E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Bartning Auf dem Weg mit dem Inneren Kind
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-9015-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leben im Einklang mit sich selbst
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-7504-9015-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er ist Jahrgang 1952, Heilpraktiker für Psychotherapie, Paar- und Familientherapeut und Systemischer Supervisor. Er hat Ausbildung in Transaktionsanalyse und ist selbstständig in eigener »Praxis für Beziehungsheilung«. Bartning hält Vorträge und gibt Praxisseminare zu verschiedenen Themen mit dem Inneren Kind. Mehr Informationen: www.beziehungsheilung.de
Autoren/Hrsg.
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Mögliche Bedenken und Vorbehalte
»Sind die Eltern nun an allem schuld?«
Natürlich können die Eltern genutzt werden. Dann werden die Eltern als Sündenbock dargestellt. Mit anderen Worten: Die Abwehr spielt fleißig ihre Trümpfe aus! Denn das würde ja bedeuten, dass man alles so weitermachen kann wie bisher. Man hätte eine Art Universal-Joker.
Man könnte diese Haltung einnehmen und entsprechend handeln, aber mal ehrlich: Wäre damit etwas gewonnen?
Man kann auch zur antreten. Denn Kinder sind immer loyal zu Eltern. In den meisten Fällen behagt es gar nicht, die Eltern so schlecht zu sehen – die eigenen Eltern! Typischerweise sagt man dann Sätze wie: »«
Richtig! Aber nicht nur gut. Sonst würden Sie dieses Buch nicht lesen …
Ein Schwarz-Weiß-Denken, die Eltern nur schlecht oder nur gut zu sehen, passt mehr in eine bestimmte Altersstufe unserer Kindheit als in die differenzierte Welt der Erwachsenen. Man kann das besser abgestuft betrachten:
Erstens konnten die Eltern damals auch nicht mehr Liebe geben, als sie einmal selbst empfangen hatten.
Zum zweiten kann eine Verletzung auch an besonderen Umständen liegen, die einen veranlasst haben könnten, den Weg über die Abwehr zu gehen. Die Umstände beziehungsweise wie wir das Geschehen interpretiert haben, sind nämlich wichtiger als die Tatsachen selbst.
Ein Beispiel: Ein Mädchen kam als Frühgeburt auf die Welt. Sie musste in einem Brutkasten liegen, und die Eltern hatten nur begrenzten Zutritt, wenn überhaupt. Früher war es ja fast unmöglich, Zugang zu einem Frühgeborenen zu haben. Die Folge war natürlich, dass das Frühgeborene nur einen großen Schmerz fühlte:
»«
Wenn die Eltern auch jeden Tag gekommen wären, sich alle Mühe gegeben hätten und alle nur erdenkliche Liebe – das hätte nicht eine dauernde Nähe zu den Eltern ersetzen können, obwohl das natürlich besser gewesen wäre als das dauernde Fehlen.
Das Frühgeborene war also objektiv nicht alleine, es deutete jedoch subjektiv das Leid als ein »Alleinsein« beziehungsweise »Alleingelassensein«. Und das wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Kaskade mit der Abwehr in Gang gebracht haben. Es ist also nur von Bedeutung, wie wir damals ein Erlebnis empfunden hatten.
Also nicht das, was uns damals widerfahren war, ist das eigentliche Problem, sondern dass wir uns damit allein gelassen empfunden haben. Hätten wir doch nur das Gefühl gehabt, dass ein liebevoller Erwachsener dies alles mit uns durchstehen würde, dann wären wir stets irgendwie getröstet gewesen. Denn Kinder sind immer an den Erwachsenen orientiert!
Genau darin liegt die Chance für unser jetziges Ganzwerden: Wir können lernen, dass wir selbst zu dem liebenden Erwachsenen werden, der dem Kind damals gefehlt hat. Wir können selbst ein beträchtliches Stück unseres Heilerwerdens in die eigene Hand nehmen.
»Sind Eltern nun an allem schuld?«
Diese Frage ist in der Form eigentlich von abwehrender Natur. Man will sich mit solch einem Gedanken nicht anfreunden, auch wenn er durchaus schon im Unterbewusstsein nagt. Stattdessen weist man ihn weit von sich.
Aber es geht nicht um »Schuld«. Sofern nicht ein tatsächliches Vergehen vorliegt, ist »Schuld« lediglich ein moralisierender Begriff, der nicht weiterhilft. Es geht eher um »Verantwortlichkeit«. Eine Verantwortung haben wir als Eltern jedenfalls und dieser können wir uns nicht entziehen.
In den Seminaren höre ich oft eine weit einsichtigere Variante:
»Was haben wir alles bei unseren Kindern
falsch gemacht!«
Solche erschreckten Ausrufe sind nicht selten. Dahinter steht natürlich eine große Betroffenheit. Wie kann man darauf antworten?
Einmal ist festzuhalten, dass »normale« Erziehungsfehler von Kindern durchaus ertragen werden können, ohne dass sie einen besonderen Schaden nehmen würden. Und als Eltern machen wir alle in mehr oder weniger großem Umfang Fehler.
