E-Book, Deutsch, Band 3, 300 Seiten
Reihe: Bartenders of New York
Baxter King's Legacy - Halt mich fest
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-7646-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 300 Seiten
Reihe: Bartenders of New York
ISBN: 978-3-7325-7646-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sawyer Lee ist knallhart - und das muss er auch sein. Als erfolgreicher Anwalt kennt er alle Tricks und gilt als gnadenlos. Er ist ein Kämpfer und absoluter Gewinner, aber als Mensch ist er gebrochen. Er musste einen Schlag zu viel einstecken, einen Verlust zu viel erleiden. Doch dann trifft er auf Alice. Sie ist anders als alle, die er bisher kennengelernt hat. Ein bisschen so, wie er früher war. Wird sie die harte Schale durchbrechen können? Oder ist er für die wahre Liebe für immer verloren?
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Amy Baxter ist das Pseudonym der Autorin Andrea Bielfeldt. Amy begann ihre Karriere als Selfpublisherin und eroberte dann mit der erfolgreichen Romance-Reihe San Francisco Ink, erschienen bei be-ebooks, dem digitalen Label des Bastei Lübbe Verlags, eine große Fangemeinde. Dank ihres Erfolgs kann sie sich heute ganz dem Schreiben widmen. Zusammen mit ihrer Familie lebt und arbeitet sie in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein.
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Alice
»Zeitpunkt des Todes: achtzehn Uhr siebenundfünfzig.«
Mein Herzschlag normalisierte sich nur ganz langsam. Das Adrenalin, das in den letzten Minuten durch meine Adern gejagt war, verklang wie der Schlussakkord eines aggressiven Rocksongs. In meinen Knien spürte ich das Zittern zuerst.
Leer.
Ausgebrannt.
Tot.
Schuldig. So verdammt schuldig.
So fühlte ich mich, als ich mechanisch auf die Uhr über der Tür des sterilen, kalten Operationssaals blickte und mit brüchiger Stimme den Todeszeitpunkt des Mädchens vor mir auf dem Tisch bestimmte. Irgendjemand stellte das elendige Piepen der Maschine aus. Aus. Ende. Stille. Es war vorbei. Endgültig. Ein junges Leben, einfach ausgelöscht.
Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen, atmete durch, vergrub mich in der Dunkelheit meines Kopfes. Der Tod haftete an mir wie zäher Schleim. Er war kalt. Eiskalt. Als würde ich tiefer und tiefer in einen bitterkalten Abgrund sinken. In ein Meer aus Tränen, die mich wie einen Freund umfingen und nichts mehr denken ließen. Ich wollte nicht mehr denken. Ich hatte genug Entscheidungen getroffen. Vielleicht waren es die falschen gewesen, vielleicht die richtigen. Egal. Es hatte nichts genützt. Wie erleichternd es jetzt war, sich einfach fallen zu lassen, an nichts mehr zu denken. Alles aus meinem Kopf zu streichen, was mich die letzten Stunden beschäftigt hatte. Worum ich gekämpft hatte. Um ein Leben.
»Alice …« Ich spürte einen leichten Druck auf meiner Schulter, der mich aus der Dunkelheit an die Oberfläche holte. Ich schnappte nach Luft, öffnete die Augen.
Der Oberarzt warf mir einen prüfenden Blick zu. Zwei, drei Sekunden lang starrte ich ihn an, ordnete das Gewirr in meinem Kopf. Mechanisch nickte ich und zog mir dabei den Mundschutz vom Gesicht. Jetzt war mir heiß. Ich fühlte den Schwindel. Die aufsteigende Übelkeit. Ich musste hier raus.
»Es ist nicht deine Schuld, Alice.« Seine Stimme folgte mir, als ich die Gummihandschuhe von meinen Fingern zerrte und dabei über den gekachelten Fußboden Richtung Tür lief. »Du hast getan, was du konntest«, versuchte der Oberarzt mir das Gefühl der Schuld zu nehmen. »Ich rede mit ihren Eltern.«
Ich lächelte müde. Ja, er meinte es gut, das wusste ich. Es war keine Floskel, er meinte, was er sagte. Doch das war vergebene Mühe, denn meine innere Stimme sprach eine andere Sprache. Weniger mitfühlend, sondern schuldzuweisend. Und ich war schwach und kraftlos. Dennoch blieb ich stehen, atmete noch einmal tief durch und drehte mich dann langsam zu ihm um.
