E-Book, Deutsch, Band 1, 337 Seiten
Reihe: Commissario Lorenzo Riani
Bardelang Falscher Erbe
2024
ISBN: 978-3-7349-3060-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 1, 337 Seiten
Reihe: Commissario Lorenzo Riani
ISBN: 978-3-7349-3060-7
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Claudia Bardelang wurde 1964 in der Schweiz geboren und wuchs in Emmendingen im Breisgau auf. Die Lithographin und Malerin stellte viele Jahre in Deutschland und Italien aus, bevor sie das Schreiben für sich entdeckte. Die Liebe zu Italien hat sie von Kindesbeinen an begleitet und nie losgelassen. Im Sommer 2000 hat sie mehrere Wochen bei Freunden in Palermo verbracht. Ein Aufenthalt, der sie nachhaltig geprägt hat, weshalb sie im Anschluss fließend Italienisch gelernt und ihre Krimis in Italien angesiedelt hat. Nach einem späten Studium arbeitet Claudia Bardelang heute als Lehrerin. Sie hat eine erwachsene Tochter und lebt mit ihrem Partner in Basel.
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Wenige Straßenzüge weiter stand auch Commissario Lorenzo Riani vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete resigniert sein müdes Gesicht. Die stoppeligen schlaffen Wangen, die dunklen Augenringe, das wirre grau melierte Haar. Seufzend griff er zum Rasierer und beseitigte den dreitägigen Wildwuchs. Anschließend verteilte er reichlich sein neues Rasierwasser, bürstete das widerspenstige Drahthaar, zog die Krawatte fest und schlurfte schwerfällig in die Küche, wo es schon nach Kaffee duftete. Seine Frau saß am Tisch, schenkte gerade den Espresso in die Tassen und rührte in seine zwei Löffel Zucker hinein. Er bemerkte, dass sie schon fertig angezogen war, und sein Blick fiel auf die große Tüte aus der Pasticceria um die Ecke. Nur mit Mühe unterdrückte er seinen Fluchtreflex und setzte sich.
»Du warst schon weg?«
»Ich konnte nicht mehr schlafen …«
Nach der gestrigen Eröffnung seiner Frau und der anschließenden emotionalen, endlosen und dennoch ergebnislosen Diskussion hatte er die ganze Nacht kein Auge zugetan, aber nach dem Anruf ihrer jüngsten Tochter, heute früh, kurz vor sechs, musste er wohl eingenickt sein, denn er hatte nicht gehört, dass seine Frau das Haus verlassen hatte. Schweigend griff er nach einer Brioche, obwohl sein Magen wie zugeschnürt war. Seine Frau blätterte in der Zeitung. Alles schien wie immer, aber er war auf der Hut. Bloß keine Fortsetzung jetzt! Er brauchte dringend Zeit zum Nachdenken. Viel zu schnell kippte er den heißen Kaffee hinunter, und kaum hatte er den letzten Bissen im Mund, brummte er eine Entschuldigung, küsste seine Frau flüchtig aufs Haar und verließ eilig das Haus. Draußen auf der Straße hielt er inne und rieb sich stöhnend den schmerzenden Magen. Das hastig verschlungene Hörnchen und der zu heiße Kaffee ließen sein Sodbrennen heiß aufflammen. Oh Gott! Tief durchatmend reckte er sich vorsichtig. Überall tat es weh! Sein Ischias strahlte seit vorgestern schmerzhaft ins linke Bein, und sein Nacken war verspannt wie seit Monaten nicht mehr. Er war erst Anfang fünfzig, aber momentan fühlte er sich wie hundert. Wie zum Teufel sollte er in diesem Zustand noch einmal Vater werden? Wenn das Kind in die Schule käme, würde er mit einem Rollator dabei sein.
