E-Book, Deutsch, 528 Seiten
Barsch Von Einem, der auszog.
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8476-9089-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Seelen- und Wanderjahr auf der Landstraße
E-Book, Deutsch, 528 Seiten
ISBN: 978-3-8476-9089-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Barsch geb. 1860 in Niederhermsdorf bei Neiße (Schlesien), gest. 1931 in Schieferstein am Zobten. Dann kam er in die Lehre nach Neisse, um seines Vaters Beruf ergreifen zu können, und ging, noch fast ein Kind, auf die Walze: Von Schlesien nach dem Westen und Süden Deutschlands, bis in die Schweiz. Oft saß der Hunger neben ihm am Wegrande. Oft deckte niemand den Wandermüden zu als die mütterliche Nacht.
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Junge Dichter
Unser Meister war verschwunden. Alle Gemüter im ganzen Hause waren stark erregt. Die Leute tuschelten einander sonderbare Geschichten zu. Eine alte Marketenderin, die ein Stück unseres Holzschoppens gemietet und darin einen Kaffeeschank für die Soldaten der nahen Kaserne errichtet hatte, wollte mit aller Bestimmtheit wissen, dass der Teufel den Meister geholt habe. Das sei immer so bei den Freimaurern. Eines Tages seine sie fort; man wisse ganz gut wohin. Wenn sie daran denke, dass dieser hübsche Mann im höllischen Feuer büßen müsse, so möchte sie immerfort weinen. Wer habe ihn aber auch geheißen, unter die Freimaurer zu gehen! Der Schneidermeister erklärte, es sei richtig, dass unser Meister vom Teufel geholt worden. Doch er meinte den Schuldenteufel.
Droben am Fenster des Wohnzimmers saß Cäcilie, die Köchin, und weinte. Zuweilen blickte sie nach dem Fenster der Werkstatt über den Hofraum, wie sie es seit Jahren so gewohnt war. Aber sie tat es nicht mehr in der Absicht, uns durch ihre Blicke zum Fleiß aufzumuntern. Ihre Augen waren dunkel umrandet von vielen Weinen, und wir kamen allmählich zu der Ansicht, dass sie Gewissensbisse empfinde und uns um Verzeihung bitten möchte für das viele Unrecht, das sie an uns begangen.
O, sie war falsch und schlecht gewesen zu uns Lehrjungen! Wir erinnerten uns jetzt daran, wie sie uns behandelt hatte, so oft der Meister in Geschäften ausgegangen oder verreist war. Für zwei von uns hatte sie dann beständig Arbeit gehabt. Wir mussten Kartoffeln schälen, den Ofen heizen, Kohlen aus Keller holen, Wasser tragen, zum Krämer gehen und Nachrichten zu ihrer Mutter bringen, die in der Vorstadt wohnte. Unterdessen spielte sie mit dem Dienstmädchen Karten. Mit ihrem Dienste beschäftigt, versäumten wir unsere Arbeiten in die Werkstatt, und wenn dann der Meister zornig wurde und uns schwere Nachtarbeiten zur Strafe auftrug, duften wir uns nicht einmal verteidigen. Er glaubte stets nur den Worten Cäciliens; uns hielt er für Lügner und Faulenzer. Cäcilie aber log ihm jedes Mal vor, sie hätte uns höchstens fünf Minuten lang in Anspruch genommen. Wir seien eben – schrie sie dann zum Fenster herab – eine stinkträge Bande; wir müssten geprügelt werden und dürften drei Tage lang nicht zu essen kriegen. Den Gehorsam durften wir ihr nicht versagen; das litt der Meister nicht. Eine Widersetzlichkeit gegen Cäcilie bestrafte er viel strenger, als eine Nichtachtung seiner eigenen Befehle.
