E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Reihe: HarperCollins
Barns Drei Schwestern am Meer (Neuauflage)
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7499-5097-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-7499-5097-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Insel, drei Frauen, ein altes Familiengeheimnis
Das Weiß der Kreidefelsen und das Grün der Bäume spiegeln sich im Türkis des Meeres - Rügen! Viel zu selten fährt Rina ihre Oma auf der Insel besuchen. Jetzt endlich liegen wieder einmal zwei ruhige Wochen voller Sonne, Strand und Karamellbonbons vor ihr. Doch dann bricht Oma bewusstlos zusammen, und Rina muss sie ins Krankenhaus begleiten. Plötzlich scheint nichts mehr, wie es war, und Rinas ganzes Leben steht auf dem Kopf.
Mit zuckersüßen Versuchungen und Rezepten zum Nachkochen
Anne Barns ist ein Pseudonym der Autorin Andrea Russo. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich ganz auf ihre Bücher konzentrieren zu können. Sie liebt Lesen, Kuchen und das Meer. Zum Schreiben zieht sie sich am liebsten auf eine Insel zurück, wenn möglich in die Nähe einer guten Bäckerei.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Ich schließe die Augen, lausche dem sanften Rauschen der Wellen und atme die würzige, salzhaltige Luft ein. Mein Gesicht halte ich der Sonne entgegen, die hoch über dem Wasser steht. Irgendwo in der Ferne kreischen ein paar Möwen. Einen Moment bleibe ich einfach so stehen und genieße, dass ich endlich wieder hier bin. Noch einmal fülle ich meine Lungen mit der gesunden Meeresluft, bevor ich meine Augen wieder öffne und meinen Blick über die Steilküste schweifen lasse. Ich sollte häufiger nach Rügen kommen, um Oma zu besuchen – und das Meer. Wie sehr habe ich diesen Anblick vermisst! Die alten Buchenwälder heben sich kontrastreich von den Kreidefelsen ab. Das dunkle Grün der Bäume und das strahlende Weiß der Kreide spiegeln sich im Wasser und vermischen sich zu einem leuchtenden Türkis. Ein wahnsinnig schöner Anblick! Natürlich mag ich auch die endlos weiten Sandstrände der Insel, die zum Baden einladen, aber dieser naturbelassene Steinstrand ist mir lieber. Hier kann ich nur für mich sein. Es ist weit und breit kein Tourist in Sicht, obwohl in einigen Bundesländern die Sommerferien bereits begonnen haben.
Ich hebe einen besonders hübschen, rot-braun gesprenkelten Kieselstein auf. Er fühlt sich warm und glatt an, als ich ihn mit meiner Hand umschließe. Früher bin ich oft stundenlang mit meinen beiden Schwestern hier am Ufer entlanggegangen, auf der Suche nach außergewöhnlichen Fundstücken wie Hühnergöttern oder Bernstein. Und auch heute noch suche ich immer wieder zwischendurch mit den Augen den Boden ab und freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich etwas Besonderes dabei entdecke.
Als ich lautes Bellen höre, drehe ich mich überrascht um. Murphy kommt auf mich zugestürmt. Ich gehe in die Knie und kippe fast nach hinten, als der bullige Rottweiler mich freudig begrüßt. »Na, du Ganove!« Ich blicke auf und winke Daniel zu, der lässig, in der für ihn typischen Gangart, auf uns zugeschlendert kommt. Die Hundeleine hat er über die rechte Schulter gelegt und beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Er trägt eine olivfarbene, dreiviertellange Cargohose und dazu ein braunes Poloshirt. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr, kraule den schwanzwedelnden Murphy und warte, bis Daniel vor mir steht.
»Was macht ihr denn schon hier?«, frage ich. »Ich habe frühestens in einer Dreiviertelstunde mit euch gerechnet. Es ist erst kurz nach eins!«
»Es war kaum Verkehr, ich bin gut durchgekommen.«
Tatsächlich bedeutet das, dass Daniel die ganzen dreihundert Kilometer von Berlin nach Rügen mit durchgedrücktem Gaspedal auf der Überholspur gerast ist. Ich verkneife es mir, einen Kommentar dazu abzugeben und zeige auf seine Füße, die in dunkelbraunen Wildledersandalen stecken. »Steht dir gut, der Freizeitlook.«
Daniel grinst mich an und streckt seine Hand aus. Ich greife zu und lasse mich nach oben ziehen.