Mit Riesenschritten stürmte er die Viale Spartaco Lavagnini entlang, während der kalte Novemberregen unangenehm in seinen Kragen fiel und seine Hosenbeine bereits nach den ersten hundert Metern bis auf Knöchelhöhe durchnässt waren. Wie hatte das nur passieren können? Er könnte bereits Großvater sein! Er war mit großer Hingabe Vater und er liebte seine drei Töchter – aber jetzt noch einmal ein Kind? Jetzt, wo die Jüngste gerade ihre Maturità abgelegt hatte? Riani, der gemütliche, der unerschütterliche und meist gut gelaunte Fels in der Brandung, fühlte sich mit einem Mal hilflos und schwach, weil er ahnte, dass er dieses Mal kein Mitspracherecht hatte. Dass seine Frau bereits wusste, was sie tun würde. Zwar hatte sie ihm gesagt, dass sie keine Entscheidung, welche auch immer, ohne ihn treffen würde, aber er wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass sie bereits entschlossen war, dieses Kind zu bekommen. Außerdem hatte er tatsächlich wenige Gegenargumente. Als gläubiger Christ konnte er gar keine haben! Grimmig rannte er bei Rot über die Ampel und bog kurz darauf in die Via Cavour ein. Glücklicherweise hatte er zurzeit keine laufende Ermittlung, und so könnte er es die nächsten Tage etwas ruhiger angehen lassen. Vielleicht sollte er seinen Chef um ein paar freie Tage bitten, obwohl er wegen Allerheiligen gestern gerade einen freien Montag und somit ein verlängertes Wochenende gehabt hatte. Er musste dringend in Ruhe nachdenken. Vielleicht könnte er ein paar Tage wandern gehen. Mit wehendem Mantel rauschte er zehn Minuten später um die Ecke zur Questura. Hundert Meter weiter vorn, an der zweiten Querstraße, standen ein Krankenwagen und ein halbes Dutzend Feuerwehrwagen mit blinkendem Blaulicht.
»Was ist passiert?«
»Eine Gasexplosion.«
Knapp in Richtung Pforte grüßend, eilte er die Treppe hinauf, direkt zum Büro des Questore, wo im selben Moment neues Ungemach in Gestalt der ewig säuerlichen Sekretärin dräute, die eben das Vorzimmer ihres Chefs verließ. Riani stöhnte innerlich auf, aber er konnte nicht mehr zurück, da sie ihn schon gesehen hatte.
»Ah, Commissario! Da kommen Sie ja endlich. Der Questore möchte Sie sehen.«
Riani ließ diese Dreistigkeit stoisch über sich ergehen und setzte ein mechanisches Lächeln auf. Irgendwann würde er ihr den faltigen Hals umdrehen. »Auch Ihnen einen wunderschönen guten Morgen, Signora Marta, ich bin gerade auf dem Weg zu ihm …«
Es sollte noch schlimmer kommen. Der Questore empfing ihn bereits an der Tür, mit einem entschuldigenden Lächeln, was nichts Gutes verhieß.
»Commissario Riani! Buongiorno! Si accomodi! Treten Sie näher.«
Sein Vorgesetzter, der Polizeipräsident von Florenz, war ein umgänglicher Chef, stets freundlich und verbindlich, für seine Mitarbeiter jedoch mit Vorsicht zu genießen. Wenig entschlussfreudig und stets darauf bedacht, es allen recht zu machen, besonders so kurz vor seiner Pensionierung, ließ er Commissario Riani und seinen Kollegen zwar einen verhältnismäßig großen Handlungsspielraum, nötigte ihnen aber nicht selten Verpflichtungen ab, die nicht wirklich in ihren Aufgabenbereich fielen. Commissario Riani hatte richtig vermutet. Der Questore war nicht allein. Als er eintrat, erhob sich ein Besucher aus dem Sessel und streckte ihm breit grinsend seine Hand entgegen, der andere blieb sitzen und nickte ihm nur zu.
