Barrington Wiederbelebung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942374-65-1
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 22, 216 Seiten
Reihe: edition fünf
ISBN: 978-3-942374-65-1
Verlag: edition fünf
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Barrington wurde 1944 in Brighton geboren und lebt seit 1976 als Dichterin, Biografin und Literaturkritikerin in Portland, Oregon. In Deutschland kennt man sie durch ihr Buch 'Erinnerungen und Autobiografie schreiben'. Für 'Wiederbelebung' wurde sie mit dem Lambda Book Award ausgezeichnet.
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Nabelschnur
Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als mein Vater, meine Mutter und ich an der Segelregatta von Shoreham nach Littlehampton teilnahmen. Ich bin diese Regatta mehrmals gesegelt, hier aber geht es um das einzige Mal, als meine Mutter mitkam – jenes Mal, das zu einer regelrechten Familienlegende wurde.
Meiner Meinung nach handelt diese Geschichte von der panischen Angst, die meine Mutter zeit ihres Lebens vor dem Meer hatte, und der Sturheit meines Vaters. Vielleicht auch von dem absurden Würdebegriff der britischen Mittelschicht, vor allem dem ihrer männlichen Vertreter, demzufolge man stets und um jeden Preis das Gesicht wahren muss. Die Geschichte mag sich tatsächlich um genau diesen Preis drehen, den manche von uns zahlen mussten, um ebenjenes Gesicht zu wahren. Sie mag auch von der lebenslangen Sehnsucht eines Kindes handeln, seine Mutter zu retten. Aber wenn ich jetzt zu erzählen beginne, was an jenem Tag der Regatta geschah, dann handelt meine Erzählung nicht zuletzt davon, wie Mythen entstehen und wie unzuverlässig Erinnerungen sind. Erinnerungen, die im Schatten von Mythen verborgen liegen, kurz davor, im Dunkeln zu verschwinden.
Es hätte eine einfache Tagestour werden sollen: vom Jachtclub direkt den Fluss hinunter, durch den Hafen, wo schon die Dünung des Meeres zu spüren war, vorbei an Hafenmauer, Startlinie und Startschussanlage, und dann auf gerader Strecke westwärts nach Littlehampton. Aber die Schwierigkeiten begannen schon am frühen Morgen, noch bevor wir das Boot von unserem Liegeplatz in die Flussströmung manövriert hatten. Meine Mutter war ungewöhnlich still, sie hatte große Angst, seekrank zu werden. Als mein Vater und ich ihr vom Steg in das kleine Schlauchboot hinabhalfen, um zum Segelboot hinauszurudern, missachtete sie unsere Anweisungen. Statt auf die Bodenbretter trat sie fest auf den blauen Kunststoff, woraufhin das Schlauchboot sich um ihre Beine zusammenfaltete und mit ihr in den Schlamm sank.
Sie fuhr nach Hause, um sich umzuziehen, und ich fragte mich, ob sie wiederkommen würde. Sie hatte seit Tagen über die Regatta geklagt, eine lange Liste von Dingen heruntergebetet, die sie erledigen müsse, und gesagt, es sei wirklich albern, all diese Mühen auf sich zu nehmen, nur um ein paar Meilen an einer geraden Küste entlangzusegeln. Außerdem, so betonte sie mehrfach, würde niemand, der noch recht bei Trost war, nach Littlehampton fahren, um dort zu übernachten. Ich wusste, dass hinter alledem echte Panik steckte; ich wusste es, weil sie mir einmal gesagt hatte, dass sie ganz sicher sei, sie werde eines Tages auf See sterben, und ich hatte ihr geglaubt. Ich weiß nicht mehr, wo oder unter welchen Umständen sie mir dieses entscheidende Detail erzählt hat, aber ich erinnere mich gut an spätere Hinweise auf den Wahrheitsgehalt, den diese Aussage für sie barg: dass sie das Kino verlassen musste, sobald stürmische See gezeigt wurde; wie sie selbst bei den ruhigsten Fährfahrten zwischen Dover und Calais immer totenbleich wurde. Ich hätte ihr deshalb kaum Vorwürfe gemacht, wenn sie den Zwischenfall mit dem Schlauchboot als Entschuldigung benutzt hätte, um nicht an der Littlehampton-Regatta teilzunehmen, aber eine Art Ehrgefühl, möglicherweise auch eine unausgesprochene Drohung vonseiten meines Vaters, ließen sie eine Stunde später zurückkehren, und wir konnten gerade noch rechtzeitig für den Start der Regatta ablegen.
Während wir unter Motor den Fluss hinuntertuckerten und der Benzingeruch vom Innenbordmotor aufstieg, konnte ich zusehen, wie meine Mutter immer bleicher wurde. Ich drehte mich weg und versuchte dabei, das grelle Gelb zu ignorieren, in dem mein Vater das 28-Fuß-Boot gestrichen und das er darüber hinaus getauft hatte, spanisch für . Ich fand dieses Gelb überhaupt nicht schön, ich war für Nachtblau gewesen, meine damalige Lieblingsfarbe. Meine Mutter, die erdliebende Gärtnerin, hatte für Grün votiert. Mein Vater aber, der unbedingt mit seinen kümmerlichen nautischen Kenntnissen prahlen musste, beharrte auf Gelb. Diese Farbe, sagte er, falle auf dem Meer am meisten auf, daher auch gelbe Schwimmwesten. In jener Phase des Hasses auf meinen Vater – eine Phase, die sehr lange andauerte – starrte ich den gleißend gelben Anstrich an und fand ihn einfach nur peinlich. Allerdings fand ich damals im Grunde alles peinlich, vor allem, wenn ich mit meinen Eltern zusammen war. Wenn Gelb am sichersten war, hätten doch alle Jachten gelb gestrichen sein müssen, aber keine war es, weder im Jachtclub noch auf dem Fluss. Niemand sonst war idiotisch genug, auf einem schwimmenden Eidotter herumzusegeln.
