Barnow / Freyberger / Fischer Von Angst bis Zwang
3. aktualisierte und ergänzte Auflage 2008
ISBN: 978-3-456-94495-1
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Ein ABC der psychischen Störungen: Formen, Ursachen und Behandlung
E-Book, Deutsch, 299 Seiten
ISBN: 978-3-456-94495-1
Verlag: Hogrefe AG
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
«Das Buch gibt "einen komprimierten Überblick über die einzelnen Symptome". Es eignet sich für alle, "die sich gezielt fundierte Informationen über einzelne Störungsbilder aneignen möchten."» (Psychologie Heute).
Ein psychisch Erkrankter bekommt durchschnittlich erst nach sieben Jahren die Chance der «richtigen» (psychotherapeutischen und/oder psychopharmakologischen) Behandlung. Das mag auch daran liegen, dass es kaum Übersichtsbücher gibt, die Symptome, Ursachen und Behandlung psychischer Störungen allgemeinverständlich beschreiben. Die Autoren dieses Buches wollen diese Lücke schließen. Sie informieren klar und übersichtlich - aber immer auf dem Niveau des heute gesicherten Wissens. Alle Kapitel sind einheitlich in die Abschnitte Alltägliche Erfahrung/Einführung, Fallbeispiele, Diagnostik, Formen und Klassifikation, Ursachen und Behandlung gegliedert. Im Anhang sind einzelne Anlaufstellen mit Adressen und Telefonnummern angegeben, diese sollen vor allem Betroffenen und deren Angehörigen die Möglichkeit einer weiterführenden Information geben.
In der jetzt dritten Auflage wurden sämtliche Kapitel aktualisiert und überarbeitet. Ein Beitrag zu psychischen Problemen im Alter mit Schwerpunkt Demenz wurde hinzugefügt, wie von vielen Lesern gewünscht.
Die dritte Auflage wurde um ein Kapitel zu gesundem Altern und psychische Störungen (v.a. Demenz) ergänzt und folgende Kapitel wurden komplett überarbeitet: Psychotherapie und Psychopharmakotherapie, Depression, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie.
Zielgruppe
Niedergelassene Ärzte, Psychiater, Psychotherapeuten, Klinische Psychologen; Studierende der Medizin, Psychologie und Sozialarbeit; andere in Heilberufen Tätige, Interessierte und Betroffene
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Inhaltsverzeichnis und Vorwort;6
2;Ich bin doch nicht verrückt!;22
2.1;1. Da muss ich allein durch – wer braucht die Psychiatrie und Psychotherapie und was versteht man darunter?;22
2.2;2. Psychotherapieverfahren;27
2.3;3. Ausblick;33
3;Psychopharmakotherapie;34
3.1;1. Was sind Psychopharmaka und wie ist ihre Bedeutung für die Behandlung einzuschätzen?;34
3.2;2. Wie wirken Psychopharmaka in unserem zentralen Nervensystem?;36
3.3;3. Beschreibung der Stoffgruppen;38
4;Wenn der Zwang zur Sucht wird – Zwangsstörungen;60
4.1;1. Zwänge: Von Alltagserfahrungen und Krankheitssymptomen;60
4.2;2. Woran ist eine Zwangsstörung zu erkennen?;63
4.3;3. Häufigkeit, Beginn und Verlauf von Zwangsstörungen;66
4.4;4. Auf der Suche nach Ursachen und Erklärungen;67
4.5;5. Behandlungsverfahren von Zwangsstörungen;70
4.6;6. Ausblick;77
5;Alles durch die schwarze Brille;80
5.1;1. Alltagserfahrungen;80
5.2;2. Woran erkennt man Depressionen?;82
5.3;3. Häufigkeit und Verlauf;87
5.4;4. Auf der Suche nach Erklärungen;89
