Baxter | Serenade im Mondschein | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 470 Seiten

Reihe: Hoffnung und Liebe in Zeiten des Krieges

Baxter Serenade im Mondschein


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-1877-7
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 470 Seiten

Reihe: Hoffnung und Liebe in Zeiten des Krieges

ISBN: 978-3-7325-1877-7
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



London, 1944: Der Krämerladen ihres Vaters war bislang der einzige Lebensinhalt von Ginnie Travis. Als die Bedrohung durch den Krieg immer größer wird, flieht Ginnie gemeinsam mit ihrer Schwester zu ihrer Tante in den Norden Englands. Dort - mitten im Nirgendwo - trifft sie auf den amerikanischen Soldaten Nick und verliebt sich unsterblich in ihn. Doch Nick hütet ein dunkles Geheimnis und Ginnie muss eine folgenschwere Entscheidung treffen ...

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Ost-London, Juni 1944

Erstes Kapitel


s war immer ein Wagnis, bei Fliegeralarm den Luftschutzraum zu verlassen. Dennoch hatte Ginnie sich hinausgewagt. Allen Protesten ihres Vaters zum Trotz war ihr Grund genug gewesen, dass Porzellanladen-Fred einen seiner Anfälle erlitten hatte. Sie war also in das kleine Büro hinter dem väterlichen Möbelgeschäft gelaufen und wollte gerade einen angesichts der Rationierungen großzügig bemessenen Löffel Zucker in eine Teetasse geben, da hörte sie es: das gefürchtete Knattern der Flügelbombe. Das charakteristische Motorengeräusch brachte die Tasse dazu, auf der Untertasse zu klappern, und unter Ginnies Füßen vibrierte der Boden.

Dann setzte das Motorengeräusch aus. In der tödlichen Stille, die folgte, hielt Ginnie den Atem an, fünfzehn Sekunden blieben bis zum Einschlag. Sie schloss die Augen und betete, die Bombe möge Felder oder Brachland treffen, irgendetwas, nur nicht die dicht besiedelten Vorstadtstraßen. Doch die Explosion war zu nah, und Ginnie spürte, wie die Druckwelle der Detonation die Grundfesten des Hauses erschütterte. Putz platzte in ganzen Stücken von der Decke, und die Luft war voller Staub. Mit zitternden Händen griff Ginnie nach Tasse und Untertasse. Heute waren sie alle hier davongekommen, aber irgendwo hatte es jemanden erwischt.

Die Sirene heulte monoton Entwarnung, als Ginnie hinaus auf den Hinterhof trat. Mit hochrotem Kopf und außer sich vor Zorn kam ihr Vater aus dem Luftschutzraum.

»Du dummes Ding, wolltest du dich umbringen?«, schimpfte er.

»Mir ist nichts passiert, Dad. Wie geht es Fred?«

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Er wird’s überleben. Aber du hättest tot sein können, begraben unter Trümmern, wenn es uns getroffen hätte.« Er umarmte sie unbeholfen. »Bring dem armen Kerl seinen Tee. Ich schaue drinnen nach, ob was kaputtgegangen ist.«

Sidney Travis, Möbelhändler und besorgter Vater, nein, zuerst besorgter Vater, dann Möbelhändler, hastete ins Haus. Ginnie hörte, wie er vor sich hin schimpfte und die Deutschen verfluchte. Sie blieb auf dem Hinterhof stehen und musterte besorgt die umstehenden Häuser. Erleichtert seufzte sie, als nach eingehender Begutachtung offensichtlich war: Die Ladenzeile in der Collier Lane hatte kaum etwas von der Druckwelle abbekommen. Die zweckmäßigen Betonkästen stammten aus Vorkriegszeiten; im Erdgeschoss befanden sich die Ladenlokale, darüber Wohnungen, und auf der Rückseite gab es eine funktionale, aber triste Zufahrtsstraße für Warenanlieferungen. In den Plänen des Architekten hatte das Konzept vermutlich modern gewirkt, vielleicht sogar einen gewissen Stil besessen. Aber die Collier Lane befand sich in einem der ärmeren Vororte Ostlondons, zwischen kleineren Fabriken und eintönigen Reihenhäusern aus der Zeit Edwards VII. Architektonische Utopien verkamen in einer solchen Umgebung rasant zu schäbigen Ansammlungen von Glas- und Betongebäuden. Jetzt waren zudem die meisten Scheiben kreuzweise mit Kreppband verklebt, und überall waren Sandsäcke aufgetürmt, nur Ginnies Vater weigerte sich standhaft, sein Schaufenster zu vernageln. Das sei schlecht fürs Geschäft, erklärte er, und Hitler und seine Luftwaffe könnten ihm mal den Buckel herunterrutschen.

