hielt er inne und blickte genau in unsere Richtung. Ich hatte das Gewehr erhoben und schoss, als er das Nachtsichtgerät fallen ließ und seinerseits die Waffe ansetzte. Er explodierte in einem Lichtgestöber, als auch schon ein zweiter Blitz am Himmel über uns aufzuckte. Der größte Teil seines Körpers taumelte und rutschte hangabwärts zu uns herunter, um einen Arm und den Kopf ärmer.
»Plötzlich kannst du einigermaßen ordentlich schießen«, stellte Quilan fest.
»Das konnte ich immer schon, mein Lieber«, entgegnete ich und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich habe es nur für mich behalten, weil ich dich nicht in Verlegenheit bringen wollte.«
»Worosei«, sagte er und ergriff erneut meine Hand. »Der da war bestimmt nicht allein. Jetzt ist wirklich allerhöchste Zeit, dass du verschwindest.«
»Ich …«, setzte ich zu einer Erwiderung an, dann bebte der Rumpf des Landzerstörers und der Krater um uns herum, als etwas im Innern des Wracks explodierte und glühende Schrapnellsplitter aus der Öffnung zischten, wo der Gefechtsturm gewesen war. Quilan rang vor Entsetzen um Luft. Schlammbrocken rutschten zu uns herunter, und die Überreste des toten Unsichtbaren wurden noch ein paar Schritte näher herangeschoben. Sein Gewehr war immer noch von einem Panzerhandschuh umklammert. Ich warf wieder einen Blick...




