E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Bauer Ockhams Rasiermesser
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-61439-0
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Thriller der unter die Haut geht
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-61439-0
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Bauer wurde 1995 in Deutschland geboren und wuchs sehr ländlich auf einem ehemaligen Bauernhof auf. Durch die Interesse zur Natur begann er 2015 sein Biologiestudium, das er erfolgreich mit dem Bachelorabschluss absolvierte. Während des Studiums beschäftigte er sich ausgiebig mit verschiedensten Lebewesen und beschloss daraufhin fortan vegan zu leben. Aus dem Gedanken heraus, wie eine Welt aussehen könnte, in der Tiere soweit wie möglich von Menschen getrennt leben, veröffentlichte der Student am 2020 im Selbstverlag seinen ersten Roman 'Die Grenze'. Zu dieser Zeit studierte Thomas bereits 'Biodiversität und Naturschutz' als Masterstudiengang und fand immer weiter Gefallen am Schreiben eigener Texte. Zum 01.08.2022 veröffentlichte der Autor sein Thriller-Debüt "Ockhams Rasiermesser".
Autoren/Hrsg.
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2 Tage vor der Versteigerung
Hannah Vorsen war schon seit einigen Wochen nicht mehr so weit von zu Hause entfernt gewesen wie heute. Dieser Abend würde besonders werden, das wusste sie. Schon seit Tagen spürte sie nämlich wie ihr Herz schneller schlug, wenn sie an diesen Tag dachte - selbst nach außen hin konnte sie ihre Aufregung nicht verbergen.
Bald wäre es soweit.
Ein sanfter Windhauch strich durch ihre zusammengesteckte Frisur, die überwiegend aus einem blonden Dutt mit schwarzem Ansatz bestand und mit zwei Stäben gehalten wurde, welche wie die Stäbchen aussahen, die man in jedem Asia-Imbiss um die Ecke zu seiner Mahlzeit bekam.
Ihre Hand fühlte sich auf einmal ganz kalt an als sie nach der Pistole griff. Hannah schaute sich noch kurz um und blickte wenige Sekunden später bereits auf die Leiche vor ihr. Jedes Mal, wenn sie so etwas entsetzliches vor die Augen bekam, fühlte sie sich traurig und auch ein klein wenig schuldig. Dafür konnte sie gar nichts für den leblosen Körper auf dem nassen Boden vor ihr. Nicht einmal Blut war zu erkennen und trotzdem wusste die junge Frau, dass der Vogel vor ihren Beinen bereits tot war, deshalb steckte sie die Tankpistole zurück in die Zapfsäule und hob das Wesen auf. Hannah wollte nicht, dass das nächste Auto in der Schlange über den zarten Körper fuhr und dessen Gefieder als unkenntliche Masse auf dem Asphalt zurücklassen würde. Ein wuterfülltes Hupen war die direkte Antwort auf Hannahs Verzögerung beim Tanken. Sie wickelte die Kohlmeise in ein Taschentuch und trug sie zum nächsten Gebüsch, wo sie sich schließlich dem Vogel entledigte. Hier würde er sicher seinen Frieden finden und war vor den neugierigen Blicken Fremder geschützt. Dass die nächste Katze den leblosen Körper ohne zu zögern ebenso zerfleddern würde wie ein nahender Autoreifen störte Hannah nicht, denn so weit reichten ihre Gedanken heute nicht aus. Sie war zu aufgeregt, zu glücklich.
Heute stand ihr erstes großes Date seit Langem an. Dieses Mal hatte sie ihren neuen Schwarm zwar mithilfe einer Dating-App kennengelernt, doch mit diesem Typen schrieb sie nun schon seit fast zwei Wochen täglich und er wirkte auf Hannah von Tag zu Tag charmanter. Schließlich konnten beide Parteien es kaum mehr erwarten und verabredeten sich endlich zu einem persönlichen Treffen in einem Hallenbad, das samstagnachts eine Lasershow veranstaltete, bei der man sogar Cocktails im Schwimmbecken schlürfen konnte.
