E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Bateman Hundeelend
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08761-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Spione, Graffiti und verdammt tote Köter - Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-641-08761-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Jetzt wird's haarig...
Der Mann ohne Namen ist zurück. Diesmal ermittelt der hypochondrische Besitzer des Krimibuchladens »Kein Alibi« für den Betreiber einer Billigfluglinie, dessen Konterfei auf Plakaten mit Graffiti von männlichen Geschlechtsorganen verunstaltet wird. Doch dieser Auftrag ist ein Kinderspiel, verglichen mit der Suche nach einem ausgestopften Jack-Russell-Terrier, hinter dem auch der Geheimdienst und andere finstere Gestalten her sind. Und da wäre noch Alison, die gelegentliche Geliebte des Buchhändlers, die eine wahrhaft erschütternde Neuigkeit in petto hat ...
Colin Bateman, geboren 1962, arbeitete als Journalist und Kolumnist und Drehbuchautor. Inzwischen hat er eine Reihe Romane für Erwachsene, aber auch einige Kinderbücher geschrieben und lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Bangor, Nordirland. Sein Roman Divorcing Jack wurde 1998 verfilmt.
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Am Dienstag vor Heiligabend spazierte Der Fall des schwanzköpfigen Mannes ins Kein Alibi, den besten Krimibuchladen in ganz, na ja, sagen wir, Belfast. Er hatte Glück, mich überhaupt anzutreffen. Da die Geschäfte eher schleppend liefen, hatte ich beschlossen, den Job hinter der Kasse meiner Mutter anzuvertrauen; zumindest in den Vormittagsstunden zwischen neun und halb zwölf, in denen sie sich von Schnaps und anderen Drogen fernhielt. Hätte er den Laden nur zehn Minuten früher betreten, hätte er unweigerlich auf dem Absatz kehrtgemacht, denn nüchtern ist meine Mutter unerträglich. Ein Charakterzug, der sich seit ihrem Schlaganfall noch verstärkt hat. Mutter war immer schon bösartig und gemein. Allerdings waren ihre verächtlichen Blicke, ihre Wutanfälle und gewalttätigen Ausbrüche, ihr ätzender Spott bisher nächsten Familienangehörigen vorbehalten. Seit ihrem Schlaganfall hat sich ihr Radius beträchtlich erweitert; er erstreckt sich inzwischen auch auf entfernte Verwandte, zufällige Bekanntschaften, die meisten anderen Angehörigen der menschlichen Rasse sowie diverse Hunde. Mutter tickt einfach etwas anders. So wird bei einem Schlaganfall üblicherweise nur eine Körperhälfte in Mitleidenschaft gezogen. Bei ihr dagegen sind rechtes Bein und linker Arm gelähmt, wodurch sie völlig windschief wirkt, egal aus welchem Blinkwinkel man sie betrachtet – was die meisten Menschen aber ohnehin tunlichst vermeiden. Außerdem schwankt sie beim Gehen bedrohlich von einer Seite zur anderen, als wäre sie betrunken. Es ist lustig, ihr dabei zuzuschauen. Beim Saufen benötigt sie jetzt nur noch das halbe Quantum, um zu torkeln. Und die Hälfte davon sabbert sie sowieso auf ihre Bluse, denn durch den Schlaganfall hat sie jedes Gefühl in der Unterlippe verloren. Wie der Zufall so spielt, betrat Der Fall des schwanzköpfigen Mannes jedoch genau in dem Moment den Laden, als Mutter ihren Dienst beendete. Er hielt ihr sogar die Tür auf, während sie hinaushumpelte. Ich habe nach ihrem Schlaganfall die Rollstuhlrampe vorm Eingang entfernen lassen, damit es sie mehr Mühe kostet, ihren Rollator und ihr steifes Bein über die hohe Stufe auf den Gehsteig zu hieven. Der Mann mit dem Kinnbart und den über die Stirnglatze gekämmten Haaren lächelte, bot ihr seinen Arm an und sagte: »Darf ich Ihnen helfen, Verehrteste?