E-Book, Deutsch
Baur Ein stilles Leben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-99139-617-8
Verlag: Buchschmiede
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Othmar Berger, 1926 geboren, wächst in einfachen Verhältnissen in der Steiermark auf. Sein bester Freund Elias ist Jude. Mit dem Beginn des Hitler-Regimes verlieren sie einander. Als Othmar 1947 aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrt, beschließt er, sich in Wien ein neues Leben aufzubauen. Was wird ihn hier erwarten? Und - gibt es ein Wiedersehen mit Elias?
Brigitte Baur wurde in Wien geboren. Sie studierte Deutsch, Geschichte und Theaterwissenschaften und arbeitet seit 1986 als AHS-Lehrerin. 2016 erschien ihr Buch "Liebe Frau Professor, liebe Brigitte!", das sie für ihre damalige Maturaklasse schrieb, 2017 die Erzählung "Die letzte Reise". "Mein Freund Erundich - Die Geschichte einer besonderen Freundschaft" (2020) widmete die Autorin ihren Kindern. Im September desselben Jahres erschien "Sie sterben sehen - Geschichte eines zufälligen Todes", Schauplätze sind Wien und Triest im Jahr 1981. 2021 folgte "Erundich kommt wieder - Die Geschichte von Neil, Yoko und Erundich", das sie zu ihrem Abschied aus dem Schuldienst ihren Schülerinnen und Schülern widmete. Brigitte Baur lebt in Wien.
Autoren/Hrsg.
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KINDHEIT „Herr Doktor, bitte können Sie mir das Kind wegmachen?“ Im Juni 1926 suchte die Mutter den Gemeindearzt auf. Er gab ihr eine Ohrfeige und sagte, sie solle sich nicht versündigen, der Zorn Gottes würde sie treffen. Enttäuscht machte sie sich auf den Heimweg. Sechs Monate später, im Dezember 1926, kam Othmar Berger als letztes von fünf Kindern zur Welt. Der Vater hatte anfangs keine Freude mit ihm; die Sorge um die Zukunft war seine stete Begleiterin, doch mit der Zeit gewöhnte er sich daran, dass ein Kind mehr im Haus war. Vielleicht würde es bald bei der Arbeit mithelfen können. Othmar wuchs in der Landschaft der von Wäldern und Bergen geprägten Obersteiermark auf. Die Familie lebte in einem Holzhaus am Waldrand, im Erdgeschoß befanden sich die Wohnstube, die Küche und eine Kammer. Der mit Holz befeuerte Sparherd wurde zum Kochen und Beheizen der Stube benutzt. Zu den Mahlzeiten saßen sie um den runden Tisch, der in der Mitte stand. Das Sofa an der Wand galt als etwas ganz Besonderes. Die Kinder durften sich, wenn überhaupt, nur an Sonn- und Feiertagen daraufsetzen. Zur Stube gehörte eine Werkbank, auf der der Vater nach der Waldarbeit die Geräte reparierte. Es war eine harte und anstrengende Arbeit, der er nachging. Die Bäume wurden mit der Hand gefällt, mit Äxten entastet und mit Stahlketten auf Pferdewägen gezogen. Der Lohn war karg. Im Winter verdiente er ein bisschen Geld dazu, indem er Teile für Musikinstrumente herstellte. Die Mutter war die meiste Zeit in der Küche beschäftigt. An der mattschwarz gestrichenen Wand hingen Kochtöpfe und Pfannen, auf einzelnen Holzbrettern und Wandvorsprüngen standen Flaschen und Krüge. In der Kammer daneben bewahrte sie die Vorräte auf. In ihrer Mädchenzeit hatte sie ein Bild gestickt, auf hellem Leinen waren in blauem Kreuzstichmuster die Worte Bewahret einander vor Herzeleid, Kurz ist die Zeit, die ihr beisammen seid zu lesen. Es hing zwischen den Fenstern. Manchmal stellte sich Othmar auf einen Sessel und strich mit seinen