E-Book, Deutsch, 510 Seiten
Barceló Geschichte Spaniens in der Antike
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-406-82899-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von den Phönikern bis zum Kalifat von Córdoba
E-Book, Deutsch, 510 Seiten
Reihe: Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
ISBN: 978-3-406-82899-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pedro Barceló war bis zu seiner Emeritierung Professor für Alte Geschichte an der Universität Potsdam. Er ist korrespondierendes Mitglied der Real Academia de la Historia in Madrid und legte bedeutende Monographien u.a. zu Hannibal, Karthago, Alexander dem Großen und dem Römischen Reich in der Spätantike vor.
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Einleitung
Hält man nach einer Formulierung Ausschau, die das Wesen der spanischen Geschichte im Altertum prägnant wiedergibt, so ließe sich dies mit dem Begriffspaar Einheit in der Vielfalt umschreiben. Die Vorstellung von Einheit ist schon durch die geographischen Rahmenbedingungen eines im äußersten Südwesten Europas liegenden Subkontinents vorgegeben, der aufgrund einer sich selbst genügenden Abgeschlossenheit disparate Entwicklungsschübe zu bündeln und zu vereinheitlichen vermochte. Das Attribut der Vielfalt ergibt sich aus der Summe der politischen Umbrüche sowie der diversen Kulturphasen, die im Verlauf einer mehr als tausendjährigen Geschichte Spuren ihrer Präsenz hinterlassen haben. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, die wir der Einfachheit halber mit den Sammelbegriffen Iberer, Kelten, Phöniker, Griechen, Tartessier, Karthager, Römer, Germanen und Araber belegen, haben die Iberische Halbinsel besiedelt, sich bekriegt, um Territorien gekämpft, sich das Land angeeignet und sich untereinander vermischt. Kurzum: ihm ihren jeweils unverkennbaren Stempel aufgedrückt. Daher ist der spanischen Bevölkerung bis heute eine über Jahrhunderte hinweg gewachsene multikulturelle Identität eigen.
Als weiterer symptomatischer Aspekt für das Verständnis des antiken Spanien erweist sich dessen exemplarischer Charakter als Experimentierfeld für demographische Umwälzungen und Kulturtransferprozesse. Auf dieser Grundlage können wir wichtige Fragen der Ethnogenese, Identität, Assimilation oder Abgrenzung aufwerfen. Ferner eröffnen die wechselvollen Ereignisse, die sich über Jahrhunderte hinweg auf der Iberischen Halbinsel abspielten, die Möglichkeit, die Folgen der europäischen Staatsbildungen, die im frühen Mittelalter erste Konturen annahmen, in einen größeren historischen Kontext einzuordnen. Daher lassen sich Kontinuitätslinien und -brüche, Phänomene wie Akkulturation, Romanisierung, Urbanisierung, Christianisierung oder Völkerwanderung, die das Schicksal des Landes nachhaltig bestimmt haben, sowohl auf ihre Modellhaftigkeit als auch auf ihre Tragfähigkeit und Wirkung überprüfen. Schließlich erlaubt die Beschäftigung mit dem antiken Spanien über Kenntnisse seiner Vergangenheit hinaus den Blick zu schärfen für ein tieferes Verständnis der nachfolgenden Epochen.
Die Auseinandersetzung mit der Thematik dieses Buches stellt aufgrund der heterogenen Quellenlage in methodischer Hinsicht unterschiedliche Anforderungen und nicht geringe Schwierigkeiten dar. Für die Rekonstruktion der Frühgeschichte sind wir im Wesentlichen auf die disparaten Ergebnisse der Bodenfunde angewiesen, die als archäologische Überreste Zeugnis einer komplexen materiellen Kultur ablegen. Komplementäre literarische Quellen fließen indes spärlich und entstehen außerdem im großem zeitlichen Abstand zu den untersuchten Begebenheiten und situativen Momentaufnahmen. Erst durch die Hinwendung der antiken Großmächte Karthago und Rom zur Iberischen Halbinsel entfaltet sich eine neue Dynamik, die für die Analyse der historischen Verlaufslinien, die fortan die Geschicke des Landes bestimmen werden, eine Trendwende markiert. Ab diesem Zeitpunkt zeigen die antiken Autoren ein gesteigertes Interesse an den Geschehnissen, die sich dort sukzessive zugetragen haben. Im Gegensatz zu den eher «stummen» Epochen der Frühgeschichte verfügen wir im Weiteren über eine reiche literarische Überlieferung, die uns wertvolle Aufschlüsse über die zentralen historischen Entwicklungen im Land vermittelt und gleichzeitig über die Handlungen und die Beweggründe der darin involvierten Akteure informiert.
