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Barlach | Schriften und Fragmente meines Lebens | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 266 Seiten

Barlach Schriften und Fragmente meines Lebens


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-0658-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 266 Seiten

ISBN: 978-3-8496-0658-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Diese Sammel-Edition beinhaltet viele Fragmente und Schriften aus Barlachs ereignisreichem Leben. Aus dem Inhalt: Aus einem Taschenbuch Wider den Ungeist Die wortlose Wahrheit Über das Magdeburger Mal Fragmente von weitläufigen Auslassungen Lob der Bodenständigkeit Als ich von dem Verbot der Berufsausübung bedroht war Diario Däubler Gesprächsphantasien über Däubler mit Fräulein Tina Konto Kollmann Max Liebermann Sturm Schulze und Spiegelschwab gehen über den Kamelshöcker Landstraße am Abend Weidegang am Abend Frost-Sonntagsmorgen Gen Osten Der Klaus gibt Ruh Begräbnis Moritz der Hund So leben wir Keuchhustentage Geborgenheit Reise des Humors und des Beobachtungsgeistes Winterabend an der Seine Artistes de l'âme Märzwetter Sturm auf der Seine Quer durch Paris Winterabend in Friedrichroda Der Frühling Friedrichroda geht zu Bett Spaziergang nach Tabarz Die Mädchen bei der Feldarbeit Die Stunden Die Fiedel Sommermorgen Sommertag Sturms Heimkehr Junge Sturmgedanken ... u.v.m. ...

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Eis, Schnee und Januarwetter 1913



Vorgestern schon war dem Ostwind die Puste ausgegangen, und gelinderer Süd oder West von atlantischer Bastardmischung, vorläufig ohne Nordseeabkunft, nahm sich des Winters an. Mit Wässerigkeit schlechthin, wonach es deutlich roch, wagte er den Ost nicht gerade abzulösen, aber Schnee brachte er, wenn auch feuchten, und der weißliche, dickgewölkte Himmel machte es sich auf allen Feldern und Breiten fern und nah bequem, er kam einfach herunter und nahm überall vorlieb. Im Dämmer des Abends gingen die Felder mit dem Himmel in eins, und wer so im Schneetreiben stand, mochte getrost denken, er stände im Himmel. So etwa, denke ich mir, schneit unsichtbar und andersgeartet die Elektrizität und der Magnetismus durch alle Welt, und doch bleiben wir mitten drin, was wir sind, wie im Schneetreiben des Himmels die Menschen Erdentreter und Erleber irdischer Dinge sind. Aber das Bild ist doch anders, das Weiß-Grau überall hat die Welt für die Augen verwandelt und alle Schwere, alle Wucht und Niedergelegtheit der Erde auf Ewigkeit für den Beschauer aufgehoben. Aber plötzlich, wie man dem kleinen Teich am Kamelshöcker zustrebt, sieht man wie aus einer fremden Welt einschlagend überm Schneehügel, der mit dem Himmel eins ist, die schwarzen Mühlenflügel sich umwälzen, und kann sich doch den Hügel, der den Mühlenleib verbirgt, leicht als ein Stück Himmel denken. Sie schlagen wie toll um sich inmitten all dieser zimperlich-jüngferlichen Mattweiß-Ruhe. Kobolzende Kobolde im Himmel, frech und voll Höllenenergie in wütiger Lustigkeit, brechen sie wie durch einen Spalt in einen Papierbogen ein und schlagen rückwärts wieder hinaus. Auch der Teich hat sein Laken überbekommen, aber Schlittschuhläufer haben es gezerrt und in Falten gezogen, auch wohl ein Loch hineingeschlitzt und weithin gerissen. So ist er voll dunkler Bogen und Haken und wellender Züge. Die Schlittschuhläufer scheinen das Tuch in tausend Schnitzel teilen zu wollen und haben eine fröhliche Schlenkerwut in den Beinen gleich Mühlenflügeln, fahren ohne Ziel auf und nieder, gradeaus, rundherum und querdurch, keine andere Teufelei im Sinne als zu tausend und tausend neuen Streichen mit scharfer Stahlklinge. Oder ist es eine Ernte im Schnee; fast scheint es, als flögen die Schlittschuhe wie Sicheln durch unsichtbares Korn.

Der Klaus stolpert eifrig über hartes Ackerland zum Teich, und wir betreten den wässerig vom Westwind immerhin gewärmten Schnee, der so glatt überm Eis liegt wie auf einem Glasboden. Wo unser Schlitten, wenn wir umbiegen, im Schnee eine breite Gasse fegt, sieht man das Unheimliche des Grundes in tausend Luftbläschen im Eise stecken, wir steigen über verzauberte Luft und lassen den schwarzen Teichgrund mit seinen pflanzlichen Gespensterformen unter uns brüten. Die beiden Jungen kennen schon ihren Klaus, er kreuzt und befährt denselben Schulweg und hängt sich an die Großen mit den weiß und roten Mützen. Er wird gefragt, ob er über den Teich hin Vorspann braucht, und willigt ein oder sagt ab mit unbedenklicher Schroffheit. Bald will er selbst den Schlitten schieben, bald lädt er sich ein Heufuder von Menschenfracht darauf und zieht ihn am Bändchen mit festen Tritten in dem Schnee ein Stück vorwärts. Aber dann kaufte ich ihm die ersten Schlittschuhe, die lagen zu Mittag auf seinem kleinen Eßtisch, und als ich eintrat, kehrte er ihnen wie genierlichen Bekannten, die er doch sehr liebt, den Rücken; gewann aber schnell Vertrauen und übte sich mit Schnallen und Schrauben. Heute am Sonntagmorgen bei Nebel und leichtem Frost waren wir am Teich wie vorgestern. Der Schnee war weg, und die zweimal auf- und zweimal tief schwingende Linie der braunen Felder legte sich um das Rund wie die Fassung eines Schmuckes. Das Eis glänzte glatt und hart, und er saß nieder auf einen Grashügel und hielt die Füße zum Anschnallen hoch, dann trappelten sie, nämlich die Füße, zuversichtlich übers Ufergras aufs Eis und fochten sich mit Fehlstreichen und dieser wohlgemuten Ahnungslosigkeit aller Schwierigkeiten über den unschuldsblanken Boden mit den hundert Fallen und strampelten und ampelten, schleiften und wackelten mit allem guten Willen und [aller] Begierde. Der buschige Kamelshöcker war ausgewachsen und verblaßt von Nebel, und ein paar Krähen schwammen wie auf Irrwegen, vom Weißgrau übertuscht, in der eingedickten Luft vorbei. Aber am Nachmittag, nachdem er auf seinem Spezialruhebett aus Stuhlarchitektur neben mir mit der Spieldose gewacht und mich Punkt zwei Uhr unbarmherzig zum Wachen gebracht, fuhren wir mit der Bahn nach Primerburg und verbrachten eine Stunde im schneeigen Wald, zwischen weichen Nebelwitterungen und vergrauenden Waldhintergründen, er die Hundeleine in der einen, mich an der andern Hand, stiegen über aufgeweichte Decken der Rasenhügel und machten einen Halbzirkel über die Weide von Waldrand zu Waldrand. Hier sieht man die nahen Heidberge als unkörperliches Dunstgebilde lagern und Baumgruppen nah und fern über die Flächen immer mehr im allgemeinen Nebelgrau einschlagen und vom Dunst entstaltet und ausgelaugt werden. Aber was hilfts, seine Seele ist hungrig, seine Augen laufen noch spielend durch alles hin, decken auf oder lassen vorübergleiten, was in Formen und Farbe um uns starrt oder bei langsamem Vorwärtstreiben uns umkreist. Seine Seele will Futter, – Däumlingsgeschichten, und Däumling, auf der Suche nach den gläsernen Vettern und Oevelgönne, war gerade aus Island in Rostock angelangt, und so versetzten wir uns aus dem kulissenschiebenden Nebelwald an die Warnow.