»Aber das war nicht genug.«
Ich wandte mich wieder von ihm ab, entledigte mich des OP-Kittels und verließ den Operationssaal. Schließlich stürzte ich raus auf den Flur, wo mich das alltägliche Chaos der Notaufnahme in Empfang nahm. Ein Chaos, das an jedem anderen Tag tröstlich gewesen wäre. Das mich in sich aufgenommen und mitgerissen hätte. Das mich einfach nur hätte agieren lassen, wie ich es seit Jahren tat. Tag für Tag.
Aber diesmal hörte ich weder das Schreien des Unfallopfers vor mir noch die Anweisungen der ruhig gestikulierenden Ärzte an die neuen Assistenzärzte. Ich saugte die neue Situation nicht wie ein Schwamm in mich auf, sondern teilte wie Moses die Menge in zwei Lager und lief da durch, ohne wahrzunehmen, was genau um mich herum geschah. Das Einzige, was ich realisierte, waren die Tränen, die jetzt heiß und brennend in mir aufstiegen. Krampfhaft hielt ich sie zurück.
Ich war es leid. Ich war es so leid, Patienten gut zuzureden, ihnen zu vermitteln, dass alles gut werden würde, und sie dann auf dem Tisch zu verlieren. Ich war es so leid, den Angehörigen die traurigen Nachrichten zu überbringen, in ihre erschrockenen Gesichter zu sehen und das Schreien und Weinen zu hören. Ich war es so leid, das Leben anderer Menschen in meiner Hand zu haben und für sie verantwortlich zu sein. Für ihr Leben zu kämpfen, um dann doch zu verlieren. Ich war es leid.
Mit schweren Beinen schleppte ich mich durch die Flure, schälte mich im Umkleideraum aus meiner dunkelblauen Arbeitskleidung, stopfte sie in den Wäschetunnel und stellte mich unter die Dusche. Das heiße Wasser lockerte zwar meine Schultern, aber konnte nicht die Kälte in mir vertreiben, die sich seit dem Tod meiner Patientin in mir ausgebreitet hatte. Ich lehnte die Stirn gegen die Fliesen, ließ mir den Strahl auf den Kopf prasseln und dachte daran, wie ich vor Jahren voller Elan und ohne Ahnung vom wirklichen Leben beschlossen hatte, Leben retten zu wollen und Ärztin zu werden.
Nach meinem vierjährigen Medizinstudium war ich als Assistenzärztin am New York Presbyterian Lower Manhattan Hospital angenommen worden, um meine Facharztausbildung in der Chirurgie zu machen. Tatsächlich hatte ich immer Neurochirurgin werden wollen, mir in der Welt einen Namen machen. Aber jetzt, nach fast zehn Jahren in diesem Krankenhaus, war ich immer noch hier, letztlich in der Notaufnahme hängen geblieben, und kümmerte mich als Unfallchirurgin um die chirurgischen Notfälle. Die Facharztprüfung habe ich immer wieder aufgeschoben, keine Ahnung, warum. Vielleicht wollte ich nicht weg vom Presbyterian, meinen Vorgesetzten und meinen Kollegen. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Schiss, dass ich das Lernen für die Prüfung neben achtzig Wochenstunden Dienst nicht packen würde. Dass ich versagen würde. So wie bei meiner letzten Patientin.
Shit!
Langsam kam Leben in die Umkleidekabine, Spindtüren knallten, Stimmengewirr erfüllte die bis eben noch friedvolle Stille. Nachdem ich mir den Geruch des Todes aus meinen Haaren und von meinem Körper gewaschen hatte, stellte ich das Wasser ab, trocknete mich ab und zog mich an. Gerade wollte ich die Kabine verlassen, da wurde die Tür von außen aufgezogen.
»Hey, Davis! Du gehst schon? Wieso hast du nicht gewartet?« Vicky, meine quirlige Mitbewohnerin, stand direkt vor mir und sah mich aus ihren strahlend blauen Augen gut gelaunt an. Nichts Neues. Sie hatte wirklich immer ansteckend gute Laune. So sehr ich Vicky liebte, so sehr es vielleicht auch geholfen hätte, darüber zu reden – ich konnte jetzt keine Gesellschaft ertragen. Ich wollte allein sein.
