E-Book, Deutsch, 413 Seiten
Bayer Der Maler von Florenz
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-586-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Ein prachtvoller Historienroman im Italien der Medici
E-Book, Deutsch, 413 Seiten
ISBN: 978-3-96655-586-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
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Ingeborg Bayer (1927-2017) studierte nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin Medizin und Hindi. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie in einem medizinischen Archiv. Ihre Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten wurden vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Österreichischen Staatspreis. Ingeborg Bayer veröffentlichte bei dotbooks vier historische Romane: Ärztin einer neuen Zeit Die Buchdruckerin von Köln Der Maler von Florenz In den Gärten von Monserrate Weiterhin veröffentlichte sie bei dotbooks ihre Venedig-Trilogie »Die Töchter Venedigs« mit den Einzelbänden: Stadt der Tausend Augen Stadt der blauen Paläste Stadt der dunklen Masken
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DAS HAUS AM ARNO
Du hast also in ihrem Bett geschlafen?
Das Tribunal begann am frühen Morgen. Es war Sonntag, und wir saßen außerhalb des zweiten Mauerkreises der Stadtmauer am Arno, wo wir immer zu fischen pflegten. Rocco hatte bereits zum erstenmal das Netz geleert und die gefangenen Fische sortiert, ich hoffte, später ein paar Barben an die Angel zu bekommen, die ich am Mittag Brigida mitbringen wollte, da sie zu ihren Leibgerichten gehörten.
Im Augenblick waren wir mit anderem beschäftigt: Daniele saß mit einem zerfetzten Netz am Ufer, das uns ein Fischer geschenkt hatte und das dringend geflickt gehörte, Leonello und ich versuchten, ein Leck zu reparieren, das der Sturm in unser altersschwaches Boot gerissen hatte, Rocco schlug einen Poller fest, der sich aus der Erde gelöst hatte, und Lazzaro trug Reiser zusammen für unsere Fischmahlzeit.
Ich meine – Leonello suchte nach Worten, die das Ungeheuerliche am besten beschreiben konnten –, ich meine in dem Bett, in dem sie kurz zuvor gelegen hatte?
Ich versuchte, ruhig zu bleiben: Was stört euch daran? Falls es so gewesen wäre? Und was ist »kurz zuvor«?
Es widerspricht unseren Abmachungen, sagte Rocco nüchtern. Keiner von uns sollte versuchen, sich ihr zu nähern, ihr näher zu sein als die anderen. Keiner sollte sich einen Vorteil verschaffen.
Ich schlug einen Nagel so heftig in die Bootsplanke, daß er sich verbog und ich einen zweiten einschlagen mußte.
Habe ich vergessen, euch zu erzählen, daß es ein Erdbeben gegeben hat? sagte ich dann grimmig. Es war ein leeres Bett!
Aber doch ein Bett, in dem sie geschlafen hatte, oder? hakte Daniele nach. Zumindest hast du so etwas erwähnt, als du zurückkamst.
Und was ist der Unterschied, fragte ich zurück, zwischen einem Bett, in dem sie geschlafen hat, und einem Bett, in dem sie nicht geschlafen hat – kurz zuvor?
Nun, den Unterschied macht die Bettwäsche aus, erklärte Leonello und versuchte, den zweiten, ebenfalls schief eingeschlagenen Nagel geradezuschlagen. Ich meine, ob es ihre Bettwäsche war oder deine. Im letzteren Fall handelt es sich gewissermaßen um ein jungfräuliches Bett, da gibt es keine Gerüche und keine Dellen, an denen man sehen kann, wo ihr Körper lag, keine zerknäulten Pfühle oder etwas Ähnliches.
Ich habe weder Pfühle noch ähnliches inspiziert, sagte ich zornig und unterschlug das zerknitterte Laken. Es war ein völlig normales Bett. Und dazu das einzige, das ich haben konnte.
Schrei nicht so! sagte Daniele und schaute zu den Leuten hinüber, die soeben in einem Kahn über den Arno gestakt wurden und amüsiert zu uns herüberschauten. Es braucht nicht halb Florenz mitzuhören, in wessen Bett du geschlafen hast.