« Mutter funkelte ihn nur kurz an, bevor sie fauchte: »Vehpisch disch!« Aufgrund ihrer Gesichtslähmung ist ihre Aussprache nicht mehr allzu deutlich. Schon vor dem Schlaganfall sah sie aus, als hätte sie einen schweren Treffer von Sonny Liston kassiert; jetzt klingt sie auch so. Mutters neuer Job – vor ihren Freundinnen behauptet sie immer, sie wäre Managerin der Abteilung für Kundenbeziehungen; eigentlich ein guter Witz, wäre es ihr nicht todernst damit – ist ein trauriges Indiz für die Krise im Buchhandel, die es mir nicht gestattet, eine kompetente Fachkraft zu engagieren. Stattdessen bin ich auf Freunde, meine Familie und einen bescheuerten Studenten angewiesen; sie vertreten mich in den Stunden, in denen ich Inventur mache, E-Mails beantworte, heimlich meiner Exfreundin nachschleiche oder tatsächlich mal ein Buch lese. Denn schließlich muss ich ja wissen, was da draußen vor sich geht. Ich bin kein wirklicher Fan des aktuellen Hypes um skandinavische Kriminalliteratur – wer kann schon genau beurteilen, ob der Autor das Genie ist oder sein Übersetzer? Außerdem fällt es mir schwer, Mitgefühl zu empfinden, wenn irgendwo ein Norweger ermordet wird. Trotzdem erwarten meine Kunden von mir, dass ich die einschlägigen Autoren kenne und ihnen dabei helfe, zielsicher die besten Werke herauszupicken. Von einem Gehirnchirurgen erwartet man ja auch, dass er mit den neuesten Operationsmethoden vertraut ist; und wenn einem ein unfähiger Metzger ein halbes Pfund Knochen und Knorpel als Steak hinklatscht, wäre man ebenfalls schockiert. Gleichzeitig kann man heutzutage jeden größeren Buchladen betreten und fragen, ob Hammetts Der gläserne Schlüssel literarisch höher einzuschätzen sei als Der dünne Mann, und daraufhin einen Blick ernten, als wäre man ein Psychiatriepatient auf Freigang – womit ich mich übrigens ebenfalls bestens auskenne. Also verwende ich jeden Tag ein bisschen Zeit darauf, mich auf den neusten Stand zu bringen; und morgens ist für mich nun mal die beste Zeit zum Lesen, weil ich noch nicht so weggetreten bin von all den antipsychotischen Pillen, die ich mir online bei einem Apothekenversand in Guadalajara, Mexiko, bestelle. Es war eine ruhige Zeit im Kein Alibi, und das nicht nur, weil die Kunden von Mutters bedrohlichem Gesicht abgeschreckt wurden, das sie durchs Schaufenster anstarrte. Auch wenn Bücher nach wie vor ein beliebtes Geschenk sind, haben die Leute einfach keine Zeit mehr, an Weihnachten gemütlich herumzustöbern und Fachleute um Rat zu fragen. Sie gehen lieber zu einer dieser großen Kaufhausketten, schieben einen Einkaufswagen herum und stapeln darin billige Bücher, als wären es Bohnen oder Nudeln oder Zwiebeln oder Kartoffeln oder Reis oder Dosenpfirsiche oder Schokokekse oder Salzstangen oder Gummibärchen. Aber Bücher sind keine Bohnen. Es dreht sich dabei nicht nur um Profit. Es geht um das Buch. Man muss die Mühen würdigen, die das Verfassen eines Buchs kostet. Man muss die Liebe und die Opfer zu schätzen wissen, die darin einfließen. Die Jahre der Plage. Den langen und qualvollen Weg von den ersten flüchtigen Skizzen bis hin zu dem Exemplar, das schließlich im Verkaufsregal steht. Niemand hat je so viel Sorgfalt in den Werdegang einer Bohne investiert. Und wenn sie dann endlich erscheinen, werden so viele gute Bücher einfach ignoriert, vergessen und verramscht, weil sie nicht zu mir gelangen. Meine Rolle in dieser Gesellschaft, meine Aufgabe im Leben ist es nämlich, die besten Werke der Kriminalliteratur auszuwählen und anschließend sicherzustellen, dass sie bei den richtigen Leuten landen; eine undankbare Aufgabe, besonders