E-Book, Deutsch, 271 Seiten
Bauer Die Blütenbaiers
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-8337-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine ziemlich schräge Familie
E-Book, Deutsch, 271 Seiten
ISBN: 978-3-7549-8337-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wilfried Bauer, 1955 in Köln geboren, lebt in Brühl im Rheinland, zwischen Köln und Bonn gelegen. Neben Anekdoten aus dem rheinischen Milieu schreibt er Kurzgeschichten. 'Die Blütenbaiers' ist nach 'Manon' sein zweiter Roman. Nicht die großen Superhelden spielen die Hauptrolle in seinen Geschichten, sondern Lück, wie ich und Du.
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1
Die Blütenbaiers
Maria und Josef suchten einen Namen für ihren noch ungeborenen Sohn. Bei den Vornamen der Eltern drängte sich ein religiöser Vorname auf.
Jesus kam ins Gespräch.
Maria füllte ihr Longdrink-Glas mit Sprudelwasser, nahm einen tiefen Schluck, atmete durch und stellte das Glas auf den Untersetzer. Maria hechelte ein wenig, so, wie sie es als werdende Mutter in den Babykursen geübt hatte, sich aber dort wesentlich lauter vollzog.
Bei ihrem Mann lief der Vorgang geräuschvoller ab. Die Kohlensäure, die von seiner Bauchgegend nach oben drückte, verflüchtigte sich mit unangenehm lautem rülpsen in die Atmosphäre der Küche, worauf Maria mit dem Ordnungsruf „Benimm dich!“ reagierte.
Sie hörte ein schuldbewusstes „Entschuldigung.“ Die werdende Mutter sah zu dem werdenden Vater.
„Josef, Maria und Jesus. Die Leute denken, wir wollen sie auf dem Arm nehmen.“
„Nicht unbedingt“, sagte Josef. „Stell’ dir vor, unser Sohn geht zu einem Rollstuhlfahrer und spricht zu ihm: Steh’ auf, du kannst wieder gehen. Der Rollstuhlfahrer steht auf und geht. Was wäre das denn?“
„Das wäre ein Fall für die Bild-Zeitung. Weißt du noch? Als ein deutscher Kardinal zum Stellvertreter Christi auf Erden gewählt wurde, schrieben sie: Wir sind Papst. Die neue, sensationelle Schlagzeile würde lauten: Jesus als falscher Arzt unterwegs.“
„Genau Maria, Konkurrenz belebt das Geschäft, das muss in diesem Fall sogar Jesus erfahren, also der echte. Da unser Sohn heilfähig ist, wie der Meister aus dem Neuen Testament, ergibt sich eine Copyright-Verletzung, die hoffentlich nicht all zu teuer wird.“
Maria hatte andere Sorgen. „Was geschähe mit dem Rollstuhl? Bliebe der in der Gegend stehen? Das teure Ding. Überhaupt, die ganze Aktion wäre ziemlich gottlos. Ich glaube, Jesus Blütenbaier würde wegen Betruges verhaftet.“
„Das will ich nicht bestreiten Maria, denn unser Sohn hätte die Mächtigen in unserem Lande herausgefordert. Die Mächtigen wie zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung. Wenn die provoziert werden, dann fahren die schwere Geschütze auf.“
Maria nahm einen weiteren Schluck Mineralwasser und sprach sodann: „Jesus war ein Revolutionär. Wie die Geschichte zeigt, sind alle Revolutionäre früher oder später ermordet worden. Das können wir nicht wollen. Wir dürfen unseren Sohn nicht von vornherein in eine Schublade stecken. Der Junge soll sich frei entfalten können.“
„Richtig Maria, richtig! Gut, dass du das sagst. Ein kleines Kind in eine Schublade stecken, das wäre für das Baby äußerst unbequem. Dass du das nicht tust, das beruhigt mich. Es zeigt mir: Du wirst eine gute Mutter sein. Wenn ich als Versicherungsvertreter draußen im Lande tolle Verträge abschließe, ruft mein Herz: Gesegnet seist du, Maria! Ich tue das in dem glücklichen Gefühl zu wissen: Meinem Sohn geht es prima. Er hängt an deinem Busen, wie ich an meinem Cappuccino. Zum Feierabend steige ich in meinen Firmenwagen, einen Fiat 500 und rolle gemütlich nach Hause.“
Josef saugte mit seinen Lippen an der Tasse wie ein Gummistöpsel an einem verstopften Abflussrohr.
