Banks | KGI - Gefährliche Hoffnung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: LYX.digital

Banks KGI - Gefährliche Hoffnung


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9646-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Reihe: LYX.digital

ISBN: 978-3-8025-9646-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem letzten Einsatz in Afghanistan will Nathan Kelly das Militär verlassen und sich dem KGI anschließen - dem Sicherheitsunternehmen seiner Brüder. Doch dann wird er gefangen genommen und grausamer Folter unterzogen. Das Einzige, was ihn am Leben erhält, ist die rätselhafte Stimme einer Frau, die er in seinem Kopf hört. Er ahnt nicht, dass Shea wirklich existiert und dass sie nichts unversucht lässt, um Nathan zu retten.

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1


Shea Petersons Augen flogen auf, und sie war sofort hellwach. Im gleichen Moment war auch der unerträgliche Schmerz wieder da, und sie stöhnte leise bei jedem Atemzug. Sie krallte die Finger in die zerwühlten Laken. Ihr ganzer Körper stand unter Hochspannung.

Da hörte sie ihn wieder. Seine Verzweiflung schwappte in düsteren Wellen über sie hinweg und drohte sie zu ersticken. Sie schloss die Augen, als sich sein Schmerz mit ihrem vermischte und verworrene Muster in ihren Adern hinterließ, bis er und sie miteinander verschmolzen und sie ein Teil von ihm wurde.

In dieser Nacht spürte sie noch intensiver als sonst, wie sein Überlebenswille bröckelte. Sie spürte seine Scham und seine Gedanken, dass er ein Feigling war und es nicht verdiente, ehrenhaft zu sterben.

Tränen traten ihr in die Augen. Wie lange teilte sie nun schon sein stummes Leiden? Seine Stärke hatte sie immer wieder in Erstaunen versetzt, doch allmählich gewann seine Verzweiflung die Oberhand. Sie litt mit ihm. Sie litt für ihn.

Sie konnte sich nicht länger zurückhalten, konnte nicht länger still bleiben, auch wenn sie ein großes Risiko einging und sich und ihre Schwester Grace womöglich in Gefahr brachte. Sie konnte diesem Mann nicht den Rücken zukehren, wenn er so sehr in Not war.

Sie holte tief Luft, ängstlich und doch entschlossen. Dann schloss sie die Augen und streckte ihre Fühler aus, folgte dem Weg aus Schmerz, bis ihr die Hölle, die er durchlebte, in allen Facetten vor Augen stand.

Ein stechender Geruch drang ihr in die Nase, eine Mischung aus Blut, Dreck, Schweiß und Tod, und sie schnappte nach Luft. Ihr Instinkt befahl ihr, von diesem Ort zu fliehen, das Band zwischen dem leidenden Mann und ihr zu kappen. Ihre Kehle war vor Angst wie zugeschnürt, und der Schmerz schnitt wie eine Säge über ihre Nervenenden.

In der Ferne hörte sie Schreie, Stöhnen, gemurmelte Flüche, eine fremde, ihr unverständliche Sprache. Der Mann legte die Hand an den Kopf. Er wusste, dass irgendetwas anders war, tat es aber als weiteren Beweis für seine schwindende geistige Gesundheit ab.

Völlig reglos kauerte sie sich in seinem Kopf zusammen und untersuchte vorsichtig mithilfe seiner Sinne seine Umgebung.

Er war gefangen. Ein Soldat. Flüchtig erhaschte sie ein paar Bilder, Gedanken, die ihm im Kopf herumgingen: seine Gefangennahme. Die endlosen Tage voller Folter, Hunger und Elend.

Er saß in einer Ecke, das Gesicht in den Händen vergraben. Abscheu und Wut bestimmten sein Denken und seine Gefühle. Er hasste sich für seine Schwäche, für seinen Wunsch zu sterben, und er hasste es, dass er den anderen, die mit ihm litten, nicht helfen konnte.