5.5;5. Behandlung von Depressionen;93
5.6;6. Prognose und Ausblick;106
6;Wenn der Alptraum zur Wirklichkeit wird;108
6.1;1. Einleitung;108
6.2;2. Was ist eigentlich ein Trauma?;109
6.3;3. Was ist eigentlich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)?;110
6.4;4. Häufigkeit, Beginn und Verlauf von posttraumatischen Belastungsstörungen;111
6.5;5. Behandlungsmöglichkeiten;116
7;Die Angst vor der Angst;120
7.1;1. Alltägliche Angst und Angstkrankheiten;120
7.2;2. Klassifikation und Häufigkeit von Angststörungen;125
7.3;3. Ursachen und Erklärungen: Ätiologische Modelle;134
7.4;4. Behandlung von Angststörungen;136
7.5;5. Effektivität und Ausblick;144
7.6;6. Adressen für Betroffene;145
8;Lebensmüde;146
8.1;1. Alltägliche Erfahrungen;146
8.2;2. Einführung;147
8.3;3. Wie kann Suizidalität erfasst werden?;149
8.4;4. Häufigkeit und Verlauf von Suizid und Suizidalität;152
8.5;5. Auf der Suche nach Ursachen und Erklärungen;153
8.6;6. Behandlung und Ausblick;157
9;Alkoholabhängigkeit;162
9.1;1. Alltagserfahrungen mit Alkohol;162
9.2;2. Woran erkennt man eine Alkoholabhängigkeit?;164
9.3;3. Häufigkeit und Verlauf;168
9.4;4. Ursachen der Alkoholabhängigkeit;170
9.5;5. Therapie: Selbstverantwortung, individuelle, nachvollziehbare Ziele und die richtige Planung führen zum Erfolg;176
10;«Ich bilde mir das doch nicht bloß ein»;186
10.1;1. Alltägliche Erfahrungen;186
10.2;2. Woran erkennt man somatoforme Störungen?;188
10.3;3. Häufigkeit und Verlauf;192
10.4;4. Auf der Suche nach Erklärungen;195
10.5;5. Behandlung;198
10.6;6. Zusammenfassung und Ausblick;201
11;Was versteht man unter Essstörungen und wie lassen sie sich behandeln;204
11.1;1. Alltagserfahrungen;204
11.2;2. Definition, Häufigkeit und Verlauf von Essstörungen;206
11.3;3. Ursachen und Risikofaktoren von Essstörungen;209
11.4;4. Psychotherapie von Essstörungen;213
11.5;5. Adipositas;221
11.6;6. Ausblick;224
12;Was sind eigentlich Persönlichkeitsstörungen?;226
12.1;1. Einführung;226
12.2;2. Was ist eine Persönlichkeitsstörung;227
12.3;3. Erklärungsansätze: das Affektmodell;231
12.4;4. Therapie;233
13;Wenn Sexualität zur Last wird;240
13.1;1. Einführung;240
13.2;2. Definition und Abgrenzung;241
13.3;3. Diagnostik und Klassifikation;245
13.4;4. Häufigkeit und Verbreitung sexueller Funktionsstörungen;249
13.5;5. Entstehungsbedingungen und;251
13.6;Behandlungsmöglichkeiten;251
14;Der Weg in eine andere Welt;254
14.1;1. Eine Einführung – Was ist eine Psychose?;254
14.2;2. Einteilung von Psychosen;255
14.3;3. Psychosen: Häufigkeit, Symptome und Verlauf;257
14.4;4. Auf der Suche nach Erklärungen – Ursachen von Psychosen;268
14.5;5. Behandlung und Ausblick – Therapiemöglichkeiten;271
14.6;6. Ausblick;274
15;Seelische und geistige Gesundheit im Alter;276
15.1;1. Einführung: Der ältere Mensch im Wandel der Zeit;276
15.2;2. Auf der Suche nach Ursachen für psychische Störungen im Alter;279
15.3;3. Diagnostik und Formen psychischer Störungen im Alter;281
15.4;4. Definition und Ursachen depressiver Störungen im hohen Alter;282
15.5;5. Demenzielle Erkrankungen;285
15.6;6. Ausblick;291
16;Literaturverzeichnis;292
17;Autorenverzeichnis;298
18;Mehr eBooks bei www.ciando.com;0
(S. 33-34)