Januar 1913



Der Teich, wie ein Stück Mystik, tief unten zwischen Felder gelegt, seufzt unterm Frost, und die Schläge, sein Rumoren, sein Sprengen schmaler Schnitte und Risse im Eis klingt wie ein Auf schauern innerster Tobsucht, wie schreckhaftes Schluchzen, das eine Faust erstickt, sowie es hervorbricht. Dies Rohrgebüsch, das sonst im Wasser watet, steckt jetzt mit dünnen Stengeln fest im Eise, und im Ostwind, wenn er über den Hang einen Sturz bissig kalter Luft niederschüttet, wiegen seine leichten Wedel; dann zieht es im ganzen Zug dieser Wand dünner Linien gleichmäßig und dehnt sie hin und läßt sie her wie ein Gewebe, an dessen Rand von ferne eine Hand zerrt. Am Himmel liegt stellenweise ein Blau, wie verdickt und erstarrt, und an andern Stellen ist es vom schauernden, kratzenden Winde mattgeschabt, und man denkt, schauernd in seinen dicken Mantel geschmiegt: da, da friert die Ewigkeit unter entsetzlich dünner Decke, die arme, arme Unendlichkeit! Alles verliert den Mut, außer den wilden Gänsen, die spalten mit ihren riesigen Keilen die Schichten des Himmels, und ihr hartes, stoßendes Schreien fällt mit unsichtbarem Gespan nieder, man denkt, der Himmel reißt hie und da und immer wieder unterm Ansturm des Keils auseinander. Aber der Keil zittert in seinen Flanken wie im Stoß gegen eine harte Stelle, und seine graden Linien fangen an, sich zu biegen, und die Bogen stemmen ihre Kraft gegen die scharfe Spitze und stoßen ihn wieder vorwärts. Das Gansgeschrei klingt wie Hohn auf diesen spaßhaften Frost, der niemand solchergleichen auf den Schnabel fällt; diese Gänse vom hohen Norden beißen im Übermut ein lustiges Stück aus der Kälte und zerfasern es gleich himmlischen Eisenfressern und Glasbeißern. Es klingt gegen das dumpfe Rumoren des Eises im Teich wie Lachen von Tollhäuslern über eine schauerliche Geschichte, die erst grade so recht den Bauch zum Lachen kitzelt.

Der Klaus gibt Ruh



2. Febr. 1913

Klaus' Hosen, wenn er ausgezogen ist und liegt, sehen so recht zufrieden aus, auch einmal ruhen zu dürfen, so recht wie ein paar Läufer und Springer, die nun, wie der Hase von Buxtehude, im letzten Sprung zusammengebrochen und verschieden sind – und er hat seine Decke über den Kopf gezogen und weilt an den Gestaden des schlafenden Meeres vom Jenseits.

Heut hat er vielfache Verwendung seines Geldes vorgenommen. Für 5 Pf. holte er 2 Stück Kreide für die schwarze Tafel, und mit je 20 Pf. hat er seine zwei Freunde abgelohnt, die ihn, weil sie schon ein Schuljahr hinter sich haben, unterrichten mochten im Lesen und Rechnen. Den Rest von 50 Pf. hat die Großmutter gerettet und weggesteckt; nun ist die Herrlichkeit dieses lose klimpernden und blinkenden Schatzes im Versteck meines Zahlbretts im Sekretär dahin. Zu Abend ist er gebadet. Dazu stehen drei große Töpfe auf dem Herd, und die Wanne kommt in die Stube; wenn dann das Wasser gemischt ist, hat er sich schon auf dem Sofa ausgekleidet, wie man das so nennt. Die Hose läßt er herab und stemmt dann die Hände gegen die Lehne des Kanapees und beginnt hinten auszuschlagen wie ein wütendes Pferd, solange bis ihm das Kleidungsstück hinten wegfliegt. Die Strümpfe zieht er den Beinen schräg über die Füße weg ab, bis die Spannung so stark wird, daß sie wie aus der Pistole losgehen und einen schlenkernden Satz durch die Luft machen. Das Unterzeug muß die Prozedur der Hosen erdulden, und das Hemd streif ich ihm über den Kopf. Dann ins Wasser. Da schwimmt schon das holländische Schiffchen aus Amsterdam mit braunen Segeln und dickem Bauch, er selbst ist eine Insel und läßt das ahnungslose Schiff leise herantreiben, als ob Sindbad der Seefahrer darauf wäre, und das wässerige Geschaukel geht über seine dünnen, schlanken Glieder hin, die ich...



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