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E-Book, Deutsch, Band 3, 322 Seiten
Reihe: Die Töchter Venedigs
Bayer Die Töchter Venedigs - Band 3: Stadt der dunklen Masken
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-583-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Der Glanz Venedigs im 18. Jahrhundert - und das Schicksal dreier mutiger Frauen
E-Book, Deutsch, Band 3, 322 Seiten
Reihe: Die Töchter Venedigs
ISBN: 978-3-96655-583-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ingeborg Bayer (1927-2017) studierte nach ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin Medizin und Hindi. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, arbeitete sie in einem medizinischen Archiv. Ihre Romane, Theaterstücke und Kurzgeschichten wurden vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Preis der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem deutschen Jugendliteraturpreis und dem Österreichischen Staatspreis. Ingeborg Bayer veröffentlichte bei dotbooks vier historische Romane: Ärztin einer neuen Zeit Die Buchdruckerin von Köln Der Maler von Florenz In den Gärten von Monserrate Weiterhin veröffentlichte sie bei dotbooks ihre Venedig-Trilogie »Die Töchter Venedigs« mit den Einzelbänden: Stadt der Tausend Augen Stadt der blauen Paläste Stadt der dunklen Masken
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Kapitel 1
Verborgene Spuren
Sie erreichten Nürnberg in der Nacht.
Inmitten des Glockengeläuts.
»Die Feierglocke«, sagte der Onkel und lächelte seiner Nichte leicht zu, »ich würde sie auch aus hundert anderen Glocken heraushören. Aber ich könnte nicht unbedingt sagen, dass ich sie in der Zeit in Venedig vermisst hätte.«
Ursul lachte. »Als Kind hatte ich immer das Gefühl, dass diese Glocken riesengroß in meine Kammer hereinspazieren würden. Ich zog die Decke über den Kopf und verstopfte mir mit den Fingern die Ohren. Die Frühmess um halb fünf liebte ich am wenigsten, aber vor der Garaus um halb vier hatte ich nahezu Angst.«
»Das ist nur, wenn man neu ist in der Stadt«, sagte der Onkel, »später gewöhnt man sich daran.«
Sie nickte zögernd. »Das schon, aber manchmal lebe ich doch noch immer in meinem Dorf. Nein, nein«, sagte sie rasch, als sie das betrübte Gesicht des Onkels sah, »ich weiß, dass ich es hier so gut habe wie sonst nirgendwo auf der Welt.«
»Auch wenn es keine Frau im Haus gibt, mit der du Gespräche führen kannst?«, zweifelte der Onkel.
»Nun, immerhin gibt es eine Martha, eine Maria, eine Theres und eine Agnes«, zählte Ursul an den Fingern auf. »Frauen genug, um mich in alles einzuweihen.«
»Ich hoffe, sie haben es getan«, sagte der Onkel und schaute die Nichte prüfend an.
Sie dachte nach, schüttelte dann den Kopf. »Mach dir keine Sorgen wegen Venedig«, wehrte sie ab. »Um so etwas ging es dort überhaupt nie, nicht einmal bei diesem Streit mit Isacco.« Sie machte eine Pause, schaute aus dem Fenster der Kutsche. »Irgendwann erzähle ich es dir einmal. Vielleicht.«
Sie hätte ihm natürlich auch sagen können, dass sich in ihrem Elternhaus niemand darum gekümmert hatte, ob sie über Frauendinge Bescheid wusste. Ihre Mutter war im Kindbett gestorben, ihrem Vater war damit der Erbe vorenthalten worden, und so hatte er einfach getan, als störe ihn das nicht im Geringsten. Mit fünf hatte sie bereits den Unterschied zwischen einem gebläuten und einem geätzten Harnisch kennengelernt, und mit zehn hatte sie der Vater bereits auf die Frankfurter Messe mitgenommen. Sie hatte sachkundig mit seinen Kunden verhandeln dürfen, wenn der Vater nicht zugegen war. Dass sie also überhaupt Frauengespräche haben könnte, war ihr nie in den Kopf gekommen – sie hatte mehr oder weniger mit den Gesellen ihres Vaters zusammengelebt, die im Haus wohnten.
