Baumert | Die Kinder des Clavierbauers | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 154 Seiten

Baumert Die Kinder des Clavierbauers


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-2853-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 154 Seiten

ISBN: 978-3-7427-2853-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
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Der Instrumentenbauer Heinrich Harrass in einem kleinen thüringischen Dorf bekommt den wichtigsten Auftrag seines Lebens. Er soll für den berühmten Komponisten Johann Sebastian Bach ein neuartiges Instrument bauen. Ein Kollege in Hamburg kann ihm dazu den Bauplan geben. Der kann aber nur persönlich ausgehändigt werden. Der älteste Sohn, Johann, soll deshalb nach Hamburg reisen. Doch da verunglückt Johann...

Sabine Baumert hat Musikerziehung und Anglistik studiert und ist seit vielen Jahren als freie Journalistin tätig. Sie lebt mit den beiden Wellensittichen Pitti und Lilli in der Nähe von Stuttgart.
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Die Ölmühle


Vielleicht wäre es doch nicht so schlecht, im Frühjahr so eine weite Reise zu machen, überlegte sich Johann, als er über die Hochfläche in Richtung Gillersdorf lief. Die Sonne stand hoch am Himmel, der Himmel war zartblau, und die ersten Vögel sagen zaghaft frohe Frühlingslieder. Fast so frei wie ein Vogel könnte man sich da fühlen, überlegte der junge Mann. Einmal heraus aus der engen Werkstatt, stattdessen frische Luft und vor sich der weite Horizont. Möglicherweise war es doch nicht so schlecht, einmal aus Großbreitenbach wegzukommen. Einerseits war ihm auch ein bisschen bange vor den vielen Menschen, mit denen er es auf seinem Weg zu tun haben würde. Denn die Buckelapotheker versuchten natürlich auf ihren weiten Wegen immer möglichst viele Stationen zu besuchen, um ihre Waren anzubieten und gar zu verkaufen.

So viel gab es zu überlegen, dass für Johann die Zeit wie im Flug verging, weil sich seine Füße wie von selbst bewegten. Schon so oft war er diesen Weg gegangen, dass er ihn sowieso beinahe im Schlaf bewältigt hatte. Und jetzt zog es ihn schon allein Sophies wegen mit Macht weiter. Kurz vor Gillersdorf ging er von Großbreitenbach aus gesehen geradeaus weiter in Richtung Friedersdorf. Er hätte auch durch das kleine Dorf Wildenspring laufen können, in dem die schöne Ritterburg immer wieder eine besondere Sehenswürdigkeit war. Aber für sie hätte her heute sowieso keinen Blick gehabt. Früher hatte Johann diesen Weg oft gewählt, auf Rat seines Vaters hin. Aber da kannte er Sophie noch nicht näher. Die Gleichaltrige hatte sich meist bescheiden bei der Mutter aufgehalten und war dieser bei Hausarbeiten zur Hand gegangen. Dann allerdings war einmal der Müller, ihr Vater, nicht da gewesen. Da hatte ihm Sophie das Öl in kleine Fläschchen abgefüllt, und die beiden waren länger miteinander ins Gespräch gekommen. Es stellte sich heraus, dass Sophie ihrem Vater oft bei der Verarbeitung des Öls zur Hand ging und sich mit vielem fast genauso gut auskannte wie dieser. Wäre da nicht der große Altersunterschied gewesen, hätte sich Johann fast an seine kleine Schwester Anna erinnert fühlen können, die sich auch schon so gut im Handwerk ihres Vaters auskannte.

Damals war Johann gleich von Sophies gewinnendem Lächeln bezaubert gewesen. Er stellte auch weiterhin fest, dass Sophie gern lächelte und im Leben meist die positiven Seiten sah. Johann bewunderte die offene Art, mit der die junge Frau mit den braunen Haaren und den haselnussbraunen Augen auf alle Menschen zuging, die den Weg in das abgelegene Anwesen fanden. Wie gern hätte er Sophie mit auf seine große Reise nach Hamburg mitgenommen! Mit ihr wäre alles ganz leicht gewesen. Sie lernte so gern neue Menschen kennen und war so aufgeschlossen für neue Eindrücke. Ich werde mir einfach vorstellen, ich hätte Sophie bei mir, beschloss der junge Mann.

