E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Bauer Fridtjof Nansen
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-2723-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Humanität als Abenteuer
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7519-2723-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter Bauer (1904-1976) absolvierte von 1919 bis 1925 eine Lehrerausbildung in Merseburg. Von 1926 bis 1928 übte er Gelegenheitsarbeiten aus und studierte einige Semester Germanistik an der Universität Halle. Ab Ende der 1920er Jahre erschienen Bauers erste literarische Arbeiten. Er erfuhr besondere Förderung durch den Verlagslektor Max Tau, der ihn 1965 in einem Interview als eine seiner wichtigsten Entdeckungen bezeichnete. Angesichts seiner tiefen Enttäuschung über die gesellschaftliche Entwicklung der jungen Bundesrepublik wanderte Bauer 1952 nach Kanada aus. 1954 begann er ein Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Toronto, das er nach Absolvierung eines Aufbaustudiums 1959 mit dem Magistergrad abschloß. In Kanada schrieb Bauer weiter in deutscher Sprache; seine Werke erschienen in westdeutschen Verlagen. Von 1959 bis 1976 war er Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Toronto, ab 1967 als Associate Professor. Walter Bauers umfangreiches Werk umfaßt Romane, Erzählungen, Biographien, Kinderbücher, Essays, Lyrik und Hörspiele. Er war korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und 1956 der erste Preisträger des Albert-Schweitzer-Buchpreises. Seit 1994 wird zu seinem Andenken der Literaturpreis Walter-Bauer-Preis verliehen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
JUNGE FLÜGEL
Das Kommen des Frühlings war in jedem Jahre ein unvergleichliches Ereignis; und jetzt, da er wußte, daß er diesen Frühling in Norwegen nicht erleben würde, schien es ihm, als sei der Frühling die Zeit aller Zeiten, und die anderen Jahreszeiten waren nur geschaffen, um den Früh ling vorzubereiten oder ausklingen zu lassen. Zum erstenmal würde er das Beste versäumen.
Er liebte die blitzende Härte des norwegischen Winters mit dem flammendweißen Licht und dem eisigen Atem der Stürme; die langen Wanderungen durch die erstarrten Wälder, die sausenden Abfahrten auf Schneeschuhen; die reine Kälte, die einem ausbrennenden Feuer glich. Er liebte den roten Herbst in den Wäldern von Nordmarken und den Sommer an den kühlen Flüssen mit Forellen wie gefleckten Blitzen. Aber unvergleichlich war der Frühling in Norwegen. In anderen Ländern mochte er mit dem raschen Sprung des Überfalles die Erde an sich pressen. Nach Norwegen kam er zögernd, mit einzelnen scheuen Stimmen und Anzeichen, mit langsam wachsendem Licht, dem verschwiegenen Laut eines Vogels, einer scheuen Blüte, die ihrer Freude nicht sicher war, mit dem Flüstern befreiter Wasser, der rinnenden Stimme von Flüssen, dem Einbruch des Tauwindes in die leblosen Wälder. Langsam stieg der Frühling aus der Erde empor, und dann konnte man ihn hören. Die Erde lebte wieder. Man konnte ihn fühlen, schmecken, riechen, und dann sang der Frühling seine brausende Hymne jungen, freien Lebens – ihm, der frei und jung war.
In diesem Jahr würde er das alles entbehren, und in einem Gemisch von Verlangen, zu Hause zu sein, wenn der Frühling nach Südnorwegen kam, und von Erwartung des großen Neuen sah der schlanke, blonde junge Mensch – Student Fridtjof Nansen, als Gast an Bord des Robbenfängers »Viking« – zum letzten Morgenschlaf der kleinen Stadt Arendal hinüber, und in diesem leichten Frösteln vor dem Beginn einer Reise hörte er die anweisende Stimme des Kapitäns Krefting, die rennenden Schritte der Matrosen, das Klirren der Ankerkette, und er sah den Anker langsam aus dem Hafenwasser heraufkommen, triefend im Licht. Die Maschine fing an zu stampfen, eine gelassene rollende Bewegung, die sich dem ganzen Schiff bis zu den Masten mitteilte, als hätte das Herz des Schiffes angefangen, wieder zu schlagen, und die »Viking« sei erwacht.