Stattdessen hatte der Vater über das Meisterstück seiner Tochter sinniert, das einen Leibharnisch, ein Beingewand, Armzeug und Handschuhe umfassen sollte. Die Minderzahl der Nürnberger Plattner setzte auf den gesamten Harnisch, was für den Vater solange sie denken konnte ein Ärgernis war, weil in Wien, Landshut und Augsburg stets der gesamte Harnisch als Meisterstück gewertet wurde.
Die Mitte der Nacht war bereits vorüber, als die Kutsche endlich anhielt. Der Kutscher ließ den Kutschenschlag herunter, der Diener wuchtete das Gepäck vom Dach und trug es zur Haustüre.
»Wir werden gut schlafen«, meinte der Onkel und gähnte hinter vorgehaltener Hand, während sie auf das Haus zugingen. »Du kannst gleich auf dein Zimmer gehen.«
»Aber doch nicht, bevor wir im Kontor waren«, sagte Ursul vorwurfsvoll.
Der Onkel lachte, mehr mühsam als erfreut. »Nein, natürlich nicht. Manchmal vergesse ich, dass ich ein alter Knochen bin, der sich auf die Ideen und Wünsche von jungen Leuten nicht mehr einstellen kann. Also, zuerst das Kontor natürlich.«
Sie öffneten die Haustüre, ein Hausdiener kam im Nachtgewand und mit Schlafmütze aus einem der seitlichen Räume. Mit einer Eisenstange in der Hand.
»Nein, nein, keine Diebe«, wehrte der Onkel hastig ab, »leg dich wieder schlafen, Johann. Wir wollen nur im Kontor noch rasch etwas suchen.«
»Kann ich helfen?«
»Nein, nein, wir kommen allein zurecht. Aber deine Kerze kannst du uns überlassen.«
Sie gingen durch den Flur, betraten dann das Kontor. Ursul legte ihre Mappe auf den Tisch und zog das Bild mit den drei Frauen hervor, das ihr Leone gegeben hatte.
»Such selber«, schlug der Onkel vor und schaute sich nach der Zunderbüchse um, »ich weiß, wovon ich rede.«
Die Porträts der Helmbrechts füllten drei Wände bis zur Decke hinauf. Ursul setzte sich auf einen Stuhl am Fenster, betrachtete die Bilder, die beim zuckenden Licht der Kerze nur spärlich beleuchtet waren. Sie verglich deren Gesichter mit den beiden Gesichtern auf ihrem Bild.
»Wir brauchen mehr Licht«, entschied der Onkel nach einer Weile, nahm einen zweiten mehrarmigen Kerzenleuchter vom Regal und entzündete die nächste Kerze.
»Ich sehe keine Frau, die einer der beiden Frauen neben Lea Coen gleicht«, stellte Ursul nach einer Weile enttäuscht fest, »ich bin fast sicher, dass du dich täuschst.«
»Du suchst auch falsch«, erwiderte der Onkel lächelnd, ohne jedoch weiter auf eine Spur zu weisen.
»Wenn, dann kann es nur diese sein«, sagte Ursul nach einer Weile zögernd und deutete auf ein Bild, das ziemlich oben an der Wand hing, »sonst sieht niemand so aus, als wolle er ein Mann sein, zumindest der Kleidung nach. Kannst du es herunterholen?«
Der Onkel nahm einen Stuhl, kletterte hinauf und nahm das Bild von der Wand, auf das Ursul gezeigt hatte. Er pustete den Staub weg und drehte es dann um. Auf der Vorderseite fehlte der Name, der bei den übrigen Bildern zu sehen war. Auf der Rückseite stand mit krakeliger Schrift: Margarete Helmbrecht, die sich Herdegen Brechthelm nannte, vor ihrer Reise in das … land. Um welches Land es sich handelte, ließ sich nicht mehr feststellen, da die Tinte verwischt war.
