Basara | Die Verschwörung der Fahrradfahrer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Basara Die Verschwörung der Fahrradfahrer


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-943941-50-0
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-943941-50-0
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Die Verschwörung der Fahrradfahrer' von Svetislav Basara ist ein jugoslawischer Kultroman, der im Original vor zwanzig Jahren erschien. Die Geschichte beginnt im staubigen Keller einer Bibliothek in der serbischen Provinz und führt den Leser durch das fantastische Labyrinth einer fiktiven Dokumentation über eine uralte Bruderschaft. Diese geheimnisvolle Organisation - ein mystischer Orden der Fahrradfahrer - leitet, kraft ihrer Beherrschung der Zukunft, die Geschicke der Menschheit. Die Fahrradfahrer treffen sich im Traum, in einer frei schwebenden durchsichtigen Kathedrale, wo sie auch Anweisungen von Ordensmitgliedern aus der Zukunft empfangen. Ebenso satirisch wie fantasievoll lässt der Autor eine Fülle exzentrischer Figuren auftauchen, erfundene und historische Gestalten - von Karl dem Grässlic hen über Freud, Nietzsche, Sherlock Holmes bis hin zu Stalin. Basara bedient sich ihrer, um die Einheit von Raum und Zeit in Frage zu stellen, und außerdem die These zu beweisen, dass Geschichte nie objektiv erzählt wird, sondern von jedem, wie es ihm passt.

Geboren 1953 in Bajina Ba?ta, unweit der bosnischen Grenze. Er ist einer der international erfolgreichsten und renommiertesten Autoren Serbiens. Debütierte 1982 mit 'Verschwundene Geschichten', veröffentlichte über zwanzig Romane, Erzählungen und kritische Schriften, die mit renommierten Literatur preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurden, darunter die Romane 'Führer in die Innere Mongolei' (deutsch 2008) und 'Aufstieg und Fall der Parkinsonschen Krankheit', der 2006 den höchsten serbischen Literaturpreis NIN bekam. Sein bekanntester Roman 'Die Verschwörung der Radfahrer' kam 2012 in den USA heraus und wurde von der amerikanischen Kritik mit den Werken von Jorge Luis Borges, Thomas Pynchon und Umberto Eco verglichen. Basara lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Belgrad.
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Weitere Infos & Material


Zwanzig Jahre später

Das Vorwort des Herausgebers
Am Hofe des Königs Karl
Karl der Grässliche, Die Geschichte meines Königreichs (Apokryph)
Das Buch Javans, Sohn Nachors
Majordomus Grosman
Die Geschichte von den teuflischen Zweirädern
An der Schwelle eines neuen Zeitalters
Die Handschrift des Kapitäns Queensdale
Vorwort des Herausgebers
Vorwort des unbekannten Kopisten
Die Handschrift des Kapitäns Queensdale
Arthur Conan Doyle, Der letzte Fall des Sherlock Holmes
Sigmund Freud, Der Fall Ernest M. BRIEFWECHSEL
Frau Meier an Freud
Ernest an die Mutter
Freud an Frau Meier
Freud an Ferenczi
Ferenczi an Freud
Jurgis Baltrušaitis
Die Verschwörung der Fahradfahrer
Eine Analyse der ideologischen
Orientierung der Zeitschrift "Vidici" und des Blattes "Student"
Herbert Mayer
Die Geschichte einer Lüge
Çulaba Çulabi
Wie ich Mitglied der Kleinen Brüder der evangelischen Fahrradfahrer des Rosenkreuzes wurde
Çulaba Çulabi, Die Geschichte von den Uhren
Sava Ðakonov
Die Pilgerfahrt nach Dharamsala
Afanassi Timofejewitsch
Das Jubiläum
Die gesammelten Werke von Josef Kowalsky
Kowalsky: Eine Biographie
Gedichte
Prosa
Das Fahrradfahren und die Theologie des Witold Kowalsky
Verlautbarungen
Briefe an Branko Kukic