Kerstin Birke und Harald J. Freyberger
1. Was sind Psychopharmaka und wie ist ihre Bedeutung für die Behandlung einzuschätzen?
Bei vielen Menschen löst auch heute noch das Angebot einer psychopharmakologischen Behandlung Ängste und Befürchtungen aus. Die häufigsten Fragen lauten: Was sind eigentlich Psychopharmaka? Werde ich davon abhängig? Habe ich nicht mit furchtbaren Nebenwirkungen zu rechnen? Ist es nicht viel besser und effektiver, sich mit anderen Methoden, z.B. Psychotherapie behandeln zu lassen? Zum Teil sind diese Ängste und Befürchtungen gerechtfertigt, zum Teil aber auch nicht. Deshalb ist es für jeden Betroffenen lohnend, sich mit diesen Fragen kritisch auseinanderzusetzen. Der Psychiater Benkert hat 1995 mit seiner Arbeitsgruppe eine repräsentative Bevölkerungsumfrage und eine Analyse von Berichten über Psychopharmaka in den Medien durchgeführt und sich damit wissenschaftlich mit diesen Ängsten und Befürchtungen befasst. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden in einer weiteren Studie 2004 (Angermeyer &, Matschinger, 2004) bestätigt, wobei sich zeigte, dass sich im Verlauf von zehn Jahren der Informations- und Kenntnisstand der Bevölkerung zu Psychopharmaka deutlich verbessert hat. Aber es sind nach wie vor erhebliche Informationsdefizite über Art und Schweregrad psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung zu finden. Depressionen werden z.B. häufig nicht als Krankheit, sondern eher als Befindlichkeitsstörungen verstanden und nur wenige Menschen halten eine medikamentöse Behandlung für erforderlich, obgleich deren Wirksamkeit heute eindeutig wissenschaftlich belegt ist. Schwerwiegende Symptome einer Depression wie Denk- und Antriebshemmung sowie die hohe Suizidgefährdung sind kaum bekannt. Auch die Kenntnisse über Wirkungsweisen und Verwendungszweck von Psychopharmaka erwiesen sich als vollkommen unzureichend. Interessant ist, dass Personen, die noch nie mit Psychopharmaka zu tun hatten, ihnen mehr negative als positive Wirkungen zuschreiben, während Personen mit Behandlungserfahrungen die negativen Eigenschaften der Medikamente zwar ebenfalls benennen, jedoch deutlich häufiger auch über deren positive Wirkungen berichten. Mehr als zwei Drittel der Befragten der Studie meinten, dass Psychopharmaka süchtig machen, obgleich dies nur für einen kleinen Teil der Substanzen zutrifft. Dies könnte eng mit der manchmal einseitigen und negativen Berichterstattung in den Medien zusammenhängen, die häufig nahe legt, dass es sich bei Psychopharmaka grundsätzlich um schädliche, süchtig machende, zumindest aber unnötige Medikamente handelt. Etwa 50 Prozent der Befragten äußerte auch Angst vor einem Kontroll- und Identitätsverlust, obwohl viele der Medikamente gerade dazu dienen, die bei einigen psychischen Erkrankungen verloren gegangene Kontrolle über bestimmte psychische Funktionen wiederzugewinnen.
Doch zunächst: Was sind Psychopharmaka und seit wann und warum werden sie in der Psychiatrie und Psychotherapie eingesetzt? Als Psychopharmaka bezeichnet man natürlich vorkommende (z.B. Johanniskraut) oder chemisch-synthetisch hergestellte Substanzen und Stoffe, die unser zentrales Nervensystem beeinflussen und damit unsere Wahrnehmung, unser Handeln und unsere Gefühlswelt verändern. Ihre Wirksamkeit betrifft in aller Regel die Reduktion und/oder Stabilisierung bestimmter Symptome bzw. eine Senkung des Wiedererkrankungsrisikos bei längerer Gabe. In der Medizin werden einige Substanzen seit Hunderten von Jahren verwendet, eine systematische Erforschung setzte aber erst im 20. Jahrhundert ein. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Behandlungsmöglichkeiten in der Psychiatrie vor allem für schwere psychische Störungen, wie etwa den schizophrenen Erkrankungen sehr begrenzt.Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurden von so namhaften Psychiatern wie Emil Kraepelin Kalt- und Warmwasserkuren, Wassergüsse, Überraschungsbäder über mehrere Tage neben verschiedensten Zwangsmaßnahmen empfohlen. Bei Depressionen erlangte historisch die Opiumkur mit auf- und absteigender Tropfenzahl Bedeutung. Julius Zador, Arzt an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Greifswald, machte 1928 den Gebrauch von Lachgas in der Psychiatrie populär. Bedeutung hatten Schlafkuren mit Barbituraten und Fiebertherapien. In den 1930er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Insulin-Koma-Therapie (d. h. die künstliche Auslösung eines diabetischen Komas zu therapeutischen Zwecken) und die sog. Elektroschocktherapie entwickelt.





