Basile | Der Junge, der ans Meer glaubte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Basile Der Junge, der ans Meer glaubte

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-24365-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-24365-4
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Manchmal muss man sich erst selbst verlieren, um wieder zu sich zu finden.

Nur wenn Marco kopfüber ins Wasser eintaucht, fühlt er sich wirklich frei. Dann kann er alles vergessen: seine Eltern, die ihn verlassen haben, die Jahre in Pflegefamilien und die schwindende Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Doch dieser Rausch, den er so liebt, und ein Mädchen, das er beeindrucken will, lassen ihn eines Tages von einer Klippe ins Meer springen – ein Sprung, bei dem er sich schwer verletzt. Im Krankenhaus verfällt er in Wut und Resignation. Er fühlt sich vom Meer, vom Leben verraten. Doch dann trifft er auf Lara, seine Physiotherapeutin, die für ihn der rettende Engel zu sein scheint. Sie hört ihm zu und gibt ihm Kraft. Marco willigt ein, sie in das Dorf zu begleiten, in dem sie geboren wurde. Warum sie ihn dort hinbringt, wird ihm erst nach und nach klar. Es ist ein Weg, der ihn tief zu sich selbst führt ...

Salvatore Basile wurde in Neapel geboren und lebt heute in Rom, wo er als Drehbuchautor und Regisseur arbeitet. Seit über zehn Jahren lehrt er kreatives Schreiben an der »Alta Scuola in Media Communicazione e Spettacolo dell’Università Cattolica« in Mailand.
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1

Die Sprungleiter kam ihm vor wie ein Weg, der sich nach oben schraubte, ins Unbekannte. Marco musterte sie lange, bevor er sich endlich entschloss, sie hochzusteigen. Verstohlen sah er sich um, um sicherzugehen, dass er wirklich allein war. Das klare tiefblaue Wasser unter ihm lag in der Abendstille vollkommen ruhig in seinem Becken wie ein Spiegel, der das hohe Deckengewölbe reflektierte. Der Chlorgeruch stieg Marco in die Nase, intensiv wie am ersten Tag. Es war noch keine Woche vergangen, seit er das Schwimmbad zum ersten Mal betreten hatte, und schon hatte er sich an den penetranten Geruch gewöhnt, der an Reinlichkeit und Regeln denken ließ, an Arbeit, die mit penibler Sorgfalt zu erledigen war. Als er den Fuß auf die erste Leiterstufe stellte, beschloss er, nicht auf seine innere Stimme zu hören, die ihm zuraunte, es lieber zu lassen: Er war doch nur der Putzjunge, der Hilfsarbeiter, und die Sprungbretter waren für die Athleten reserviert, für die Sprungchampions, die die Olympiade im Blick hatten.

Nach zwölf Stufen hatte er das Drei-Meter-Brett erreicht. Er blieb am Anfang der flexiblen Holzplanke stehen, die Hände fest um die eisernen Treppengriffe gelegt, die nackten Füße auf dem Stahlgelenk. Seine Kleider waren in der Umkleide zurückgeblieben, und er trug nur einen dunklen Baumwollslip. Was hatte ihn hier heraufgeführt? Und wie ging es jetzt weiter? Er wusste, dass nicht einfach nur Neugier ihn getrieben hatte oder die Lust zu erfahren, wie es sich anfühlte, hier oben zu stehen. Es war auch nicht der Reiz, die Vorschriften zu missachten, welche ihm den Zugang zu den Sprungbrettern untersagten: Nur das Wartungspersonal durfte hier heraufsteigen, meist sehr früh am Morgen, bevor die Sportler kamen, oder auch am Abend. Dann wurde kontrolliert, ob alles in Ordnung war: ob die Bolzen richtig saßen, die die Holzbretter fixierten, ob die Elastizität des Bretts für den Impuls beim Absprung stimmte, ob es vielleicht notwendig war, ein rutschhemmendes Material anzubringen.

Er wusste schon, was ihn heraufgeführt hatte: Es war das Erlebnis, das er wenige Tage zuvor gehabt hatte.

