Banzi / Braatz / Claus | Gay Universum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

Banzi / Braatz / Claus Gay Universum

Kurzgeschichten aus der schwulen Welt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86361-512-3
Verlag: Himmelstürmer Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Kurzgeschichten aus der schwulen Welt

E-Book, Deutsch, 300 Seiten

ISBN: 978-3-86361-512-3
Verlag: Himmelstürmer Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Diese Anthologie ging hervor aus einem Wettbewerb, den der Himmelstürmer Verlag anderthalb Jahre lang auf seiner Homepage durchführte. Es wurden circa fünfzig Geschichten eingeschickt, und die besten werden in diesem Band veröffentlicht. Es ist ein Streifzug durch die Genren der literarischen Welt. Von Science fiction, über Horror- und Liebesroman ist hier alles vertreten. Einige Autoren sind bereits durch ihre Romane bekannt geworden, einige haben ihre erste Kurzgeschichte hier veröffentlicht. Eine erfrischende, spannend, unterhaltsam und abwechslungsreiche Lektüre.

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Nicht nur Tobias wandte seinen Blick neugierig zu den drei lebhaft gestikulierenden Neuankömmlingen, die das Little Max betraten und es sich an einem der kleinen Tische gemütlich machten. Die drei jungen Männer erregten Aufmerksamkeit in dem kleinen, gut besuchten Lokal. Sie waren alle ziemlich hübsch und das erstemal im Little Max, also Frischfleisch, doch das war nicht der einzige Grund, weshalb sich das allgemeine Interesse auf sie richtete. Diese Jungs unterhielten sich nicht mit Worten, sie plauderten mit den Händen. Tobias, der an der Bar saß und sich einen Cocktail schmecken ließ, grinste in sich hinein, als er hörte, wie der Wirt Maximilian zu seinem Kellner Sascha sagte: „Was die wohl gerade miteinander besprechen?” Sascha zuckte mit den Schultern und machte sich zum Tisch der Neuankömmlinge auf, um deren Bestellung entgegen zu nehmen. Im Little Max war Tobias wohl der einzige von den hörenden Gästen, der diese Frage beantworten konnte. Seine Mutter war taub. Als Kind war er deshalb zweisprachig aufgewachsen. Er mochte die Gebärdensprache. Es war ihm auch nicht peinlich, sich in aller Öffentlichkeit mit seiner Mutter zu unterhalten. Eine Zeit lang hatte er sogar überlegt, ob er eine Ausbildung zum Gebärdendolmetscher beginnen sollte, sich dann aber doch für ein Jura-Studium entschieden. Als Anwalt konnte er sich ja dann für die Rechte von Gehörlosen einsetzen, wie sein Vater es tat. Die gehörlosen Jungs am Tisch gaben ihre Bestellung bei Sascha auf und fuhren dann fort mit ihren Gebärden. Sascha kam an die Bar zurück und sagte mit einem überraschten Kopfschütteln zu seinem Chef. „Die Taubstummen können sprechen.” „Weshalb sollten sie nicht sprechen können?”, mischte sich Tobias ein. Fragend sah ihn Sascha an. Tobias hatte es sich schon lange abgewöhnt, auf die Vorurteile der Hörenden unwirsch zu reagieren. Woher sollten sie es wissen, wenn es ihnen niemand erklärte. Deshalb fuhr er freundlich lächelnd fort: „Gehörlose sind nicht stumm. Da sie allerdings keinen Ton hören können, ist es sehr schwierig für sie, sprechen zu lernen. Die müssen die Lautsprache regelrecht einüben.” „Die haben’s auch nicht leicht, was”, resümierte Sascha und begann, das Bier für die Jungs zu zapfen. „Woher weißt du darüber so gut Bescheid?”, wollte Maximilian wissen. Tobias zuckte mit den Schultern und meinte vage: „Hab’ ich in der Zeitung gelesen.” Schließlich war er in das Little Max gekommen, um jemanden für die Nacht abzugreifen und nicht, um stundenlang mit dem Wirt über Gehörlose und Gebärdensprache zu plaudern. Obwohl ... Maximilian hatte einiges zu bieten, das Tobias nur allzu gut gefiel. Leider wusste er, dass der Wirt heterosexuell veranlagt war. Jemand kam an die Bar und bestellte zwei Cocktails. Der Wirt machte sich sogleich an die Arbeit, während sich Tobias auf seinem Barhocker umdrehte und wieder in Richtung der drei Jungs sah. Einer von ihnen, ein schlanker Blonder mit kurzem Stoppelhaar, das mit viel Gel zu einer Igelfrisur gestylt war, gefiel ihm besonders gut. Der Junge blickte zufällig in Tobias’ Richtung, als dieser ihn anerkennend musterte. Kontaktfreudig lächelte er dem Mann an der Bar zu. Tobias lächelte zurück. Die nächste Viertelstunde trafen sich immer wieder ihre Blicke. Daneben plätscherte das in Gebärden geführte Gespräch der Jungs vor sich hin. Tobias konnte im schummrigen Licht des Lokals nicht alle Gebärden erkennen, eigentlich war es ihm auch egal, was sie besprachen. Es ging um irgendeine Wette. Da Tobias die Jungs nicht „belauschen” wollte, kümmerte er sich nicht darum, schnappte aber natürlich immer wieder „Gesprächsfetzen“ auf, wenn er mit dem Blonden flirtete. Wieder einmal fuhr sein Blick an den Tisch. Was er nun mitbekam, ließ allerdings sein Lächeln erstarren. «... Na los, Svenni! Der Mann ist scharf auch dich. Der verschwindet sofort mit dir im Dark Room. Dort machst du ein bisschen mit ihm rum, und dabei ziehst du ihm seine Brieftasche aus der Hose. Das merkt der Typ gar nicht.» «Ich weiß nicht ... Vielleicht gibt es hier überhaupt keinen Dark Room.» «Dann gehst du eben auf’s Klo mit ihm. Willst du etwa kneifen? Memme!» «Ich bin keine Memme!» « ... » Schockiert wandte sich Tobias von den drei Jungs ab. Verdammt, er sollte abgezockt werden. Dabei gab es bei ihm kaum etwas zu holen. Tobias war Student, kein Millionär. Zwar zahlte sein Vater ihm einen recht großzügigen Unterhalt, so dass er neben dem Studium nicht arbeiten musste. Aber er gehörte auch nicht zu den Studenten, die mit dem Porsche zur Uni fuhren. Sein Vater war schließlich kein Prominentenanwalt, durchaus wohlhabend, aber gewiss nicht reich. Tobias hatte vielleicht fünfzig Euro bei sich. Und die wollte er lieber für sich behalten. So leicht klauen lassen würde er sich die nicht. Er überlegte, ob er Maximilian verständigen sollte, damit dieser die Scheißkerle aus dem Little Max werfen konnte. Eine Hand, die sich sanft auf seinen Rücken legte, lenkte ihn von seinen Überlegungen ab. Er blickte auf und sah dem Blonden in die Augen. Was für Augen! Wahnsinn! So ein intensives Blau hatte Tobias noch nie gesehen. „Haalloo! Iich biin Sven”, sagte der Blonde in einer etwas schleppenden Sprechweise, die Tobias schon von anderen Gehörlosen kannte. Spontan wollte Tobias in Gebärdensprache antworten, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück. Es schien ihm nicht ratsam zu sein, sich zu verraten. Erst einmal wollte er abwarten und sehen, wie weit Sven sein Spiel trieb. „Ich bin Tobias.” „Schööner Naame!”, sagte Sven mit einem strahlenden Lächeln. „Daarf iich miich zu dir seetzen?”, fragte er und zeigte auf den freien Barhocker neben Tobias. „Nur zu!” Sven rutschte auf den Hocker. Sobald er an der Bar saß, drehte er den Hocker zu Tobias. Auch Tobias wandte sich automatisch ihm zu, weil er wusste, dass Sven ihm die Worte nur dann von den Lippen ablesen konnte, wenn sie sich einander gegenüber saßen und der Junge einen guten Blick auf den Mund seines Gesprächspartners hatte. Über sich selbst verärgert, dachte Tobias: ’Was tu ich da eigentlich? Der merkt noch, dass es für mich nicht das erstemal ist, dass ich mich mit einem Gehörlosen unterhalte.’ Da die Barhocker eng beieinander standen, hatten die beiden Männer wenig Platz für ihre Beine. Deshalb ordneten sie sie so an, dass jeder jeweils ein Bein zwischen den gespreizten Beinen des anderen hatte. Sven schien sich zwischen den Schenkeln von Tobias mehr als nur wohl zu fühlen. Intim presste er sein Bein gegen das seines Gegenübers. „Speendierst duu miir eiinen Cocktaiil?” ‚Ganz schön dreist’, dachte Tobias. Da ihm aber Svens Bein so schöne Stromstöße durch den Körper sandte, nickte er und gab bei Maximilian eine Bestellung auf. „Biist duu oft hier?”, fragte Sven. „Ja, fast jede Woche. Ich bin hier Stammkunde.” Unterbewusst sprach Tobias diese Worte mit Sorgfalt aus, wie stets, wenn er mit Gehörlosen sprach, statt zu gebärden. Dieses Verhalten war ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er es nicht einmal bemerkte. „Toll! Duu spriichst seehr deutlich. Iich kaann Diir gut von den Liippen abschauen.” „Ach ja?”, fragte Tobias. „Freut mich!” Innerlich war er alles andere als erfreut über seine Beflissenheit einem Mann gegenüber, der es auf nichts anderes als sein Geld abgesehen hatte. „Iich biin das eerste Maal hiier.” „Gefällt dir das Little Max?” „Gaanz nett! Etwaas kleiin füür meinen Geschmaack. Giebt es hiier einen Daark Rooom?” „Ja, seit kurzem. Maximilian, der Wirt, hat sich breitschlagen lassen. Seine Gäste haben ihm zu viel auf der Toilette herumgemacht. Nun hat Max einen kleinen Nebenraum aufgeschlossen. Davon wissen aber nur die Stammgäste. Er will erst einmal abwarten und sehen, wie es läuft. Er hat nämlich als Hete keine Lust, ständig die gebrauchten Präser vom Boden aufzusammeln.” „Deer Wiirt ist ’ne Heete?!”, amüsierte sich Sven. Die Cocktails wurden serviert, wovon der Junge nichts mitbekam, da er ganz und gar auf das Gespräch konzentriert war. Mit den Fingern fuhr er über Tobias Oberschenkel. „Schön!“, dachte jener. Hitze breitete sich in seinem Unterleib aus. „Scheiße!“, scholt Tobias sich selbst. „Lass dich nicht einwickeln.“ „Woollen wiir den Daark Room ausprobieren?”, flirtete Sven. „Lass uns erst einmal anstoßen”, wich Tobias aus und zeigte auf die Cocktails. Sie prosteten sich zu und tranken. Danach schaute Sven sein Gegenüber so sehnsüchtig an, als könne er es kaum erwarten, von ihm berührt zu werden. Tobias kam eine Idee. Er nahm seine Brieftasche...



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