Die grosse Irrenanstalt
Geheimprojekt der Kleinen Brüder der evangelischen Fahradfahrer des Rosenkreuzes
Verlautbarungen der evangelischen Fahrradfahrer des Rosenkreuzes
Die Metaphysik der Stadt
Die Ansprache des Großmeisters an die Autoren des Projekts L. Loentze
Der Wahnsinn der Architektur - Die Architektur des Wahnsinns L. Loentze
Das Projekt der grossen Irrenanstalt
Die Geschichte meines Königreichs
(Nachträglich gefundener Teil)
Appendix I
Arch. Mihailo Jovanovic
Objekt: Krankenhaus "Stadt Groß-Babylon"
Technische Beschreibung
Appendix II
David Albahari, Im Zug
Branko Kukic, Vorwärts - Rückwärts
Die geheime Mitgliederliste der evangelischen
Fahrradfahrer, Gruppe Südost


KARL DER GRÄSSLICHE


Die Geschichte meines Königreichs
 (Apokryph)


Obwohl die Maßeinheit des Quadratkilometers noch gar nicht in Gebrauch ist, erstreckt sich mein Königreich auf etwa 450 Quadratkilometern. Aber das weiß niemand. Nicht einmal Grosman. Aus großen Königreichen habe ich mir noch nie etwas gemacht. Die Größe eines Königreichs trägt nichts zur Größe eines Königs bei. Im Gegenteil. Große Königreiche ziehen allerlei Abschaum an und der König hat immer weniger Untertanen. Schließlich und endlich habe ich mein Königreich nicht geerbt. Ich habe es selbst geschaffen, mit meinen eigenen Händen und mit größter Mühe. Alle meine Ersparnisse habe ich aufgebraucht. Mit Hilfe Grosmans, meines Majordomus, stellte ich sogar selbst einen Thron aus gutem Buchenholz her. Wir schlugen Eisennägel von hinten in die Thronlehne, in einer kreuzförmigen Anordnung, und den Thron selbst befestigten wir mit festen Seilen an der Decke, sodass er herunterbaumelte wie eine Schaukel. Nichts wurde dem Zufall überlassen, überall wimmelt es von Symbolik. Wenn ich auf dem Thron sitze, bohren sich die Nägel in meinen Rücken, und so werde ich gekreuzigt; der Schmerz hindert mich daran, mich zu entspannen. Ich denke an die Qualen unseres Erlösers, was mich dazu drängt, gerecht zu sein und zu vergeben. Das Schaukeln des Throns weist auf die Unbeständigkeit der Fortuna hin, auf die Unbeständigkeit des menschlichen Lebens an sich. Ich selbst zum Beispiel habe als ein ganz normaler Bauernjunge begonnen. Mein Vater war unbekannt. Meine Mutter vielleicht auch. Wie Sigmund Freud in dreihundertfünfzig Jahren – wenn er in der Welt der Lebenden aufgetaucht ist – meinen wird, erfüllte ich sämtliche Bedingungen, um den Ödipuskomplex niemals zu überwinden. Davon vermag Grosman noch nicht einmal zu träumen. Er denkt, Freud sei eine Ausgeburt meiner Phantasie. Dabei ahnt er nicht einmal, dass er selbst, der Majordomus, eine Frucht der Imagination ist, so stark, dass er nun greifbar ist. Egal, selbst wenn er es wüsste, würde er, Speichellecker der er ist, sofort herbeigelaufen kommen, den Schwanz einziehen und winseln: »Sire, welch eine bedeutsame Verheißung! Welch eine bedeutsame Verheißung!« Und wenn ich ihm erst etwas über die Quarks und Quanten erzählte? Doch lassen wir das. Den Ödipuskomplex habe ich jedenfalls sehr leicht überwunden, möglicherweise deshalb, weil ich damals nichts davon wusste. Ich bin ein einfacher Mann und dachte mir Folgendes: Ich habe keinen Vater, deshalb werde auch ich niemandes Vater sein. Und Schluss. Dann lernte ich Grosman kennen. Man hatte ihn soeben von der Universität in Uppsala geschmissen, wo er Theologie studierte. Meines Wissens war der Grund für seinen Rausschmiss ein Pakt mit dem Teufel gewesen. Das Geschäft sah folgendermaßen aus: Grosman sollte vom Teufel sein Doktorat bekommen und im Gegenzug sollte der Teufel Grosmans Seele kassieren. Eine ehrliche Sache, aber ein Verstoß gegen die geltenden Regeln. Da wir