Er war ein wenig zu früh zur Arbeit gekommen und wollte gleich ins Schwimmbad gehen, um dort mit dem Putzen zu beginnen. Doch er hatte die Schwimmhalle noch nicht betreten, als er schon das Aufklatschen eines Körpers hörte, dann das typische Beben des Wassers nach dem Untertauchen und schließlich das beruhigende Plätschern, das anzeigte, dass der Kopf wieder aus dem Wasser kam, wie von einer mysteriösen Kraft getrieben. Zögernd verharrte Marco an der Schwelle und hörte, wie zwei Leute miteinander tuschelten. Dann das Geräusch von Schritten. Nasse, leichte Füße auf dem Boden, das Lachen einer Frau, das sich mit der Stimme eines Mannes mischte: »Komm, Virginia, wir versuchen’s noch mal …«

Als er durch die Tür in die Schwimmhalle lugte, sah er sie: ein junges Mädchen mit glatten blonden Haaren, blauen Katzenaugen und perfekt geschwungenen Wangenknochen unter der leicht gebräunten Haut. Er fühlte sich sofort unwiderstehlich zu ihr hingezogen, und es kam ihm so vor, als wäre sie aus einem immer wiederkehrenden Traum aufgetaucht, ihm so vertraut, als würde er sie längst kennen, auch wenn er sie in Wirklichkeit zum ersten Mal sah.

Das Mädchen namens Virginia stand unbeweglich auf dem Drei-Meter-Brett. Und auf dem Brett daneben, parallel zu dem ihren, stand ein junger Mann, groß und muskulös, mit kurzen braunen Haaren. Seine Augen schienen hinter zwei Schlitzen verborgen, schmal wie Klingen.

Marco stand wie angewurzelt und starrte die beiden jungen Sportler an, die wie zwei antike Statuen auf ihren Sprungbrettern posierten. In ihrer eng anliegenden, leuchtenden Badekleidung, die Blicke in stiller Konzentration nach vorn gerichtet, waren sie von entwaffnender Schönheit. Eine Hymne an das Leben. Die Konturen ihrer definierten Muskeln erschienen ihm von einer bewundernswerten Klarheit, und ihre Oberkörper, die sich unter der Atmung hoben und senkten, waren wie von einem leichten, rhythmischen Pulsieren durchwirkt.

Jetzt nickten Virginia und ihr Freund sich unmerklich zu, wie um eine Übereinkunft zu treffen, stellten sich dann auf die Fußspitzen und wagten sich langsam an den äußersten Rand der Planke vor. Vollkommen synchron setzten sie zu einem kleinen Hopser an, kamen gleich darauf in einer federnden Bewegung wieder auf dem biegsamen Holz auf und drückten sich abermals ab, zweimal hintereinander, als hätten sie nur einen einzigen Körper. Beim dritten Hopser kamen sie nicht mehr zurück, sondern stiegen wie zwei Pfeile empor, um sich einen Augenblick später, Irrlichtern gleich, in der Luft zu drehen. Zweimal kreiselten ihre Leiber blitzschnell um sich selbst, dann streckten sie sich wieder und stürzten als blinkende Schwerter ins Wasser.

Marco stand mit angehaltem Atem ins Dunkel gedrückt und sah ihnen zu, als sie eine Reihe von weiteren Sprüngen vollführten. Sie waren so mit ihren Volten und Kapriolen beschäftigt, dass sie ihn gar nicht bemerkten, doch er selbst spürte, dass eine wachsende Unruhe von ihm Besitz ergriff. Es war nicht nur Neid, weil der junge Springer diese Momente mit Virginia teilte. Vielmehr war es, als hörte er einen Ruf von geheimnisvoller Kraft, der ihn magisch hinzog zu dieser Kunst, ins Leere zu springen und sich federleicht durch die Luft zu bewegen.

Irgendwann stieg der dunkelhaarige Junge allein auf das Sprungbrett, während das Mädchen unten stehen blieb, um ihm zuzuschauen. Am Rand des Bretts angekommen, drehte er sich mit dem Rücken zum Wasser und stellte sich aufrecht in Position. Marco entging es nicht, wie bewundernd Virginia zu ihrem Freund aufsah, und der schmerzhafte Stich, der ihn durchfuhr, mischte sich mit dem unwiderstehlichen Drang, selbst einen solchen Sprung zu wagen. Er ließ den Jungen nicht aus den Augen, als dieser nun die Lider schloss und die Arme hob, den Rücken leicht durchgebogen. Alles schien plötzlich stillzustehen in einem Augenblick gespannter Konzentration: Die blaue Wasseroberfläche lag unbewegt da, das dumpfe Keuchen der Belüftung und das Schwirren der Luftreiniger traten in den Hintergrund, und selbst die fernen Verkehrsgeräusche schienen zu verstummen wie in Erwartung eines Wunders …