Unversehens fand sich Johann schon am Rande von Friedersdorf wieder und schlug rechts den Weg zur Ölschröte ein, die allein am kleinen Flüsschen unten unter dem Ort in einem idyllischen Tal lag.

Der junge Mann erschrak. Sonst war immer die Tür des Hauses einladend offen, heute aber sah alles abweisend und verschlossen aus. Schnell rannte er zum Haus hin. Es würde doch nichts passiert sein?

Heftig hämmerte er an die Tür. Zu seiner Erleichterung wurde schnell geöffnet, und Sophie stand im Türrahmen. „Wieso siehst du so traurig aus, Sophie?“, fragte Johann, als er in ihr sonst so fröhliches Gesicht sah. „Vater ist seit vorgestern krank. Gestern sah es so aus, als ob er nicht mehr lange zu leben hätte. Mutter und ich, wir haben die ganze Zeit an seinem Bett gewacht. Zum Glück scheint es ihm heute schon wieder etwas besser zu gehen. Er hat gerade ein bisschen Kräutertee getrunken. Zum Glück hatten wir noch welchen da. Jetzt ist der allerdings alle. Mutter und ich wissen gar nicht, was wir tun sollen. Wir dürfen Vater nicht alleine lassen. Er hatte sehr hohes Fieber und schwitzt sehr stark. Wir müssen dauernd sein Hemd wechseln, waschen und trocknen. Er hat immer gemeint, er braucht nur drei Hemden. Bei seiner Arbeit würde ihn ja sowieso niemand sehen. Wenn er einmal wieder gesund wird, braucht er unbedingt mehr Hemden. Der Tee schien ihm aber gut zu helfen, aber wir haben einfach keine Möglichkeit, nach Großbreitenbach zu gehen und bei einem Buckelapotheker Tee zu holen. Wir sind schon ganz verzweifelt.“

„Da kann ich etwas für euch tun“, strahlte Johann. „Mutter hat mir einen Tee für euch mitgegeben. Sie war gerade auf dem Markt und hat ganz frisch welchen bei der Frau eines Buckelapothekers gekauft. Der hilft deinem Vater sicher, denn er wirkt besonders bei Erkältungskrankheiten und Fieber. Bei uns ist Anna immer wieder davon betroffen und leidet dann sehr. Mutter musste sowieso auf dem Markt etwas erledigen und hat bei dieser Gelegenheit gleich Tee mitgebracht.“

„Ach, das ist ja wunderbar“, rief Sophie und rief nach hinten in die Stube hinein. „Mutter, der Johann aus Großbreitenbach ist da. Er hat ganz frischen Tee für den Vater mitgebracht.“

„Du bist ja sicher wegen etwas anderem da“, flüsterte Sophie. „Aber es wird einen ganz tollen Eindruck auf die Eltern machen, wenn sie denken, du bist wegen Vater gekommen. Sie wissen ja nicht, dass du wegen mir da bist. So bald hätte ich dich ehrlich gesagt auch nicht erwartet. Aber ich freue mich riesig! Ich glaube, Mutter ahnt inzwischen etwas, dass wir zwei uns mögen. Sie hat auch nichts dagegen. Aber bei Vater bin ich mir nicht sicher. Er hat gestern im Fieber phantasiert und ganz böse über dich gesprochen.“

„Na ja, man weiß ja, was die Leute im Fieber alles so reden. Da können sie sich hinterher oft gar nicht mehr daran erinnern, was sie gesagt haben, als sie so krank waren. Aber meine Mutter ahnt inzwischen auch etwas“, flüsterte Johann zurück. „Sie meint, wir sollen uns mit allem noch etwas Zeit lassen. Aber ich glaube, sie mag dich ganz gern. Sonst hätte sie mir schließlich nicht den Tee mitgegeben.“