„Lecker, dieser Milchkaffee“, sagte er. „Ich glaub’, Jesus können wir nicht bringen. Die Leute verwechseln uns mit der Heiligen Familie und erwarten von unserem Sohn Wunderheilungen.“
„Keine Panik. Jesus ist erst im Alter von etwa dreißig Jahren zu dem geworden, den wir heute kennen. Das sagte meine Namensvetterin aus der Bonnstraße.“
„Na dann“, sagte Josef. „Maria 2.0 weiß es bestimmt. In dreißig Jahren wird er zu unserer Freude verkünden: Mama! Papa! Ihr werdet Oma. Aber bringe ihn erst mal auf die Welt, Maria. In eine Welt der Habenichtse und Höfe.“
„Du Pessimist, die Welt ist reich, reich an Farben und voller Melodien mit Zwischentönen. Unser Sohn wird sie erkennen, aufnehmen und neue Lieder komponieren.“
„Mit den Zwischentönen habe ich so meine Bedenken, nicht, dass er darauf pfeift.“
„Das tut er, mit ‚The Wind Of Change‘ von den Scorpions.“
„Maria, das wäre es. Unser Sohn pfeift ein neues Zeitalter ein, zum Wohle unseres Planeten und der ganzen Menschheit. Er verkündet die neue Sparsamkeit. Es wird nicht mehr neu gekauft, sondern alles repariert. Her mit den Fäden, es wird genäht, Knöpfe an die Hemden, Risse in den Hosen, wir stellen Designer-Kleidung selber her. Back to the roots. Der Tante-Emma-Laden feiert ein Comeback. Salat und Möhren aus Nachbars Garten. Welch himmlischer Geschmack. Die revolutionären Ideen, die schon lange existieren und in den Schränken still und verschlossen ihr Dasein fristen, werden von unserem Sohn befreit.“
„Gut, mein träumender Traummann. Trotzdem müssen wir diesem Revoluzzer einen Namen geben. Bloß nicht Che oder Lenin. Ich glaube, der Name Johannes passt zu unserer Familie.“
„Genau“, sagte Josef. „Johannes gehört zum biblischen Edelsegment und würde den High-End-Bereich der Familie Blütenbaier ergänzen. Quasi als Zusatzschmankerl.“
„Du erzählst einen Kokolores. Johannes ist ein schöner, traditioneller Name, den wir zu Jo amerikanisieren. In den ersten Lebensjahren ist es unser Little Jo.“
„Sehr gut Maria, sehr gut. Das klingt nach Wilder Westen, nach Bonanza, nach Schießereien und kündet vom Sieg der Gerechtigkeit. Dank unserem Johannes hat das Böse keine Chance.“
Sie einigten sich auf Johannes, ein zeitloser, biblischer Name. Merkwürdig, mit Religion hatten sich Maria und Josef lange nicht mehr beschäftigt und soeben bekam der letzte Ungläubige aus der Familie Zugang zum Christentum und sei es lediglich symbolisch gemeint.
Josef wollte noch einen weltlichen Vornamen, Maria nicht. „Bedenke folgendes: Sein erster Vorname bleibt Johannes, und damit die Leute nicht denken, wir wären religiöse Eiferer, schlage ich einen zweiten Namen vor: Bernhard. Johannes Bernhard.“
„Ich bitte dich, das meinst du nicht wirklich, oder?“
„Maria, das meine ich. Johannes Bernhard, genannt Jo, Jo-Berni oder einfach Berni. Welche Vielfalt diese Kombi bietet.“
„Bernhard! Wie altmodisch. Den Namen gibt es nicht mehr, hier handelt es sich um vollendete Vergangenheit, der Name war Ende des neunzehnten Jahrhunderts populär. Bernd geht noch, da kommen Erinnerungen an die goldenen zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf, eine positive Botschaft.“
Nein, Josef versteifte sich auf Bernhard. Johannes Bernhard Blütenbaier, genannt Berni. Maria schimpfte, der Name stand in der Beliebtheitsskala auf Platz zweitausend, also einer der unbeliebtesten Namen in der heutigen Zeit.