Langsam hob sich der Springer auf die Zehenspitzen, um dann ganz leicht in die Knie zu gehen und sich mit einem plötzlichen Schwung nach hinten zu bugsieren. Staunend verfolgte Marco, wie er rückwärts um sich selbst kreiselte und dann wie ein Wirbelwind durch die Luft rotierte, ein-, zwei-, dreimal, wie ein Windrad aus purem Licht. In diesem Moment begriff er, dass ein solcher Sprung bedeutete, sich dem Leben rückhaltlos auszuliefern in der Gewissheit, aufgefangen zu werden. Nur jemand, der vor Selbstbewusstsein strotzte und fest mit der Bewunderung der anderen rechnete, konnte so springen. Es war genau das, was ihm in seinem eigenen Leben immer gefehlt hatte, in diesem unsteten Umherirren von einer Pflegefamilie zur nächsten, ohne Sicherheiten, ohne Wurzeln, aus denen er Kraft ziehen konnte, ohne Perspektive auf eine anständige Zukunft. Und als nun Virginia ihrem Freund applaudierte, voller Respekt, ja Verehrung, als sie leicht tänzelnd dazu von einem Bein aufs andere hüpfte, die Augen strahlend vor Begeisterung, da meinte Marco förmlich in sich zusammenzusacken. Er wünschte fast, nicht Zeuge dieser Vorführung gewesen zu sein, denn sie machte ihm deutlich, dass das Mädchen und er zwei völlig verschiedenen Welten angehörten, für immer getrennt von einer unüberbrückbaren Kluft, die ein Zusammenfinden unmöglich machte.

Und doch, trotz allem, übte diese andere Welt einen geheimnisvollen Zauber auf ihn aus. Schon hatte sich in seinem Kopf ein Gedanke festgesetzt, auch wenn er ihn zu unterdrücken suchte.

In den folgenden Tagen spürte Marco den immer drängenderen Wunsch, selbst auf das Sprungbrett zu steigen und zu springen. Er hatte keine Angst vor dem Wasser: Im Sommer badete er oft im Meer, ließ sich von den sanften Wellen schaukeln und sich Hitze und Schweiß vom Leib waschen. Doch auch wenn er immer gerne geschwommen war, hatte er vor diesem Abend den Akt des Springens nie als magisch empfunden. Er hatte sich das Schwimmen ganz allein beigebracht, bei den wenigen Gelegenheiten, als seine jeweiligen Pflegefamilien ihn ans Meer mitgenommen hatten. Zunächst war er einfach mithilfe eines Schwimmreifens an der Wasseroberfläche gedümpelt und hatte sich dann, nach und nach, immer weiter aufs Meer hinaustreiben lassen. Dazu hatte er mit den Armen Schwimmbewegungen gemacht und mit den Beinen rhythmisch gestrampelt, um sich an der Wasseroberfläche zu halten. Und irgendwann war er tatsächlich geschwommen, hatte sogar den Kopf unter Wasser gesteckt und dort ausgeatmet, um dann mit kräftigen Armstößen wieder emporzutauchen.

Er war die ganze Zeit so mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er während der Arbeit kaum bei der Sache war. Immer wieder ertappte er sich dabei, dass er so tat, als würde er putzen, obwohl er seinem Arbeitspensum heillos hinterherhinkte. Wie nicht anders zu erwarten, fing er sich dafür einen Rüffel von seinem Chef ein, und eines Abends, als dieser schon nach Hause gegangen und Marco allein im Schwimmbad zurückgeblieben war, fasste er spontan den Entschluss, den Sprungturm zu erklettern …

Oben angekommen, nahm er die Hände vom schützenden Geländer und tat ein paar Schritte nach vorn. Ein leichter Schwindel erfasste ihn, als er sich auf dem Brett, das immer schmaler zu werden schien, weiter vorantastete. Vom äußersten Rand aus wagte er einen Blick hinunter auf das klare blaue Wasser, durch das er sogar die weißen Fugen zwischen den blauen Kacheln am Beckenboden erkennen konnte. Er beugte leicht die Knie und deutete...


Basile, Salvatore
Salvatore Basile wurde in Neapel geboren und lebt heute in Rom, wo er als Drehbuchautor und Regisseur arbeitet. Seit über zehn Jahren lehrt er kreatives Schreiben an der »Alta Scuola in Media Communicazione e Spettacolo dell’Università Cattolica« in Mailand.



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