Aber mich stört es nun mal, stellte Leonello lautstark fest, ohne sich um Danieles Bedenken zu kümmern. Wenn man im Bett eines anderen gelegen hat, nimmt man etwas mit.
Was denn?
Nun, den Geruch des Vorgängers zum Beispiel. Man trägt ihn an sich, kann ihn wieder neu aufleben lassen, in Phantasien schwelgen und ...
Ich sprang auf und kniete vor ihn hin: Rieche!
Seid nicht albern, sagte Rocco nachsichtig. Wir haben das damals geschworen, daß wir sie nur aus der Ferne verehren wollten, ohne sie zu berühren, keiner sollte ihr näher sein als der andere. Damals.
Wäre es vorstellbar, daß ihr dieses völlig lächerliche Gespräch endlich beendet? fragte Lazzaro mit gerunzelter Stirn, während er die Reiser stapelte. Erwachsene Männer, die an einem schönen Sonnentag nichts anderes zu besprechen haben als ein benutztes Bett, in dem irgendwann eine Frau geschlafen hat? Drei Männer, die sich irgendwann in grauer Vorzeit ein Versprechen gegeben haben, das längst überholt ist? Ihr könnt nicht mehr normal sein! Oder seid ihr noch Kinder aus jener Zeit, aus der das Versprechen stammt?
Gab’s denn keine anderen Betten als nur dieses? wollte Daniele wissen, ohne sich um irgendwelche Einwände zu kümmern.
Es gab kein bezogenes, und ich wußte nicht, wo die Bettwäsche war, antwortete ich und kippte dabei einen Teil der Nägel in den Sand.
Bettwäsche pflegt normalerweise in Truhen aufbewahrt zu werden, sagte Leonello, stand auf und streckte sich. Dann ging er zu unserem Fischeimer hinüber, nahm eine Plötze heraus, schlug sie mit einem harten Schlag auf einen Stein und begann, sie mit einem raschen Schnitt von den Kiemen bis zum Schwanz aufzuschlitzen.
Die hättet ihr ohne weiteres wieder ins Wasser werfen können, sagte Daniele vorwurfsvoll, die ist viel zu klein.
Rocco stöhnte auf: Bitte nicht wieder das gleiche Zeremoniell wie immer, welcher Fisch groß genug ist, um gegessen zu werden, und welcher nicht! Ich werde gewiß keine Bittschrift abfassen, welchen ich behalten darf und welcher wieder zurück in den Arno muß.
Eure Adoration ist ohnehin mehr als lächerlich, sagte Lazzaro und begann mit dem Schnitzen der Holzspieße. Was wollt ihr eigentlich aus ihr machen? Einen zweiten Leonardo? Einen zweiten Michelangelo? Nur weil sie als Kind irgendwann einmal mit einem Stöckchen ein paar Linien in den Sand gezeichnet hat, die ihr beachtenswert fandet? Habt ihr sie deswegen unter eure brüderlichen Fittiche genommen, und verschwendet ihr deswegen Zeit und Geld an sie? Für ein Lächeln, oder? Was anderes bekommt ihr gewiß nicht als Lohn, das ist euch vermutlich klar!
Leonello warf ihm zornig einen abgeschnittenen Fischkopf vor die Füße. Sie hat nicht nur ein paar Linien in den Sand gezeichnet, und wir sind auch nicht die einzigen, die sagen, daß sie durchaus fähig wäre, Malerin zu werden. Und weshalb sollte sie diese Kunst nicht ausüben können, wenn Gott ihr diese Gabe gegeben hat?
Gott! spottete Lazzaro und reckte die Hände in die Luft. Sie wird diese Kunst nie ausüben, weil sie eine Frau ist, fuhr er dann fort und blies die Späne von seinen Spießen. Gott hat ihr zu nichts anderem das Leben gegeben als zum Kindergebären und um einen Haushalt zu führen. Und das ist in der ganzen Welt so, überall. Ich sehe nicht ein, weshalb es bei uns anders sein sollte. Und eines dürfte feststehen – Lazzaro richtete sich drohend vor Rocco auf –, meinen Platz im Atelier bekommt sie nie.
