E-Book, Deutsch, 645 Seiten
Barber Tanamera - Im Land der Pfefferblüte
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-044-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Die schicksalhafte Saga zweier Familien im kolonialen Singapur
E-Book, Deutsch, 645 Seiten
ISBN: 978-3-98952-044-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Noel Barber (1909-1988) war ein britischer Schriftsteller und Journalist. Seine prachtvollen historischen Romane, in denen er seine langjährigen Erfahrungen als Auslandskorrespondent des »Daily Mail« verarbeitete, begeisterten ein internationales Publikum. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine farbenprächtigen Sagas »Tanamera - Im Land der Pfefferblüte«, »Koraloona - Unter den Sternen der Südsee«, »Sakkara - Im Schatten der Orangenbäume« und seine »Schicksaljahre«-Trilogie mit den Bänden »Licht und Schatten von Paris«, »Dunkler Himmel über Frankreich« und »Sturm über der Villa Magari«.
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Vorher
Als Großvater Jack - unter diesem Namen war er später jedermann in Singapur bekannt - beschloß, ein großes Haus zu bauen, dessen Mauern, so schwor er, mindestens hundert Jahre stehen sollten, wurde er von einem Reporter der Straits Times interviewt. Auf einem vergilbten Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1902 ist noch heute zu lesen, was damals geschrieben wurde: »Einer unserer prominentesten Bürger, Mr. Jack Dexter von der Firma Dexter & Co., hat einem Architekten den Bau eines luxuriösen Herrenhauses mit zwanzig Zimmern, drei Salons, einem Billardzimmer und einem Ballsaal übertragen. Der Ballsaal soll der kühlenden Seewinde wegen nach Westen ausgerichtet sein. Außerdem wird er mit einem Podium für Mr. Daleys Orchester und einer Tanzfläche ausgestattet, die groß genug ist, um hundert Paaren beim Walzertanzen die Bewegungsfreiheit zu bieten, die in der für unsere Stadt so typischen drückenden Hitze nötig ist.«
Und da die Zeitungsreporter damals noch offen ihre Meinung sagten, schloß der Artikel mit der ironischen Bemerkung: »Mr. Dexter hat es zwar bisher abgelehnt, den Namen seines neuen Hauses preiszugeben, das einigen als etwas monströs erscheinen mag, doch Dexters Konkurrenten in der Geschäftswelt haben es längst ›Dexters Alptraum‹ getauft.«
Der Baugrund befand sich ungefähr vier Kilometer von Raffles Place entfernt auf einer kleinen Anhöhe an der staubigen Straße, die zu dem wiederum vier Kilometer weiter außerhalb gelegenen Dorf Bukit Timah führte. Das Grundstück war vier Hektar groß und der Rest jener Plantage, die Großvater Jack durch Rodung dem dichten Dschungel abgerungen hatte, um Gambir und Pfeffer anzupflanzen. Pfeffer war immer ein gefragtes Gewürz, und Gambir wurde in den Gerbereien der ganzen Welt gebraucht. Anfangs erwies sich das Unternehmen auch als sehr einträglich. Die widerstandsfähigen Gambirbüsche dienten gleichzeitig den Pfefferranken als eine Art Spalier. Beide Pflanzen laugten allerdings den Boden rasch aus. Der größte Nachteil war jedoch, daß die Malaien die Dschungelriesen aus den Wäldern, die die Plantage umgaben, fällten, um die Gambirblätter am Holzfeuer vorschriftsmäßig trocknen zu können. Dadurch wurde der Dschungel so schnell zurückgedrängt, daß die Kulis immer längere Strecken zurücklegen mußten, um Brennholz zu holen. Aus diesen Gründen gab Großvater Jack die Plantage schließlich auf, behielt aber vier Hektar Land, um darauf sein Traumhaus zu bauen, und verkaufte das restliche Grundstück einschließlich der angrenzenden vier Hektar an den erfolgreichen chinesischen Geschäftsmann Soong, der ebenfalls den Ehrgeiz hatte, zum Zeichen seiner gesellschaftlichen Stellung und seines wirtschaftlichen Erfolgs ein großes Haus zu errichten.