»Commissario Riani, darf ich vorstellen, Ian McNair, Reporter bei der BBC London …« Er machte eine kurze Pause, um seinem Mitarbeiter die Möglichkeit zu geben, diesen Tatbestand entsprechend zu würdigen, bevor er fortfuhr: »Er ist hier in Florenz, um Sie zwei Wochen lang auf Ihren Ermittlungen zu begleiten … Das hier ist Robert Harris, sein Kameramann.«
War das nicht schön, ergänzte Riani in Gedanken und verzog keine Miene. Was zur Hölle sollte das bedeuten? Er warf den Männern einen ungeduldigen Blick zu und unterbrach seinen Chef, bevor dieser seine Vorstellung fortführen konnte: »Signor Questore … dürfte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?«, und als er dessen Widerstand bemerkte, setzte er nach: »Jetzt gleich … bitte!«
»Sicher … Äh … Kommen Sie … Äh, Signori, would you please excuse us for an instant?«
Sein Englisch war gar nicht übel, wie Riani missgünstig feststellte. Er lotste ihn auf den Gang, vorbei an den gespitzten Ohren von Signora Marta. »Signor Questore, bei allem Respekt, ich kann mich um diese Leute nicht kümmern … Ich muss unbedingt ein paar Tage freinehmen.«
»Freinehmen? Ausgeschlossen! Dieser Mann ist Ian McNair. Der Reporter bei der BBC! Wenn er unsere Stadt beehrt, können wir ihm diesen Wunsch unmöglich abschlagen.«
»Signor Questore … Per cortesia … Ich bitte Sie … Es ist ungeheuer wichtig!«
»Was ist denn wichtiger als das?«
Das würde er ihm ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Riani fühlte ungeahnten Widerstand in sich aufkeimen: »Er kann doch mit Commissario Mauro gehen. Ich sehe nicht, wo da ein Problem sein sollte. Großer Gott!«, ergänzte er genervt: »Mit Kameramann.«
Der Questore wand sich wie ein Wurm: »Senta, hören Sie … Genau das geht nicht … Er hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt …«
»Nach mir? Wieso nach mir? Wie zum …«
»Commissario …«, bat der Questore beschwörend: »Ich versichere Ihnen, dass ich Ihrem Antrag auf Urlaub unter anderen Umständen liebend gerne stattgeben würde … aber …«
»Aber was …?«
»Aber die BBC …« Er sprach das aus, als handelte es sich um den Heiligen Stuhl persönlich: »Das heißt Signor McNair, hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt, und wir können diesen Mann doch jetzt unmöglich …«
»Ach, ist es wegen der Sache mit dem amerikanischen Studenten?«
Vor etwa drei Jahren war ein amerikanischer Student von einem wütenden Anwohner mit einem Jagdgewehr erschossen worden, als dieser, sturzbetrunken, zum wiederholten Mal in dessen Garten urinierte. Das Problem der dauerbetrunkenen, lärmenden, an die Hausecken und in die Gärten kotzenden und pinkelnden Studenten war in Florenz das heiße Eisen schlechthin. Und ein Problem, das sich kaum lösen ließ. Florenz lebte von den Besuchern aus aller Welt, aber es war nicht zu leugnen, dass besonders die Austauschstudenten, und vor allem die amerikanischen Austauschstudenten, für manchen Einheimischen zur unerträglichen Belastung geworden waren. Die Florentiner, ohnehin im jahrhundertealten Ruf, etwas speziell zu sein, hatten damals beängstigend offene Sympathien für den Mörder gehegt – überwiegend natürlich die Anwohner der dauerbelasteten Straßenzüge. Riani hatte seinerzeit mit viel Fingerspitzengefühl die binational hochkochenden Emotionen beschwichtigen können und war für kurze Zeit zu einer lokalen Berühmtheit geworden. Vielleicht hatte ihn der Reporter aus diesem Grund angefragt. Mannaggia! So ein Mist! Sauer blickte er auf seinen Vorgesetzten herunter. Der Questore, der die Kapitulation seines Untergebenen schon spürte, schlug einen beschwichtigenden Ton an: »Commissario, Sie sind für die ein Held. Verstehen Sie doch bitte, dass ich der BBC den Wunsch unmöglich abschlagen kann … zumal der Antrag bereits vor einem Jahr gestellt worden und von mir bewilligt worden ist …«
»Vor einem...