Er dachte an seine Familie. Das tröstete ihn, bereitete ihm aber gleichzeitig auch Sorgen, weil er sich fragte, wie es seinen Eltern und seinen Brüdern mit seinem Verschwinden gehen mochte. Er dachte immer wieder an seinen Zwillingsbruder Joe.

Der Name floss in Sheas Kopf in Form eines Farbenblitzes, der langsam verblasste.

Seit zwei Tagen hatte man ihn nicht mehr geholt. Er empfand eine Mischung aus Erleichterung und Angst. Er wusste, diese Auszeit würde bald vorbei sein. Dann würde er wieder entsetzlich leiden müssen. Er war sich nicht sicher, ob seine Kraft reichen würde, das noch ein weiteres Mal zu überleben. Und er hasste sich für seine Schwäche, weil er sich fragte, ob der Tod diesem Dahinvegetieren nicht vorzuziehen sei. Er war eingesperrt wie ein Tier.

Noch nie im Leben hatte er sich so einsam gefühlt.

Tränen rannen Sheas Wangen hinab. Ihr war klar, dass sie nicht länger still bleiben konnte, nicht länger so tun konnte, als gäbe es keine Verbindung zwischen dem Mann und ihr.

Du bist nicht allein. Ich bin bei dir.

Er hob den Kopf und starrte regungslos in die undurchdringliche Dunkelheit. Trotz seiner Schwäche und seiner angeschlagenen Gemütsverfassung war der Soldat in ihm sofort hellwach. Seine Muskeln spannten sich an, und er drehte sich mit bebenden Nasenflügeln um, als wollte er den Eindringling wittern.

»Wer ist da?«, murmelte er mit heiserer, gebrochener Stimme.

Pscht. Du willst doch nicht, dass die anderen das mitbekommen. Rede auf diese Weise mit mir. In deinem Kopf. Ich kann hören, was du denkst.

»Meine Güte«, krächzte er. »Jetzt ist es so weit. Ich habe endgültig den Verstand verloren.«

Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er krümmte sich noch mehr zusammen, schlang die Arme um die Beine und wiegte sich vor und zurück. Er presste das Gesicht gegen die Knie und schloss die Augen. Erschöpfung und Traurigkeit überwältigten ihn, als er sein Schicksal akzeptierte.

Nein. Du darfst nicht aufgeben. Ich bin bei dir. Ich werde dich nicht verlassen.

»Wer bist du?«, murmelte er, ohne den Kopf von den Knien zu heben.

Warum beharrst du darauf zu sprechen? Sie werden dich hören. Tu nichts, was ihre Aufmerksamkeit erregt.

Ist doch egal, ob ich ihre Aufmerksamkeit errege oder nicht.

Sie konnte seinen Gedanken spüren, genau wie die Resignation, die darin lag, und ihre Kehle zog sich zusammen.

Du bist nicht allein, vermittelte sie ihm noch einmal, nachdrücklicher diesmal. Dann zog sie ihn an sich, stellte sich vor, wie sie ihn in die Arme nahm und ihn tröstete, so gut sie konnte.

Sie strich über seinen Körper und flüsterte ihm beruhigende, unsinnige Worte ins Ohr. Ohne auf den Schweiß- und Blutgestank zu achten, der sie umgab, küsste sie ihn auf die Augenbraue.

Sie kannte diesen Mann nicht, aber sie konnte ihm diesen Trost nicht verwehren, genauso wenig wie irgendeinem anderen leidenden Menschen.

Was sie gleich tun würde, war gefährlich. Aber wie hätte sie es nicht tun sollen, wenn sie doch die Fähigkeit besaß, ihm wenigstens eine Zeit lang Erleichterung zu verschaffen?

Sie verband sich intensiver mit ihm, begab sich in die Tiefen seiner Seele hinab. Als sein Schmerz durch sie hindurchflutete, musste sie sich auf die Zunge beißen, um nicht laut aufzuschreien. Seine Qual wurde zu ihrer.