„Mutter, ich gehe gerade mal frischen Tee machen“, rief Sophie. Wie selbstverständlich folgte ihr Johann in die Waschküche, wo noch ein großer Topf mit heißem Wasser über dem großen Feuer stand. Sophie nahm eine Tonkanne, füllte von dem Tee etwas hinein und goss heißes Wasser darüber. „So, der muss jetzt eine Weile ziehen. Inzwischen erzählst du mir einmal, wieso du heute hier bist.“

„Das hat etwas damit zu tun, weshalb Mutter heute unbedingt auf den Markt musste.“ Johann wusste gar nicht recht, wie er seine Erzählung beginnen sollte. „Und wieso musste sie auf den Markt, das musst du mir schon erklären“, meinte Sophie und sah ihn forschend an. „Sie wollte mit der Frau eines Buckelapothekers reden. Der soll mich ein Stück mitnehmen auf seiner nächsten Verkaufsreise. Stell ´ dir vor, Sophie, die wollen mich nach Hamburg schicken!“ Johann sah seine Freundin ganz verzweifelt an. Endlich durfte er jemandem zeigen, wie ihm wirklich zumute war.

Auch Sophie sah ganz erschrocken drein. Schließlich bedeutete ihr Johann auch eine ganze Menge. „Ist es denn für lange? Und wann musst du abreisen?“ „Nein, so schrecklich lange wird es sicher nicht dauern. In Hamburg selbst werde ich nur ein paar Tage zu tun haben, aber dazu kommt dann noch die Wegezeit. Und aufbrechen muss ich so bald wie möglich. Vater hat einen ganz großen Auftrag für ein Cembalo bekommen. Der Auftraggeber ist ein gewisser Johann Sebastian Bach, ein junger Musiker, der gerade in Arnstadt seine Stelle angetreten hat. Er war gerade in Hamburg und hat jetzt erst erfahren, dass er die Stelle in Arnstadt wirklich behalten darf. Es gab da wohl Probleme mit seinem Arbeitgeber, weil er seinen Urlaub so lange überzogen hat. Nun weiß er aber sicher, dass er die Stelle sicher hat. Nun hat er genug Geld für ein eigenes Cembalo und will so schnell wie möglich sein Instrument haben. Mein Vater ist ihm wohl über Verwandte von uns in Gehren empfohlen worden. Sein Onkel ist dort Organist, und wir haben ja auch Verwandte dort.“

„Ich verstehe aber nicht, wieso du dann auch nach Hamburg musst, wenn Bach doch erst selbst vor kurzem dort war. Da konnte er sich so ein Instrument doch schon ganz genau anschauen.“ „Ja schon“, antwortete Johann. „Aber da wusste er noch nicht, ob er die Stelle wirklich behalten darf. Deshalb hat er sich genau umgesehen, welches Instrument ihm vom Klang her am besten zusagen würde. Aber er ist ja schließlich kein Instrumentenbauer, deshalb hat er sich natürlich auch keine Bauanleitung mitgeben lassen.“

„Wieso kann er sich das Instrument nicht in Hamburg bauen lassen, wenn die ihm dort so gut gefallen?“, wollte Sophie wissen, die ihren Johann auch lieber bei sich in der Nähe hatte. Wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie Angst davor, dass er in Hamburg viele Mädchen sehen würde, von denen ihm womöglich eines besser gefiel als sie, ein einfaches Mädchen aus der Einsamkeit des Thüringer Waldes.

„Das wäre viel zu teuer, alles hierher zu transportieren. Man müsste ja alles wieder in Einzelteile zerlegen. Außerdem ist das Holz sehr empfindlich und könnte beim Transport leiden. Dann nützt der schönste Entwurf nichts. Außerdem wäre es viel zu aufwendig, wenn einmal etwas zu reparieren ist. Nein, da ist es viel besser, ich fahre hin, präge mir alles genau ein und zeichne es ab. Mein Vater hat schon recht, ich kann dort sicher eine Menge lernen. Es ist zwar sehr bequem, beim eigenen Vater zu lernen. Aber andere machen schließlich auch gute Instrumente, und es ist eine Gelegenheit, die ich vielleicht sonst nie wieder bekomme.“

„Ja, das kann ich jetzt schon irgendwie verstehen“, nickte Sophie. „Aber wie willst du denn nach Hamburg...



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