E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Bauer Auszug des Schreckens
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-347-70432-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
26 verstörende Horrorgeschichten
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-347-70432-9
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Bauer wurde 1995 in Deutschland geboren und wuchs sehr ländlich auf einem ehemaligen Bauernhof auf. Durch das Interesse zur Natur begann er 2015 sein Biologiestudium, das er erfolgreich mit dem Bachelorabschluss absolvierte. Während des Studiums beschäftigte er sich ausgiebig mit verschiedensten Lebewesen und beschloss daraufhin, fortan vegan zu leben. Aus dem Gedanken heraus, wie eine Welt aussehen könnte, in der Tiere so weit wie möglich von Menschen getrennt leben, veröffentlichte er 2020 im Selfpublishing seinen ersten Roman 'Die Grenze'. Zu dieser Zeit studierte Thomas bereits 'Biodiversität und Naturschutz' als Masterstudiengang, welchen er 2023 erfolgreich absolvierte. Zum 01.08.2022 veröffentlichte der Autor sein Thriller-Debüt "Ockhams Rasiermesser", das neben den typischen Bausteinen eines Krimis auch auf ethische Fragen eingeht. Thomas Bauer arbeitet hauptberuflich als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Naturschutzsektor.
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Die Macht der Feder
Tagebucheintrag vom Abend des 23.08.1987
Mein Gehirn verhält sich seit Wochen wie zäher Brei, der nicht vermag, vom Kochlöffel zu fließen. Waren meine brillanten Gedanken einst von größerem Einfallsreichtum als die Erfindung des Rads, so scheinen sie seit geraumer Zeit dahin zu schwinden und sich in der Leere aufzulösen wie dunkler Rauch über einem Lagerfeuer. Seit Jahren zählte meine Feder als die mächtigste Waffe im Lande, da sie es vermochte, meine Leser in entfernte Galaxien zu versetzen oder ihnen einen Schrecken einzujagen, den selbst der Beelzebub persönlich nicht hätte verursachen können. Aus der Tinte, die ich zu Papier brachte, entstanden ganze Welten voller fantastischer Wesen, die das Vorstellungsvermögen jener übertrafen, die meine Bücher nie gelesen haben, und doch plagt mich jetzt derselbe Fluch dieser niederen Geschöpfe. Meine Gedanken spinnen nicht mehr das übliche Netz, das alles zusammenführte, was mich stets umgab und welches auch das Unvorstellbare einfangen konnte. Nein.
Nunmehr quält mich eine gähnende Leere an sich immer wiederholenden Sequenzen, die nicht in der Lage sind, mein Werk voranzutreiben wie der Kutscher seinen Gaul. Nicht einmal mehr die düstere Atmosphäre von flackerndem Kerzenlicht vermag es, mich in eine Stimmung zu versetzen, die ich bisher einschalten konnte, wann immer ich sie zu benutzen wagte. Es ist derselbe Traum, auch wenn ich ihn des Tages über träumte, der mich meiner Konzentration raubt, die ich zum Schreiben so dringend benötige.
Zwar war es ein Traum, der eben jenen Horror beinhaltete, den ich so gerne in ein Buch verpacken und in die Welt hinausschreien wollte, doch repetiert sich der schreckliche Traum nur ständig, anstatt in der Handlung voranzuschreiten. Und nur über diesen Traum vermag selbst ich, Damian von Pluma, kein gebundenes Werk zu verfassen. Nicht etwa, weil meine Ausdruckskraft den Schrecken meines Traumes nicht einzufangen vermag, sondern weil meine Gedanken unsortiert und leer sind, wenn man von dieser dämonischen Gestalt absieht.
Ich brauche eine Pause, Ruhe, eine Auszeit meiner selbst. Ich muss den immer wiederkehrenden Traum abschütteln und meine Gedanken frei machen für weitere Inspiration, die meinen Lesern gerecht wird, und ich habe bereits einen Plan geschmiedet, der mir dabei helfen wird. Sowie mein Butler Magnus morgen mit den wöchentlichen Einkäufen zurückkehrt, werde ich ihn über meine Entscheidung unterrichten und ihn bitten, seine Dienste bis auf Weiteres einzustellen, da ich sie für die Ausführung meines Planes nicht benötigen werde.
Ich werde nun zu Bett gehen und versuchen, meinem Verstand etwas Ruhe zu schenken, ehe er wieder seinen Normalzustand erreichen sollte. Allein der Gedanke daran, die Kerzen zu erlöschen, versetzt mich bereits zurück in meinen wiederkehrenden Albtraum, der nicht viel mehr zu sein vermag, als die Schreibblockade, die mich seit unzähligen Wochen quält.
Tagebucheintrag vom Abend des 24.08.1987
Gerade eben habe ich meinen treuen Diener Magnus über mein spontanes Vorhaben belehrt, welches er mir zunächst versuchte, auszureden. Ich bin mir nicht sicher, ob der hochgewachsene Mann nur höflich sein wollte, als er sagte, er wäre gerne in meiner Nähe und würde sich unwohl beim Gedanken fühlen, dass ich verreisen wollte. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass ich durch das Ausbleiben seiner Dienste nicht länger gezwungen wäre, Magnus seinen wohl verdienten Lohn fortzuzahlen, der für eine Berühmtheit wie mich nur ein Tropfen auf den heißen Stein darstellt. Natürlich habe ich ihm sofort erklärt, dass er auch während meiner Abwesenheit weiter in dem ach so riesigen Herrenhaus leben könne, das ich mein Eigen nennen darf und das ohne seine ständigen Bemühungen ohnehin zu Staub zerfallen würde.