Ginnie wusste, dass sie diesmal Glück gehabt hatten. Sie hatten überlebt, während andere, Gebete hin oder her, dort, wo die Bombe eingeschlagen war, ums Leben gekommen sein dürften. Ginnie eilte in den Schutzraum und rümpfte die Nase, als ihr der durchdringende Geruch von verschwitzten Körpern entgegenschlug. Porzellanladen-Fred saß immer noch auf der Holzbank, blass und verstört. Sie reichte ihm den Tee. »Ich hoffe, er ist Ihnen süß genug.«

Er antwortete mit einem unsicheren Lächeln. »Danke, mein Kind.«

Ginnie blickte besorgt zur anderen Insassin des Schutzraums. Ida Richmond wohnte in einer Wohnung über dem Laden und tat, was in ihren Augen erste Hilfe war: Sie gab beruhigende Laute von sich und fächelte Fred mit ihrem Taschentuch Luft zu. »Geht’s ihm einigermaßen gut, Mrs. Richmond?«

Ida nickte energisch, wodurch ihr das Haarnetz über ein Auge rutschte. Sie richtete es mit einer geübten Handbewegung. »Es braucht mehr als eine deutsche Bombe, um unserem Porzellanladen-Fred den Rest zu geben.«

Fred nickte bestätigend und schlürfte seinen Tee. Eigentlich hieß er Fred Brown, aber Ginnies Vater neigte dazu, Leuten Spitznamen zu geben. Fred Brown war zu Porzellanladen-Fred geworden, um ihn von Fred Harper, auch bekannt als Woollies-Fred, dem Filialleiter von Woolworth’s, ein Stück weiter unten in der Ladenzeile, zu unterscheiden. »Es geht schon wieder, Kindchen.« Fred hob seine Tasse, wie um ihr zuzuprosten. »Süß, dünn und mit viel Milch – genau wie ich es mag.«

»Es geht ihm wieder gut.« Ida griff nach einem blau gemusterten Porzellanteller, auf dem sich ihre neuesten Backversuche türmten. »Nelson Squares. Probieren Sie mal einen, Fred.« Sie hielt ihm die eher rechteckig als quadratisch geschnittenen Stücke Blechkuchen vor die Nase. »Sie brauchen was auf die Rippen, mein Guter. Sie sind nur noch Haut und Knochen.«

»Da sage ich nicht nein.« Er nahm ein Stück und biss hinein. »Sie sind zu gut zu mir, Ida.«

»Ich habe einfach ein paar alte Brotkanten und die Trockenfrüchte aufgebraucht, die schon seit Weihnachten bei mir auf dem Regal stehen. Mein Göttergatte ist kein Leckermaul, und ich muss auf meine Figur achten.« Sie strahlte ihn durch die dicken Gläser ihrer Hornbrille an. »Diese Junggesellen sorgen einfach nicht richtig für sich. Ich verstehe nicht, warum Sie nie geheiratet haben, Fred. Sie müssen doch ein hübscher Kerl gewesen sein, damals, als Sie noch Haare und alle Zähne hatten.«

Fred schluckte den letzten Bissen herunter und nahm noch einen Schluck Tee. »Jetzt geht es mir besser, Ida. Vielen Dank. Aber ich sehe lieber mal in meinem Laden nach dem Rechten. Vielleicht hat die Druckwelle zerstört, was ich noch auf Lager hatte. Ist ja wenig genug. Dieser Tage ist es schwierig, anständiges Geschirr zu bekommen.« Er stellte Tasse und Untertasse auf der Holzbank ab und kam mühsam auf die Beine, wobei er sich mit einer Hand an der Wand abstützte. »Danke für den Tee, Ginnie.«

»Gern geschehen.« Sie trat beiseite, als er den Schutzraum verließ.