damals nicht genug Geld zum Leben hatten, aber zu leben beabsichtigten, fanden wir eine Arbeit im Wirtshaus »Zu den vier Hirschgeweihen«. Wir spülten Geschirr, machten Feuer, brachten Wasser und kochten Büffel in Pfeffer und Dill. Grosman hatte die Angewohnheit, mir zum Zeitvertreib theologische Rätsel aufzugeben. Zum Beispiel: Wie viele Engel passen auf eine Nadelspitze? Oder: ? Diese Fragen stellte er mir mitten in der allergrößten Arbeit, wegen der Büffelhörner umhüllt von einer undurchdringlichen Wolke aus Schwefeldunst wie in der Hölle. Der Wirt setzte dem Ratespiel meist mit einer Flut von Beschimpfungen ein Ende und die Theologie musste warten, bis die Adeligen sich vollgefressen hatten. Und sie fraßen, und wie! Noch immer kann ich hören, wie sie die Eintöpfe schlürfen, wie sie schmatzen und die Knochen zerknacken, wie ein Echo hallt es durch die Jahrhunderte. Fast hätte ich es vergessen: Damals hieß ich Ladislav, aber ich achtete nicht besonders darauf. Wenn mich jemand irrtümlich mit Ivan ansprach, dann war ich eben Ivan. Ivan, Ladislav, Grosman, was macht das für einen Unterschied? Zu jener Zeit war er tatsächlich zu vernachlässigen. Deshalb wurde ich König. Um mich über den Durchschnitt zu erheben. Und trotzdem blieb ich durchschnittlich. Das ist die . Wenn die Adeligen sich schließlich vollgefressen hatten, flüsterte ich Grosman meine Antwort zu: »Nein, die Frau hat keine Seele. Da bin ich mir ganz sicher. Frauen haben nur eine Fotze. Die Fotze ist das Zentrum, die Sonne ihres Planetensystems, um die alle anderen Organe herumkreisen und derentwegen sie überhaupt funktionieren. Da die Vagina aber ein Nichts ist, ein ganz gewöhnliches Loch, ein Mangel, eine Leere, ist es noch zu wenig gesagt, dass die Frau keine Seele hat – sie existiert überhaupt nicht.« »Du irrst dich«, rief mir Grosman aus den Wolken seiner stinkenden Seele zu. Der arme Grosman. Er kannte sich gut mit Griechisch und Latein aus, nicht jedoch mit den Frauen. Er war so tot wie seine Sprachen. Ich will sagen: Nur wenige Menschen kannten ihn, es war schwer, sich mit ihm zu verständigen, und dennoch war er nützlich. Grosman hatte mir das Schreiben beigebracht. Ein erster Nutzen, den ich aus ihm ziehen konnte. Mich interessierte die Kunstfertigkeit der schief-schmalen, gerade-dicken Linien gar nicht, aber dieses Buch schon. Wegen dieses Buches schrieb ich mit meinen knotigen Händen mit viel Mühe die ersten Buchstaben. Ganz zu schweigen vom Mangel an Schreibutensilien. Im 19. Jahrhundert wird jeder Dorflehrer ein Lied davon singen können. Zum Zeichen meiner Dankbarkeit ließ ich, nachdem ich König geworden war, ein schönes Grabmal für Grosman errichten und befahl, GROSSMAN in die Tafel einzugravieren, mit zwei S, was seiner Eitelkeit unglaublich schmeichelte. Manchmal schließt er sich in seinem Grabmal ein und übt das Totsein. Er ist fleißig, nichts überlässt er dem Zufall. Ich mag solche Menschen nicht. Vielleicht lasse ich eines Tages, um ihm eins auszuwischen, einen anderen darin begraben. Und schon kommen wir zu Angaben, die wichtiger sind als die über den Mangel an Schreibutensilien. Ein zukünftiger Schreiberling kann daraus einige Schlussfolgerungen ziehen und sein Doktorat erwerben. Erstens: Dass in jener Zeit viel Wert auf Grabmäler gelegt wurde, weil die Menschen vom Tod besessen waren, und dass die Adeligen sich noch zu Lebzeiten ewige Häuser erbauen ließen. Zweitens: Dass die Menschen unglaublich eitel und morbid waren und sich mit Kleinigkeiten beschäftigten. Und siehe da, auch ich überlasse nichts dem Zufall, und auch mich sollte es nicht wundern, wenn ich eines Tages in einem unbedeutenden Grab lande.