»Verstehst du das«, fragte Ursul irritiert, »wieso hat sie ihren Namen geändert?«
»Das weiß ich ganz gewiss nicht«, sagte der Onkel gähnend, »vielleicht wollte sie alles im Dunkeln lassen, was mit ihrer Person zu tun hatte. Vielleicht – vielleicht gab es etwas zu verbergen. Wir werden morgen weiterforschen. Und ich bin ganz sicher, dass wir der Sache irgendwie näherkommen werden.«
Ursul löste sich nur zögernd von dem Bild, schlug es dann in ein Tuch ein und nahm es mit auf ihre Kammer. Die Zeichnung mit den drei Frauen schloss der Onkel in seinen Safe. »Sie darf nicht verloren gehen, eines Tages musst du sie unversehrt wieder zurückgeben.«
Am nächsten Tag kam der Onkel lachend in das Kontor, schob ihre Bücher und Unterlagen auf dem Tisch zur Seite und breitete geheimnisvoll ein ziemlich großes Papier vor ihr aus. »Schau mal, was ich entdeckt habe.«
Sie schaute verblüfft auf die riesige Karte, auf der ein großer verästelter Baum zu sehen war, auf dessen Ästen Frauen und Männer in bunten Gewändern saßen. Unter den Namen standen jeweils das Geburtsdatum, das Todesdatum, mit wem und wann sie die Ehe geschlossen hatten und der Beruf. Ganz oben, im Wipfel des Baumes, waren zwei Wiegen eingezeichnet, in denen zwei Säuglinge lagen.
»Was ist das?«
»Nun, was wohl?«, erwiderte der Onkel gut gelaunt. »Unsere Familie. Über fast zweihundert Jahre hinweg.«
»Sind wir auch drauf?«, wollte Ursul wissen, nachdem sie die Karte voller Bewunderung betrachtet hatte.
»Hier am Rand«, sagte der Onkel und deutete auf einen Ast, auf dem ein Mann eingezeichnet war, der seinen Namen trug, »hier bin ich. Und hier du«, fuhr er fort und zeigte auf einen Ast daneben, auf dem Ursuls Name stand.
»Ursul Madalena Helmbrecht«, murmelte sie andächtig, »ich kann’s kaum glauben. Wenn irgendwann in späteren Zeiten einmal jemand nach mir suchen sollte, wird er mich finden. Lebt derjenige noch, der diese Karte gemacht hat?«
»Es ist ein Vetter eines Vetters von mir, er ist der Besitzer der Drahtziehermühle in Lauf. Er ist dort der Bürgermeister. Hier fängt unsere Geschichte übrigens an«, fuhr der Onkel fort und deutete auf die Wurzel des Baums, neben der ein Mann und eine Frau zu sehen waren. »Das dürfte wohl der Vater von Sebaldus Helmbrecht gewesen sein, der Gründer unseres Handelshauses in dieser Stadt.«
»War er der Safranschauer?«, wollte Ursul wissen.
»Genau der. Er hatte drei Söhne. Der eine, Lukas, führte das Handelshaus weiter, der andere wurde Kompassmacher und der dritte Heftelmacher. Zwei Töchter hatte er ebenfalls – Agathe und Margarete. Margarete blieb unverheiratet, Agathe hat geheiratet, wie du hier siehst. Einen Fingerhuter.«
»Und Margarete, vermutlich unsere Margarete auf dem Porträt, ist offenbar nicht gestorben«, stellte Ursul vorwurfsvoll fest, »da fehlt das Todesdatum. War sie dem Zeichner so wenig wichtig?«
»Das denke ich nicht. Aber wir können es ganz gewiss herausfinden«, sagte der Onkel entschieden. »Das findet sich in den Totengeläutbüchern, im Verzeichnis der Grabplatten der Nürnberger Friedhöfe oder in den Totenbüchern. Eventuell auch im Ämterbüchlein, natürlich nur dann, wenn jemand ein öffentliches Amt bekleidet hat. Das werden wir uns morgen gleich vornehmen«, entschied der Onkel eifrig, »das kostet nicht viel Zeit.«
Ursul lachte. »Vielleicht weiß der Bürgermeister, der diese wundervolle Ahnentafel gemacht hat, noch mehr über unsere Familie. Das könnte doch immerhin sein, oder?«
»Vielleicht«, sagte der Onkel, »wir werden einfach hinfahren. Aber zunächst will ich die Sachen überprüfen, die hier vor unserer Nase sind.«
Der nächste Tag war voller Fehlanzeigen: Weder ergab das Verzeichnis der Nürnberger Grabplatten einen Hinweis auf den Tod dieser Margarete Helmbrecht, die sich plötzlich Herdegen Brechthelm nannte, noch die Totengeläutbücher.
»Immerhin bleibt uns die Drahtziehermühle, und wir könnten dort nachforschen, ob irgendwer noch etwas über...