Ida stand auf. »Der Mann braucht eine Frau. Er ernährt sich von nichts als Tee und Toast. Kein Wunder, dass er keine Kondition hat. Mein Norman hat sicher fast das Doppelte von Fred. Er hätte für die Nelsons hier nicht mehr als einen Happs gebraucht.«

Ginnie lächelte. »Vielen Dank, dass Sie immer mit uns teilen, Mrs. Richmond.« Sie mochte Ida, die der Familie Travis seit jeher mütterliche Zuneigung entgegenbrachte. Ida hatte keine Kinder, und ihr Mann arbeitete den ganzen Tag bei der Eisenbahn, sodass Ida nichts weiter zu tun hatte, als ihre winzige Wohnung zu putzen oder nach unten zu kommen, um Kostproben ihrer Kochkunst vorbeizubringen.

»Aber du hast doch noch gar keinen probiert, Kindchen. Einer mehr oder weniger wird Norman gar nicht auffallen.«

Ginnie schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Sie sehen köstlich aus, aber es ist fast Mittag, und ich bekomme Ärger, wenn ich meinen Teller nicht leer esse. Mum hat sich bestimmt den ganzen Morgen abgerackert, um aus fast nichts etwas Essbares zu zaubern.«

»Du bist wirklich ein Engel, Ginnie. Schade, dass deine Schwester nicht mehr nach dir schlägt. Flatterhaftes Ding, diese Shirley.«

»Ach, ich find sie ganz in Ordnung, Mrs. Richmond. Sie ist halt lebenslustig, das ist alles.«

»Und du bist eine treue Seele, Kindchen.« Ida trat nach draußen und blinzelte gegen die Sonne. »Hoffen wir, dass der Krieg zu Ende ist, bevor du einberufen wirst oder in der Munitionsfabrik arbeiten musst wie deine Schwester. Wie alt bist du jetzt? Ich kann es mir so schlecht merken.«

»Im August werde ich neunzehn.«

»Dann hast du wenigstens noch ein Jahr, bevor du eingezogen werden kannst. So Gott will, ist der Krieg dann vielleicht schon vorbei.«

»Hoffen wir’s, Mrs. Richmond.«

»Dein Vater wäre ohne dich aufgeschmissen. Ich weiß nicht, wie es um den Laden stehen würde ohne deine Hilfe.«

»Es macht mir Spaß«, antwortete Ginnie mit fester Stimme. »Es ist vielleicht nicht das, wovon ich geträumt habe, als ich noch zur Schule gegangen bin. Aber jetzt kenne ich mich in Buchführung aus und weiß schon fast genauso viel über Teppiche und Möbel wie mein Dad.«

Ida klopfte ihr auf die Schulter. »Du bist ein Schatz.« Sie schlenderte über den Hof und verschwand in Richtung Zufahrtsstraße. »Bis später, Kindchen.«

Ginnie holte Kehrblech und Besen von der Außentoilette und ging eilig in den abgetrennten Bereich im hinteren Teil des Ladens, der als Büro diente. Sie hatte nicht gelogen, als sie Ida erzählt hatte, die Arbeit mache ihr Spaß, aber ein Teil von ihr wünschte sich, Dad würde ihr erlauben, sich für eine der Frauenabteilungen der Armee zu melden und ihren Beitrag für König und Vaterland zu leisten. In einem Jahr würde sie ohnehin eingezogen oder wie Shirley Kriegsarbeit leisten müssen. Aber in der Munitionsfabrik schuften oder sich freiwillig als Luftschutzhelferin melden, nein, das wollte sie nicht.

Sie schüttelte sich den Putz aus dem dunkelblonden Haar, nahm es zusammen und band es zum Pferdeschwanz. Das Gummiband dafür hatte sie zusammen mit einem Stück Siegelwachs und einer leeren Fisherman’s-Friend-Dose in der Schreibtischschublade gefunden, in der sie nach etwas wie einem Band oder Gummi gekramt hatte. Eine einzelne widerspenstige...



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