Großvater Jack war damals neunundvierzig Jahre alt, ein hochgewachsener, ungewöhnlich kräftiger, untersetzter Mann mit buschigem Bart; ein erfahrener Kolonialist auf der tropischen Insel Singapur, deren weiße Bevölkerung regelmäßig durch die Gewalt der Wirbelstürme, Piraterie und Krankheiten wie Beriberi, Malaria, Pest und vor allem die gefürchtete Cholera dezimiert wurde.
Acht Monate lang hoben vierhundert chinesische Kulis - die Männer mit nacktem Oberkörper, die Frauen in schwarzen Hosen und Jacken, mit flachen Strohhüten auf den Köpfen - mit Spaten und Körben bei Temperaturen, die nie unter 35 Grad Celsius lagen, die Baugrube aus. Großvater besuchte die Baustelle täglich und wurde von seinen Arbeitern sowohl geachtet als auch gefürchtet. Manchmal kam er mit seinem 5-PS-Benz, den er noch vor der Jahrhundertwende mit dem Schiff nach Singapur hatte bringen lassen und den jeder die »Kaffeemühle« nannte. Allerdings fuhr er den neumodischen Wagen mit den hohen Sitzlehnen nur bei schönem Wetter, da man das Automobil bergauf schieben mußte, sobald die Straßen morastig und rutschig wurden. Bei Regen verließ Großvater Jack sich lieber auf seine von zwei Apfelschimmeln gezogene Kutsche und seinen chinesischen Kutscher namens Ah Wok, der gleichzeitig auch sein persönlicher Diener war.
Bald sprossen die Bambuspfähle für das Baugerüst wie Pilze aus dem Boden. Zwischen den Holzverschalungen wurden Mauern hochgezogen. Die Frühstücksveranda an der Ost- und die Abendveranda an der Westseite des Hauses nahmen langsam Formen an.
Als schließlich der große Ballsaal in Angriff genommen werden sollte, legte Großvater Jack – so erzählt man sich – ein altes, vergilbtes Bild von Schloß Fontainebleau vor und befahl, zwei symmetrische Treppenaufgänge vom hinteren Saalende zur Empore hinaufzubauen. Außerdem beauftragte er den Architekten, für die Mauern eine spezielle Mörtelmischung zu verwenden, die zuvor nur einmal in Singapur benutzt worden war, nämlich beim Bau der St.-Andrews-Kathedrale im Jahr 1860 durch Strafgefangene. Großvater Jacks Vater war an diesem Projekt beteiligt gewesen und hatte das Geheimnis dieser Mauern bewahrt. Sie sollten allen Widrigkeiten des tropischen Klimas trotzen, das Mensch und Material gleichermaßen beanspruchte.
Großvater Jack überwachte persönlich das Anmischen des Mörtels, dessen Grundsubstanz Kalk war. Dieser wurde jedoch, anstatt wie üblich mit Sand, mit dem Eiweiß von Tausenden von Eiern und riesigen Mengen von Rohrzucker von den Kulis mit langen Stöcken zu einer zähen Masse vermengt.
Andere Kulis hatten inzwischen große Fässer mit Wasser gefüllt und zentnerweise Kokosnußschalen auf der ganzen Insel gesammelt. Die Schalen wurden gewässert, und das so aufbereitete Wasser der Kalkmischung beigegeben. Auf diese Weise entstand Mörtel. Als das Bambusgerüst schließlich abgenommen wurde, begannen Hunderte von Kulis die grell weiße aber rauhe und eisenharte Oberfläche der Mauern so lange mit Quarzsand zu schleifen, bis jeder Quadratzentimeter leuchtete und glänzte und sich so glatt anfühlte wie Marmor.
Großvater Jack war, wie schon sein Vater und der Großvater zuvor, ein Kind seiner Zeit. Sein Großvater stammte ursprünglich aus Hull in Yorkshire und war mit der Indiana des Kapitäns James Pearl in Singapur gelandet. Prominentester Passagier auf der Indiana war damals Thomas Stamford Raffles. Der erste Dexter war geblieben, nachdem Raffles auf der rattenverseuchten, sumpfigen Insel 1819 den Union Jack gehißt hatte, und hatte die Firma Dexter & Co. gegründet. Zuerst gingen die Geschäfte schlecht, doch gegen Ende des Jahrhunderts sollte sich das Blatt wenden.