Jetzt freuten wir uns über ihr Unglück, spotteten ihrer und wünschten, dass sie als Köchin in einem Hause Dienst fände, wo sie ebenso schlecht behandelt werden möge, wie wir von ihr behandelt worden… Die Arme! Sie hatte Ursache, sich der Trauer hinzugeben. Die Hoffnung, dass der Meister sie heiraten werde, war zerschlagen. Ach, und die Schmach! Wusste sie doch, dass die Menschen jetzt mit Finger auf sie zeigen würden. Die Marketenderin sagte uns vertraulich, dass der Vogel mit den langen Beinen schon unterwegs sei; nach ihrer Schätzung könne er bereits in wenigen Wochen bei der Cäcilie eintreffen. Der Meister war Montagabends fort gegangen, angeblich in die Loge, und nicht zurückgekehrt. Acht Tage war das schon her. In den ersten Tagen war Cäcilie der Meinung gewesen, er habe als Freimaurer von Loge einen geheimen Reiseauftrag erhalten; dann aber hatten ihr einige Logenbrüder bestimmt erklärt, dass dieser Glaube falsch sei. Am Ende der Woche war sie durch Zufall zu der Entdeckung gelangt, dass er aus dem Schreibtisch alles Geld und alle wichtigen Papiere mitgenommen, und nun glaubte sie, er sie ins Ausland entflohen.
In der Werkstatt ging bunt und toll zu. Von den fünf Gesellen hatten sich drei entfernt; nur der lange Lorenz und der polnische Lukas waren zurückgeblieben. Diese beiden saßen auf ihren Hobelbänken, tranken „Gemischten“ und fluchten auf den verschwundenen Meister. Der lange Lorenz, der gern und mit Stolz in den Erinnerungen einer herrlichen Vergangenheit schwelgte, erzählte wieder einmal allerlei Bruchstücke aus seiner reichen Lebensgeschichte und zog dabei Vergleiche zwischen sich und dem Meister. Er sei ein berühmter Fabrikbesitzer und ein großer Kapitalist gewesen; mit Champagner und Rotwein habe er ein gewaltiges Vermögen fortgeschwemmt; in der Equipage sei er gefahren; sieben Wohnungen und sieben Weiber habe er gehabt, ohne die übrigen Liebsten, und zuletzt sei er fechten gegangen. Für seine Arbeiter und Gesellen aber habe er gesorgt, bis letzten Augenblick. Tief in den Rachen hinein würde er sich schämen, wenn er damals beim großen Krach feige fortgelaufen wäre und seine Leute in Stich gelassen hätte. So etwas bringe nur ein ganz gemeiner Lump fertig.
Der polnische Lukas hörte nicht zu, wenn der lange Lorenz erzählte; er beschäftigte sich nur mit sich selbst, schüttelte den Kopf und knirschte hörbar mit seinem schneeweißen Zähnen. Ab und zu hieb er in raschen und kurzen Wutanfällen mit dem Hammer auf die Hobelbank. Am sechsten oder siebenten Tage nach dem Verschwinden des Meisters wurde er plötzlich so wütend, dass er den Hammer ergriff und das kunstvoll zusammengefügte Gestell eines Zimmerspringbrunnens, das er mühsam gebaut hatte, in kleine Stücke zerschlug. „Psiakrew, die Bestie!“ schrie er. „Krieg’ ich noch nix bezahlt! Soll sich holen Diable ganze verfluchtige Arbeit!“
Uns Lehrjungen behagte das alles. Wir hatten die uns aufgetragenen Arbeiten vollendet; nun konnte wir mit ruhigem Gewissen müßig gehen. Cäcilie kümmerte sich wenig um uns; nur wenn sie eines Dieners oder Boten bedurfte, ließ sie einen von uns durch das Dienstmädchen rufen. Sie kochte das Essen, wie sie es sonst getan hatte, und wir bekamen auch unsern Vesperkaffee. Bei Tisch konnten wir uns jetzt nach Belieben satt essen. Das war früher nicht immer möglich gewesen. Die Sitte gebot, dass ein Lehrling nicht öfter als zweimal während des Mittagessens seine Teller aus der Schüssel füllen durfte. War einer beim Füllen des Tellers zufällig von Meister oder von Fräulein Cäcilie angeblickt worden, so hatte ein solcher Blick lähmend eingewirkt auf die Hand des Jungen, und dieser war dann mit ungestillter Esslust vom Tische weggegangen. Das kam jetzt nicht mehr vor, da Fräulein Cäcilie aus Gram oder Scham dem Tische fern blieb, wir also unsere Teller bis an den Rand füllen konnten. Solches Leben gefiel uns, und die Frage, wie es einmal enden solle, machte uns keine Sorgen.