»Na, du lecker Dropje.« Den Kosenamen hat Daniel mir vor vier Jahren gegeben, kurz bevor wir ein Paar wurden. Er hat mich dabei beobachtet, wie ich auf der Feier eines Kollegen eine Schüssel holländischer Lakritze, die man Dropje nennt, fast ganz allein aufgefuttert habe. Ich sterbe für das schwarze Zeug, das ruhig schön salzig sein darf, so wie das Meer.
»Hi.« Ich drücke Daniel einen Kuss auf den Mund. Den Kiesel werfe ich in hohem Bogen ins Wasser. Murphy springt sofort hinterher. Er wird wie immer eine Weile brauchen, bis er begreift, dass er den Stein nicht wiederfinden wird. Wir stehen nebeneinander und beobachten Murphy, der schnaufend wie ein Walross auf der Suche nach dem verschwundenen Wurfgeschoss das Wasser durchpflügt.
»Dumpfbacke«, sagt Daniel liebevoll. »Nachher ist er wieder so kaputt, dass er schnarcht wie ein Reibeisen.« Er lacht. »Aber er liebt das Meer eben«.
»Ich auch. Es fehlt mir.« Wie sehr, merke ich immer dann besonders, wenn ich wieder hier bin. »Die Woche bei Oma wird mir guttun.« Ich schmiege mich an Daniel. »Schön, dass du dir wenigstens das Wochenende freinehmen konntest und wir auch ein paar Tage für uns haben.«
»Das finde ich auch. Drei Tage ohne Hektik – und ohne Klinik. Ist das nicht herrlich?«
»Ja, unfassbar, dass es geklappt hat. Ich habe ständig damit gerechnet, dass mein Handy klingelt und du mir sagst, irgendein Notfall sei dazwischengekommen.«
Daniel sieht mich streng an. »Nein, wir hatten doch vereinbart: dieses Wochenende kein Job. Keine Jobgespräche und keine Notfälle.«
»Zum Glück! Lass uns ein paar Meter spazieren gehen. Ich würde meinem alten Freund gerne einen Besuch abstatten. Aber vorher muss ich ein Foto schießen, als Beweis dafür, dass wir tatsächlich gemeinsam hier sind.«
Wir stellen uns mit dem Rücken zum Wasser. Ich drücke Daniel mein Smartphone in die Hand. »Dein Arm ist länger.«
Mein Kopf lehnt an seinem, als Daniel kurz hintereinander mehrmals auf den Auslöser drückt, bevor er mir das Handy wiedergibt.
Ich öffne die Fotogalerie, doch das Sonnenlicht blendet so sehr, dass ich kaum etwas erkennen kann. Aber immerhin sieht man, dass wir es sind. »Ich möchte meinen Schwestern eins schicken. Pia und Jana haben gewettet, ob wir es diesmal wirklich schaffen, nach Rügen zu kommen.«
»Und wer hat gewonnen?«
»Wir sind hier, Pia also«, antworte ich, drücke auf Senden und stecke das Handy wieder in meine Tasche. »Gehen wir weiter.«
Murphy hüpft die ganze Zeit munter neben uns her durch die Wellen.
Die Steine hier am Ufer sind unterschiedlich groß. Manche liegen fest im Boden verankert, andere lose auf dem Sand. Man muss etwas aufpassen, dass man nicht wegrutscht oder umknickt, wenn man auf sie tritt. Aber wir haben ja Zeit, ein Genuss, in den ich lange nicht gekommen bin. Hand in Hand gehen wir langsam am Ufer entlang.