Wer, wenn nicht Magnus, würde denn die Ratten aus der Kammer verscheuchen oder die Motten aus meinem Kleiderschrank vertreiben? Wer, wenn nicht er, würde das undichte Dach nach einem grausigen Sturm reparieren oder die Dielen im Boden austauschen, die schon seit einem Jahrhundert dort verbaut waren, falls diese wieder einmal nachgaben?
Selbstverständlich wäre ich ohne eine Person wie Magnus aufgeschmissen, da ich meine kostbare Zeit nicht mit Kleinigkeiten wie dem maroden Anwesen vergeuden durfte.
Und wenn es wieder finsterste Nacht war, die Wölfe aus dem nahe gelegenen Wald erneut einen Streifzug auf unsere üppigen Speisereste planten und selbst ich mich fürchtete, so war es mein Freund Magnus, der die Flinte in die Hände nahm und eines dieser Bestien erlegte, wenn es denn sein musste.
Ich habe dem guten Mann mehr als deutlich erläutert, dass er sich keine Sorgen um mich oder sich selbst machen müsse, sondern dass meine Reise beruflicher Natur sei und ich auch nicht plane, ewig fortzubleiben. Etwas schwieriger war es allerdings, Magnus zu erklären, dass meiner Abwesenheit eine Suche nach Inspiration zugrunde läge, denn ein einfacher Diener wie er versteht selbstverständlich nichts von den geistigen Plagereien, denen ich mich Tag für Tag aussetzen muss. Außergewöhnlich war es von meinem Butler, dass er mir den guten Pfeifentabak aus der Provinz besorgte, der mir ohne mein Wissen zur Neige ging, denn ohne jenen würde ich auf keinen Fall eine längere Reise antreten. Für seine Aufmerksamkeit schob ich Magnus einen Taler zu und bedankte mich selbstverständlich bei ihm. Er fragte mich, ob er mir helfen solle, mein Gepäck zusammenzutragen oder gar meine Taschen zu packen, doch ich lehnte bescheiden ab, was ich nun ein wenig bereue. Zwar möchte ich nicht, dass Magnus in meinen privaten Gemächern herumstöbert, doch seine Hilfe beim Tragen und Suchen der Koffer wäre sehr zuvorkommend für mich gewesen.
Selbstverschuldet bin ich nun beim Packen allein auf mich gestellt, was meine Abreise vermutlich noch ein wenig verzögern wird, doch ich will einfach nur noch fort. Weg von dem täglichen Trott und der Routine, die mein Hirn zermarterte und den Brei hinterließ, der nur noch von der Fratze träumt, die mich meiner Schreibunfähigkeit wegen verspottet. Zugegeben, ich erkannte die Fratze nie wirklich gänzlich in meinem Schlafe, doch die dämonische Gestalt musste aussehen wie der Antichrist selbst, wenn ich dem höhnischen Stöhnen Glauben schenken darf, das sie mir jede Nacht erneut präsentiert.
Manchmal wagt es jenes Monster auch, mir meine Feder aus der Hand zu reißen und sie mit seinen scharfen Klauen zu entzweien, ehe es mir die Einzelteile entgegenwirft.
Ein anderes Mal kratzt und klopft das Ungetüm an meiner Zimmertüre, hämmert regelrecht darauf ein, doch vermag es nicht, sie einzutreten. Es stößt dann immer dieses abscheuliche Stöhnen aus, das mich schweißgebadet aufwachen lässt. Ja, so endet jeder meiner Träume in den letzten Wochen. Eine unheilvolle Ankündigung der Gestalt, gefolgt von einem ängstlichen Damian von Pluma, der ansonsten andere Menschen mit seinen Werken in Angst und Schrecken versetzt, anstatt sich wie ein hasenherziges Kind unter der Decke zu verkriechen.
Ich bin nicht stolz auf meinen jetzigen Zustand und werde deshalb entschlossener denn je meine Reise antreten, um den Dämon der Schreibblockade wieder aus meinen Träumen zu verbannen, um Platz für neue, weitere Abscheulichkeiten zu machen, die meine künftigen Geschichten beflügeln werden.
Gerade kann ich Magnus hören, der zum Abendessen läutet, weshalb ich bald schon beginnen muss, mich auf meine Reise vorzubereiten. Zunächst werden wir aber zusammen speisen und ich werde dem treuen Kerl eine Prise meines guten Tabaks anbieten, denn auch wenn man es dem kräftigen Mann nicht ansieht, ist auch er ein Freund des Lasters. Er wird die nette Geste zu schätzen wissen und wer weiß, vielleicht hilft er mir anschließend doch noch, meine schweren Gepäckstücke bis in das Automobil zu laden.
Tagebucheintrag vom Morgen des 25.08.1987
Woher hätte ich denn wissen sollen, wie Magnus darauf reagiert? Ich erzählte ihm gestern Abend beim Mahl, wohin meine Reise zur Suche nach neuer Inspiration gehen soll, da springt der hochgewachsene Mann wie besessen auf und vergreift sich im Ton. Regelrecht geschrien hatte Magnus, nicht darauf achtend, wer von uns beiden der Diener war, und wäre ich nicht so ein besonnener Herr gewesen, hätte ich ihn vom Anwesen verwiesen.
Seine abergläubische Art prallte aber zum Glück an mir ab wie der Regen auf dem metallenen Vordach des Wintergartens, seine versprochene Prise meines guten Tabaks hatte sich Magnus damit allerdings verspielt.
Ich solle mich in Acht nehmen, meinte er, in Acht vor den Gefahren und Geistern, die dort lauern. Er sprach immer wieder von dem Unglück von vor zwanzig Jahren und dass die Seelen der toten Männer noch nicht zur Ruhe gefunden hätten.
Das verlassene Bergwerk, in das ich mich begeben werde, stürzte in der Tat vor genau zwanzig Jahren ein und...