weil es so wenig richtige Leute gibt. Falsche Leute dagegen gibt es im Überfluss. Ein hervorragendes Beispiel dafür war der bärtige Mann, der sich meiner Theke näherte, ohne auch nur so zu tun, als würde er nach einem Buch Ausschau halten. Trotz seines höflichen Angebots an meine Mutter, und obwohl seine Miene nach ihrer wüsten Beschimpfung weiter unverändert freundlich blieb, brachte mich irgendetwas an seinem Auftreten sofort auf die Palme. Vielleicht lag es an diesen extravaganten Kleidern; so etwas tragen die Leute üblicherweise, um einen Mangel an Persönlichkeit zu kaschieren. »Haben Sie Internetanschluss?«, fragte er unvermittelt. »Danke, kein Bedarf.« »Nein, ich wollte Ihnen etwas zeigen.« »Danke, kein Bedarf.« Offensichtlich war er ein Vertreter mit einer ziemlich lässigen Berufsauffassung. Er wollte mir seine Waren andrehen, indem er mir auf meine Kosten ein Verkaufsvideo im Internet zeigte. Er ließ seine blendend weißen Zähne sehen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie sich gelegentlich mit der Lösung von Kriminalfällen herumschlagen.« »Nein.« »Oh. Man hat mir gegenüber angedeutet …« »Ich schlage mich nicht damit herum.« Bei der Verbrechensbekämpfung ist ein gewisses Maß an Arroganz durchaus nützlich, und im Buchgeschäft ist es geradezu unabdingbar. Und obwohl ich mir nichts davon anmerken ließ, befriedigte mich die Anwesenheit dieses Mannes in meinem Buchladen ungemein. Offenkundig wuchs mein Ruf beständig. Buchhändler, die aufgrund ihres Fachwissens rätselhafte Verbrechen aufzuklären vermögen, sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Tatsache ist, Buchhändler sind überhaupt eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Und ich bin eine ganz besonders vom Aussterben bedrohte Spezies wegen meiner ständigen Diäten, meiner Allergien, meiner unheilbaren Krankheiten, meines gebrochenen Herzens und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage. Dennoch kommen die Menschen zu mir, weil ich ihre letzte Hoffnung bin. Weil sie zu Opfern von Verbrechen wurden, die zu komplex oder zu trivial sind für die staatlichen Ordnungsmächte, die entweder davor kneifen oder sie für unter ihrer Würde befinden. Demonstrativ blickte ich auf meine Uhr, als hätte ich eine dringende Verabredung. Als er nicht sofort etwas sagte, knurrte ich ein verbindliches: »Entschuldigung, gibt es sonst noch was, das ich für Sie tun kann?« Das Lächeln blieb in seinem Gesicht fixiert. »Wissen Sie, wer ich bin?« Ich schüttelte den Kopf. »Nö.« »Erkennen Sie mich wirklich nicht?« Er hatte kleine, ungläubig blickende Äuglein. Seine Tränensäcke verrieten ein fortgeschrittenes Alter und straften die mit Botox aufgepolsterten Gesichtszüge Lügen. An seinem Bart war vermutlich nichts auszusetzen, aber ich bin allergisch gegen Bärte. In ihnen verfangen sich Essensreste. Zecken, Käfer und Spinnen nisten darin. Ich hasse Bärte. Und ich hasse Menschen, die Bärte tragen. Selbst falsche Bärte. So wie der Weihnachtsmann. Aber während ich ihn nun genauer musterte, kam er mir doch irgendwie bekannt vor. Und da ich als Verbrechensbekämpfer und Buchhändler viele Feinde habe, suchte meine Hand trotz seines ausdauernden Lächelns die beruhigende Nähe des schweren Fleischhammers; eine der zahlreichen Waffen, die ich unter meiner Ladentheke aufbewahre. »Wer sind Sie genau?«, fragte ich mit tonloser Stimme, um zu verbergen, dass ich aufs Höchste alarmiert war. »Und was wollen Sie?« »Sie erkennen mich wirklich nicht? Obwohl Sie mich täglich sehen?« Ich schüttelte den Kopf. »Billy Randall?« Er zog die Schultern zurück, stemmte die Hände...