„Zugegeben, der Name Bernhard ist nicht so spektakulär wie Maverick oder Smörebröd. Die sind kein Maßstab“, sagte der angehende Vater. „Immerhin hießen viele Herrscher, Adlige und Geistliche mit Vornamen Bernhard. Bernhard Grzimek war ein deutscher Zoologe, Direktor des Frankfurter Zoos. Von wegen vollendete Vergangenheit: Bernhard Brink ist ein deutscher Schlagersänger. Der Star hat ein Lied gesungen mit dem Titel: Lass’ uns reden. Das heißt: Den Kompromiss suchen durch Verständigung. Das passt voll zu unserem Sohn. Er trägt zwar revolutionäre Tendenzen in sich, ist aber grundsätzlich ein Friedensstifter. Falls Bernhard tatsächlich diesen Namen hasst, dann steht es ihm frei, einen Künstlernamen zu wählen, wie Jesus Halleluja, Luis der Tränker oder Heidi Witzka Herr Kapitän oder was ihm gerade einfallen sollte. Schließlich wollen wir nicht, dass unser Sohn uns verabscheut, weil wir ihm einen feinen Namen gegeben haben.“
„Was heißt: Wir? Du bist der Unbelehrbare.“
Nach langen Streitereien durfte er das Kind trotzdem Bernhard nennen. Maria meinte, sie würde ihr Kind mit Johannes oder Jo ansprechen und Josef würde ihn Bernhard oder Berni nennen. Ob bei diesem Durcheinander ein guter Schüler aus Jo beziehungsweise Berni würde? Jo der Verwegene, Berni der Brave.
Der verwegene Jo kämpft maskiert wie ein Held mit dem Degen, ein Rächer der Armen und Unterdrückten. Der Brave Berni bringt Mama und Papa den Kaffee ans Bett, ist ein gehorsamer Junge, Berni seine Lieblichkeit. Name hin oder her, das allerwichtigste sei, der Junge kommt gesund zur Welt und die Mutter übersteht die Geburt problemlos. Mutter und Kind sind munter. Alles andere sei Nebensache, darüber waren sie sich einig und mit dem neuen Erdenbürger würde das Leben ein Thriller.
Maria gebar Jo-Berni, nach eigenen Angaben, in einem Stall in der Nähe von Köln. Nach Aussagen von Freunden handelte es sich nicht um einen Stall, sondern um das Städtische Krankenhaus. Rückschlüsse zu ziehen, Ähnlichkeiten mit einem religiösen Ereignis herzustellen welches vor zweitausend Jahren stattfand, wären verfrüht.
Die Heiligen Drei Könige ließen sich nicht blicken. Weihrauch und Myrrhe wären auch keine passenden Geschenke gewesen, es sei denn, der neue Erdenmensch wüsste damit etwas anzufangen, würde bei diesen Gerüchen strahlen, pausbäckig wie ein Koch. Gegen Gold hätten die Familienmitglieder allerdings nichts einzuwenden gehabt.
Aus dem Unterbewusstsein der Eltern kam immer wieder die Frage hoch: Ob aus dem Jungen ein Wunderknabe würde?
Zweifel waren angebracht, da ein Himmelsereignis zur Geburt ausblieb, wenn man von dem Flackern der Leuchtröhren an der Decke im Kreißsaal absah. Wackelkontakte gab es ständig, in Stromkreisen wie in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Der Vater übte auch nicht den Beruf eines Zimmermanns aus, sondern verkaufte als Vertreter der Hof & Habenichts-Versicherung, HoHa genannt, mit gekämmten Haaren, messerscharfen...