Das Schiff glitt langsam durch das morgenkühle Wasser, auf dem das erste Licht wie eine silbrige Haut lag. Die große Fahrt hatte begonnen; in der Frühe des 11. März 1882, einem Samstag. Ein Ruf der Matrosen zum Land hinüber, das sich nun vom Schiff zu entfernen schien; ein paar Fischer, schon zeitig bei ihren Booten, winkten, aus einem halboffenen Fenster wehte ein Tuch. Die Luft wurde frischer, der Wind wehte, das Licht wuchs. Vorüber an den Inseln mit schlafenden Häusern, vorüber am Leuchtturm von Torungen, dessen zuckende Lichtzeichen erloschen waren. Noch einmal der hallende Ton der Sirene des Schiffes und alles noch einsamer, noch leerer; dann öffnete sich das Meer, ein wogender Acker ohne Grenzen.
Nansen war einundzwanzig, dies war seine erste große Schiffsreise. Er war Student der Zoologie. Nach einigem Zögern hatte er sich dafür entschieden, obgleich Physik, Mathematik und die Geheimnisse der Elemente ihn mehr anzogen.
Er war noch jung, aber er konnte sich nicht an einen Tisch gefesselt sehen, er mußte draußen sein, mußte atmen können, er war ein Jäger, Fischer, ein Waldgänger, und das Studium der Zoologie hatte mit Tieren, mit Wasser, Erde, freier Luft zu tun; deshalb hatte er es nach den mit Auszeichnung bestandenen Prüfungen gewählt. Professor Collett, der die Frische dieses hervorragend begabten jungen Menschen mochte, hatte ihm geraten, mit einem Robbenfänger hinauszufahren, zu beobachten, ein Tagebuch zu führen und sich für seine Laufbahn als Zoologe in wissenschaftlichen Untersuchungen zu üben. Schon eine Woche später sagte ihm Nansen, daß er mit Krefling, dem Kapitän der »Viking«, gesprochen hätte und daß alles in Ordnung sei, wenn die Schiffseigentümer ihre Erlaubnis gäben. Nansens Vater bat einen alten Freund in Arendal telegrafisch, sich bei Smith und Thommesen, den Reedern, dafür zu verwenden, daß sein Sohn an der ersten Fahrt der »Viking« teilnehmen dürfte. Die Schiffseigentümer hörten, daß der junge Nansen ein ausgezeichneter Sportsmann und Jäger, ein verträglicher Kamerad, ein ausdauernder Arbeiter mit geschickten Händen sei – und hier war er nun, auf dem Robbenfänger »Viking«, der zum erstenmal zu den Jagdgründen in der Arktis fuhr. Er wußte nicht genau, was dort draußen sein würde, er hatte von Eis und Kälte, von Bären, Walrossen, Robben gelesen und sich zuletzt noch mehr oder weniger flüchtig mit der Anatomie der Seehunde beschäftigt; er wußte nur, daß er in das große Abenteuer eintauchen würde, und es würde anders sein als alles, was in seiner Kindheit und Jugend gewesen war, härter, verwegener, strahlender.