Diese relativ solide Quellenlage erstreckt sich über die Epoche der römischen Besitzergreifung des Landes in republikanischer Zeit und reicht in die kaiserzeitliche Ära hinein, in der die etwas spärlicheren schriftlichen Berichte der antiken Gewährsleute durch aussagekräftige archäologische Befunde ergänzt werden. Siedlungsareale, Stadtmauern, Foren, Landhäuser, Aquädukte, Thermen, Brücken, Theater, öffentliche und private Bauten einschließlich eines erheblichen Bestands an Münzen und Inschriften helfen mit, das Bild der Hispania romana abzurunden. Sie vermitteln uns wertvolle Aufschlüsse über die wichtigsten Themen, Fragestellungen und historischen Kontinuitätslinien, die diese Epoche entscheidend prägen. Ab dem krisengeschüttelten 3. Jahrhundert werden die literarischen Texte sowie die Zeugnisse der materiellen Kultur wieder deutlich weniger. Dies gilt ebenso für weite Bereiche der Spätantike und erst recht für die konvulsive Völkerwanderungszeit. In den letzten Phasen der antiken Geschichte Spaniens melden sich vermehrt christlich inspirierte Autoren zu Wort. Sie schreiben in einer neuen Tonlage, die sich vom Tenor der zuvor behandelten Zeitabschnitte deutlich unterscheidet und die angesichts der zunehmenden Bedeutung der rasch erfolgten Christianisierung die Wahrnehmungsperspektive des Landes bis zur arabischen Invasion bestimmen wird.
In der letzten Phase der antiken Epoche wiederholt sich eine Migrationsbewegung, wie sie, allerdings unter anderen Voraussetzungen und in unterschiedlicher Intensität, bereits in den Anfängen der spanischen Geschichte beobachtet werden kann. Waren es in früheren Zeiten Phöniker und Griechen, welche die Kulturentwicklung der iberischen und indoeuropäischen Bewohner des Landes nachhaltig beeinflussten, so werden nach der tiefgreifenden römischen Präsenz, die den Charakter und die Identität Spaniens entscheidend geprägt hat, fortan Germanen und schließlich Araber die historischen Abläufe des maßgeblich romanisierten Landes mitgestalten. Rückblickend sind es gerade diese starken zivilisatorischen Pendelschläge, die der Iberischen Halbinsel ihre bis heute nachwirkende ethnographische, gesellschaftliche und politische Eigenart verliehen haben. Mittels der Beschäftigung mit den Kulturen, die sich dort abwechselten, berühren wir einen weiteren Aspekt, der für die Deutung der innerspanischen Angelegenheiten von zentraler Bedeutung ist: Deren Einbindung in den übergeordneten Entwicklungsrahmen der von Rom bestimmten Geschicke des Mittelmeerraums. Ohne ein Eingehen auf die sich dort ereignenden politischen, sozialen, ökonomischen und religiösen Wendungen würde das Verständnis des antiken Spanien Stückwerk bleiben. Daher sollen sie in der gebotenen Kürze betrachtet werden, zumal wesentliche Abschnitte der spanischen Geschichte sich in die imperiale Geschichte Roms nahtlos einfügen.
Dass sich die vorliegende Darstellung, welche die markantesten Ereignisse der Geschichte des antiken Spanien reflektiert, vornehmlich entlang der Entwicklungslinien der politischen Geschichte bewegt, ist beabsichtigt und weitgehend der Beschaffenheit der vorhandenen schriftlichen Quellen geschuldet. Der maßgebliche Grund dafür ist, dass die teils disparaten, teils spärlichen Auskünfte der antiken Autoren eine eingehende und lückenlose Behandlung zentraler Themen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte beinahe unmöglich machen. In dieser Hinsicht sind wir auf die Auswertung der Bodenfunde, der Epigraphik und der Numismatik angewiesen, um sowohl punktuelle, oder wenn möglich, auch umfassendere Erkenntnisse über Reichweite und Ausmaß der sozioökonomischen Verhältnisse zu gewinnen, die wiederum Aussagen über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung bestimmer regionaler Räume erlauben. Ungeachtet dieser Erschwernisse sollen Themenbereiche wie Güterproduktion, Konsumption, Handel, Verkehr, Gesellschaftsordnung, Wirtschaftsverfassung und die daraus abgeleiteten sozialen Implikationen immer wieder angesprochen und in den unterschiedlichen Phasen der Geschichte Spaniens mit der nötigen Aufmerksamkeit verfolgt werden.
Auf eine terminologische Präzisierung zum Subjekt dieses Buches soll hingewiesen werden: Der Begriff Spanien ist phönikischer Herkunft, über dessen ursprüngliche semantische Bedeutung freilich noch keine Einigkeit in der Forschung erzielt worden ist. Jedenfalls verweist er auf die älteste Kennzeichnung des Landes. Die Römer haben sie aufgegriffen und mit dem Namen Hispania die Gesamtheit der Iberischen Halbinsel (Spanien und Portugal) bezeichnet.1 In den folgenden Kapiteln wird daher die verdeutschte Formel Hispanien als die für die Antike angemessene Benennung des Landes verwendet und zwar sowohl in ihrer adjektivischen als auch in ihrer substantivischen Form. Als Synonym für Hispanien wird ebenfalls die Bezeichnung Iberische Halbinsel angeführt. Demgegenüber...




