E-Book, Deutsch, 220 Seiten
Barsch Am Anfang war die Nacht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-293-30940-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 220 Seiten
ISBN: 978-3-293-30940-1
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Barsch (*1960) ist Schriftsteller, Kritiker und Literaturwissenschaftler. Er arbeitet für verschiedene Hochschulen und als Dozent für Kreatives Schreiben. Neben dem Roman Schach (1997), Hörspielen (SWR, Bermudafunk) und zahlreichen Arbeiten zur Gegenwartsliteratur sind die Gedichtbände jetzt (2010), hier (2013) und die Reiseessays Alles denkbare Licht (2012) erschienen.
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1
Ich ging auf die Straße.
Direkt vor meiner Tür sprayte ein Mann gelbe Linien und blaue Zeichen auf den Asphalt. Frau Steiner führte ihr weiches Herz Gassi: einen winzigen, unglaublich bibbernden Hund. Ihre Lieblingsfarbe ist grau.
Bieler schneidet mir den Satz mit einem scharfen Blick ab.
Na gut! Das Protokoll. Die Angaben zu meiner Person: Ich bin Privatdetektiv, Solist. Ich weiß, dass man heute eher an Teams aus Experten glaubt, und an Bürokraten, die wie Spinnen in ihren Netzen sitzen und nach Lösungen suchen. Ich suche Verbindungen. Am liebsten allein. Damit ist weder das Risiko noch der Gewinn teilbar. Vielleicht bin ich antiquiert. Andererseits finde ich es nicht besonders wichtig, originell zu sein. Was bedeutet das heute denn noch? Halbwegs abmischen zu können. Es ist ganz einfach: Wenn mich jemand bezahlt, suche ich nach der Wahrheit. Nach dieser oder jener. Dabei wirble ich Dreck auf. Ein ganz normales Geschäft. Und Geschäfte sind das Wichtigste …
»Apitz!!« Bielers Augen treten fast aus den Höhlen. Mein Kopf dröhnt.
Schon gut, schon gut, ich komme zur Sache.
Frau Steiners Hund kam zitternd und wedelnd auf mich zu. Sie riss ihn an der Aufrollleine zurück. Ich lächelte sie kurz an und schaute nach oben. Die Wolken zogen schnell über die Häuser. Ich erinnere mich: Ich spürte, wie mich die Erde unter dem Himmel durchdrehte. Ich senkte den Kopf, schaute auf die Stelle, von der der Hund verschwunden war und wiederholte die Sätze des Tages: Kennen seinen Glanz, auf dem staubigen Gehweg zerplatzten schwere Tropfen zu dunklen Flecken, wahren seine Schmach, rasterten den Boden, wird man zum Quelltal der Welt. Ich lauschte dem Gedanken einen Moment hinterher. Dann ging ich los, legte den Kopf in den Nacken, spürte den Regen im Gesicht und dachte, dass es ein guter Tag sei, um ans Meer zu fahren, um aufs blaugrüne Wasser zu schauen, zu beobachten wie das Licht die Farben wechselt und zu spüren wie einem der Sand durch die Finger rinnt.
Ich erinnere mich. Ich stand auf dem Bahnsteig, in einer Ecke drehte der Wind Papier zu einer Spirale in die Luft. Ich trat an die Kante. Der Zug fuhr ein. Die Leute drängelten vorwärts, ohne sich zu berühren. Ein Ruck und wir setzten uns in Bewegung. Hinter den schwitzenden Scheiben verlief die Stadt zu einem nebligen Aquarell: Schwerkraft und Grau. Fast alle hantierten mit Schirmen. Schweigen, wie eine Übereinkunft. Auf dem Plastikboden sammelte sich Wasser. Neben mir atmete eine Frau. Ein Kopfhörer zischte. Gegenüber thronte ein Schwarzer in einem Lodenmantel mit Hirschhornknöpfen und daneben las ein Araber leise murmelnd in einem kleinen rosa Buch von hinten nach vorn und von rechts nach links. Wenn du drin bist: Munition deponieren! Bewegte beim Lesen die Lippen. Dann auf den Flur, und laufen und schießen, laufen und schießen! Der Atem der Frau streifte meinen Nacken, der Schwarze nickte sich zu. Wenn du alle umgelegt hast, an der Treppe in Deckung. Draußen lief Regen über die Scheibe. Nicht in den Lift! Auf keinen Fall in den Lift! Über die Treppe zum zweiten Flur! Und brachte etwas Glanz in das Bild. Ach! Die feuchtwarme Luft und das Ruckeln der Bahn lullten mich ein. Ich komm nach der Schule bei dir vorbei, Revenge kann man nicht erklären, das muss man spielen.