Um nicht den Blicken und die Kritik des langen Lorenz ausgesetzt zu sein, versteckten wir uns im Ofenwinkel der Werkstatt. Dort vertrieben wir uns die Langeweile durch dichterische Versuche. Wir waren Dichter geworden. Franz reimte ein Gedicht, in dem er seinen Stiefvater einen Geizkragen nannte und ihm prophezeite, dass er für jedes Zehnpfennigstück, das er ihm, dem guten Stiefsohne, auf Erden als Taschengeld vorenthalte, einst je ein halbes Jahr lang im Fegefeuer braten werde. Johann beklagte es in bitteren Versen, dass heutzutage dem Käseleim aus Billigkeitsgründen der Vorzug vor dem Kölner Leim gegeben werde. Ich dichtete ein Trauerspiel. Das sollte fünf Akte haben und den Titel führen: „Das vertauschte Kind.“
Wie wir zu Dichtern geworden waren?
Im Vorderhause befand sich eine große Wagenbauwerkstatt, und der Wagenbauer hatte einen erwachsenen Sohn, der sich uns Tischlerstiften gegenüber freundlich zeigte. Nach Feierabend durften wir manchmal zu ihm in die Werkstatt kommen; dort saßen wir auf Schemeln und Schnitzbänken und plauderten. Gern redete er von seiner Schwester, die mit einem Assessor verlobt war. Er erzählte uns, dass sie ein großes Glück machte. Der Herr Assessor sei der klügste Mann in der ganzen Stadt, und weil er so klug sei, dürfte er sogar den Herrn Staatsanwalt vertreten. Wie gelehrt er sei, gehe schon daraus hervor, dass er Schillers Werke besitze. Diese Werke habe er jetzt seiner Braut geliehen, damit die darin lese und gleichfalls die höhere Bildung erlerne.
Die Mitteilung, dass man aus Schillers Werken die höhere Bildung erlernen könne, fesselte mich mächtig, und der Assessor und seine Braut, die so überglücklich waren, aus diesem Urquell der Bildung schöpften zu können, erschienen mir wie höhere Wesen. Ich fragte unsern gütigen Freund, ob er wisse, was in Schillers Werken zu lesen stünde, oder ob er mir ungefähr sagen könne, wie sie äußerlich und innerlich beschaffen seien. Er gab zur Antwort: „Es sind Bücher, wie alle andern Bücher; aber was darin steht, da können wir uns alle gar keinen Begriff davon machen. Wer Schillers Werke gelesen hat, weiß alles – kurzum alles! Da steht alles drin, was die klügsten Menschen wissen müssen. Wenn einer etwas nicht weiß, braucht er bloß in Schillers Werken zu suchen, und er findet es.“
„Das ist wohl aber schwer zu verstehen?“ fragte Johann.
„Für uns ist es nichts!“ sagte kopfschüttelnd der junge Wagenbauer. „Meine Schwester ist in der Klosterschule gewesen; dort hat sie verdammt viel gelernt. Wenn das nicht wäre, verstände sie kein Wort davon. Es ist auch vieles lateinisch und in andern Sprachen.“
Ich wusste, dass Schiller ein Dichter war, hatte jedoch noch keine nähere Kunde über ihn vernommen und noch kein Wort von ihm gelesen; auch war mir unbekannt, wo und in welcher Zeit er gelebt. Ich konnte mir kein Bild von dem menschliche Wesen und den Werken des Dichters machen; doch ich hegte die dunkle Vorstellung, dass er ein Mensch gewesen, der mit seinem Geiste über die höchsten Grenzen des menschlichen Wissens hinausragte und wohl gar in Beziehungen stand zu weisen, übernatürlichen Mächten. Er erschien mir wie das größte und verehrungswürdigste Geheimnis, und ich hätte vielleicht meine Geistigkeit hingegeben, um dafür einen Blick in seine Bücher...