»Gehen wir nachher baden?«, frage ich. »Wir könnten mit den Rädern nach Glowe fahren.«
»Meinst du nicht, dass das Wasser noch ein wenig zu kalt ist?«
»Ach, so um die siebzehn, achtzehn Grad dürfte es schon haben. Die letzten Tage waren ganz schön heiß.« Der Juni war verregnet und relativ kühl, aber nun macht der Sommer seinem Namen alle Ehre. Seit gut einer Woche haben wir traumhaftes Wetter. Ich habe mir also genau die richtige Zeit für meinen Urlaub ausgesucht. »Du musst ja nicht mit reinkommen. Aber ich möchte auf jeden Fall heute noch wenigstens einmal ins Meer.«
»Na gut. Lass uns statt der Räder das Auto nehmen und danach in das nette Fischrestaurant nach Binz fahren.«
Ich schüttele den Kopf. »Das können wir Oma nicht antun. Heute Abend gibt es Pfefferlinge mit Pellkartoffeln – mit vielen Zwiebeln extra für dich.« Pfefferlinge, das sind Heringe, die Oma nach einem alten Familienrezept mehrere Tage in einem Sud aus Essig und Gewürzen einlegt. Gleich nachdem ich ihr erzählt habe, dass Daniel über das Wochenende mitkommt, hat sie sich an die Arbeit gemacht.
»Ach so, das ist ja noch besser, da sage ich natürlich nicht Nein.« Daniel strahlt. Er liebt Omas Pfefferlinge. »Sie war übrigens nicht da, als ich eben angekommen bin. Auf mein Klopfen hat sich niemand gemeldet.«
»Dann ist sie bestimmt bei ihrer Freundin«, überlege ich laut. »Oma hat ja jetzt noch nicht mit dir gerechnet. Hast du deine Sachen schon ins Haus gebracht?« Daniel weiß, dass Oma einen Ersatzschlüssel ganz klassisch unter dem großen Blumenkübel neben dem Haus deponiert.
»Nein, ich wollte erst einmal zu dir. Ich hab mir gedacht, dass wir dich hier finden, als du geschrieben hast, dass du zum Wasser gehst. Was ist mit deinen Schwestern? Kommen sie auch?«
»Jana will am Sonntag mal vorbeischauen, je nachdem, um wie viel Uhr du zurück nach Berlin fährst, triffst du sie noch. Pia kommt erst nächsten Freitag aus England zurück.«
Nach einer Weile bleibe ich stehen. »Sag mal, gilt unser Gesprächsverbot für alles, was irgendwie mit der Arbeit zusammenhängt?«
»Das kommt darauf an. Was hast du denn auf dem Herzen?«
»Meine Spezialisierung. Im Moment tendiere ich doch eher zu Gastroenterologie. Ich weiß nicht, ob Kardiologie wirklich das Richtige für mich ist.«
»Hm«, macht Daniel.
»Was, hm?« Ein Hm in diesem Tonfall bedeutet, dass Daniel meine Überlegung überhaupt nicht nachvollziehen kann. »Warum sagst du nicht einfach, was du denkst?«
»Na ja, ich dachte, du wolltest unbedingt Kardiologin werden.«
»Ja, schon … Aber die Gastroenterologie bietet ein breiteres Spektrum an Krankheitsbildern. Außerdem weiß ich nicht, ob die Arbeit im Krankenhaus auf Dauer das Richtige für mich ist. Internistin in einer Praxis zu sein, hätte auch so seine Vorteile.«
»Ich denke, dass du auf jeden Fall das Zeug zur Kardiologin hast, zu einer ausgezeichneten sogar. Was möchtest du in einer Praxis? Das willst du dir doch nicht wirklich antun. Da vergeudest du dein Talent. Davon mal ganz abgesehen, kannst du auch als Kardiologin in einer Praxis tätig werden.« Manchmal ärgert mich Daniels Einstellung. Er wirkt dann so arrogant – genau wie es Kardiologen oft vorgeworfen wird. Trotzdem ist etwas dran an seinem Einwand.
»Ja, wahrscheinlich hast du recht, ich weiß auch nicht, was auf einmal mit mir los ist.« Ich lasse meinen Blick über das Meer schweifen, das ich im letzten Jahr so selten gesehen habe. »Vielleicht bin ich einfach nur überarbeitet.« Schon seit ich sechzehn Jahre alt bin, möchte ich unbedingt Kardiologin werden. Damals habe ich mir geschworen, mich nie wieder so hilflos zu fühlen wie in der Zeit, nachdem unsere Eltern durch einen...