Als das ganze Ausmaß seines Leids wie ein außer Kontrolle geratenes Buschfeuer über sie hinwegfegte, liefen ihr wieder Tränen die Wangen hinab. Es kostete sie all ihre Kraft und Konzentration, die Verbindung aufrechtzuerhalten.

Was tust du da?

In seiner lautlosen Frage schwang Erstaunen und Ungläubigkeit mit. Sie konnte diese Ungläubigkeit spüren, und gleichzeitig spürte sie, wie sein Körper die kurze Atempause von all dem Entsetzlichen genoss, dem er ausgeliefert war. Sein Verstand hielt das, was geschah, für einen bizarren Traum, einen Beweis dafür, dass er immer mehr den Verstand verlor. Er hielt sie für eine Illusion, die sein Geist geschaffen hatte, um mit der unerträglichen Realität fertigzuwerden.

Sie brauchte eine Weile, bis sie in der Lage war, ihm zu antworten. Zitternd lag sie auf ihrem Bett, und die Schmerzen, die sie von ihm aufsaugte, jagten kleine Feuerblitze durch ihre Nervenbahnen.

Bist du hier?

Hoffnung schwang in der vorsichtigen Frage mit. Er wusste nicht, ob dies Realität oder Halluzination war, kam aber rasch zu dem Schluss, dass es ihm egal war, ob sie wirklich existierte oder nicht. Verzweifelt klammerte er sich an den Gedanken, dass er nicht länger allein war.

Ich bin hier.

Ihre Stimme war jetzt leiser, und er hob stirnrunzelnd den Kopf, streckte die Arme nach oben und zur Seite.

Was hast du getan?

Sie antwortete nicht. Es kostete sie ihre gesamte Kraft, das Band zwischen ihnen nicht reißen zu lassen, und doch spürte sie, wie es brüchiger wurde.

Was hast du getan?, wiederholte er, drängender jetzt. Sie spürte, wie die Kraft in seinen Körper zurückkehrte, genau wie er es spürte, als er seine Arme, seine Hände und schließlich seine Beine testete. Wie hast du das geschafft? Wer bist du?

Ich werde zurückkommen. Ihr Gedanke kam nur noch als leises Flüstern in seinem Kopf an. Ich werde da sein, damit du dies nicht allein durchstehen musst. Ich schwöre es dir.

Bevor sie losließ und sich aus seinem Kopf zurückzog, konnte sie noch spüren, wie frustriert er war. Danach blieb sie lange auf dem Bett liegen, zitternd und schwer atmend, während sie die körperlichen und seelischen Schmerzwellen zu verarbeiten versuchte.

Sie drehte sich auf die Seite und zog die Knie an, bis sie in einer ganz ähnlichen Körperhaltung befand wie er in seiner dreckigen, dunklen Zelle. Sie ließ den Kopf auf die Knie sinken und kämpfte mühsam um jeden Atemzug, bis der Schmerz allmählich nachließ.

Ihre Wangen waren nass, die Haarsträhnen an ihrem Ohr feucht von ihren Tränen. Schwerfällig erhob sie sich, ging mit schleppendem Schritt ins Badezimmer und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

Wer war dieser Mann? Wieso fühlte sie sich zu ihm hingezogen? Wieso hatte sie ausgerechnet seinen Schrei unter den Millionen von Schreien in der Nacht gehört? Ihre Gabe hatte etwas so Willkürliches. Sie schlug mit der Faust auf das Waschbecken. Es war ihr nicht möglich, ihre Gabe unter Kontrolle zu bringen. Jedenfalls nicht so, wie die Leute, die sie und ihre Schwester jagten, sich das vorstellten.

Im Gegensatz zu Grace konnte Shea andere Menschen nicht heilen. Sie konnte ihnen ihr Leid nur eine Zeit lang etwas leichter machen. Sie konnte die Gedanken der Menschen hören...


Banks, Maya
Maya Banks lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Texas. Wenn sie nicht schreibt, unternimmt sie gern Reisen mit ihrer Familie.

Maya Banks lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Texas. Wenn sie nicht schreibt, unternimmt sie gern Reisen mit ihrer Familie.



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