Die Erregung des Aufbruchs wurde zum Gleichmaß ruhiger Fahrt. Gelassen schlug das Herz des Schiffes, langsam, zu langsam zog die »Viking« an der Küste von Südnorwegen entlang, an Grimstad, Kristiansand, Mandal, Farsund. Aus dem Morgen wurde Tag, er sah die Siedlungen, die Wälder, Hügel, Inseln, die weiße Schaumlinie, die Meer und Erde trennt: das Land. Sein Land. Es war Norwegen. Und jetzt, während das Schiff sich langsam vom Anblick des Landes löste, kam es ihm vor, als sähe er zum erstenmal, wie schön und groß sein Vaterland war. Es war Norwegen, ausgestreckt von Lindesnes im Süden bis zur finsteren Härte des Nordkaps, ein Land der Berge, Wasserfälle, Fjorde, des aufsteigenden Lichtes, langer Dämmerung und einer Einsamkeit, die noch in den Städten zu spüren war, ein Land uralter Erde voller Geheimnisse, und hinüberblickend zur langen schwingenden Linie der Küste, mochte er an Ole Bull, den großen Geiger aus Bergen denken, den der dänische König gefragt hatte, wer ihn diese Art von Spiel gelehrt hätte, und er hatte geantwortet: die Berge. Er hätte sagen können: die Flüsse, die Seen, die Wälder, jeder Baum, jeder Stein: Norwegen. Die Schiffe, die Vogelfelsen, die Inseln, die Brandung: Norwegen. Und es war das Land, in dem er, Nansen, geboren worden war, das einzige Land, in dem er hätte geboren sein wollen, zu dem er immer gehören würde.
Wenn man weggeht, sieht man plötzlich die Dinge klarer. Ihr Licht, ihr Schatten, ihre Schönheit und Bedeutung enthüllen sich. Wenn man etwas verlassen hat, sei es auch für die Dauer einer Reise, weiß man, wie es gewesen ist, und jetzt wußte er, wie gut und reich seine Jugend gewesen war und daß er dieser Erde verdankte, wer er war: ein junger, federnder Mensch mit wachen Sinnen und einem Körper, der Erschöpfung kaum kannte und gelassen, freudevoll in sich ruhte.
Dort, hinter der entschwindenden sanftblauen Küste lag der Herzort seiner Kindheit: das geräumige Gutshaus von Store Fröen in Aker, nicht weit von Oslo, mit dem Blick auf Fjord und Stadt. Vor der Tür des Hauses rann der Frögnerfluß, in dem er und sein Bruder Karl als Kinder schwammen und die Forellen zu fangen lernten, um das Haus lagen die Hügel, auf denen er die ersten Schneeschuhe erprobt hatte, und die Wälder von Nordmarken.
Von diesem Haus war er ausgegangen. Ein Haus war nicht nur Holz und Stein, es war etwas Lebendiges.
Es war der Tisch am Morgen und im Schein der Lampe mit Brotlaib, Milchkrug, Grützeschüssel. Es war die Flamme des Herdfeuers und der tiefe, sichere Schlaf, den die Stimmen des Flusses und der Wälder umflüsterten, es waren Werktage und Festtage, es waren Gesichter, Stimmen, Laute, Schritte.
Da war das Gesicht des Vaters, des Rechtsanwaltes Baldur Nansen, eines schmächtigen, kleinen Mannes, streng und genügsam, gründlich und gerecht, von vorbildlichem Verhalten zu jedermann und vor allem zu seinen Kindern; eines Vaters, der mit der Leidenschaft seines Sohnes für das freie Leben draußen nicht viel anzufangen wußte, sie aber nicht unterdrückte und behutsam lenkte. Da war das Gesicht der Mutter, einer geborenen Wedel-Jarlsberg aus altem deutsch-norwegischem Adel, einer schlanken, stattlichen Frau, geradeaus einfach, die in ihrer ersten Ehe gegen den Willen der Eltern einen Bäcker geheiratet hatte, wißbegierig wie der Sohn, mit geschickten Händen, die keine Arbeit scheuten; überdies lebte man auf dem Lande, wo jede Arbeit getan werden mußte, und so schneiderte sie die Anzüge ihrer Söhne, bis sie achtzehn waren. In ihrer Jugend war sie eine gute Schiläuferin gewesen, und man hatte über sie gelacht.
Gesichter … das Gesicht der freundlichen Marte im Haus, die ihm und dem Bruder manchmal heimlich ein Stück Brot zuschob, das Gesicht des Bruders, des Gefährten der Kindheit, mit dem er das Erlaubte langweilig fand und das Verbotene aufsuchte. Gesichter von Schulfreunden, Knechten, Bauern.
Das Haus...




