Bauer | Politik - Kirche - politische Kirche (1919-2019) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 301 Seiten

Bauer Politik - Kirche - politische Kirche (1919-2019)

Die evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau im Spiegel ihrer kirchenleitenden Persönlichkeiten
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7720-0214-4
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau im Spiegel ihrer kirchenleitenden Persönlichkeiten

E-Book, Deutsch, 301 Seiten

ISBN: 978-3-7720-0214-4
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Trennung von Staat und Kirche in der Weimarer Reichsverfassung 1919 eröffnete den deutschen evangelischen Landeskirchen erstmalig die Möglichkeit, sich eigenverantwortlich in der Gesellschaft und gegenüber der staatlichen Politik zu positionieren. Erste Umgestaltungen der Kirchen in Hessen und Nassau nach demokratischen Prinzipien kamen im Nationalsozialismus vorerst wieder zum Abbruch. Seit 1947 spielten viele der politischen und gesellschaftlichen Debatten in der EKHN eine große Rolle, z. B. die Diskussionen um die Wieder- und Atombewaffnung unter Kirchenpräsident Martin Niemöller, der Protest gegen den Bau der Startbahn West, der sowohl Helmut Hild als auch Helmut Spengler beschäftigte, oder die Frage nach dem Umgang mit dem Islam, der sich Peter Steinacker intensiv widmete. Anhand prägnanter Positionen kirchenleitender Persönlichkeiten zeigt der Band in sechs Beiträgen, wie die Politisierung der EKHN erfolgte und wie sie auf das Selbstverständnis innerhalb der EKHN zurückwirkte, eine der politischen Landeskirchen in Deutschland zu sein.

Dr. habil. Gisa Bauer ist Theologin und Kirchenhistorikerin mit dem Schwerpunkt kirchliche Neuzeit/Zeitgeschichte, Privatdozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und als Dozentin an verschiedenen Universitäten und kirchlichen Einrichtungen tätig.
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6. Die kirchenleitenden Personen und Kirchenpräsidenten in den Beiträgen des Bandes


In dem Aufsatz von und wird der Fokus auf gelegt und zwar diejenigen der drei Vorläuferlandeskirchen der EKHN in der Zeit der Weimarer Republik, die Evangelische Landeskirche von Hessen, die Evangelische Landeskirche von Nassau und die Evangelische Landeskirche von Frankfurt am Main, sowie der Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen im Nationalsozialismus. Im Hinblick auf die kirchenleitenden Persönlichkeiten in der Weimarer Republik gehen Csehan und Dücker der Frage nach, ob es „Männer der Mitte“ waren. Erörtert wird das Wirken von Wilhelm Diehl, der von 1923 bis 1934 der Evangelischen Landeskirche von Hessen als Prälat vorstand, und von August Kortheuer, dem Landesbischof der Evangelischen Landeskirche von Nassau in der Zeit von 1925 bis 1933. Beispielhaft für die Evangelische Landeskirche von Frankfurt am Main, die eine „verwaltungstechnisch vielfältige Situation“ aufwies, stellen Csehan und Dücker das Engagement des Präsidenten der Landeskirchenversammlung Wilhelm Bornemann von 1925 bis 1933 dar und das des seit 1925 nebenamtlichen und seit 1932 hauptamtlichen Kirchenrats und Vorsitzenden des Frankfurter Landeskirchenrats Johannes Kübel. So verschieden die politischen und kirchenpolitischen – von den theologischen ganz zu schweigen – Haltungen der Genannten auch waren, so deutlich wird, dass bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik die Landeskirchen politisch agierten. Nicht zuletzt wurde über die kollegial aufgestellten „Geistlichen Leitungen“ versucht, Befugnisse der kirchenleitenden Einzelpersonen einzuschränken und demokratische Strukturen einzuführen. Mit den politisch motivierten direkten Eingriffen der Nationalsozialisten in die Kirche und dem Beginn des Aufbaus einer Reichskirche wurden diese Organisationsformen wieder zunichte gemacht.