Überflüssig, sich darüber aufzuregen, beschwichtigte ihn Rocco, und falls es dich beruhigt: Sie bekommt gar keinen Platz im Atelier. Glaubst du im Ernst, Mona Orelli würde das zulassen?
Ach ja, spottete Lazzaro und deutete auf Daniele, und wer breitet sich jeden Tag ein wenig mehr in meiner Ecke aus, damit mein Revier immer kleiner wird? Mein Licht im Atelier ist das beste, und das wird auch so bleiben. Schließlich war ich der erste in diesen Räumen.
Du vergißt, daß Rocco in unserer compagnia derjenige ist, der entscheidet, wer welchen Platz in diesem Atelier bekommt, sagte Daniele und brach das Brot in gleich große Stücke. Auch das ist überall auf der Welt so.
Lazzaro warf die Spieße auf den Boden und wandte sich mit einem wilden Fluch zum Gehen.
Mußtest du ihn unbedingt wieder herausfordern, sagte Rocco, als Lazzaro sich mit heftigen Schritten vom Ufer entfernte. Schließlich war er wirklich als erster von uns mit Mona Orelli bekannt. Und ich weiß bis heute nicht, wie bekannt er eigentlich mit ihr ist.
Hört auf damit! warf ich ein. Keiner von uns weiß, was wirklich los ist. Und wir leben immer noch von ihrem Geld.
Von seinem, korrigierte ihn Leonello.
Rocco rüttelte prüfend an dem Poller, befestigte das Tau und wusch seine Hände im Fluß. Deine Stute kam allein angetrabt, sagte er dann plötzlich, während er sich einen Platz an der Feuerstelle suchte, wo inzwischen die Fische brieten. Weshalb eigentlich?
Ich weiß nicht, erwiderte ich verärgert, dieser Bräutigam hat sie wohl mitgenommen.
Lazzaro kam mit einem Reisigbündel zurück und ließ es auf den Boden plumpsen, daß der Sand hochspritzte. Mitgenommen? Er lachte. Du hättest dich wie ein Verrückter gebärdet und wild in die Gegend geschimpft, hat er gesagt. Dabei war dieses störrische Pferd lediglich nicht richtig festgebunden. Er sagt, er habe gesehen, wie es nach dem zweiten Beben hilflos in der Gegend herumirrte.
Auf jeden Fall war es spurlos verschwunden, wie von einem Zauberer weggehext.
Leonello sagte: Vielleicht ist er ja auch einer. Es heißt, daß er ein Dukatenmännlein besitzt. Aber ich glaube es nicht.
Er besitzt eines, sagte ich. Ich habe es gesehen. Er hat es sogar gewaschen und mit Kleidern versehen.
Eine Zeitlang unterhielten wir uns über Alraunenmännchen und das Goldmachen, dann fragte Daniele nach dem Ringtag und ob wir es wohl erreichen würden, daß er ein drittes Mal verschoben würde.
Solange Messer Orelli auf Reisen ist, geschieht nichts, sagte Rocco und schob sich ein Stück Fisch in den Mund, solange sind wir sicher.
Aber sie ist mißtrauisch, diese Mona Orelli, gab Daniele zu bedenken. Wir wissen nie, ob sie nicht mit diesem Bräutigam am gleichen Strang zieht, und möglicherweise verlieren wir sogar noch unsere Bleibe.
Ein Mann, dem die Klugheit seiner Frau nichts bedeutet, ist nicht wert, daß er sie bekommt, entrüstete sich Leonello und fügte hinzu, er könne sich diesen Bräutigam sehr gut gevierteilt vorstellen. Wir stöhnten auf, da wir Leonellos Hang zu brutalen Todesarten bisweilen kaum ertrugen. Er hatte eine ganze Sammlung von Flugblättern zusammengetragen, auf denen jeder genau sehen konnte, was es bedeutete, gevierteilt, gehängt, verbrannt, geköpft oder gesteinigt zu werden. Es fehlte ihm nur noch die Darstellung einer Kreuzigung wie im alten Rom, für die er bereit war, einen halben Florin auszugeben.
Sein Kopf ist krank, hatte Rocco einmal gesagt. Ich kann mir nur vorstellen, daß er damals zu lange...