Das ist auf den ersten Blick vielleicht kein großer Trost, aber es ist eine Tatsache. Die gilt es anzuerkennen.
Falls wir in der Erziehung aber größere Fehler gemacht haben, dann ist auch diese Tatsache anzuerkennen und sollte nicht verleugnet werden. Wir sollten stattdessen zu unseren Versäumnissen stehen und sollten uns gegebenenfalls auch bei unseren Kindern entschuldigen. Darin kann – im Gegensatz zu der bisherigen Abwehr – eine große Wirksamkeit für die Zukunft aller Beteiligten liegen.
Es muss gar kein besonderer, dramatischer Akt sein. Vielleicht genügen ein paar Sätze, vielleicht bedarf es auch mehrerer Gespräche – je nach Situation und nach dem Alter des Kindes. Prüfstein sollte dabei sein, dass man frei wird für eine gemeinsame Zukunft miteinander.
Letztlich ist das Beste, was Kinder an uns Eltern studieren können, dass wir dazulernen, uns weiterentwickeln und uns somit verändern! Das wird ein Anreiz für die Kinder, zu gegebener Zeit Ähnliches erlernen zu wollen!
»Muss ich denn von nun an alles tun, was das Innere Kind sagen wird? Ich muss ja auch noch was schaffen, im Leben funktionieren!«
Der Einwand scheint berechtigt. Denn es ist richtig: Hat man erst sein Inneres Kind entdeckt, lässt es einen nicht mehr los. Und wie Kinder halt so sind: Sie wollen und und das ! Kein Wunder, wenn das ein bisschen Angst macht.
Aber überlegen wir mal: Tun wir auch alles, was unsere realen Kinder von uns wollen? Erfüllen wir alle ihre Wünsche? Natürlich nicht, denn sonst würden sie den ganzen Tag Eis essen und auf das Smartphone starren, bis sie rechteckige Augen bekämen!
Genauso wenig wäre es sinnvoll, alle Wünsche des Inneren Kindes erfüllen zu wollen.
Wir sollten vielmehr abwägen, was ihm wirklich guttun würde. Und dann sollten wir mit ihm in einen liebevollen Dialog eintreten, in dem wir alles Weitere besprechen. Das ist das Entscheidende! Wie das gut gelingt, das erfahren Sie im Folgenden.
Und es ist auch nicht so, dass das Innere Kind unter allen Umständen sofort gehört werden müsste. Es ist wie bei realen Kindern auch: Wenn man wirklich keine Zeit für sie hat, dann müssen sie halt auch warten.
Zum Beispiel kann ich mich während meiner Arbeit in den seltensten Fällen einfach hinsetzen und einen privaten Dialog schreiben. So ist es durchaus legitim, dem Inneren Kind zu sagen, dass man
- es gehört und sein Gefühl mitbekommen hat,
- dass man es lieb hat
- und im Moment wirklich keine Zeit hat, aber ihm sich zu einem bestimmten Zeitpunkt widmen wird. Benennen Sie den Zeitpunkt konkret und halten Sie die Verabredung dann auch ein.
Mit ein bisschen Übung ist das Ganze in vielleicht 15 Sekunden erledigt, zum Beispiel: »«
Probieren Sie es aus: Es macht tatsächlich den entscheidenden Unterschied, dass wir auf das Innere Kind kurz eingehen und es nicht wie früher ignorieren. Wenn ein Ignorieren früher sozusagen vollautomatisiert abgelaufen ist, hat man damit im Klartext gesagt: »« Solch ein selbstschädigendes Verhalten sollte man nicht weiterführen.
»Das schaffe ich nie, mit der Angst in mir fertig zu werden!«
Diese Sorge ist verständlich und durchaus berechtigt – allerdings nur aus der Perspektive des Inneren Kindes. Der Erwachsene hingegen kann es gut schaffen, beispielsweise mit dieser Angst fertig zu werden. Das kann er lernen. – Das Innere Kind muss gar nichts schaffen können. Nicht umsonst hat das Innere Kind ja durch all die Jahrzehnte dieses Gefühl unter der Abwehr verborgen. Gerade weil es selber es damals nicht geschafft hatte, mit diesem Gefühl fertig zu werden.
Nur aus der damaligen Perspektive haben diese Sorgen noch ihren Platz. Jetzt ist aber eine andere Ära angebrochen, in der der Erwachsene Verantwortung für das Innere Kind übernimmt.
»Wenn ich erst mal anfangen würde zu weinen, könnte ich vielleicht nie wieder aufhören!«
Diesen Vorbehalt höre ich öfter. Und es ist auch durchaus möglich, dass die Begegnung mit dem Inneren Kind zu Tränen führen kann! Denn wenn wir beispielsweise annehmen: Ein Kind von vielleicht drei Jahren spielt alleine vor sich hin und tut sich dabei ein bisschen weh. Es weint und klagt ein wenig, aber wenn gerade kein Erwachsener in der Nähe ist, was wird es dann tun? – Es wird erst einmal...