Ein Ergebnis der Gleichschaltung war die Fusion der drei Landeskirchen zur Evangelischen Landeskirche Nassau-Hessen Ende 1933, Anfang 1934. Überlegungen zu einer solchen Vereinigung gab es bereits seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Sie wurden jedoch erst durch die nationalsozialistische Kirchenpolitik des aus Hessen stammenden Rechtswalters der Deutschen Evangelischen Kirche, August Jäger, mit Unterstützung der Deutschen Christen umgesetzt. Im Anschluss an die Fusion wurde Ernst Ludwig Dietrich als Landesbischof der neu gegründeten Landeskirche installiert. Er verlor allerdings mit der direkten Unterstellung der Landeskirche unter die Deutsche Evangelische Kirche schon ein Jahr später weitgehend seine Amtsbefugnisse, ebenso wie der Kirche die Souveränität und die politischen Handlungsspielräume massiv beschnitten wurden.

Nachdem die Kirche nach Kriegsende unter alliierter Kontrolle wieder in ihre ursprünglichen Teile zerfallen war, beschloss der gemeinsame Kirchentag im September 1947 den Zusammenschluss unter dem Namen Evangelische Kirche von Hessen und Nassau. Gleichzeitig wählte der Kirchentag den ehemaligen KZ-Häftling und „persönlichen Gefangenen“ Adolf Hitlers, den aus Westfalen stammenden Pastor Martin Niemöller, zum ersten Kirchenpräsidenten.

In Beitrag steht das Leben und Wirken Niemöllers im Mittelpunkt, der wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen das politische Profil nicht nur der EKHN, sondern der evangelischen Kirchen in Deutschland überhaupt prägte. Für Niemöller war das Fazit aus seinen Erlebnissen und Erkenntnissen im Kirchenkampf, dass die Kirche im Nationalsozialismus versagt habe, weil sie sich in die Politik eingemischt, sondern „geschwiegen“ habe. Das grenzte ihn scharf ab von anderen ehemaligen Mitstreitern aus den Reihen der Bekennenden Kirche, die argumentierten, die Kirche habe versagt, weil sie „zu politisch“ geworden sei, wie das Beispiel der Deutschen Christen gezeigt habe.

Mit Niemöller erhielt die EKHN eine der profiliertesten, politisch engagiertesten kirchlichen Führungspersonen der Nachkriegszeit als Kirchenleiter, mit einer derartigen Wirkung, dass sie in Folge immer wieder auch als „Niemöller-Kirche“ bezeichnet wurde. Die historische Zäsur für die EKHN im Jahr 1947 ergab sich nicht nur aus dem endgültigen Zusammenschluss der drei Vorgängerkirchen, sondern auch durch die theologisch-politische Prägung Niemöllers, der sowohl 1945 am „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ maßgeblich beteiligt war als auch 1947 am „Darmstädter Wort“. Er setzte sich in den folgenden Jahren national wie international für Versöhnung und Ökumene, für Frieden, gegen atomare Aufrüstung und für die Bewahrung der Schöpfung ein – oft und öffentlichkeitswirksam auch gegen Widerstand der politischen Führung der Bundesrepublik.

Als Niemöller 1964 seinen vorzeitigen Rücktritt als Kirchenpräsident einreichte, folgte ihm sein Stellvertreter Wolfgang Sucker im Amt. In dem Aufsatz schildert das Aktionsspektrum und die theologischen Hintergründe des in der EKHN eher als unpolitisch erinnerten Kirchenpräsidenten Wolfgang Sucker, der sich intensiv mit der säkularen Welt auseinander- und seine Kirche zu ihr ins Verhältnis setzen wollte. Im Diskurs mit dem Katholizismus seiner Zeit, der durch das Zweite Vatikanische Konzil selbst ein neues Verhältnis zur „Welt“ entwickelte, rief Sucker zur „Reformation in der Gegenwart“ und zur „evangelischen Selbstbesinnung“ auf. Der innerevangelischen Zersplitterung könne, so Sucker, nur ein „evangelisches Konzil“ wehren – die EKD sah er dazu nicht in der Lage. Obwohl Sucker im Verhältnis zu Niemöller kaum als politisch aktiver Kirchenpräsident galt, sah er den gesamten „Dienst der Christen“ als „politischen Dienst“ an und erweiterte damit das Verständnis von Politik.