Von dem Augenblick an, da im Jahr 1869 der Suezkanal eröffnet worden war, wurde die zwei Jahre alte Kronkolonie Singapur zu einem der wichtigsten Handelsumschlagplätze des britischen Empire. Das Dampfschiff brachte nämlich schier unbegrenzte Möglichkeiten, reich zu werden. Die Schiffe lagen dicht an dicht auf Reede vor den sich über fast vier Kilometer hinziehenden Werften von Tajong Pagar und warteten ungeduldig darauf, auf Dock gelegt zu werden. Auch Großvater Jack gehörte zu den ersten Aktionären der Werften. Für diejenigen, die Mut zum Abenteuer hatten, lag das Geld praktisch auf der Straße. Allerdings brauchte man auch eine besonders gute Gesundheit, um das tropische Klima mit der brütenden Hitze und den wolkenbruchartigen Regenfällen ertragen zu können. Schließlich fehlten in dem von Malaria- und Pockenepidemien heimgesuchten Land sanitäre Einrichtungen, und in den Rinnsteinen der holprigen Straßen, auf denen die Kutschen der Weißen fuhren, floß ein stinkender Fäkalienstrom in den Singapur River und mit dem Fluß ins Meer.
Es gab also viele Gründe, nicht in Singapur zu siedeln, dessen Name in Sanskrit »Löwen-Stadt« bedeutet. Die Bugi-Piraten von der nahen Küste von Johore schnitten wem auch immer für einen Dollar die Kehle durch; Tiger töteten im Durchschnitt noch immer einen Eingeborenen pro Tag; unersättliche Ameisen fraßen sich innerhalb einer Woche durch eine stattliche Hausbibliothek; Schimmelpilze färbten Kleidungsstücke in nur zwei Tagen grün; die sengende Hitze, verstärkt durch dicke, ungesunde und juckende Kleidung, trieb Menschen an den Rand des Wahnsinns.
Vor Großvaters Entschluß, das große Haus an der Bukit Timah Road zu bauen, lebte er mit seiner Frau in Tanglin, einem der Außenbezirke der Stadt. Von Mrs. Jack Dexter ist wenig überliefert, aber das rührt zweifellos daher, daß das Singapur der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine ausschließlich von Männern beherrschte Stadt war. Jedenfalls gebar Mrs. Dexter ihrem Mann 1880 einen Sohn. Die Haushaltsbücher aus dieser Zeit, die Großvater Jack sorgfältig in mit Kampfer behandelten Kästchen aufbewahrte, zeigen, daß er und seine Frau einen Butler für acht Dollar Monatslohn, zwei Hausdiener, eine Köchin, einen Schneider, eine Wäscherin, einen chinesischen Kutscher, mehrere Gärtner und Handlanger für ebenso geringe Löhne beschäftigten. Ein Hindu-Friseur kam für zwei Dollar im Monat regelmäßig ins Haus, um Großvater Jacks dichten, buschigen Bart zu stutzen.
Großvaters Tag begann pünktlich um fünf Uhr morgens mit dem Böllerschuß aus einer der schweren Kanonen vom Fort Canning, dem militärischen Hauptquartier der Kronkolonie. Vor dem Frühstück duschte er in seinem »malaiischen Bad« mit geziegeltem Fußboden, einem Holzrost und einem großen Wasserbottich, der von seinem Diener täglich frisch gefüllt wurde, und aus dem man sich mit einem Schöpflöffel aus Messing das Wasser über den Körper goß. Anschließend verzehrte er zum Frühstück Fisch in Currysoße und Reis, oder manchmal auch Eier, und trank dazu einen Krug Rotwein. Danach fuhr er mit der Kutsche zu seinem Büro hinter den Docks und Lagerhäusern.
Die meisten Büros lagen am Raffles Place, dem Treffpunkt aller Kaufleute, die den Spuren von Raffles gefolgt waren. Von seinem Büro aus...