Als ich ausstieg, schüttete es. Im Rinnstein die Botschaften des Regens. Die Gegend, in der mein Büro liegt, ist ein bisschen runtergekommen. Hundekacke an Abgasen. Und Tauben. Rechts, links, oben, unten: Taubenscheiße. Die Kritiker dieser Tristesse behaupten schon länger, ein richtiger Sturm täte uns allen wieder mal gut.
In der Haustür stand Bisic, unrasiert, Goldkette in dem mit schwarzen Brusthaaren gefüllten Ausschnitt des T-Shirts. Die nackten Füße steckten in Plastiklatschen und um den Körper knisterte ein blau-weiß-roter Trainingsanzug. Zur Begrüßung schnippte er seine aufgerauchte Kippe an mir vorbei. Ich wünschte ihm auch einen guten Tag, drückte mich durch die Tür und ging im Flur an den aufgebogenen Briefkästen vorbei. Fassaden sind mein Geschäft. Auch wenn es absurd klingt: Bei meinen Kunden weckt diese kaputte Atmosphäre Vertrauen. Sie vergessen hier im Vorbeigehen ihre sorgfältig geschlossenen Kreise. Es gibt neben ihrer heilen Welt also tatsächlich diese andere, durchlässige Art der Existenz. Meine Kunden brauchen so eine Existenz, um ihre Kreise geschlossen zu halten. Ich stieg die zwei Treppen nach oben, schloss die Tür auf und hinterließ feuchte Spuren auf dem Parkett.
Ein unauffälliger, unschlüssiger Tag, der zwischen Frühling und Herbst hin und her irrte. Hätte ich Licht angemacht, wäre es vor meinem Fenster noch dunkler geworden. Ich schaltete den Rechner ein, verwarf den Gedanken an Arbeit aber gleich wieder. Jetzt war eher die Zeit für eine kleine Meditation über das Trommeln des Regens, die verwaschenen Farben des Vormittags und den Himmel über dem Meer.
»Sie hatten gar nichts zu tun?«, fragt Bieler in einem schneidenden Ton.
Als er sicher ist, mich aus dem Fluss gerissen zu haben, setzt er nach: »Keinen Auftrag, kein krummes Geschäft, nicht mal die übliche Schlafzimmerschnüffelei?«
»Über meine Klienten muss ich keine Aussagen machen.«
Bieler schaut mich erstaunt an. Er klatscht laut in die Hände und beginnt, sie langsam gegeneinander zu reiben. Plötzlich wirkt er ganz rosig. Das Zimmer wird noch trister dadurch. Bieler zieht ein Gesicht, als freue er sich über ein lang ersehntes Geschenk. Er betont jede einzelne Silbe: »Bei so vielen Toten, lieber Herr Apitz, begründet jedes Schweigen einen Verdacht.« Er legt den Kopf etwas schräg und schaut mich über seine gefalteten Hände an.
Er kann jetzt ewig so bleiben.
Bei Mord ist sich jeder der Nächste.
»Ich sollte rausfinden, wie der Oberbürgermeisterkandidat zu seinem Doktortitel gekommen ist«, sage ich.