Nach Suckers unerwartetem, frühem Tod 1968 wurde Helmut Hild zum Kirchenpräsidenten der EKHN gewählt. Wie in der Untersuchung ausführt, sah Hild die Kirche in Bezug auf ihren gesellschaftlichen Kontext vor zwei wesentliche Aufgaben gestellt: Zum einen der angsterfüllten und bedrohten Welt Hoffnung zu geben und zum anderen eine zeitbezogene Ethik zu erstellen, die Orientierung für die wissenschaftlich-technische Welt biete. Für Hild schlug sich christliche Nächstenliebe unter anderem in dem Bemühen um die Gesellschaft und in politischer Verantwortung nieder. Ähnlich wie sein Amtsvorgänger Sucker sah er in politischem Engagement keine private Beschäftigung, sondern eine Christenpflicht. Eine spezielle Rolle im öffentlichen politischen Diskurs spielten für Hild die Medien mit ihrer Darstellung extremer, polarisierender Positionen. Hild war einer der profiliertesten Vertreter des Protestantismus in den 1980er Jahren. Er engagierte sich in der Versöhnung Westdeutschlands mit Polen und der Sowjetunion – auch an diesem Punkt ähnelte er Niemöller – und vertrat Willy Brandts Ostpolitik. Er lehnte die Aufrüstungsspirale im Kalten Krieg ab und bezog Stellung in den Debatten um die Reform der Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch („§ 218“), um die Bekämpfung des Rassismus – in seine Amtszeit fiel die Unterstützung des Antirassismusprogramms und des „Sonderfonds“ des ÖRK –, um Pfarrvikare in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und um den Bau der „Startbahn West“ des Frankfurter Flughafens.

Die drei letztgenannten Themen bestimmten ebenfalls wesentlich die Amtszeit des auf Hild folgenden Kirchenpräsidenten, des ehemaligen Stellvertretenden Kirchenpräsidenten Helmut Spengler. Der Beitrag von und widmet sich dem Engagement des pietistisch sozialisierten und häufig als „Pietist“ bezeichneten Kirchenpräsidenten seit 1985. Spengler entzog sich politischen und kirchenpolitischen Festschreibungen, da sein Augenmerk dem individuellen Menschen galt. Das schlug sich in der Schwerpunktsetzung seines Wirkens auf Seelsorge, Verkündigung und Psychologie nieder. Theologe zu sein bedeutete für Spengler im Kern „Menschen zu verstehen“, und Politik hatte ebenso wie Kirche – die eine „einladende Kirche“ sein sollte – für ihn eine dienende Funktion für den Menschen. Spengler war stets eine moderierende, abwägende Stimme in den politischen Polarisierungen der 1980er und frühen 1990er Jahre. Konkret zeigten sich diese politischen Frontstellungen für den Kirchenpräsidenten im Anti-Apartheitskampf, in der Problematik der DKP-Pfarrer und -Vikare, bei den Kontroversen um den Bau der „Startbahn West“ – die Themenfelder, mit denen sich bereits Helmut Hild auf seine Art auseinandergesetzt hatte – sowie in der Ablehnung der Aufrüstung und dem Ausgleich zwischen Ost- und West, in der Friedensbewegung und bei der Implementierung von Zielen der Frauenbewegung in der Kirche.

Der Aufsatz basiert im Wesentlichen auf einem mehrteiligen, umfangreichen Zeitzeugeninterview von Anette Neff mit dem ehemaligen Kirchenpräsidenten in den Jahren 2002/03. Im Gegensatz zu der opulenten Forschungsliteratur über Martin Niemöller und der (punktuell) bestehenden Literaturgrundlage zu Wolfgang Sucker und Helmut Hild gibt es zu Spengler noch keine wissenschaftlichen Studien, so dass das Manuskript des Zeitzeugengesprächs vorerst die...



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