Es klang derart romantisch, dass sich eine andere Person so viele Gedanken um ein Treffen mit ihr machte, dass sie seit Stunden durchgehend lächelte.
Hannah Vorsen war sogar so aufgeregt gewesen, dass sie vollkommen vergaß, dass der Sprit in ihrem Wagen gar nicht mehr bis zum vereinbarten Treffpunkt reichen würde. Für die Arbeit brauchte sie ihren alten Nissan nicht, denn sie konnte genauso gut die zwei Kilometer mit dem Fahrrad ins Krankenhaus fahren und sparte damit auch noch bares Geld. Neulich hatte sie sogar einer Freundin das Auto für zwei Wochen geliehen, weil ihr eigenes in die Werkstatt musste, doch anstatt voll zu tanken, revanchierte sich ihre Freundin bei Hannah mit Benzingeld und einer Packung Pralinen, zusammen mit dem fast leeren Benzintank.
Deshalb stand die Frau nun hier kurz vor Ladenschluss an einer der wenigen Tankstellen, die noch nicht 24 Stunden geöffnet hatten. Sie fuhr zwar zuvor schon an einer SB-Tanke vorbei, doch schätzte die verabredete Frau den Service, noch von einem echten Menschen und nicht von einem Automaten bedient zu werden und entschloss sich demnach hier zu tanken. Außerdem fühlte sich Hannah so auch viel sicherer.
Wer würde sie schon überfallen oder belästigen, wenn ein Tankwart von der Scheibe im Häuschen aus die ganze Tankstelle im Blick hatte?
Viele Beleidigungen des Fahrers im BMW hinter ihr später, griff Hannah nun erneut zur Tankpistole und zog diese mit einem metallischen Klicken aus der Zapfsäule heraus. Das Einführen der Pistole in das Loch, welches zu ihrem Tank führte, erregte sie ein wenig, weil sie immer noch in Gedanken bei ihrem bevorstehenden Date war. Schließlich ließ sie den automatischen Einlass einrasten und überblickte noch kurz die Benzinpreise auf der Anzeige vor ihr. Der Preis war in den letzten Monaten stark gestiegen, nachdem er kurzfristig auf 1,29 € pro Liter gesunken war.
Nun kostete ein Liter Super Plus bereits über 1,90 €.
Hannah überschlug kurz in ihrem Kopf:
»Gut 40 % teurer in dieser kurzen Zeit. Würde ich so einen Aufschlag auf mein Gehalt fordern, würde ich sofort gekündigt werden!«
Und damit hatte sie Recht. Zwar verdiente Hannah als Ärztin im Krankenhaus bei ihr um die Ecke mehr als nur ein paar Peanuts, doch kämpfte die junge Frau um jeden Cent, den sie sich sparen konnte.
Der Mann im Wagen hinter Hannah Vorsen, dessen Kopf vor hohem Blutdruck bereits rot wie eine Tomate wurde, schrie immer lauter und erst jetzt merkte sie, dass das monotone Geräusch der Pumpe bereits erloschen war, welche das Benzin aus einem riesigen Öltank über die Zapfsäule durch die Tankpistole bis in ihren klapprigen Nissan beförderte. Mit dem ausgestreckten Mittelfinger bedankte Hannah sich bei dem Arschloch hinter ihr und schloss aus Angst vor seiner Unberechenbarkeit ihren PKW ab, bevor sie zum Tankhäuschen lief.
Die junge Ärztin liebte das Geräusch der automatischen Schiebetüren, weil sie sich immer so vorkam, als betrete sie gerade ein Luxushotel und ein Pförtner hielt ihr so lange die Türen auf, bis sie schließlich eintrat, egal wie lange sie sich dafür Zeit ließ. Da sich kurz vor Hannah noch ein weiterer Kunde in das Gebäude drängelte, stand sie nun in der Warteschlange und blickte auf die Uhr.