In diesem Augenblick existiert bei mir so gut wie kein Interesse an meiner eigenen Geschichte. Nur da und dort taucht mal eine Erinnerung auf. Aber das sind Grosmans Erinnerungen; er hat sie im Überfluss. Hier wimmelt es im Übrigen vor Erinnerungen. Trotz allem schreibe ich aber meine Geschichte nieder, denn nur derjenige, der keine Geschichte hat, hat ein Anrecht darauf, sie niederzuschreiben. Alle anderen sind parteilich. Ebenso gilt: Am besten denkt derjenige, der gar nicht denkt. Jeder Gedanke ist böse. Das habe ich von Vater Albert gehört, meinem Beichtvater, und habe es mir gemerkt. Manchmal denke ich tagelang an gar nichts. Ich schaukle auf meinem Thron hin und her und starre stumpfsinnig auf das Hirschgeweih an der Wand, während die Höflinge auf Zehenspitzen vorbeilaufen und überall im Flüsterton die Nachricht verbreiten: Der König denkt nach. Nicht zu fassen, was für Schleimer die Leute doch sind. Ein Beispiel: Als ich meine Macht gefestigt hatte, beschloss ich, gerührt durch Grosmans Erinnerungen an unsere Küchenjahre, allen Küchenjungen, dreihundertfünfzig an der Zahl, den Titel eines Barons zu verleihen. Und so wurden aus Tellerwäschern angesehene Herrschaften. Den ganzen Tag lang sitzen sie in den Wirtshäusern, überfressen sich, saufen und kitzeln die Mädchen. Wie auf jener Zeichnung von Gottfried von Mainz, »Das Glücksrad. Sie sind jedoch allzu dekadent geworden. Die Macht ist ihnen zu Kopfe gestiegen. Ich höre, dass einige meinen Sturz planen. Sie denken: Wenn er, also ich, ohne irgendeinen Titel zu besitzen König werden konnte, warum sollte es nicht auch uns gelingen? Schließlich sind wir Adelige. Aber Grosman bereitet seine Rache vor. Ich werde sie alle wieder in die Küche zurückschicken. Einige von ihnen werde ich erschießen lassen, wenn es in Europa schon Schießpulver gibt. Wenn nicht, lasse ich sie köpfen. Dennoch, Erschießen wäre effektvoller, es wäre etwas Neues. Es schadet nicht, von Zeit zu Zeit die eine oder andere Hexe zu verbrennen oder eine öffentliche Hinrichtung zu inszenieren. Das Volk liebt es zu töten, hat aber von Gesetzes wegen kein Recht dazu, deshalb muss jeder halbwegs vernünftige König ab und zu eine Hinrichtung aufführen, um dem Mob Erleichterung zu verschaffen und zugleich das Gesetz zu wahren. Im Übrigen glaube ich im Gegensatz zu Grosman nicht an Hexen. Wer an irgendetwas außer an Gott glaubt, wird zum Ketzer. Aber ich bin auch Ketzern gegenüber tolerant. Meine Doktrin lautet...


Geboren 1953 in Bajina Bašta, unweit der bosnischen Grenze. Er ist einer der international erfolgreichsten und renommiertesten Autoren Serbiens. Debütierte 1982 mit "Verschwundene Geschichten", veröffentlichte über zwanzig Romane, Erzählungen und kritische Schriften, die mit renommierten Literatur preisen ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt wurden, darunter die Romane "Führer in die Innere Mongolei" (deutsch 2008) und "Aufstieg und Fall der Parkinsonschen Krankheit", der 2006 den höchsten serbischen Literaturpreis NIN bekam. Sein bekanntester Roman "Die Verschwörung der Radfahrer" kam 2012 in den USA heraus und wurde von der amerikanischen Kritik mit den Werken von Jorge Luis Borges, Thomas Pynchon und Umberto Eco verglichen. Basara lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Belgrad.



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