Fingern über die Buchstaben, als versuchte er, ihre Bedeutung zu verstehen. Eine schmale Treppe führte in das obere Geschoß zu den Schlafräumen, sie lagen direkt unter den Dachbalken. In den seltenen Momenten, die sich Othmar im Schlafraum der Eltern aufhielt, betrachtete er das Gemälde über dem Bett. Ein Mann auf dem Gipfel eines Gebirges blickte in den dichten Nebel, aus dem Felsen und vereinzelte Bäume herausragten. Manchmal verspürte Othmar Lust, in das Bild hineinzusteigen, um darin umherzuwandern. Neben dem Bett stand ein mit bunten Heiligenbildern verzierter Schrank. Wenn die Mutter ihn öffnete, duftete es schwach nach Veilchen, da sie Seifen zwischen die Wäsche gelegt hatte. Ein paar Schritte vom Haus entfernt lag das Plumpsklo. Es kostete Othmar jedes Mal Überwindung, abends in der Dunkelheit in der kalten, zugigen Öffnung seine Notdurft zu verrichten. Im Sommer mischte sich das Gewimmel der Fliegen mit dem Gestank, der aus der Grube voller Exkremente heraufdrang. Es ekelte ihn davor. Er lief dann so schnell er konnte ins Haus zurück und warf die Tür hinter sich zu. Während die Geschwister an kühleren Tagen im Herbst in der Stube spielten, kniete er auf einem Sessel am Fenster und verfolgte mit großen Augen den Zug der Wolken. „Was siehst du denn da?“, fragte die Mutter und strich ihm durchs Haar. Othmar antwortete ihr nicht, da sie keine Antwort abwartete, sondern sich wieder ihrer Arbeit widmete. Er war ein feinfühliges Kind und der Liebling der Mutter. Zwei seiner drei Schwestern und der Bruder konnten nicht viel mit ihm anfangen, aber sie respektierten ihn, denn Zusammenhalt galt als oberstes Gebot. Wenn sie nach der Schule den benachbarten Bauern auf dem Feld halfen, um das Einkommen der Eltern aufzubessern, nahm die Mutter Othmar in das Gasthaus mit, in dem sie stundenweise arbeitete. Still saß er auf einem Schemel in der Küche, so hatte sie ihn im Auge und konnte ihn beaufsichtigen. Sie hatte vom Wirt die Erlaubnis bekommen, solange sich der Bub ruhig verhielt und niemanden störte. Wenn er einschlief, legte sie ihn auf das Kanapee in der Kammer neben der Küche. Als er fünf Jahre alt war, brachte Othmar sich das Lesen bei. Auf der Kommode in der Kammer lag ein Groschenheft. Er erfasste den Text und die damit verbundene Information, die sich hinter den Buchstaben verbarg und bemerkte, wie groß der Vorteil war, Schrift auch außerhalb des Groschenheftes lesen zu können. Während ihrer Arbeit machte sich die Mutter Notizen und er sah ihr dabei zu. Er nahm den Bleistift in seine rechte Hand und begann, die Buchstaben nachzuzeichnen. Einige Zeit später fand sie einen Zettel, auf dem stand: von Othmar, für Mutter. Darunter hatte er einen Vogel gemalt. Sie streichelte seine Wange und sagte: „Da hast du mir eine rechte Freude gemacht!“ Es war nicht üblich, gegenseitige Zuneigung laut zum Ausdruck zu bringen, aber ihr Lächeln ermunterte ihn, sie zu umarmen. Im selben Moment hörte er sie leise sagen: „Bist ein gutes Kind.