»Und Sie wissen plötzlich nicht mehr, wer Sie beauftragt hat?«
»Der Name Stricker dürfte Ihnen bekannt sein.«
Bieler stutzt. »Ein bisschen genauer!«
»Stricker ist in mein Büro gekommen, hat mir den Auftrag gegeben, hat mir gesagt, dass er schon Erkundigungen eingezogen hat und ich bei Paul März ansetzen könnte. Den Namen kennen Sie auch.«
Bieler nickt jovial, löst die Hände voneinander und gibt mir damit das Zeichen, dass ich fortfahren kann.
Ich war mir meiner Melancholie ziemlich sicher. Der Auftrag lief mir nicht weg. Eine bestimmte Art von Politikern läuft nie weg. Sie gehen kurz unter und tauchen an einem anderen Ort wieder auf. Außerdem wusste ich, wo ich anfangen sollte. Ich konnte mich also vorher ein wenig entspannen, meine Gedanken ordnen, mich selbst ordnen. Ich weiß nicht, wie lange mein inneres Schweigen gedauert hatte, als mich ein Klopfen in die Welt zurückholte. Hinter der Glasscheibe meiner Bürotür bewegte sich ein Schatten.
»Kommen Sie bitte rein!«, sagte ich und war gespannt, ob der Schatten halten würde, was er versprach.
Vielleicht, dachte ich, steht sie einem Comiczeichner Modell. Für ihre Augen brauchte sie einen Waffenschein. Für den Rest würde sie keinen kriegen. Sie hatte schwarze Haare und sie war auf eine ziemlich weiche Art elegant. Über ihrem angewinkelten Arm hing eine bordeauxrote Jacke mit ein paar dunklen Flecken vom Regen. Ich fragte mich, warum gerade Frauen, die an jeder Stelle ihres Körpers einen Hauch von Überfluss haben, diese nachgiebigen Wollkleider tragen.
»Herr Apitz?«, sagte sie, ging mit fließenden Schritten auf mich zu und ließ die Jacke über die Lehne des Besucherstuhls gleiten. Ihre Fingernägel waren lang und so rot wie die Jacke.
»Setzen Sie sich doch«, sagte ich.
»Sie könnten mal lüften«, forderte sie in einem Ton, als würden wir uns schon jahrelang kennen. Sie hatte einen östlichen Akzent. Ich schaute über die Schulter zum Fenster. Von draußen schillerte das Regenlicht rein, als wären wir unter Wasser. Ich schaltete eine Lampe an. Nachdem sie sich auf dem Stuhl zurechtgerutscht hatte, schaute sie mich immer noch vorwurfsvoll an.
»Ich warte, bis die Rush Hour rum ist«, entgegnete ich. »Kann ich sonst noch was für Sie tun?«
»Ich bin Anna Ostrowskij«, antwortete sie, als sei damit alles geklärt. Ihre Bernsteinaugen kamen zur Ruhe. Sie legte den linken Unterarm auf die Schreibtischkante und beugte sich vor. Ich kam ihr etwas entgegen und fragte mich, wie sie es schaffte, an so einem Tag nach Sommer zu riechen.
»Ich erwarte Unannehmlichkeiten«, sagte sie leise.
»Das ganze Leben ist unannehmbar«, gab ich zurück.
Sie ließ meinen Satz, ohne mit der Wimper zu zucken, passieren. Ich lehnte mich zurück und schlug erneut auf: »Sehen Sie, ich wollte gerade weg. Frische Luft, weiter Horizont, etwas ausspannen. Und jetzt kommen Sie und lassen mich rätseln.«
»Tut mir leid«, sagte sie und ihr Akzent wurde eckig. Aber das brachte ihren Ton noch perfekter zur Geltung. An ihr kam einfach alles zur Geltung: die hohen Wangenknochen, der vollendete Bogen der Augenbrauen und die unübersehbaren Spuren von Zerstörung.
»Es geht …«, fuhr sie fort und beugte sich weiter nach vorn, »es geht, wie soll ich sagen … um eine kaum...