Sobald wir die Hafenmauer hinter uns gelassen hatten, setzten wir die Segel und nahmen Kurs auf Worthing. Wenig später flaute der Wind ab, also holten wir das Vorsegel ein und zogen die größere Genua auf, um mit den schnittigeren Jachten mithalten zu können, die ihre Spinnaker setzten. Ohne den Lärm und den Gestank des Motors war meine Mutter etwas munterer, blieb aber weiterhin reglos neben meinem Vater sitzen, der das Ruder hielt und entschlossen nach vorn blickte. Wenn ich nicht gerade angebrüllt wurde, ein bestimmtes Segel zu reffen oder eine Wende vorzubereiten, lag ich auf dem Kajütendach und schaute am Mast vorbei zum dicht bewölkten Himmel hinauf, in dem hin und wieder ein blaues Fleckchen aufblitzte. In einiger Entfernung ragte schon die Pier von Worthing ins Meer, wo, noch allerdings nicht zu sehen, Touristen am glänzenden Wasser entlangpromenierten, klebrige rosa Zuckerwatte in den Händen, und alte Leute, die den überwiegenden Teil von Worthings Bevölkerung stellten, Ellbogen an Ellbogen in gestreiften Liegestühlen saßen. Auf unserem Boot gab es dagegen nur die Segel, die rhythmisch gegen den Metallmast schlugen, das dunkelgrüne Wasser, das gelegentlich an die Bordwand schmatzte, das Kreischen der Möwen, die unablässig ans Schiff heranflogen und sich wieder abfallen ließen.
Etwas später ging ich in die Kajüte, um einen Pullover überzuziehen. Die Wolken schienen jetzt tiefer zu hängen, mein Vater klopfte auf seinen neuen Kompass mit kardanischer Aufhängung. Als ich wieder nach oben kam, herrschte um uns herum dichter Nebel: von der Pier keine Spur. Ich blickte zum Strand hinüber, er war ebenso verschwunden wie der Wind. Wassertropfen setzten sich auf mein Haar, als mein Vater den Motor startete und ein wenig aufs Meer hinaustuckerte. »Um die Pier machen wir einen schönen großen Bogen«, sagte er. Meine Mutter saß stocksteif da, die Hände verkrampft, und schwieg.
Eine Stunde später saß ich auf dem Bug und aß Kartoffelchips aus der Tüte, nachdem ich begriffen hatte, dass meine Mutter, die langsam grünlich wurde, sie nicht in ihrer Nähe haben wollte. Das Meer war fast glatt und der Nebel inzwischen so dicht, dass sogar mein Vater am Ruder zu verschwimmen begann. In mir brodelte regelrechter Hass auf, als der Motor gleichmäßig tuckerte und mein Vater laufend fröhliche Kommentare abgab: »Ein Glück, dass ich so viel Benzin mitgenommen habe« oder »Bei diesem Tempo kann es nicht lang dauern«. Ab und zu beugte er sich über den neuen Kompass, drehte oder studierte ihn mit seitlich geneigtem Kopf. Ich wusste genau, dass er keine Ahnung hatte, wie er funktionierte.
Weil wir unser Vorankommen nicht am Land abschätzen konnten und das ruhige Wasser auf unsere Vorwärtsbewegung kaum reagierte, hatten wir bald das Gefühl, uns gar nicht zu bewegen. Gerade als es den Anschein hatte, wir würden ewig nur auf ein und derselben Stelle herumtuckern, gab es einen erheblichen Ruck, gefolgt von einer unverkennbaren Vorwärtsdrehung. Wir waren auf einen Felsen aufgelaufen.
»Was war das? Was ist passiert?«, piepste meine Mutter mit einer Stimme, die sie kaum unter Kontrolle hatte.
»Wir sind auf einen Felsen aufgelaufen«, antwortete mein Vater, nachdem er den Motor abgestellt hatte. »Wir sind auf einen Felsen aufgelaufen.«
»Das weiß ich«, sagte meine Mutter in jenem scharfen Ton, der, wie ich wusste, ihre Panik kaschierte. »Selbst nach diesem grauenhaften Morgen habe ich den Verstand noch nicht ganz verloren. Ich will wissen, was du jetzt zu tun gedenkst.«
Mein Vater wirkte nervös. Er stand auf, setzte sich wieder. Schließlich aber stand er mit dem Gestus der Entschlossenheit auf und straffte gleichsam den ganzen Körper, wie er es zu tun pflegte, wenn er etwas Bedeutendes in Angriff zu nehmen gedachte. Er stieg in die Kajüte hinab und breitete auf dem Tisch eine Seekarte aus. »Ich versuche, den Felsen zu finden«, rief er uns zu, als wir ungläubig hinunterspähten.
»Nun sei nicht albern, Rex«, fauchte meine Mutter. »Was soll das bringen. Es ist offensichtlich ein Felsen, und wir sitzen offensichtlich darauf fest. Es ist egal, wo er ist. Sieh zu, dass du uns freibekommst.« Einen Augenblick lang zitterte ihr Kinn, als würde sie gleich weinen. Das hatte ich in meinem Leben erst zwei Mal zuvor gesehen. Mein Vater bekam davon nichts mit.
»Also«, sagte mein Vater, »wenn es nicht noch ebbt,...