“ Am Sonntagnachmittag gingen die Geschwister in den Ort, der Vater und die Mutter saßen im Schatten eines Apfelbaums vor dem Haus. Othmar war allein in der Stube geblieben, aber da ihm bald langweilig wurde, schlich er sich hinter dem Rücken der Eltern in den Wald. Am Weg standen Blumen, und er begann, eine nach der anderen zu pflücken. Um den Strauß zu verschönern, füllte er ihn mit Flattergras auf - die Mutter hatte es gern. Er geriet immer tiefer in den Wald, bis er zu einer Lichtung kam, auf der ein totes Kaninchen lag. Sein Fell war zerrissen und aus dem Bauch quollen die Eingeweide heraus. Erschrocken machte er einen Satz zur Seite. Vielleicht war ein Fuchs der Übeltäter gewesen und saß lauernd hinter einem Baum! Am Himmel sah er einen Falken gleiten, der darauf wartete, herabzustoßen. Othmar begann zu laufen, aber welchen Weg sollte er nehmen? Von wo war er gekommen? Nichts war mehr vertraut, alles sah gleich aus. Erschöpft ließ sich Othmar auf einen bemoosten Baumstumpf sinken. Wenn er sterben würde, weinten sie wahrscheinlich, die Geschwister, vielleicht sogar der Vater, und die Mutter … ach! Die Mutter! Wie gut täte jetzt ihre Nähe! Er begann, bitterlich zu weinen. Es dunkelte bereits. Immer noch saß er auf dem Baumstumpf, da vernahm er Stimmen, die seinen Namen riefen und hörte Geräusche von knackenden Ästen. Eine Gestalt kam näher: Es war sein Bruder Alois, der den Kopf schüttelte und schrie: „Hab ihn!“ Er setzte ihn auf seine Schultern und knurrte: „Und halt mir die Blumen nicht mitten ins Gesicht.“ Daheim stellte er ihn auf dem Boden ab. Der Vater war rot vor Zorn. „Haben wir dir nicht gesagt, dass du nicht allein in den Wald darfst?“ Othmar senkte den Kopf und erwartete eine heftige Ohrfeige, zu seiner Verwunderung blieb sie aus. „Hast du die Blumen für die Mutter gepflückt?“, fragte der Vater in einem milderen Ton. Othmar sah, wie er mit sich kämpfte, und nickte scheu. „Lass es gut sein“, sagte die Mutter zum Vater und holte einen Krug. Der Blumenstrauß stand über eine Woche auf dem Tisch. Im September 1933 kam er in die Volksschule. Er trug seine besten Hosen und dazu ein Hemd, das ihm der Schneidermeister Kleeweis genäht hatte. Der Schulranzen aus dunkelbraunem Leder war ein Geschenk der Wirtin. Leopold Gruber, der Lehrer, war ein junger Mann von großer, hagerer Statur. Er betrat das Klassenzimmer und musterte die Gesichter der Kinder. Der Ernst des Lebens werde nun beginnen, sagte er, und dass Schule manchmal bitter sein müsse, da sie sonst nichts bewirke. Othmar betrachtete die Knie des Lehrers und stellte erstaunt fest, dass sie ein wenig zitterten. Der Lehrer folgte seinem Blick. „Du bist doch der Berger, nicht wahr? Also, Berger, was gibt es da zu sehen?“ Othmar spürte, wie seine Wangen brennend heiß wurden. Kleinlaut senkte er den Kopf und murmelte: „Gar nichts.“ „Geht es vielleicht noch leiser?“ Da sah Othmar ihm in die Augen und sagte klar und deutlich: „Gar nichts!“ „Dann ist es gut. Setz dich aufrecht hin.“ Er wandte sich den anderen zu. „Für euch gilt dasselbe. Die Hände werden auf den Tisch gelegt, die Füße stehen parallel nebeneinander auf dem Boden. Nun meine erste Frage: Was ist im Unterricht am wichtigsten?“ Keines der Kinder wagte zu antworten. „Ich werde es euch sagen. Allem voran geht es um Gehorsam, Fleiß, Ordnung und Sauberkeit. Ihr gehorcht auf jedes meiner Zeichen und führt meine Befehle geräuschlos aus.“ Wie soll ich das denn machen, wenn er mich etwas fragt?, dachte Othmar. Der Lehrer fuhr fort. „Das Aufstehen, das Hinsetzen, das Schönschreiben von Buchstaben, das Betreten und Verlassen der Schule läuft auf mein Kommando, gleichzeitig und im Takt. Habt ihr das verstanden?“ Niemand rührte sich. „Das heißt: Ja, Herr Lehrer!“ Gleichmäßig wie im Chor folgte die...