»Ich hab noch einen Termin. Fast vergessen«, stammelte ich und wollte mich an ihr vorbeischieben. Auf nichts hatte ich jetzt so wenig Lust wie auf Erklärungen. Auch wenn ich wusste, dass Vicky mich wie keine andere verstehen würde.
»Termin. Aha.« Sie legte den Kopf schief, fasste sich in die blonden Locken und ließ mich nicht aus den Augen. »Ein Date, von dem ich nichts weiß?«
Ich unterdrückte den Impuls, mit den Augen zu rollen.
»Nein. Vic, bitte …«
Vicky war nicht blöd. Sie kannte mich seit unserem ersten Tag hier im Presbyterian. Wir hatten vor fast zehn Jahren zusammen am selben Tag, im selben Team als Assistenzärztinnen angefangen, hatten gemeinsam unzählige Achtundvierzig-Stunden-Schichten hinter uns gebracht, fast jeden unserer Geburtstage seitdem mit gerade anwesenden Kollegen auf dem Flur oder in der Umkleide mit einem am Morgen gekauften Donut und einem lauwarmen Automatenkaffee gefeiert, hatten Schulter an Schulter Anschisse der Oberärzte kassiert, Seite an Seite still und wissbegierig bei Operationen assistiert, uns über Jahre zusammen durch die Mengen an Lernstoff und die Prüfungen geprügelt und miteinander unzählige Tränen vergossen. Aus Wut. Vor Erschöpfung. Aus Angst. Aus Freude. So viele Momente hatten wir schon miteinander geteilt. Und ich hoffte, dass noch viele weitere folgen würden. Denn ein anderes soziales Leben hatte ich nicht. Freunde außerhalb des Krankenhauses hatte ich schon lange nicht mehr. Bereits im ersten Jahr hier hatten sich viele meiner Kontakte verlaufen. Weil bei Doppelschichten einfach die Zeit fehlte, um am Leben der anderen teilzuhaben. Weil ich wegen meines Jobs ständig Einladungen zu Geburtstagen oder anderen Feiern ausschlagen oder kurzfristig absagen musste. Oder weil ich sie schlicht und ergreifend verpennte. Denn Schlaf war heilig. Und jede Minute, die ich neben der Arbeit und dem Lernen noch erübrigen konnte, war für den wenigen Schlaf reserviert. Feiern, ausgehen, shoppen … Diese Bedürfnisse hatte ich damals am Eingang des Presbyterian abgegeben.
So war es bei Vicky und mir gewesen. Wir hatten als Kolleginnen angefangen. Noch im ersten Jahr, in der ersten Woche, hatten wir – eigentlich sie – beschlossen, uns eine Wohnung zu teilen. Wir hatten auch schnell eine gefunden. Klein, nahe am Krankenhaus und bezahlbar. Eine hohe Miete konnten wir uns damals nicht leisten, schließlich hatten wir beide zusammen so viele Schulden, wie manch einer für eine Villa in den Hamptons oder eine Garage voller Sportwagen hinblätterte. Medizin zu studieren machte arm. Deswegen war die Wohnung ein Glücksgriff, denn die Vermieterin, Mrs McDonnaugh, eine ältere, alleinstehende Dame, war vor Jahrzehnten selbst Ärztin im Presbyterian gewesen und wusste, wie schwer es war, etwas Bezahlbares zu finden.
Mittlerweile war mein Schuldenberg abbezahlt, die Wohnung und die Miete immer noch dieselbe, und Vicky und ich waren Freundinnen, die zusammen wohnten, fast alles miteinander teilten und über so ziemlich alles redeten. Aber. Nicht. Heute.
»Nicht heute. Okay?« Bittend sah ich sie an. Ich wollte nicht darüber reden. Nicht jetzt. Und ich war froh, dass Vicky eben Vicky war.
Nach einem letzten grüblerischen Blick nickte sie, trat zur Seite und legte mir kurz die Hand auf die Schulter. »Du weißt ja, wo ich bin. Pass auf dich auf, Davis.« Als sie mich auf die Wange küsste, roch ich den schwachen Rest ihres blumigen...