Ob sie noch rechtzeitig zum Beginn der Lasershow kommen würde?
Sicherheitshalber schrieb sie ihrem Verehrer noch in einer Nachricht auf Facebook, dass sie sich verspäten würde, was eigentlich bereits abzusehen war, als Hannah aus der Dusche stieg. Doch jetzt konnte sie nichts dafür, dass sie nun noch viel länger brauchen würde als sowieso bereits, denn der Junge vor ihr nahm sich alle Zeit der Welt und begann sogar ein Pläuschchen mit dem Tankwart, woraufhin seine verschwendete Zeit auch auf ihre aufaddiert wurde. Gelangweilt schaute sie sich nun im Laden um und erstaunte vor dem gigantischen Sortiment an Energy Drinks. Die meisten davon bestanden aus silbernen oder schwarzen Dosen und waren mit Logos in den buntesten Farben, die man sich nur vorstellen konnte, geschmückt. Einige andere hatten anstatt eines farbigen Buchstabens jedoch auch Tiere abgebildet, die mit Schnelligkeit oder Ausdauer assoziiert wurden, auffällig viele hiervon trugen einen Pegasos als Wappen und Hannah hinterfragte die Zielgruppe des Produkts von Grund auf.
Ihre Blicke schweiften zu den alkoholischen Getränken und sie fragte sich, ob sie noch eine Flasche Wein mitnehmen sollte - für nach dem Schwimmbad. Als die aufgeregte Frau jedoch die ungeheuren Preise erkannte, verwarf sie ihre Gedanken sofort wieder. Kondome würde sie sicherheitshalber aber mitnehmen. Wenn ihr Date nur ansatzweise so verlaufen würde, wie es sich in ihren Träumen abspielte, war nach dem Besuch im Hallenbad noch lange nicht Schluss für den Abend gewesen. Mittlerweile war sie ihrer Freundin bereits dankbar, dass sie den Wagen nicht vollgetankt hatte und Hannah deshalb noch für die letzten Einkäufe in diese Tankstelle gezwungen wurde. Schließlich bezahlte sie knapp 70 Euro an Theo, wie das Namensschild des Tankwarts verriet, dem sie verlegen die Packung Kondome reichte, ihm zusätzlich noch einen 10 Euro Schein auf den Tisch legte und ihm kleinlaut »stimmt so« zuflüsterte.
Nun war auch ihr Kopf leicht gerötet. Die automatischen Türen traten erneut zu Seite, um Hannah sicher aus dem Gebäude zu geleiten, wo der wütende BMW-Fahrer bereits mit weiteren Schimpfwörtern auf sie wartete.
Mittlerweile war er aus seinem PKW, der schon fast an einen Panzer erinnerte, ausgestiegen und beleidigte sie nun hemmungslos auf dem sonst leeren Tankstellengelände:
»Wo hast du Schlampe denn gelernt zu tanken? Sieh zu, dass du dich verpisst, bevor ich noch sauer werde!«
Und obwohl Hannah Vorsen den fremden Mann nicht kannte und sie sonst auch nicht viel auf die Meinung anderer Leute gab, erschütterten seine Worte ihre Gedanken.
Schlampe.
Woher wusste der Mann, dass sie heute Abend ein Date hatte? Und woher wusste er auch noch, dass Hannah vorhatte mit ihrer Verabredung zu schlafen, wenn sich eine Gelegenheit ergeben würde? Wieso konnte er in ihre Gedanken blicken? Oder kannte er sie und ihre Vergangenheit sogar?
Mit einem mulmigen Gefühl in der Brust stieg sie in ihr Fahrzeug und parkte es kurz um, sodass der aggressive Kerl die Zapfsäule benutzen konnte. Erst jetzt fiel Hannah auf, dass er auch einfach zu einer andere Säule hätte fahren können, seit der Mann vor ihr in der Schlange weggefahren war. Jetzt war ihr nicht nur etwas unwohl, sondern...




